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Was allen gehört

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.12

Was allen gehört

Text: Ulrich Grober Foto: Daniel Gustav Cramer

Über die Wiederkehr der Allmende. Eine Spurensuche

Über Nacht hat es geschneit. Das hügelige Land zwischen Leine und Weser, ein paar Kilometer westlich von Göttingen, liegt unter einer dünnen weißen Decke. Ein eiskalter Wind fegt durch die Baumwipfel. Nur die frische Spur eines Fuchses verrät, dass wir nicht allein im Wald sind, als wir den Anstieg zur Kuppe des Ossenberges unter die Füße nehmen. Es ist ein lichter Wald, kein dunkler Tann. Stämmige Eichen mit breiten Kronen prägen das Bild. Aus dem Nebel tauchen die Konturen von Hainbuchen, Rotbuchen, Sträuchern auf. Das gesplitterte Totholz einer Wildkirsche ragt schulterhoch empor.

„Wir sind hier im Genossenschaftswald Barterode“, sagt Helmuth Freist, mit dem ich an diesem Januarmorgen durch den Schnee stapfe. Das Waldstück – und ein paar andere in der Gemarkung – gehören einer Genossenschaft aus dem nahen Dorf. Früher bildeten sie die „gemeine Mark“ des Dorfes. Die war im Besitz der „ghemene“, wie man in Norddeutschland sagte, also der Allgemeinheit. Im Alemannischen sprach man von der „Allmende“. Helmuth Freist kann wie kaum ein anderer diesen Wald und dessen Geschichte lesen. Drei Jahrzehnte, bis zu seiner Pensionierung, hat er das niedersächsische Forstamt Bramwald geleitet, das hier zuständig ist. Die Waldgenossenschaft hat er lange Jahre forstlich beraten und unterstützt. Auch als sie vor 30 Jahren diesen Teil ihres Besitzes unter Vertrags-naturschutz stellen ließ, also gegen Entschädigung den Holzeinschlag einstellte. Wie lange ist dieser Wald als Allmende bewirtschaftet worden? Seit Gründung des Dorfes, meint Freist, also mindestens tausend Jahre.

An den Zweigen der kahlen Bäume sitzen zahlreich und prall die Knospen. Ihre Botschaft ist schlicht: Der nächste Frühling kommt bestimmt. Dann wird der Waldboden ganz von blühenden Märzenbechern, Lerchensporn und Anemonen bedeckt sein. Der Rotmilan wird aus den Feldfluren hier herauffliegen, zwischen den Stämmen streichend nach Beute jagen und seinen Horst bauen. Der ganze Berg wird vom Gezwitscher der Singvögel widerhallen. Und vom Trommeln der Spechte: Alle fünf heimischen Spechtarten brüten hier. Dieser Wald strotzt von Vitalität – vielleicht mehr denn je. Die lange Kontinuität der Nutzung hat ihm offenbar in keiner Weise geschadet. Seine „Nachhaltigkeit“ ist auf Schritt und Tritt greifbar.

Dabei war die Allmende bei den Historikern lange Zeit verrufen. Sie galt als Ort des regellosen Raubbaus, also als Gegenteil von nachhaltig. Jeder holt sich so viel er kann. Keiner fühlt sich verantwortlich. Alle gemeinsam richten den Besitz zugrunde. „Gesamtgut – verdammt’ Gut“, hieß es. Ein amerikanischer Ökonom sprach in den 1960er-Jahren am Beispiel eines gemeinsam genutzten und alsbald übernutzten Weidelandes von der „Tragödie der Allmende“. Ein großer Irrtum, meint Freist. „Undenkbar, dass da einfach einer seine Axt schulterte, in den Wald ging und sich irgendwelches Holz holte. Oder dass er etwa seine Schweine alleine zur Mast in den Wald trieb. Dann hätten die Nachbarn schon entsprechend gemeutert. Das musste abgestimmt sein. Das war alles genau festgelegt. Da gab es strenge juristische Regeln, und jeder Verstoß 
wurde bestraft.“

