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Wie Tiere fühlen

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.10

Wie Tiere fühlen

Text: Carsten Jasner Foto: Tommaso Ausilio/Contrasto/laif

Unser Umgang mit der Kreatur ist geprägt von der herzlosen Sicht der Naturwissenschaft. Ein Plädoyer für mehr Mut, Gefühl und Menschlichkeit in der Forschung und in der Tierhaltung.

Vor der Bucht von San Francisco kämpft ein Buckelwal gegen ein riesiges Krabbennetz. Immer mehr verfängt er sich darin; verschnürt wie ein Paket droht er vom Gewicht des Netzes in die Tiefe 
gezogen zu werden. Stundenlang schneiden vier 
Taucher eines Rettungsteams das 15 Meter lange und 30 Tonnen schwere Tier frei. Derjenige, der die Schnur im Maul durchtrennt, fühlt sich von der Walkuh genau beobachtet.

Dann passiert das Unglaubliche: Das befreite Tier schwimmt Kreise um seine Retter, schubst jeden einzelnen behutsam an und verschwindet in der Tiefe. „Wir hatten das Gefühl“, erzählen die bewegten Männer später, „das Tier wolle sich bei uns bedanken“. Unweit davon, im kalifornischen Zentrum für Meeressäugetiere, liefert eine Veterinärmedizinerin eine 
andere Erklärung: Die Schwimmrunden waren wahrscheinlich eine Streckübung, um sich von der gekrümmten Haltung im Netz zu erholen. Die Taucher seien dabei im Weg gewesen.

Große Gefühle oder bloß Gymnastik? Wir wissen sehr wenig über Tiere. Fühlen sie ähnlich wie wir? Wie bewusst nehmen sie ihre Umgebung wahr? Kann ein Wal Dankbarkeit empfinden? Ein Pudel beleidigt sein?

Die althergebrachten Methoden der Naturwissenschaft helfen bei diesen Fragen nicht weiter. Die Empirie steckt in der Sackgasse. Die meisten Forscher im Labor verlassen sich auf die Kraft der unverfälschten Daten, gewonnen im wiederholbaren Experiment. Sie messen, was ihnen wichtig erscheint, mit der Folge, dass ihnen vor allem wichtig erscheint, was sich messen lässt. Weil es jedoch keine exakte Methode gibt, das Gefühlsleben von Tieren zu bestimmen, wird es ignoriert. Man redet von Affekten, Instinkten, Konditionierung. Manche Forscher behaupten gar, Tiere hätten keine Gefühle.

Dem widerspricht vehement die Erfahrung der meisten Haustierbesitzer, deren Beobachtungen Fachleute als subjektive Projektion menschlicher Gefühle belächeln. Doch die laienhafte Sicht bekommt neuerdings Unterstützung von Biologen, die sich nicht scheuen zu folgern: Tiere, die sich in bestimmten Situationen ähnlich verhalten wie Menschen, dürften dabei wohl ähnliche Gefühle haben.

Wenn also ein Hund zur Begrüßung hochspringt, mit dem Schwanz wedelt und Frauchens Hände schleckt – tut er das, weil er in einem Prozess der Konditionierung festgestellt hat, dass sie dann Futter aus dem Schrank holt? Oder darf man wagen zu sagen: Der Hund freut sich? Wenn Elefanten in der afrikanischen Savanne tagelang still bei einem toten Artgenossen verharren, ihn mit Rüssel und Füßen betasten und Zweige auf ihn legen: Ist das eine Stressreaktion auf eine negative Veränderung in ihrer Umgebung, oder trauern diese Tiere?

Haustiere wie Hunde, Rinder, Schafe oder -Lämmer haben keine Gefühle, sagt Gerhard Manteuffel, Verhaltensphysiologe am Leibniz-Institut für Nutztierbiologie. Sie hätten höchstens niedere Emotionen. Manteuffel hat einen Mund, der auch beim Reden immer zu lachen scheint. Ein Schwein könne nicht leiden, weil ihm das höhere Bewusstsein fehle, sagt er. Würde man dem Tier unbetäubt ein Bein abschneiden, würde es nicht merken, dass es das eigene ist. Es empfinde eine Art Schmerz, aber nicht den eigenen. Gehe es ihm an den Kragen, so Manteuffel, „spürt es vielleicht ‚Es ist Angst‘, aber nicht ‚Ich habe Angst‘“.

