Was kostet Umwelt?
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Was kostet Umwelt?

Es gibt Menschen,die sich diese Frage stellen. Sie bewerten Ökosysteme ökonomisch und sehen reine Luft oder sauberes Wasser als Zinsen eines Naturkapitals, dessen Zerstörung teuer kommt. Für die Umwelt könnte das eine Chance sein – oder auch ein kapitales Risiko.
– mit Video-Porträt –

Text: Katja Morgenthaler

Fotos: Solvin Zankl, Jörg Gläscher und Thies Rätzke

Betreten auf eigene Gefahr! Hinter dem Schild der Naturschutzbehörde beginnt ein modriger Bretterpfad. Behände eilt Hans Joosten über glitschige Bohlen – einem kostbaren Stück Wildnis entgegen. Als der Zweimetermann knöcheltief ins Kieshofer Moor sackt, erzeugen seine Gummistiefel ein sattes Schmatzen. Wollgras leuchtet braunrot, Torfmoose tragen Herbstgelb. Stille liegt über dem Ort, drei Kilometer von Greifswald entfernt. Wie Ertrinkende recken Baumskelette ihre Äste gen Himmel. Es sieht nach Waldsterben aus und ist doch gut so.

„Bis vor 25 Jahren war das ein künstlicher Kiefernforst“, sagt Joosten. „Dann hat man das Moor wiederernässt, und die Bäume sind abgestorben.“ Jetzt wachsen wieder Hochmoorpflanzen, auch fleischfressende wie der Sonnentau. Der Forscher schwärmt vom enormen Himmel und der gewaltigen Zeitdimension der Urlandschaft. Tausende Jahre reicht das Gedächtnis der Moore zurück: Ohne Sauerstoff verrottet nichts. Joosten steckt den Arm bis zum Ellenbogen in wässrigen Torf und zieht einen Kiefernzapfen hervor. „Ein Fossil“, sagt er zufrieden, „etwa zwanzig Jahre alt.“ In den toten Bäumen nisten nun Seeadler.

Hans Joosten lehrt in Greifswald Moorkunde und Paläoökologie. Er ist Generalsekretär der internationalen Moorschutzorganisation und berät den Weltklimarat. Nach dem Wert der Feuchtgebiete gefragt, spricht der Niederländer über ihre Schönheit und Exotik, über Kraniche, Tundravegetation und Artenreichtum. Aber wenn es sein muss, kann er das Ökosystem, das er liebt und das in Deutschland weitgehend zerstört ist, auch in die Sprache von Leuten übersetzen, die Aktenkoffer statt Gummistiefel tragen: in Nutzen und Zahlen, ja sogar in Geld.

Zukunft kaufen: Der Ökologe Hans Joosten von der Universität Greifswald hat die „Moorfutures“ mitentwickelt. Jedes Ökowertpapier entspricht einer eingesparten Tonne CO2 – und schützt „nebenbei“ einen seltenen Lebensraum.   Foto: Thies Rätzke

Moorböden binden immense Mengen Kohlenstoff. Ihre Entwässerung – etwa für die Landwirtschaft – macht sie zu ebenso immensen Treibhausgasemittenten. Ist Torf nicht mehr wassergesättigt, verrottet er und setzt Kohlendioxid (CO2) frei, bis nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten kein Torf mehr da ist. „Ein Hektar Acker auf trockengelegtem Moor verursacht jedes Jahr einen Klimaschaden von knapp 3000 Euro“, sagt Joosten. „Aber die Bauern bekommen noch 300 Euro Subventionen obendrauf.“ Das koste die Allgemeinheit also 3300 Euro pro Hektar und Jahr. „Ein volkswirtschaftlicher Unsinn!“, schnauft der Forscher. Es steht nur in keiner Bilanz.

Seit einigen Jahren tobt eine Debatte um die ökonomische Betrachtung von Natur. Ein globales Netzwerk aus Vereinten Nationen, Europäischer Union, Regierungen, Wissenschaftlern, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Unternehmen propagiert ein Verständnis von Umwelt als Wirtschaftsfaktor. „Naturkapital“ und „Ökosystemdienstleistungen“ lauten die Schlagworte der Stunde. Sei es der Bestäubungsservice der Bienen, der Küstenschutz der Mangroven oder der klimaschonende CO2-Konsum der Wälder: Zahlen zählen.

