Weltmeister USA

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.00

Weltmeister USA

Mr. Average verbraucht mehr als alle anderen — und findet sich doch Umweltbewusst.


Mr. Average – der amerikanische Otto Normalverbraucher hat leider keinen Vornamen – fährt gern Auto. Das muss er auch. Schließlich ist er jeden Tag mindestens 12 Meilen unterwegs, sechs Meilen hin zur Arbeit und sechs Meilen zurück. Und da er auf Sicherheit und Bequemlichkeit achtet und in den letzten Jahren recht gut verdient hat, konnte er sich vor zwei Jahren einen neuen Wagen kaufen: ein Sport Utility Vehicle, kurz SUV, diese Mischung aus Geländewagen und Pkw, die einen – so die Werbung – auch in den Wüsten des Westens oder auf den Gipfeln der Rocky Mountains nicht im Stich lässt.

Mr. Average fühlt sich wohl in seinem Auto. Mit dem Kaffeebecher aus Styropor und der Donut-Tüte in Reichweite lässt sich sogar das morgendliche Verkehrschaos aushalten. 40 Stunden im Jahr verbringt er schließlich mit stoischer Ruhe im Stau – reine Gewohnheitssache. Parkplatzsorgen kennt er glücklicherweise nicht, denn sein Bürogebäude hat Tiefgarage und Parkplatz. Schnell noch einen extra großen Milchkaffee aus dem nächsten Eckladen und ab in den Aufzug. Im Büro brummen Klimaanlage und Computer.

274 Millionen Menschen leben in den USA, und sie sind Weltmeister: im Kaufen und Konsum. Sie verbrauchen im Jahr 25 Milliarden Styropor-Becher, insgesamt soviel Energie wie China, Russland, Japan und Großbritannien zusammen und produzieren ein knappes Viertel allen Kohlendioxids weltweit (siehe auch Kästen).

US-Amerikaner sind aber auch Umweltschützer. Mr. Average ist eines von vier Millionen Mitgliedern der National Wildlife Federation. Die zweite große Umweltorganisation, der Sierra Club, hat fast ebenso viele Unterstützer. Mr. Average ist gut informiert: über die Gefährdung der Everglades und ihre Alligatoren, die bedrohten kalifornischen Seeotter oder auch darüber, wie er seinen Garten vogelfreundlicher gestalten kann. Wie 70 Prozent Amerikaner meint Mr. Average, dass Umweltschutz Vorrang habe solle, auch wenn dadurch das Wirtschaftswachstum gebremst würde. Er dachte das auch schon vor zehn Jahren, als die Ökonomie noch nicht so brummte.

Gespaltenes Bewusstsein. Die USA sind das Land mit dem meisten Müll, aber auch mit der besten Recyclingquote: Mr. Average trennt Müll mit größerer Leidenschaft als Otto Normalverbraucher. Kalifornien hat die schärfsten Abgasbestimmungen weltweit. Noch bevor man in Deutschland überhaupt wusste, wie ein Katalysator arbeitet, war er in den USA Pflicht, und so wundert es nicht, dass die Luftqualität sich seit 1970 verbessert hat. Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid sind um zwei Drittel weniger geworden, obwohl die Bevölkerung um fast ein Drittel gewachsen ist und sich die Zahl der Autokilometer verdoppelt hat.

Die Mittagspause ist kurz. Mit Kollegen geht Mr. Average zu einem Schnellimbiss um die Ecke. Eine Pappschachtel mit einem Hamburger, eine Papiertüte mit Pommes frites, zwei Plastiktütchen Ketchup, ein Pappbecher mit Cola light, vier Papierservietten, eine Plastikgabel. Der Kollege erzählt vom Wochenende im Shenandoah National Park: den bunten Laubwäldern, der klaren Luft, den wundervollen Flüssen und der abendlichen Grillparty.

Weniger verschmutzte Luft, sauberere Flüsse und mehr Nationalparks: Zweifellos hat die US-Umweltpolitik Fortschritte gemacht. Doch Fortschritte nur in einem Sinn: in der Entsorgung der Schäden. Es wird nicht weniger verbraucht, sondern Jahr für Jahr mehr, das aber umweltfreundlicher als früher. Mr. Average fährt mehr Auto als früher, das aber mit saubererem Benzin. Er benutzt mehr Plastikbecher als vor zehn Jahren, schmeißt die aber nicht mehr in den normalen Müll, sondern in die Recycling-Tonne.