Bis vor einigen Jahren hat Gerhard Manteuffel in der Roboterforschung gearbeitet. Jetzt ist er auf dem Institutsgelände in Dummerstorf bei Rostock aktiv, wo im staatlichen Auftrag ermittelt wird, wie man die Deutschen effektiv mit tierischem Eiweiß versorgen kann. Im institutseigenen Schweinestall hat er eine Technik für die Fütterungsoptimierung entwickelt: Aus einem Lautsprecher tönt eine androgyne Stimme, wie sie auch in der Tram Haltestellen ankündigt. „Adele“, sagt sie. Aus einem Kreis dösender Schweine steht eines auf, trottet zu einer automatischen Futteranlage, die Adeles Chip im Ohr erkennt und ihr eine Ration genehmigt. Normalerweise balgen sich Schweine um den Trog, sagt Manteuffel. Die neue Technik steigere Gesundheit und Wohlbefinden. Herzfrequenz, Blutdruck und Stresshormonspiegel: Das sind die messbaren Parameter, aus denen sein Institut die drei Säulen „tiergerechter Haltung“ formt – „richtige Temperatur, Fressen und Wasser, keine Verletzungsgefahr“. Betonschlitzböden mit schmalen Spalten seien darum in Ordnung. Abkneifen der Ringelschwänze auch – „merken sie kaum“. Eine Zuchtsau, die ihr halbes Leben lang in einem stählernen Abferkelgitter fixiert ist, leide nicht – „domestizierte Schweinerassen brauchen keinen Auslauf“. Einziges Problem sei fehlendes Stroh. Dass Schweine nicht ihrem Wühltrieb nachgehen können, sei nicht schön, lacht Manteuffel. „Andererseits: Können die etwas schön finden?“

Das ist die Frage. Ebenso: Können sie etwas besonders unschön finden? In deutschen Schlachthäusern wird unter enormem Zeitdruck gearbeitet, darum werden nach Recherchen des Kulmbacher Max-Rubner-Instituts jährlich rund 500.000 Schweine und 200.000 Rinder ohne Betäubung gesiedet und zerteilt. Das ist per Schlachtverordnung verboten. Doch solange es hinter verschlossenen Toren geschieht, interessiert es kaum jemanden. Nach dem deutschen Tierschutzgesetz darf niemand einem Tier „ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“. Doch welcher Tierversuch stellt einen „vernünftigen Grund“ dar? Wer weiß, ob ein Huhn Schmerzen hat? Wann und wie ein Tier leidet? Gefühle sind wissenschaftlich schwer zu beweisen, auch bei uns. Nichtsdestotrotz gehen wir davon aus, dass andere Menschen welche haben. Tieren aber gestehen wir Gefühle nur schwer zu. In Gefühlsfragen schließen wir von uns auf Mitmenschen, zum Teil auch auf Menschenaffen. Andere uns verwandte Lebewesen jedoch bleiben außen vor. Das ist unlogisch und ungerecht.

Es ist an der Zeit zu fragen, was unsere Sicht auf Tiere – ob Affe im Zoo, Wachhund, Laborratte oder künftiges Schnitzel – geprägt hat. Und was passieren muss, um unseren Umgang mit der Kreatur zu revolutionieren?

1. Woher stammt die herzlose Sicht vieler Wissenschaftler?
Der Philosoph und Mathematiker René Descartes unterschied vor 400 Jahren Lebewesen in jene mit Geist und jene ohne, darunter alle Tiere. Sie funktionierten seelenlos wie ein Uhrwerk, und so wurden sie vom Menschen auseinandergenommen: ohne Betäubung, auf Bretter genagelt – ihre Schreie verstand der „objektive Geist“ wie Gongschläge, die eine zurückschnellende Feder auslöst, ihr zuckenden Nerven wie ein faszinierendes Räderwerk.