Naturkapital steht als Metapher für die begrenzten Ressourcen der Erde, die – allen staatlichen Absichtserklärungen zum Trotz – rapide schrumpfen. Ökosystemdienstleistungen sind die „Zinsen“, die dieser Kapitalstock zum Wohle des Menschen scheinbar immerfort gratis abwirft: Dazu gehören natürlich Nahrung und Rohstoffe, aber auch Lebensgrundlagen wie saubere Luft, trinkbares Wasser, fruchtbarer Boden und ein stabiles Klima. Der Fischbestand als Kapital, der Fang im Netz als Rendite.

Die Befürworter des Naturkapitalansatzes träumen von der Versöhnung zweier zerstrittener Schwestern. Schließlich stammt die Ökonomie wie die Ökologie vom altgriechischen oikos ab – dem Haus. Und um das Haushalten mit knappen Gütern geht es doch. Leistungen, die bisher als selbstverständlich angesehen werden, könnten – in Rechnung gestellt – der Natur Gewicht verleihen und zeigen, dass die Wirtschaft nicht von ihrer Ausbeutung profitiert, sondern, im Gegenteil, darunter leidet. So entgehen der Fischereiindustrie jedes Jahr 45 Milliarden Euro Einnahmen, weil sie ihr Naturkapital herunterwirtschaftet, statt von den Zinsen zu leben.

Die Integration der Natur in wirtschaftliche Denkweisen ist gefährlich, meinen dagegen Kritiker. Was die Umweltökonomen „Inwertsetzung“ nennen, schimpfen sie „Bepreisung“ und fürchten, dass alles, was einen Preis hat, auch zur Ware werden kann. Und ist es nicht die Wirtschaft, welche eine Vernichtung sondergleichen von Naturkapital zu verantworten hat? Das rapide Aussterben der Orang-Utans? Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko? Das Schmelzen der Gletscher? Dass der Markt nun richten kann, was der Markt angerichtet hat, glauben sie nicht.

Verrechnungsmodelle für Naturkapital gibt es längst. So muss ein Investor, der eine Streuobstwiese überbaut, den Schaden ortsnah ersetzen. Das geht nur, wenn es für den Biotopwert Messeinheiten gibt. In Deutschland heißen sie manchmal „Ökopunkte“. Viele Kommunen führen auch „Ökokonten“ – Areale, wo sie auf Vorrat beispielsweise Streuobstwiesen anlegen und „ansparen“. Gegen Geld kann der Bauherr eine bestimmte Anzahl Ökopunkte dort „abbuchen“.

In den USA gibt es seit Mitte der Neunzigerjahre private „Feuchtbiotop-“ und „Naturschutzbanken“: Der Betreiber schützt ein Gebiet oder wertet es ökologisch auf und verkauft dafür zum Beispiel Moor- oder Bussard-Gutschriften an Firmen, die anderswo ein Moor oder ein Bussardhabitat zerstören wollen. Kein Nettoverlust für die Natur, lautet die Devise. Was die Behörden entlasten und Schutzkorridore schaffen sollte, wurde zum Geschäftsmodell.

„Manche Anbieter haben nur geschaut, wo Land günstig ist“, sagt Carsten Mann von der TU Berlin. „Das entsprach dann zum Teil nicht den hohen ökologischen Standards.“ Der Forst- und Umweltwissenschaftler hat analysiert, wie kurz nach den ersten US-Habitatbanken eine „Lobbyindustrie“ entstand, um den kommerziell organisierten Ausgleich von Biodiversitätsverlusten voranzutreiben.