Wie hat das System funktioniert? Die mittelalterliche Allmende gewährte allen Berechtigten einen gleichen, aber streng geregelten Zugang zu den Ressourcen. Der Wald wuchs in zwei Schichten. Forstleute sprechen vom „Mittelwald“. In Barterode bestand die lichte Oberschicht hauptsächlich aus Eichen. Deren Holz diente zum Bau der Häuser und Arbeitsgeräte. Das Unterholz wurde parzellenweise in jährlicher Rotation „gehauen“. Es bestand aus Sträuchern 
und – überwiegend – Hainbuchen, die rasch wieder aus dem Stock, dem Baumstumpf, ausschlugen und nachwuchsen. Das war das Feuerholz. Der Wald war auch Weide. Das Laub diente als Heu und Streu für das Vieh. Mit den Eicheln mästete man die Schweine. „Die Schinken“, sagte man damals, „wachsen auf den Bäumen.“

Auf jährlichen gemeinsamen Waldbegehungen und Versammlungen hat man die Menge an hiebbarem Holz ermittelt, eingeteilt und zugeteilt. Das Maß der Nutzung war das „Nachwachsen“, also die Regenerationsfähigkeit der Ressource. Das Holz diente einzig und allein der „notdurft“, dem Eigenbedarf. Strikt untersagt war der Verkauf. Kein Gemeingut kam auf den Markt. Es durfte nicht „umme gires willen“, aus Gier, so heißt es in einer Quelle von 1456 aus Goslar, veräußert werden. Die Dokumente jener Zeit bezeichnen die Mitglieder der Allmendegenossenschaft häufig als „Erben“. Sie sahen sich als „Treuhänder“ in einer langen Kette von Generationen – die zurück in die Vergangenheit und vor allem weit in die Zukunft reichte. Die alte Allmende, könnte man sagen, war ein soziales Netz, das nur bei äußerst schonendem Umgang mit dem Öko-system vor der Haustür tragfähig blieb. Die Selbstsorge war untrennbar verbunden mit der Vorsorge.

Die Brundtland-Kommission der Vereinten Nationen nannte das 1987, heute vor 25 Jahren: sustainable development. Eine „nachhaltige Entwicklung“ soll die Grundbedürfnisse der jetzigen Bewohner des Planeten decken, aber seine Potenziale erhalten und so sicherstellen, dass zukünftige Generationen ihre Grundbedürfnisse auf ihre Weise befriedigen können.

„... an sich die ideale Form des Eigentums“
„An sich“, sagt Helmuth Freist, der alte Forstmann, auf dem Weg zurück ins Dorf, „ist diese Form des Eigentums ideal.“ Warum? „Weil eine Vielzahl an Bürgern als Anteilseigner unmittelbares Interesse haben kann. Und zwar auch, was ja nie schaden kann, ein finanzielles Interesse. Sie haben die Chance, aus ihrem Wald Holz zu beziehen. Sie bekommen Einblicke in den Wald. Sie haben das Gefühl: Das ist unser Wald. Auch ökonomisch ist das Eigentum ‚zur gesamten Hand‘ vernünftig. Eine Zersplitterung des Waldes in private Einzelparzellen hätte chaotische Folgen.“