Wissenschaftliche Neugier wird immer von persönlichen Neigungen getrieben, von gesellschaftlichen Werten und finanziellen Interessen. Dennoch lebt die kartesianische Illusion fort, dass der Mensch emotionslos, objektiv und wertfrei die Welt korrekt beschreiben könne. Der vernunftbegabte Mensch soll die Gesetze der Natur erfassen, indem er ein einziges Sinnesorgan nutzt: das Auge. Der „unbestechliche“ Blick ist das herrschende Instrument der Wissenschaft, und auch die mechanistische Idee vom Leben hat Einfluss bis heute; aufgefrischt wurde sie in den 60er-Jahren durch Burrhus Skinner und die sogenannten Behavioristen. Sie betrachten Tiere als gefühllose Bio-Maschinen, deren Verhalten sich durch Reiz-Reaktions-Muster erklären lässt.

2. Dürfen wir Tiere vermenschlichen?
Aber sicher, sagt der Primatologe Volker Sommer von der Universität London. Und Menschen sollten wir vertierlichen. Der Anthropomorphismus, die Vermenschlichung tierischen Verhaltens, ebenso wie der Zoomorphismus, die Beschreibung von Menschen mit tierischen Attributen, sei eine gute Übung, nicht länger in starren Artenrastern zu denken. Die Evolution hat für fließende Übergänge zwischen den Spezies gesorgt. Der Schimpanse etwa stehe uns genetisch näher als dem Gorilla. Alle Affen dürfen „wütend“ oder „traurig“ sein. Das durften sie Anfang der 60er-Jahre noch nicht, bis Jane Goodall die Verhaltensforschung revolutionierte. Sie brach ein Tabu, indem sie den Affen Namen statt Nummern gab. Sie schilderte, wie das Schimpansenkind „Flint“ seine tote Mutter „Flo“ fand. Er saß stundenlang neben ihr, zog an ihrer Hand, schaukelte mit stumpfem Blick vor und zurück. Von einem Baum betrachtete er dann die Stelle, wo er mit seiner Mutter übernachtet hatte. Er wurde 
immer apathischer und verendete knapp einen Monat nach seiner Mutter. „Flint starb aus Gram“, sagte Goodall. Dafür erntete sie weltweit Spott.

Wir können das Verhalten von Tieren nur „mit den Worten beschreiben und erklären, die uns von einem menschlichen Gesichtspunkt her vertraut sind“, sagt der amerikanische Verhaltensbiologe Mark Bekoff. Dabei bemühe er sich allerdings um eine tierische Perspektive. Bekoff ist ein Ausdauersportler mit langen Haaren und blitzenden Augen, der in den Bergen von Colorado zwischen Berglöwen, Kojoten und seinen Hunden lebt. „Wenn ich sage, ein Hund ist glücklich oder eifersüchtig, bedeutet das nicht, dass er genau wie ein Mensch glücklich oder eifersüchtig ist“, betont er. Und es bedeute auch nicht, „dass er so ist wie andere Hunde“. Die Vermenschlichung sei schlicht ein sprachliches Werkzeug. Und jedes Wesen habe seine eigene Persönlichkeit.

3. Was sagte Charles Darwin dazu?
Im Zoo von London beobachtete der Begründer der Evolutionstheorie die Geburt von Nilpferdbabys. Die Mutter litt heftig, erzählt er in „Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen beim Menschen und den Tieren“: „Das Thier gieng unaufhörlich herum oder wälzte sich auf den Seiten, öffnete und schloss die Kinnladen und schlug die Zähne aufeinander.“ Als es die Jungen schließlich gebar, war es „mit roth gefärbtem Schweisse bedeckt“. Schwitzen in der „Agonie von Schmerz“ sei ein für viele Spezies gemeinsames Merkmal, so Darwin. Großes Leid sei weiterhin von Schreien oder Knurren begleitet, „wobei der Körper gewunden und mit den Zähnen geknirscht“ wird. Das sei „von Anfang an“ so gewesen.

Darwin erkannte sechs artübergreifende Kernemotionen: Ärger, Glück, Trauer, Ekel, Angst und Überraschung. Über die Freude schreibt er: „Wir sehen dies an unsern kleinen Kindern in ihrem lauten Lachen, dem Zusammenschlagen der Hände und dem Hüpfen vor Freude, in dem Springen und Bellen eines Hundes, wenn er mit seinem Herrn ausgehen will, und in den muntern Sprüngen eines Pferdes, wenn es auf ein offnes Feld gelassen wird.“