Laut dem US-Branchendienst Ecosystem Marketplace gibt es heute weltweit mehr als vierzig regionale Naturschutzhandelssysteme, die zwischen 1,6 und 2,7 Milliarden Euro jährlich umsetzen. Wachstumsrate: zehn Prozent. Solche Zahlen sind laut Mann mit Vorsicht zu genießen. Echte Märkte stehen nicht dahinter, eher große Erwartungen. „Aber die Idee, dass Marktkräfte eine elegante Lösung sind, um Umweltschutz und Wirtschaftswachstum unter einen Hut zu bringen, ist weltweit auf dem Vormarsch.“

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Während Ökopunkte ortsgebunden und eine komplexe Angelegenheit sind – jeder Blühstreifen leistet so vieles, dass einem schwindelig werden kann – ist CO2 eine vergleichsweise einfache „Währung“. Eine Tonne des Klimagases verursacht den immer gleichen Schaden, egal, wo auf der Welt sie ausgestoßen wird. Und so ist es vielleicht kein Wunder, dass der Kohlendioxidmarkt brummt. Mehr als eine Milliarde Tonnen ihres CO2-Ausstoßes haben Firmen und Privatleute seit 2005 freiwillig „kompensiert“ – etwa um Flugreisen wiedergutzumachen. Es ist ein moderner Ablasshandel: Klimaschutzprojekt finanzieren – grünes Image rausbekommen.

Auch die „Moorfutures“ sind ein Kassenschlager, nahezu ausverkauft. Professor Joosten und seine Arbeitsgruppe haben die Ökowertpapiere im Auftrag des Landwirtschafts- und Umweltministeriums von Mecklenburg-Vorpommern entwickelt. 35 Euro kostet eine Anleihe. Dafür kann seit 2012 jeder eine Tonne CO2 ausgleichen – und nebenbei Naturkapital aufbauen. Es sind die weltweit ersten CO2-Zertifikate für die Wiedervernässung von Mooren.

Das erste Projekt kostete rund eine halbe Million Euro. Diese Summe geteilt durch 14.325 reduzierte Tonnen CO2 ergibt den Preis je Anteilsschein, es sind nur noch etwa 3000 Anleihen übrig. Brandenburg und Schleswig-Holstein bieten inzwischen eigene Futures an. Und weitere Länder liebäugeln mit dem Modell, das auch international Aufsehen erregt.

„Wir haben ein gutes Produkt entwickelt“, sagt Hans Joosten. Und meint strenge Kriterien, die garantieren, dass die errechnete Menge CO2 der Atmosphäre tatsächlich dauerhaft entzogen wird. Als Mitautor des internationalen Wiedervernässungsstandards für freiwillige Kohlenstoffmärkte ist er einer der Experten auf diesem Gebiet. Man könnte auch sagen: Hans Joosten und das Ministerium handeln mit Luft. Und vielleicht kommen dereinst noch andere Moorleistungen hinzu. Für die Version 2.0 haben die Wissenschaftler unter anderem die Verbesserung der Naturleistung bei Wasserreinigung, Luftkühlung und Artenvielfalt kalkuliert. „Wenn’s hilft.“ Mit einem Pfeifengrasstängel im Mundwinkel blickt Joosten zum unermesslichen Himmel auf.

„Leistungen sind wichtig“, sagt Bernd Hans-jürgens vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). „Sie bilden die Brücke von der Natur zum Menschen.“ Im Leipziger Auwald hängt an diesem Herbstmorgen ein feiner Nieselschleier vor dichtem Grün. Und Hansjürgens stakst in Büroschuhen durch Moos und Modder. „Es gibt nichts umsonst“, sagt der Umweltökonom. „Immer wenn wir uns für etwas entscheiden, entscheiden wir uns gegen etwas anderes.“ Mais statt Moor, Bahnhof statt Bäume, Gewerbegebiet statt Grünland. „Wenn wir den Wert natürlicher Ressourcen systematisch erfassen und vergleichbar machen, können wir ihn besser berücksichtigen.“

Bernd Hansjürgens leitet die Studie „Naturkapital Deutschland – TEEB DE“. Sie soll bis 2017 Fallbeispiele sammeln und der Politik Vorschläge machen, wie der Wert der Natur besser in Entscheidungen zu integrieren ist. TEEB DE ist eines von vielen nationalen Folgeprojekten der internationalen TEEB-Initiative, die 2007 während der deutschen G8-Präsidentschaft angestoßen und ebenfalls am UFZ koordiniert wurde. Die Abkürzung steht für „Die Ökonomie der Ökosysteme und Biodiversität“.