„Nachhaltige Entwicklung – nach diesem Motto leben wir hier wahrhaftig nicht“, sagt Philipp Kavits, der für die Öffentlichkeitsarbeit der National Wildlife Federation zuständig ist. Aber er sagt auch: „Verzicht ist keine Lösung. Amerikaner haben lange damit gelebt, zu glauben, dass die Natur kein Ende habe. Einfach nein sagen, das funktioniert deshalb in diesem Land nicht.“

Trotzdem – langsam, ganz langsam erkenne Mr. Average, dass es sein Lebensstil sei, der Probleme schaffe. Beispiel „urban sprawl“, das Ausufern der Städte. Immer mehr Amerikaner verwirklichen ihren Traum vom Eigenheim und stellen fest, dass sie in einen Albtraum geraten. Endlose, uniforme Eigenheimsiedlungen umgeben heute die Großstädte, ellenlange Straßen mit freistehenden Einfamilienhäusern auf fast fußballfeldgroßen Grundstücken. Alle fünf Kilometer, an der Kreuzung zweier Hauptstraßen, steht ein Shoppingcenter mit Tankstellen und Schnellimbissen. Vom Nord- bis zum Südende Atlantas, einem Großraum mit 3,5 Millionen Menschen, sind es heute fast 100 Kilometer. Klar, dass Mr. Average jedes Jahr mehr und länger Auto fährt.

Auf dem Weg nach Hause macht Mr. Average noch einen kurzen Umweg. Shopping im Einkaufszentrum. Zu Hause probiert er die neuen Turnschuhe aus: Nike, made in Indonesien. Eine Dreiviertelstunde joggt er durch die Vorstadt, anschließend mäht er den Rasen, bläst das Gras mit seinem Motorblasebalg zusammen und stopft es in den Müllsack für die kompostierbaren Gartenabfälle. Duschen, Waschmaschine und Trockner anwerfen. Im Haus ist es kühl und trocken, denn Luftentfeuchter und Klimaanlage arbeiten auf Hochtouren. Zum Abendessen vor dem Fernseher gibt es ein Fertiggericht aus der Mikrowelle. Seine Rekordbilanz vor dem Schlafengehen: Vier Liter Sprit durch den Auspuff gejagt, 340 Gramm Fleisch gegessen, zwei Kilogramm Müll produziert, außerdem 14,71 Kilogramm Kohlendioxid, davon allein 2,74 Kilogramm durch das Autofahren. Na dann gute Nacht!

Von GÜNTHER WESSEL
Illustrationen: SUSANNE SAENGER



Fakten und Zahlen

Konsumweltmeister
Die 274 Millionen US-Amerikaner stellen insgesamt 4,6 Prozent der Weltbevölkerung. Sie verbrauchen aber:
32 % des gesamten Papiers
27 % des gesamten Aluminiums
24 % des gesamten Kupfers
23 % des gesamten Öls
21 % des gesamten Rindfleischs
19 % des gesamten Kaffees
16 % des gesamten Getreides
13 % des gesamten Stahls

Klimagase
1990 bliesen die USA 5984,37 Millionen Tonnen Treibhausgase (Angaben in Kohlendioxid-Äquivalenten) in die Atmosphäre, davon waren:
Kohlendioxid 4929,10 Mio. t
Methangas 622,97 Mio. t
Distickstoffoxid 350,90 Mio. t
Fluorkohlenwasserstoffe (FKW)
und andere (z.B. FCKW) 81,40 Mio. t

Bis 1997 stieg der Ausstoß der Treibhausgase auf 6649,87 Millionen Tonnen
Kohlendioxid-Äquivalente, davon:
Kohlendioxid 5455,63 Mio. t
Methangas 658,53 Mio. t
Distickstoffoxid 399,67 Mio. t
Fluorkohlenwasserstoffe (FKW)
und andere (z.B. FCKW) 136,03 Mio. t

Fast ein Viertel (23,9 Prozent) allen Kohlendioxids weltweit entsteht in den Vereinigten Staaten (1997). Durchschnittlich produziert jeder US-Amerikaner 5,37 Tonnen Kohlendioxid im Jahr (1996), mit rasant steigender Tendenz.