Das Feuer prasselt im Kamin auf der Diele, als wir wenig später in Barterode bei Hartmut Jeep anklopfen. Der gut 70-Jährige ist Landwirt und Vorsitzender der örtlichen Waldgenossenschaft. Wie tickt so etwas heute? Auf den ersten Blick nicht viel anders als die übrigen Vereine im Dorf. Man ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Mit Satzung, Vorstand, Rechnungsführer und alljährlicher Mitgliederversammlung. Die Genossenschaft hat 75 Mitglieder, denen insgesamt 102 Anteile gehören. „Wir sind Eigentümer“, sagt Jeep, von 400 Hektar Wald in verschiedenen Lagen. Wie wird man Genosse? Indem man einen Anteil erbt oder erwirbt. Voraussetzung ist laut Satzung, dass man ortsansässig ist. „Wir sind der Meinung, es macht keinen Sinn, dass einer aus Hamburg einen Anteil hier in Barterode hat.“ Die forstliche Planung, die Pflegemaßnahmen, den Holzeinschlag und den Verkauf hat die Genossenschaft freilich weitgehend an das Forstamt delegiert. Was bleibt an Aktivität der Genossen? Sie nehmen sich „Lesescheine“ und holen sich Brennholz aus ihrem Wald. Die Jagd wird nur an eigene Leute verpachtet. Die alljährliche Waldbegehung hat Volksfestcharakter. Die Lehrerin, selbst Genossin, ist mit ihren Schulklassen viel im Wald, zu Pflanzaktionen oder waldpädagogischen Projekten, und selbstverständlich holt man sich zu Weihnachten den Tannenbaum. Und die Gewinne aus dem Holzverkauf und dem Vertragsnaturschutz? Die werden reinvestiert oder als Sicherheitspolster zurückgehalten. Manchmal wird etwas an die Mitglieder ausgeschüttet.

Klingt alles ziemlich bieder, oder? Auf den ersten Blick ja. Aber schlummert da nicht ein zukunftsfähiges Potenzial? Was ist, wenn „peak oil“ durchschlägt und uns das Öl ausgeht? Und wenn dann die globalisierten Logistikketten reißen? Der US-Soziologe Jeremy Rifkin sprach neulich in Berlin vom „peak globalization“, dem Scheitelpunkt der Globalisierung. Danach werden die lokalen ökonomischen Kreisläufe wieder überlebenswichtig. Dann bekommen die Elemente der Subsistenzwirtschaft, Eigenarbeit und Selbstversorgung jenseits des Marktes, plötzlich wieder Bedeutung. Dann bekommt auch der soziale Zusammenhalt eines Gemein-wesens – die Nachbarschaft – seinen Sinn zurück. Die aktuelle Wiederentdeckung von kollektiven Formen des Besitzes, von urbanen Gemeinschaftsgärten bis zum Carsharing und der Genossenschaftsbank, ist nur ein Vorzeichen.

„Ist die Nachhaltigkeit bei einer Genossenschaft gut aufgehoben?“, frage ich Hartmut Jeep. „Das denke ich schon“, meint er. „Sie waren doch im Wald. Da haben Sie das eigentlich gut gesehen. Wir haben ein forstliches Betriebswerk, das sagt, wie viel Festmeter wir pro Hektar einschlagen können. Wenn die Preise gut sind, schlagen wir mal ein wenig über dem Soll. Wenn die Preise schlecht sind, schlagen wir bedeutend weniger. Aber im Zehnjahresschnitt kommen wir eigentlich nie darüber.“ Aus Überzeugung? „Ganz klar, aus Überzeugung. Wir wollen das für unsere Nachkommen erhalten – und weitergeben.“

Der Maßstab ist nicht der Ikea-Katalog, sind nicht die Holzsortimente, die gerade schick sind. „Darauf“, sagt Jeep, „können wir sowieso nicht reagieren, wenn wir heute pflanzen. Was aber in 120 oder 140 Jahren nachgefragt wird, wissen wir nicht.“ Wie mit dieser Unsicherheit umgehen? „Man muss in einem Wald von allem etwas haben. Bei uns wachsen 47 Baumarten.“ Von allem etwas! Hier ist sie, die alte Erfahrung: Monokulturen sind nie nachhaltig. Der Schlüssel ist die Vielfalt. Nur sie hält die Optionen offen. Die Vorgaben kommen letztlich aus der Natur. „Auf welchem Standort wächst welcher Baum? Daran sind wir gebunden.“