Wert schätzen: Der Leipziger Umweltökonom Bernd Hansjürgens will mehr Bewusstsein für die „Dienstleistungen“ der Natur schaffen. Bisher sei die Gesellschaft „auf der Naturseite kostenblind“.   Foto: Jörg Gläscher

Aber wie berechnet man das Ökosystem Auwald? „Wenn Sie mit einem Ökologen hier durchgehen, leuchten ihm die Augen“, sagt Hansjürgens. „Für ihn ist der Wert des Waldes unermesslich.“ Es gebe aber nie nur einen. Wert sei immer etwas Subjektives. „Deshalb müssen wir als Gesellschaft überlegen, was uns die Aue wert ist.“ Seine Kollegen nennen es auch „eine niedrige Schätzung von unendlich“.

Hansjürgens blickt in die Baumkronen. Dann beginnt er aufzuzählen: „Holz ist für die Einnahmen der Stadt wichtig.“ Aber das sei der allerkleinste Teil. „Zentral sind Regulierungsleistungen wie der Hochwasserschutz.“ Bei der Flut 2013 habe der Wald viel Wasser aufgenommen und die Nachbarstadt Halle entlastet. „Deutschlands verbliebene Auen schützen die Vermögenswerte von gut 300 Milliarden Euro.“ Und das, obwohl mehr als die Hälfte der Gebiete trockengelegt ist. Bei jeder Überflutung nehmen sie den Flüssen überschüssige Nährstoffe ab. Die Auen halten rund 42.000 Tonnen Stickstoff – gratis. „Müsste man sie mit Kläranlagen rausholen, würde das 500 Millionen Euro im Jahr kosten.“

Man müsse Werte aber nicht monetär ausdrücken, sagt der Ökonom. Er wolle Auen oder Mooren kein Preisschild umhängen. Auch Fläche, Arbeitsaufwand oder betroffene Menschen könnten die Einheit sein. Doch die meisten Entscheidungen orientierten sich eben an Kosten und Nutzen. Deshalb sei es wichtig, „auf der Naturseite nicht länger kostenblind“ zu sein.

Es ist ein Denken in Alternativen. Was wäre, wenn wir Leistungen der Natur technisch „nachbauen“ müssten? Was wäre ohne die Aue? Die Wissenschaftler multiplizieren etwa potenzielle Schadenskosten mit Wahrscheinlichkeiten. „Vermiedene Schäden sind dann der Nutzen der Auen für den Hochwasserschutz“, sagt Hansjürgens. „Das wird zum Beispiel auf einen Hektar umgelegt. Und dann kann man sagen: Ein Hektar ist so und so viel wert.“

Ein Punk kommt des Weges. Er führt seinen Hund Gassi. Hansjürgens ruft: „Schön hier, oder? Wir reden gerade über den Wert des Waldes!“ Der Punk sagt, er komme der guten Luft wegen her. „Luftreinigung“, murmelt der Ökonomieprofessor. „Das ist schon etwas schwieriger zu quantifizieren.“

Als der deutsche Biochemiker und Systemforscher Frederic Vester 1983 den Wert des seltenen Weißsternigen Blaukehlchens berechnete, dachten nicht wenige, der Mann habe einen Vogel. Vester kam auf 3,1 Pfennige Materialkosten für die Mineralien des Skeletts sowie für Fleisch, Blut und Federn. Dazu addierte er unter anderem die Leistungen des Singvogels als Schädlingsbekämpfer, Verbreiter von Samen und Anzeiger von Umweltbelastungen. Die Freude an „Ohrenschmaus und Augenweide“ schlug mit dem Gegenwert einer Valiumtablette zu Buche. Er kam auf Leistungen für 301,38 Mark im Jahr und 1357,13 im ganzen Vogelleben.


Wie sich das Verständnis von Wald als Erholungsgebiet und Kapitalstock vereinbaren lassen, zeigt Knut Sturm, Chefforstwirt des Lübecker Stadtwalds im Video.

Vester hatte das Blaukehlchen „in Wert gesetzt“ oder „monetarisiert“ – es dürfte der früheste Versuch gewesen sein, eine wild lebende, nicht nutzbare Art und ihre vielfältigen Leistungen für den Menschen in Geld auszudrücken. Im Wunsch, die vielfältige Abhängigkeit des Menschen von der Umwelt abzubilden, hatte der Pionier des vernetzten Denkens sich für einen Preis entschieden. Er ging davon aus, dass in einer soliden Kalkulation „all die Faktoren“ auftauchen, „die den Wert eines Dinges beeinflussen oder von ihm beeinflusst werden“.

