Fokus

Wald­frie­den

Nach den Protesten gegen die Abholzung ist im Hambacher Forst vorerst Ruhe eingekehrt. Der Wald ist wieder einfach nur Wald – eine Quelle der Inspiration und Wohlfühloase

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Wald­frie­den

Nach den Protesten gegen die Abholzung ist im Hambacher Forst vorerst Ruhe eingekehrt. Der Wald ist wieder einfach nur Wald – eine Quelle der Inspiration und Wohlfühloase

Text: Gero Günther

Fotos: Markus Dorfmüller

Es riecht nach Moos und Herbst, die Sonne tropft wie Blütenhonig durch das Blätterdach. Es gurrt und raschelt und knarzt im Hambacher Forst. Ganz normaler Waldalltag. Ich verlasse die breiten Schneisen, die die Harvester-Maschinen geschlagen haben und streife durch den lichten Mischwald, der hier seit Tausenden von Jahren steht. Der Boden ist mit Blättern bedeckt, Totholz versperrt mir den Weg, wertvoller Lebensraum für zahlreiche Lebewesen. Ich weiche dem Dornengestrüpp aus, werde von Farnen gekitzelt. Es ist kaum vorstellbar, dass dieses Waldstück zwischen Köln und Aachen noch vor wenigen Wochen gewaltsam geräumt wurde. Dass Demonstranten hier geprügelt wurden, und sogar ein Mensch ums Leben kam. Der ganze Lärm, die Megafone, die Massen – alles weg. Es ist friedlich an diesem Tag im Hambacher Forst. Der Wald kann wieder durchatmen – und ich tue es auch.

Denn der Wald, das ist eine eigene Welt, in die man eintaucht wie in ein Reinigungsbad. Hier im gedämpften Licht ist alles anders. Man kann sich zurückziehen und still werden. Ich höre das Pochen der Spechte. Höre, wie die Wipfel im Wind aneinander reiben als würden sie einander etwas zuflüstern. Sogar der Boden fühlt sich anders an und manchmal schmatzen die Schuhe im Schlamm. Ich muss an meinen Sohn denken, mit dem ich gemeinsam erfahren habe, wie heilsam und inspirierend der Wald ist. „Komm, zieh die Gummistiefel an“, pflegte ich zu sagen: „Lass uns in den Wald gehen.“ Meistens sträubte er sich, manchmal segelte Lego durch das Zimmer, losgezogen sind wir aber eigentlich immer. Nach heftigen Streits, Wutausbrüchen, wenn es Ärger in der Schule gab oder Probleme mit Freunden. Erst flogen die Fetzen, dann gingen wir gemeinsam in den Wald. In Shorts oder wasserfesten Gummihosen, bei Regen oder Sonne. Runterkommen, Frieden schließen, Neuanfang.

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Wichtig war, dass wir querfeldein gingen. Über Äste stiegen, unter Baumstämmen hindurchkrochen, durch Pfützen wateten und Hänge hinunterrutschten. Schlamm, Blätter und Blessuren gehören dazu. Dornen, die einen am Arm streifen, Brennnesseln und Zweige, die Schrammen hinterlassen. Egal. Oder besser gesagt, nicht egal, sondern fester Bestandteil der Aktion. Der Wald war ein geheimnisvolles Reich. Groß und weit. Da schwangen Märchen und Sagen mit, Indianergeschichten und Lederstrumpf. Im Wald konnten wir das Kriegsbeil begraben. Dafür mussten wir nicht einmal die Friedenspfeife rauchen. Ein Schluck aus der Wasserflasche und ein Käsebrot genügten.