Die First Lady der Ozeane
Harter Kontrast zu dem beschaulichen Dorf im Weserbergland: An einem frostigen, strahlend sonnigen Wintertag flaniere ich am Hochufer der Isar im noblen Münchner Stadtteil Bogenhausen. Ringsherum ein buntes Treiben von Spaziergängern mit und ohne Hunden, von Joggern und Radlern. Links des Fußweges fließt prall und reißend an Kiesbänken, Uferbefestigungen und Auenwaldresten entlang der Fluss nach Norden. Jenseits kommen die Anlagen des Englischen Gartens ins Blickfeld. Rechts vom Weg reiht sich Villa an Villa, eine opulenter als die andere. Die Preise für Grund und Boden und Wohneigentum explodieren gerade mal wieder. Der Herzogpark zählt zu den exklusiven Lagen der bayerischen Landeshauptstadt. Wo die Poschingerstraße einmündet, steht eine dreistöckige Villa. Schneeweißer Putz, ein halbrunder Vorbau, Atelierräume unter dem Dach, Schwimmbecken im terrassierten Garten. Das muss es sein, wenn auch mehrfach aus Ruinen wiederaufgebaut: Thomas Manns geliebtes „Stadtpalais“. Heute ist es nach außen hermetisch abgeschirmt. Kein Name an der Tür, Videoüberwachung. Kein noch so kleiner Hinweis auf den prominenten Vorbesitzer, den Literaturnobelpreisträger von 1929.

Zu der Zeit war seine jüngste Tochter, Elisabeth, gerade mal zehn Jahre alt und entdeckte die Welt. Direkt vor der Haustür der herrschaftlichen Villa lag damals wie heute ein großzügig dimensionierter öffentlicher Raum, ein breiter Gürtel städtischen Grüns links und rechts der Isar – geliebte Flaniermeile des Schriftstellers, Abenteuerspielplatz der Mann-Kinder. Elisabeths Sehnsucht aber galt von Kindesbeinen an – dem Meer. Die Sommerfrische der Familie lag stets am Strand. Auf Sylt, an der ligurischen Küste, auf der Kurischen Nehrung. „Ich war einfach benommen“, schreibt Elisabeth rückblickend, „vom Anblick des Meeres.“ Die Farbe, das Plätschern der Wellen, der Salzgeruch faszinierten sie, vor allem aber der Horizont. „Die Endlichkeit wird zur Unendlichkeit.“ Dieses „ozeanische“ Lebensgefühl begleitete sie auf ihrem ganzen Lebensweg, der sie in die Emigration an die Westküste der USA, später nach Italien und Kanada führte.

Als Seerechtsexpertin und Umweltaktivistin engagierte sich 
Elisabeth Mann Borgese für den Schutz und die gerechte Nutzung der Meere. Den „Club of Rome“, der 1972 zum ersten Mal vor den „Grenzen des Wachstums“ warnte, hat sie 1968 mitgegründet. Für die Brundtland-Kommission der UN war sie als Beraterin tätig. Zusammen mit ihrem Weggefährten und Mentor Arvid Pardo kämpfte sie dafür, die Ozeane des blauen Planeten zum „Common Heritage of Mankind“, also zum „gemeinsamen Erbe der Menschheit“, zum globalen Gemeingut zu erklären.

Das Konzept hatte Arvid Pardo, damals UN-Botschafter der Mittelmeerinsel Malta in New York, 1967 auf die Weltbühne gebracht. Es war eine kühne Aktualisierung der Idee der Allmende: So wie Wald und Weide zum Gemeingut einer Dorfgemeinschaft, sollten die Weltmeere zum Gemeingut der Weltgemeinschaft erklärt werden. Der Grundgedanke: Die Ozeane sind lebenswichtige Ökosysteme. Hochsee und Meeresboden und deren Ressourcen können und dürfen nicht zum privaten oder staatlichen Eigentum gemacht werden. Sie sind von Natur aus „Nichteigentum“. Natürlichen oder juristischen Personen wird nur ein Nutzungsrecht übertragen. Es beinhaltet die Pflicht zur schonenden, sozial gerechten und friedlichen Nutzung. Der Schutz und das Management des Gemeinerbes soll einem von den Vereinten Nationen zu schaffenden „Treuhandrat“ übertragen werden. Der in vielen Kulturen der Welt verankerte Gedanke der „Treuhänderschaft“ im Interesse der nachfolgenden Generationen kehrt zurück.