Im Mai 1997 erregten Wissenschaftler um den US-amerikanischen Ökonomen Robert Costanza Aufsehen mit dem Versuch, den Wert der gesamten Biosphäre zu bestimmen. Für 16 Großlandschaften wie Korallenriffe, Wälder und Wüsten hatten sie den Preis der Ökosystemdienstleistungen zusammengetragen oder berechnet – etwa die Atmosphärenregulation, den Erosionsschutz und die Bodenneubildung. Sie kamen auf im Schnitt 33 Billionen US-Dollar (30 Billionen Euro) jährlich, fast das Doppelte des damaligen globalen Bruttosozialprodukts. Die Schätzung müsse als Mindestwert angesehen werden, schrieben die Autoren. Dennoch hagelte es Kritik. Sie entzündete sich sowohl an den Methoden als auch am Sinn der Fragestellung.

Doch spätestens 2005 erreichte die Idee, Natur als Kapital zu betrachten, die politische Mitte. Damals schloss die Weltökosystemstudie (Millennium Ecosystem Assessment) der Vereinten Nationen mit der Botschaft, dass sich nahezu zwei Drittel der Ökosystemdienstleistungen im Zustand „fortgeschrittener und/oder anhaltender Zerstörung“ befinden. Die Vereinten Nationen und die Weltbank riefen Initiativen zur Naturkapitalbilanzierung ins Leben. Die OECD befasst sich mit dem Thema. Die EU-Staaten haben sich zur Kartierung ihrer Ökosystemdienstleistungen verpflichtet. Es gibt eine „Natural Capital Coalition“, eine ebensolche Deklaration und so weiter. Wird jetzt alles gut?

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Eine Seebrise streicht über die Kieler Förde. Algengeruch mal Möwenrufe plus Verkehrslärm ist gleich Stadtstrand. Ein paar Schritte weiter geht gerade das Global Economic Symposium des Instituts für Weltwirtschaft zu Ende. Im Restaurant des Tagungshotels sitzt Barbara Unmüßig. Drei Tage lang hat die Chefin der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung auf Podien gesessen. Jetzt brütet sie eine Grippe aus. Auf dem Tischtuch liegt das Buch „Kritik der grünen Ökonomie“, das sie Anfang November mit zwei Mitstreitern veröffentlicht hat. Über einem Kapitel steht: „Natur oder Naturkapital?“ Stellt sich die Frage wirklich so hart?

Die zierliche Frau im Kostüm, die den Businessdamen hier nur äußerlich gleicht, holt tief Luft. Dann dreht sie die Argumentation um 180 Grad. Es sei falsch, die Natur der ökonomischen Sphäre zuzuordnen. „Es sollte genau anders herum sein.“ Die Wirtschaft müsse sich in den Grenzen des Planeten bewegen. Schließlich sei sie nur ein Teilsystem des komplexen Mensch-Natur-Verhältnisses. Es sei gefährlich, Leistungen aus Ökosystemen „herauszubrechen“, einzeln zu bewerten und zu handeln. „Ökosysteme sind nicht auf einzelne Funktionen reduzierbar. Sie funktionieren nur als ein Ganzes.“
Kritik üben: Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung befürchtet, dass der Umweltschutz zunehmend Marktkräften überlassen werden könnte – und fordert mehr klassische Umweltpolitik.   Foto: Thies Rätzke

Ihr missfällt, dass sich alles um den „Königsweg“ CO2-Handel drehe. „Plötzlich ist die CO2-Speicherkapazität eines Blattes oder eines Moores eine wichtige Ökosystemleistung.“ Es bestehe die Gefahr, dass man einseitig nur danach bewerte. „Dann kann man auf Naturwälder verzichten und dafür schnell wachsende Monokulturen pflanzen, die viel CO2 speichern.“ Instrumente wie der geplante Kohlendioxidmarkt zum Erhalt der Urwälder (REDD+) brächten den Kapitalismus in den letzten Winkel der Erde. „In dem Moment, wo ich aus dem CO2-Speicher ‚Blatt am Baum‘ ein Handelsgut mache, stellt sich die Frage: Wem gehört überhaupt der Wald, in dem die Bäume stehen? Indigene werden zu Marktteilnehmern. Mir geht das gegen den Strich.“