Energieverbrauch
Mit 27,6 Millionen Gigawattstunden (Mio. GWh) verbrauchen die USA ca. ein Viertel der Energie weltweit (1998). Zum Vergleich andere Staaten (1997):
China 10,73 Mio. GWh
Russland 7,80 Mio. GWh
Japan 6,20 Mio. GWh
Deutschland 4,12 Mio. GWh
Kanada 3,57 Mio. GWh
Indien 3,46 Mio. GWh
Großbritannien 2,95 Mio. GWh
Frankreich 2,85 Mio. GWh
Italien 2,24 Mio. GWh

Müll
Abfall pro Kopf und Tag:
1960 1225 Gramm
1970 1497 Gramm
1980 1678 Gramm
1990 1950 Gramm
1995 1995 Gramm
2000 2005 Gramm

davon werden:
wieder verwertet 603 Gramm
verbrannt 326 Gramm
deponiert 1078 Gramm

Bei mehr als 274 Millionen Amerikanern sind das fast 296.019 Tonnen pro Tag, die irgendwo deponiert werden. Ein Fast-Food-Restaurant produzierte 1990 bei 2000 Kunden etwa 108 Kilogramm Müll am Tag, davon 34 Prozent Essensreste.

Stromfresser Eigentum
Von den 101 Millionen Haushalten in den USA besitzen:
99 % Farbfernseher
85 % einen Kühlschrank
15 % zwei oder mehr Kühlschränke
83 % Mikrowelle
77 % Waschmaschine
55 % Wäschetrockner
50 % Spülmaschine
47 % zentral gesteuerte Klimaanlage
5 % Swimmingpool

Der ungebrochene Autoboom
Jedes Jahr werden in den USA etwa 8,1 Millionen Neuwagen verkauft, unter ihnen zunehmend Sport Utility Vehicles (SUV). Wurden 1988 noch 960.852 SUVs zugelassen, waren es 1998 fast 2,8 Millionen. SUVs lassen den Gesamtbenzinverbrauch aller Autos steigen. Nimmt man SUVs, Pkws, Minivans, Vans und kleine Trucks zusammen, so ergibt sich ein durchschnittlicher Verbrauch auf 100 Kilometer:
1975 von 15,38 Liter
1980 von 10,46 Liter
1985 von 9,41 Liter
1990 von 9,33 Liter
1995 von 9,52 Liter
1999 von 9,88 Liter

Technische Verbesserungen werden durch immer stärkere Motoren wieder zunichte gemacht. Der wirtschaftliche Anreiz zum Benzinsparen ist gering: 1982 kostete die Gallone (3,785 Liter) Benzin im Schnitt 1,281 Dollar, 1999 waren es nur noch 1,127 Dollar. SUVs und sogenannte leichte Trucks sind in den 90er Jahren die wesentliche Ursache für den wachsenden Kohlendioxidausstoß. Ein typischer SUV, der am Tag durchschnittlich 19,31 Kilometer gefahren wird, spuckt im Jahr eine Tonne Kohlendioxid aus. Zwei Drittel allen Kohlendioxids in den USA entstehen durch Transport. In den Städten sorgen Autos für 90 Prozent allen Kohlenmonoxids. In etwa 100 Städten sind die Ozonwerte im Sommer höher, als die Grenzwerte der Bundesbehörde Environmental Protection Agency (EPA) erlauben (National Ambient Air Quality Standard).

Neun städtische Großräume, in denen über 57 Millionen Menschen leben, sind stark verschmutzt, in ihnen gibt es Spitzenwerte, die den Grenzwert oft um satte 50 Prozent übersteigen. Ernüchternd eine andere Zahl: Fuhren 1996 noch 53,3 Millionen Amerikaner mehr als einmal im Jahr Fahrrad, waren es 1998 nur noch 43,5 Millionen.