Ein revolutionärer Vorstoß: Hier wird der Eigentumsbegriff 
des klassischen römischen Rechts in Frage gestellt. Der hatte dem Eigentümer nämlich das „ius utendi et abutendi“ zugeschrieben. Also das Recht, mit dem Eigentum zu machen, was er wollte. Einschließlich des Rechts, sein Eigentum zu „missbrauchen“ (ius abutendi), also sein Stück der Biosphäre zu übernutzen, zu kontaminieren, zu zerstören. Genau diese Logik des schrankenlosen kapitalistischen Privateigentums, so die Verfechter der Gemeingut-Idee, sei in der Konsequenz mitverantwortlich für die unter unseren Augen vor sich gehende Plünderung des Planeten und müsse überwunden werden.

Klingt utopisch? Ja, vielleicht. Aber immerhin beeinflusste das Konzept die UN-Seerechtskonvention von 1982. Seitdem gilt der Meeresboden als gemeinsames Erbe der Menschheit. 
Eine spezielle UN-Behörde vergibt Schürflizenzen und definiert Schutzzonen. Darüber hinaus hat das Prinzip bislang aber noch keinen Eingang in völkerrechtlich bindende Verträge gefunden. Und dennoch: Die Idee, sagt die neuseeländische Umweltjuristin Prue Taylor, ist ein Stück „globaler Weisheit“. Die „eskalierende globale ökologische Zerstörung“ werde sie neu auf die Agenda bringen. Nicht zuletzt im Klimaschutz. Würde die Atmosphäre des Planeten zum Gemeinerbe erklärt, bekämen die Ziele und Zeitpläne für den Klimaschutz eine ganz andere Verbindlichkeit.

Passwort: teilen
Im 21. Jahrhundert weitet sich die Vision aus und besetzt ganz neue Räume. Cyberspace und neue Formen der „Wissensallmende“ sind zusammen entstanden und gewachsen. Ein riesiger globaler Fluss von Wissensgütern hat sich von den kommerziellen Medien und Wissensmonopolen abgekoppelt und ist frei verfügbar. Die Werkzeuge für deren Nutzung – Betriebssysteme und Computerprogramme – werden kollektiv entwickelt und zur „open source“ erklärt, zur offenen Quelle. Überraschend entsteht eine neue Kultur des Schenkens und Teilens. Die starre Abgrenzung zwischen Produzenten und Nutzern von Wissen verflüssigt sich. Die Lust an kollektiver Kreativität, das Streben nach Anerkennung in einer „community“ und die Überzeugung, dass Wissen Gemeingut sein sollte, erweisen sich als stärkere Motivation als die Aussicht auf persönlichen Gewinn. Auch in den Wikis passiert unbewusst eine Rückkehr zu den Wurzeln: Traditionelle Gesellschaften, auch die indigenen Kulturen von heute, kennen kein geistiges Privateigentum, kein Patent, kein Copyright. Wissen bedeutet für sie ein kollektives Erbe – oft sogar göttlichen Ursprungs –, das sich über die Generationen aufgebaut hat. Es ist dazu da, so weit wie möglich verbreitet, klug genutzt, weiterentwickelt und an die nächste Generation weitergegeben zu werden.