Barbara Unmüßig ärgert sich über das „angeblich alternativlose Mantra“, Umweltpolitik funktioniere über Preisgestaltung. „Wenn wir etwas als schädlich erkennen, sollten wir es nicht handeln, sondern
verbieten“, sagt sie und streicht die Tischdecke glatt. „So wie damals das Blei im Benzin.“ Dafür, fügt sie hinzu, müsse freilich der politische Wille da sein. Sie habe keine Zeit, sich „in komplizierten Berechnungsspielen zu verlieren“, sie wolle Mehrheiten mobilisieren helfen, „damit wir aus falschen Produktions- und Konsumwegen herauskommen“. Frau Unmüßig besteht darauf, die Natur um ihrer selbst willen zu schützen. Ganz klassisch. Dann muss sie zum Bahnhof. Auf der Förde kämpft jetzt ein Feuerwehrschlauchboot gegen einen kleinen Ölteppich.

Es ist paradox: Eigentlich geht es darum, Natur sichtbarer zu machen. Doch am Ende könnte deren ganze Fülle hinter dürren Daten verschwinden. Erfasst wird nur die Natur, die das Kapital sehen kann, bemerkte 2006 der US-Ökologe Morgan Robertson.

Fast täglich erscheinen Zahlen. Sie sind groß und beeindruckend: Korallenriffe erbringen 8,6 Billionen Euro im Jahr, und Großbritanniens „grüne Infrastruktur“ aus Wäldern, Böden und Flüssen ist mindestens 1,6 Billionen Pfund wert. Nur, was bedeuten diese Summen? Sie sind in etwa so hilfreich wie die Antwort des Computers im Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“. Auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ spuckt auch er eine Zahl aus: 42.

„Wir fordern das Kabinett auf, uns nun auch noch einen Preis für Liebe, den wahren Wert der Gesellschaft und eine Zahl für den Sinn des Lebens zu nennen“, ätzte im vergangenen Jahr der britische Umweltjournalist und Aktivist George Monbiot in einer Brandrede gegen die „Naturkapital-Agenda“ seines Heimatlandes. Es gebe Nutzen und Vorteile, die nicht sinnvoll finanziell ausgedrückt werden könnten. Umweltschützer, die darauf hoffen, warnte Monbiot: „Ihr könnt nicht gewinnen, wenn ihr die Werte eurer Gegner übernehmt.“

Bei der Studie Naturkapital Deutschland sind auch Organisationen wie Nabu, WWF und BUND mit im Boot. Es gehe ihnen um Zusatzargumente, sagt Hansjürgens. „Oft reicht es in gesellschaftlichen Debatten leider nicht, zu sagen: Dieser Wald ist schön.“ Wer aber bewahrt die Natur, die niemandem nutzt? Hansjürgens bleibt auf dem Waldweg stehen. Der Wertbegriff sei „denkbar breit“, sagt er, selbst „Basisleistungen“ wie die Fotosynthese umfasse er. Aber es stimme schon. „Wir können mit diesem Ansatz nicht alles beantworten.“

Es gibt Werte, die nur die Fantasie versöhnen kann – etwa in dem wunderbaren Kinderbuch „Der Bär, der nicht da war“. Dort trifft der Bär einen Pinguin, der gerne zählt. Die 38 Blumen vor seinem
Schnabel kennt er auswendig. Der Bär aber zählt und sagt: „Es stehen genau schöne Blumen um den Baum herum.“ Schön sei eine Sonderzahl für Blumen. Denn: „Blumen sind viel schöner als sie 38 sind.“

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Katja Morgenthaler

Unsere Autorin Katja Morgenthaler und der Fotograf Thies Rätzke waren besorgt, als sie mit Hans Joosten ins Moor gingen. „Darin ertrinkt man eigentlich nicht“, beruhigte der sie. Dass er einmal bis zum Hals versunken war, erzählte er zum Glück erst zurück „an Land“.

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