Wegweiser

Jörn Hartje

„Bei Seegras kann man aus dem Vollen schöpfen, ohne der Natur zu schaden.“
Jörn Hartje

Strand ist nicht gleich Strand, das weiß jeder Reisende. Um auf Fotos etwas herzumachen, soll er bitte blütenweiß sein und ein bisschen nach Ewigkeit aussehen – was an der Ostseeküste eher selten der Fall ist. „Wer hier Südseestrände will, dem macht das Seegras eine Strich durch die Rechnung“, sagt Jörn Hartje. Ihm ist das, was vielen Strandbesuchern ein Dorn im Auge ist, zur Leidenschaft geworden: Zostera marina, das Gewöhnliche Seegras. Allein an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins werden jährlich 200.000 Tonnen davon angespült. Die verrottenden Haufen der langen Blätter stören die Idylle – doch Hartje weiß eine Lösung.

Der Ornithologe will zeigen, dass das Meeresgewächs nicht nur wichtiger Bestandteil eines Ökosystems ist, sondern seine Überreste auch bestens als Dämmstoff geeignet sind: Seegras gilt als feuerfest, hat einen ähnlichen Dämmwert wie Hanf und speichert, verbaut in Wänden und Dächern, CO2. Rund um die Ostsee wurde es wohl schon in früheren Jahrhunderten beim Hausbau verwendet – diese Tradition wollen Hartje und seine Frau Swantje Streich wiederbeleben. 2004 isolierten sie die Wände ihres Hauses mit Seegras, vieles davon sammelten, säuberten und trockneten sie selbst. Ein hartes Stück Arbeit.

Die Kunde von ihrer Seegrasdämmung machte schnell die Runde, immer mehr Menschen wollten Seegras von den beiden beziehen. Heute betreibt das Paar im Nebenerwerb einen kleinen Seegrashandel. Hartje und Streich arbeiten mit Landwirten in Dänemark zusammen, die das Seegras an der Küste abbaggern, von Sand befreien und getrocknet zu Ballen pressen. Mehr als hundert Häuser hat Hartje so schon mit dem Dämmstoff aus dem Meer versorgt, darunter zuletzt auch zwanzig „Tiny Houses“, mobile Häuser im Format eines Bauwagens. „Seegras ist wertvoll, man kann aus dem Vollen schöpfen, ohne der Natur zu schaden. Von welchem anderen Rohstoff kann man das schon sagen?“ Hartje möchte ein Umdenken in den Strandgemeinden anstoßen. Das Meereskraut ist für ihn weit mehr als ein Baustoff: „Für mich ist es ein Stück Sehnsucht nach Meer – im Haus.“

Jörn Hartje

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