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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.05

„Von seinen Feinden kann man viel lernen“

Zum 70. Geburtstag des Dalai Lama sprach der TV-Journalist Franz Alt mit dem Friedensnobelpreisträger.

Franz Alt: Heiligkeit, Sie bezeichnen Chinas Politik in Tibet als „kulturellen Völkermord“. Mehr als eine Million Tibeter haben durch Chinas Besetzung seit 1959 ihr Leben verloren. Wie ist die Menschenrechtssituation heute?
Dalai Lama: Materiell hat es Verbesserungen gegeben und Chinas Regierung operiert scheinbar liberaler. In Wirklichkeit werden noch immer Menschen ins Gefängnis gesteckt, weil sie Freiheit für Tibet fordern. Politische Gefangene, wir wissen von mindestens 200, werden gefoltert.

In Lhasa, Tibets Hauptstadt, leben bereits mehr Chinesen als Tibeter. China plant angeblich, weitere 20 Millionen Chinesen in die Region umzusiedeln.
Die kulturelle Überfremdung ist meine größte Sorge. Sie führt dazu, dass die Tibeter zur Minderheit im eigenen Land werden.

Sie beklagen auch die ökologische Zerstörung Tibets.
Die Chinesen können sich der Ökologie auf dem Dach der Welt kaum anpassen. In Tibet wurden großflächig Wälder gerodet. An vielen Orten wird Raubbau an Bodenschätzen betrieben. Wir haben Informationen, dass im Land nuklearer Abfall gelagert wird. Sicher ist auch, dass es an einigen Orten Atomwaffen gibt. Atomanlagen haben einen negativen Einfluss auf die Umwelt. Die ökologischen Probleme sind deshalb so gravierend, weil Tibet ein Hochland ist. Wenn hier Schaden entsteht, dann ist es sehr schwierig, ihn jemals wieder zu beheben. Die großen Flüsse Asiens haben ihren Ursprung in diesem Teil des Himalaja. Werden sie verschmutzt, kann sich dies auch auf viele Nachbarländer auswirken.

Auch die Lage der Umwelt in anderen Ländern macht Ihnen Sorgen?
Die ökologische Situation auf der ganzen Welt ist eine Katastrophe: Treibhauseffekt, Wasserknappheit, Artensterben, Waldrodungen, chemisierte Landwirtschaft! Wenn wir so weitermachen, hinterlassen wir unseren Kindern und Enkeln eine einzige Wüste. Ohne Menschen ginge es der Erde besser. Noch haben wir eine Chance, uns zu ändern. Aber niemand weiß, ob wir die Chance wirklich nutzen.

Was bedeutet Umweltschutz für die Zukunft der Menschheit?
Gute Umweltpolitik ist Voraussetzung für unser Überleben. In einer zerstörten Welt kann man auch nicht erfolgreich wirtschaften. Wir müssen lernen, mit der Natur und nicht mehr gegen die Natur zu leben, zu arbeiten und zu wirtschaften. Unser Planet ist unser einziges Zuhause. Wo sollten wir denn hingehen, wenn wir ihn zerstören? Ich bin dankbar dafür, dass Organisationen wie Greenpeace sich für den Frieden mit der Natur engagieren. Das ist sehr wichtig und hat auch Einfluss auf die politischen Entscheidungen.

Seit bald 50 Jahren kämpfen Sie gegen die chinesische Besatzung – allerdings bisher erfolglos. Ist Ihre Politik der Gewaltfreiheit gescheitert?
Nein! Dialoge sind wichtiger und besser als Gewalt. Würde ich Gewalt vorziehen, müsste ich ja meinen Friedensnobelpreis wieder zurückgeben. Das wäre doch schade – oder? (lacht herzlich) Mein gewaltloses Vorgehen hat drei positive Resultate. Erstens: Würden die Tibeter zur Gewalt greifen, gäbe es noch mehr Repression durch Chinas Regierung. Zweitens: Unter vielen jungen Chinesen und in der Demokratiebewegung gibt es immer mehr Anhänger meines gewaltfreien Kampfes. Und Drittens: Ich sehe in China eine Renaissance der Religion. Viele Chinesen zeigen heute großes Interesse am Christentum und am Buddhismus – gerade am tibetischen Buddhismus.

Der deutsche Bundeskanzler will das Waffenembargo der Europäischen Gemeinschaft gegenüber China aufheben. Wie finden Sie das?
Ich bin grundsätzlich gegen Waffenhandel. Das große China wird doch von niemandem bedroht – oder?

Ihr Lachen und Ihr Lächeln ist ihr Markenzeichen. Woher nehmen Sie dafür die Kraft?
Als praktizierender Mönch bin ich ein zufriedener Mensch. Es gibt einen Weg zum Glück. Und zweitens: Trotz vieler Rückschläge und trotz vieler Probleme auf der Welt sehe ich auch viele Fortschritte. Darüber freue ich mich. Es bringt einfach nichts, wenn man sich ärgert. Nicht einmal über seine Feinde soll man sich ärgern. Es ist intelligenter, seine Feinde zu lieben. Das sagt auch Jesus in der Bergpredigt – eine tiefe Weisheit. Von seinen Feinden kann man besonders viel lernen.