Mit frischem Wissen und neuem Denken kommen die jungen Wilden von heute zurück aus den virtuellen Räumen des Internets und erkunden, beanspruchen oder besetzen die begehbaren Räume der Metropolen und des Hinterlands. „Reclaiming the commons“ – die Allmende zurückfordern. An den Versammlungsorten der Occupy-Bewegung kommt ein alter Folk-Song zu neuem Ruhm. „This land is your land.“ Der US-Folk-Barde Woody Guthrie hat ihn in den 30er-Jahren, in der von einer tiefen ökologischen, ökonomischen und sozialen Krise erschütterten Ära des New Deal, auf die Melodie eines baptistischen Gospels geschrieben. „This land was made for you and me.“ Genial verknüpft er den amerikanischen Traum von individueller Freiheit mit der Vision vom kollektiven Besitz an den natürlichen Reichtümern des Landes. In der bewegten 68er-Zeit nahm John Lennon das Motiv neu auf und erweiterte es ins Grenzenlose. „Imagine“ ist seine Ode an die globalen Gemeingüter: „Imagine all the people / sharing all the world.“ Hier ist es, das Passwort der Allmende aller Zeiten: „sharing“ – teilen.

„Omnia sunt communia“ 
– alles 
gehört allen
„Alles gehört allen.“ Aus dem Abstand von fast 500 Jahren dringt diese Stimme zu uns herüber. Es ist die heisere, schmerzverzerrte Stimme von Thomas Müntzer. Der 
„Rebell in Christo“ (Ernst Bloch) und spirituelle „Rädelsführer“ der Bauernkriege von 1525 hat sein Vermächtnis unter 
der Folter auf der Wasserburg in dem nordthüringischen 
Städtchen Heldrungen formuliert. Nur wenige Tage später 
hat man ihn mit dem Schwert hingerichtet. Auf offenem 
Feld, am Rand der Stadt Mühlhausen. Den Leichnam hat 
man auf einen Pfahl gespießt und ausgestellt. Warum dieser unbändige Hass?

„Omnia sunt communia, und sollten eynem jeden nach seyner notdurft ausgeteylt werden.“ Müntzer war inspiriert 
von den Prinzipien des urchristlichen Kommunismus. Aber 
vor Augen hatte er die geschundenen Bauern und Bergknappen seiner Heimat und die Allmende-Wälder und Weiden von 
Harzvorland, Eichsfeld und Hainich. Die Bauernkriege hatten 
sich nicht zuletzt an der „Einhegung“, der Beschränkung 
der Allmenden durch die Landesherren entzündet. Auch für 
Müntzer ist die Idee der „notdurft“, die allen zusteht, zentral. 
In modernem Gewand taucht sie im Brundtland-Report von 
1987 auf – als „basic needs“, Grundbedürfnisse.

Thomas Müntzers letzter Aufenthaltsort, die Wasserburg 
Heldrungen, ist heute eine Jugendherberge. Auf einer 
Wanderung von Bad Frankenhausen, wo heute das grandiose Bauernkriegspanorama des Malers Werner Tübke an den 
Aufstand erinnert, nach Heldrungen kommt man Thomas 
Müntzer sehr nahe. Mit in den Rucksack packen: den 
800-Seiten-Roman des italienischen Autorenkollektivs 
Luther Blissett von 1999 mit dem Titel „Q“. Eine fulminante Zeitreise zu den Ketzern und Rebellen der Reformationszeit, 
die bei Thomas Müntzer in Frankenhausen beginnt.

