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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.17

Wassermänner

Text: Svenja Beller

Die Brüder Morris und Lior Etter bringen die Schweizer mit ihrer Organisation „Wasser für Wasser“ dazu, mehr Leitungswasser zu trinken. Damit nicht genug: Zugleich sammeln sie Spenden für Wasserprojekte in Sambia

Essenszeit, ein Restaurant irgendwo in der Schweiz. Die Gäste haben Speisen und Weinbegleitung aus langen Karten ausgesucht. Nur beim Wasser haben sie keine Wahl – es gibt ausschließlich „Hahnenwasser“, wie man in der Schweiz sagt. Der Kellner bringt es in einer Karaffe, darauf groß die Buchstaben „WfW“ – „Wasser für Wasser“. Wenn die Gäste dieses Wasser trinken, tun sie damit zugleich etwas dafür, dass auch andere Menschen Wasser haben, für die das nicht so selbstverständlich ist.

Hinter der Initiative stehen die Brüder Morris und Lior Etter. Sie hatten eigentlich ganz andere Dinge im Kopf, Morris studierte Internationale Beziehungen in Genf, der drei Jahre jüngere Lior spielte als Fußballprofi für den FC Luzern. Dann starb 2011 ihr Bruder und nichts schien mehr einen Sinn zu haben. Mit dem vagen Vorhaben, dem Schlechten etwas Gutes entgegenzusetzen, gingen sie auf Reisen und fanden schnell, womit sie helfen konnten: Wasser.

Zurück in der Schweiz gründeten die Brüder „Wasser für Wasser“. „Wir wollten aber nicht einfach Geld sammeln“, erklärt Morris Etter. „Wir wollten unser Anliegen bei den Menschen im Alltag integrieren und an den Konsum koppeln.“ Die Idee: Restaurants verkaufen Leitungswasser und spenden ihnen das Geld.

„Am Anfang wussten wir noch gar nicht, wo wir die Spenden einsetzen werden“, erzählt der 30-jährige Morris. „Der Druck war groß.“ Durch ein Start-up-Trainingsprogramm für Wassermanagement kamen sie auf Sambia: Platz 139 von 188 auf dem Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen (UN), Lebenserwartung 60,8 Jahre, ein Drittel der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, rund der Hälfte mangelt es an Sanitäranlagen. Die Schweiz und Deutschland belegen auf dem UN-Index Platz zwei und drei. Die Menschen hier sollten begreifen, dass ihr Lebensstandard nicht selbstverständlich ist, fanden Morris und Lior, und sie sollten lernen, wie leicht es ist, etwas abzugeben.

Mittlerweile spenden ihnen 250 Restaurants und 140 Firmen Geld, indem sie Leitungs- statt Flaschenwasser ausschenken. Bieten sie zusätzlich auch Wasser aus der Flasche an, spenden sie das mit Leitungswasser erwirtschaftete Geld zu hundert Prozent. Bieten sie ausschließlich Leitungswasser an, spenden sie einen vereinbarten Anteil der Erlöse, damit der Gewinnausfall nicht zu groß ist.

In Sambias Hauptstadt Lusaka stehen nun leuchtend hellblaue Häuschen, daran zwei Wasserschläuche. Diese „Wasserkioske“ installiert WfW zusammen mit dem örtlichen Wasserversorger und einer britischen Organisation. Die Bewohner der Armenviertel von Lusaka können sich dort Wasser zu subventionierten Preisen in Kanister und Eimer füllen. 65.000 Sambiern werden WfW und seine Partner allein mit dem derzeit größten Projekt einen Wasserzugang ermöglichen. Damit die Menschen künftig nicht mehr schleppen müssen, wollen die Schweizer Hausanschlüsse legen. Darüber hinaus fördern sie die Ausbildung von Sanitärinstallateuren vor Ort, „mehr als 200 Studenten haben wir nun schon“, sagt Morris Etter. „Aber das Berufsbild ist stigmatisiert, die Leute denken an Fäkalien.“ Da sei es wichtig, aufzuklären.

Um Aufklärung geht es ihnen auch zu Hause in der Schweiz. Gerade haben sie eine App entwickelt, die alle Trinkwasserbrunnen Luzerns mit Hintergrundinfos zu Geschichte und Wasserqualität anzeigt. Und sie haben eine Sommerbar eröffnet, den „Nordpol“, direkt am Wasser. Dort gibt es Gutes aus der Umgebung, afrikanische Musik – und natürlich Leitungswasser.