Es gehörte zu unserem Ritual, dass wir loszogen, ohne auf die Richtung zu achten. Dass wir die Orientierung verloren, uns absichtlich verliefen. Im Wald geht das schnell. Auf einmal weiß man nicht mehr, wo man ist. Es gibt nur noch Bäume, Lichtungen und Dickicht. Im Norwegischen gibt es den Begriff der Waldtollheit. Der Künstler Olaf Gulbransson schreibt darüber. „Der Wald, zum Fürchten schön. Wenn du dich beim Verlaufen zum dritten Male wieder auf demselben Fleck befandst, konntest du bei helllichtem Tag waldtoll werden.“ In so einem Fall, so Gulbransson, müsse man seine Jacke ausziehen, das Innere nach außen krempeln und durch die beiden Armlöcher spucken. „Dann drehte sich der Wald so für dich um, dass du heimfandst.“ Wir haben es nie probiert. Schließlich befanden wir uns nicht in der Nordmark, sondern in einem Forst im Umland von München, und die Verlorenheit war unser Glück und keine Bedrohung. Sie regte unsere Fantasie an und brachte uns zum Träumen.

Mein Tagtraum endet, als ich an einer mächtigen Eiche Neo und Momo begegne. Der Junge steht in grünen Strümpfen im Laub, das Mädchen trägt einen Klettergurt. Neo hat gerade eine Schlinge um den Stamm gelegt und blickt nach oben. Eine gute Stelle für ein neues Baumhaus. Auf dieser Eiche wollen die Beiden die nächsten Wochen verbringen. Neo hat gute Laune. „In den Bäumen zu leben, tut mir gut“, sagt er: „Ich liebe das Rascheln der Blätter, das Zwitschern der Vögel.“ Seit Monaten lebt der Aktivist in Baumhäusern. Dieses Waldstück ist sein Zuhause geworden. „Nachts hörst du die Eulen schreien“, erzählt er, und „ein Sonnenaufgang ist noch schöner, wenn du ihn aus einem Baumwipfel betrachtest.“ Bei Wind, sagt Neo, schwinge das Baumhaus hin und her. Wie auf einem Segelschiff fühle sich das an. Es knarzt. Ein Abenteuer. Der Wald ist für ihn eine Wohltat. Allein schon der Tiere wegen, der Molche, Salamander und Frösche, der Haselmäuse, Eichhörnchen, Fledermäuse und Wildschweine. „Man achtet hier auf jedes kleine Knacksen.“

Auch Eva Töller verbringt so viel Zeit wie möglich im Wald. Die Yoga-Lehrerin und Körper-Therapeutin aus Aachen führt Gruppen von Interessierten durch den Hambacher Forst. Zu den alten Eichen, den Hainbuchen, dem verwunschenen Teich. Schutz und Filter, Lebensquelle und Kraftort sei so ein Wald, sagt die Frau mit den Locken. „Wenn ich mit den Besuchern in ihn eintauche, spüren die Menschen, wie sich das Klima verändert. Wie sich die Poren öffnen.“ Der englische „nature writer“ und Literaturwissenschaftler Robert Macfarlane schreibt in seinem Buch „Orte der Wildnis“, Wälder seien stets auch Zwischenorte, in denen man von einer Welt in eine andere hinüberhuschen könne und aus einer Zeit in eine frühere. Es seien „Orte des Widerhalls“. „Deswegen“, so der Schriftsteller, „verschwinden beim Kahlschlag, wenn Asphalt, Teer und Beton eine Waldfläche versiegeln, nicht nur einzigartige Lebensräume und Arten, sondern auch ein einzigartiger Gedächtnisschatz und einzigartige Denkformen.“

Der Wald reinigt eben nicht nur die Luft, er bewegt etwas in uns, verändert unsere Wahrnehmung. Es tut uns gut, von einer Sphäre in eine andere zu wechseln. In Japan sind diese therapeutischen Fähigkeiten des Waldes längst anerkannt. Das Waldbaden kann man sich dort vom Arzt verschreiben lassen. Aber man braucht natürlich kein ärztliches Rezept, um im Wald zur Ruhe zu kommen, um Frieden zu finden. Das Walderlebnis funktioniert auch ohne Kurs, ohne Coach und ohne große Ausrüstung. Ganz von selbst – und in einem Wald, der gerade erst vor der Rodung gerettet wurde, macht es umso glücklicher.