Zum Weiterlesen:
Silke Helfrich, 
Heinrich-Böll-Stiftung (Herausgeber): 
Commons – Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. Transcript Verlag 2012, 512 Seiten, 24,80 Euro


„EIN RADIKALES RECHTLICHES PRINZIP“

Die neuseeländische Juristin Prue Taylor fordert, ökologische Systeme 
und Erdatmosphäre zum Erbe der Menschheit zu erklären

Sie leben auf einer Insel in der Bucht von Auckland. Gibt es in den indige­nen Kulturen Neuseelands Traditionen von Allmende-Ökonomie? Die Maori haben ein gut entwickeltes System kollektiven Eigentums. Aber unter „Eigentum“ versteht man etwas anderes als in europäischen Rechtssystemen. Maori haben ein ganzheitliches und integratives Weltbild. In ihrem Verständnis besitzen sie das Land, und das Land besitzt sie. Das drückt eine spiri­tuelle und körperliche Beziehung der Zugehörigkeit aus. Diese erstreckt sich über die Generationen. Natürlich gibt es das Recht, das Land zu nutzen. Aber nur in einem vorgegebenen Rahmen von Verantwortlichkeiten und Ver­pflichtungen.

Wie sind Sie darauf gekommen, sich als Rechtswissenschaftlerin und Akti­vistin mit der Idee des gemeinsamen Erbes der Menschheit zu befassen? Für eine Forschungsarbeit über Klimawandel und internationales Recht suchte ich 1989 nach Konzepten, die auf diese neue Herausforderung Antworten liefern konnten. Nur eins schien mir wirklich vielversprechend: Common Heritage of Mankind. Recht, insbesondere internationales Recht, ist mehr als das, was Staaten darunter verstehen. Hier handelt es sich um ein altes ethisches Konzept. Im Kern beinhaltet es, dass die Lebensgrundlagen, zum Beispiel die Meere, zum Wohle aller zu erhalten sind.

Was ist das Besondere am Gemeinerbe-Konzept? Unser ganzes Ver­ständ­nis von Besitztum und Eigentümerrechten wird neu aus­gerichtet. Nun bekommt der soziale und ökologische Kontext, auf dem Eigentum immer beruht, Bedeutung, ja Priorität. Land oder Wasser können zum ökonomischen Vorteil genutzt werden. Aber nur so, dass die ökologische Integrität nicht darunter leidet. Einhei­ten wie Hochsee, Atmosphäre oder der Mond werden ganz der Privatisierung oder Verstaatlichung entzogen. Sie „gehören“ der ganzen Menschheit.

Welche neuen Handlungsspielräume eröffnen sich, wenn wir das Klima­system des Planeten zum Gemeingut der Menschheit erklären? Wir würden anerkennen, dass die globale Atmosphäre allen gehört, dass sie Teil der Ökosysteme ist, die für alles Leben auf der Erde fundamental sind. Das erfordert ein Management, das nicht von nationalen Interessen bestimmt wird. Primäres Ziel wird dann das gemeinsame Wohl der Menschheit. Staaten übernehmen die Rolle von Treuhändern dieses Gemeinwohls.

Was für Mittel sind nötig, um dieses „ethische Prinzip“ praktisch durchzusetzen? Ethik und Recht gehen Hand in Hand. Gegenwärtig basiert das Recht auf einem ethischen Rahmen, der ökologische Systeme als Ressourcenlager ansieht. Wir brauchen aber ein Recht, dass einem ökologischen Weltbild angemessen ist. Unsere Nutzung ökologischer Systeme muss eingeschränkt werden durch die Notwen­dig­keit, unsere Lebensgrundlagen zu schützen.

Sehen Sie in den „Occupy“-Bewegungen einen Hoffnungsschimmer für ein Comeback von Gemeinsinn und Gemeingütern? Aber ja. Die Bewegun­gen sind Ausdruck eines öffentlichen Interesses, das, was allen 
gehört, zu schützen. Weil es das Erbe aller ist. Weil es von allen, nicht nur von wenigen, gebraucht wird ­­­– als Basis für Wohl­be­finden und Wohlstand.

Prue Taylor lehrt Umwelt- und Planungsrecht an der Universität Auckland, Neuseeland. Sie hat zahlreiche Bücher und Aufsätze zum Thema veröffentlicht und ist in der Ethikkommission 
der internationalen Naturschutzorga­nisation IUCN aktiv.