4. Welchen Sinn haben Gefühle?
Am Fuß der Rocky Mountains stehen vier Elstern am Straßenrand um einen verblichenen Artgenossen. Mark Bekoff sieht, wie sie ihn sanft mit dem Schnabel picken. Dann fliegen zwei der Vögel auf, holen ein paar Grashalme und legen sie neben den Toten. Alle vier stehen eine Weile still herum, bis eine Elster nach der anderen davonfliegt. Ein Trauerritual?
Wenn sich zwei befreundete Elefantenherden begegnen, schildert die Verhaltensforscherin Cynthia Moss, trompeten sie schon aus der Ferne und rennen aufeinander zu. Sie wedeln wild mit den Ohren, schlingen die Rüssel umeinander, drehen sich im Kreis, dröhnen mit tiefem Bass. Eine Party?

In den walisischen Bergen legen sich Raben auf den Rücken und rodeln schneebedeckte Berge hinunter. Nordamerikanische Büffel schlittern grunzend über vereiste Flächen. Auf der japanischen Insel Honshu spielen junge Makaken mit selbst geformten Schneebällen. Wer tierisches Verhalten nur nach dessen unmittelbarem Nutzwert beurteilt, hat Schwierigkeiten, solche Aktionen zu erklären. Sie kosten Energie, sie bergen Verletzungsrisiken, sie machen die Beteiligten angreifbar. Welchen Vorteil bieten sie?

Trauer, sagen Forscher, ist der Preis für eine enge Bindung zu Lebzeiten, während der man gemeinsam stärker ist. Als sozialer Kitt dienen auch Zuneigung und Freude. Spielen fördert das Kennenlernen und kräftigt den Körper. Außerdem macht es Spaß.

5. Können Tiere lachen?
Kitzelt man Ratten am Genick, wo sie sich beim Spielen packen, dann „lachen“ sie, hat der Neurowissenschaftler Jaak Panksepp festgestellt. Die Nager stoßen dabei ein Pfeifen von etwa 50.000 Hertz aus, was sie auch tun, wenn sie raufen und sich necken. Sie tun das, weil sie dafür mit der Ausschüttung von Dopamin und anderen Hormonen belohnt werden. In glücklichen Momenten durchstömen sie auch uns.

Die Gehirne aller Säugetiere sind grundsätzlich gleich aufgebaut, lediglich die Proportionen unterscheiden sich. In stammesgeschichtlich älteren Hirnregionen hat sich das limbische System gebildet, das unsere Handlungen mit Stimmungen bewertet. So wird unser Verhalten gesteuert, ohne dass wir es merken. Emotionen sind der zauberhafte Treibstoff des Lebens. Sie drängen Säuger zum spielerischen Herumalbern, weil dadurch Nervenverbindungen in Gehirnregionen wie dem frontalen Cortex und der Amygdala geknüpft werden, die für emotionales und soziales Lernen wichtig sind.

6. Können Tiere lieben?
Fast alle säugenden Mütter und einige Väter ziehen ihre Kinder aufopferungsvoll auf und verteidigen sie unter Einsatz ihres Lebens gegen Feinde. Selbst manche Wirbellose wie australische Blutegel tragen ihre Jungen herum und füttern sie bis zu sechs Wochen nach dem Schlüpfen. Droht Gefahr, verfrachten sie die Brut in sichere Gefilde. Dieses Verhalten hätte sich evolutionär nicht durchgesetzt, wenn dafür keine hormonelle Belohnung winkte. Ohne diese natürliche, automatisch aktivierte Bindung hätte Nachwuchs nie eine Chance gehabt. Ohne sie gäbe es kein Leben. Bei Wirbeltieren wird die elterliche Zuneigung durch das Kindchen-Schema befördert: große Augen, großer Kopf. Der Paläontologe John Horner hat diese Merkmale bei Abdrücken von Dinosaurierbabys festgestellt. Er nimmt an, dass schon deren Eltern ihre Kleinen „süß“ fanden.

7. Können Tiere leiden?
Sie können sogar mitleiden. Man hat Mäusen verdünnte Essigsäure in den Rachen gespritzt. Kurz darauf streckten und wanden sie sich vor Bauchschmerzen. Die Forscher entdeckten, dass Artgenossen, die Zeuge dieser Tortur waren, besonders empfindlich wurden: Unter derselben Dosis wanden und streckten sie sich mehr. Offenbar entwickeln sie beim Zuschauen eine Vorstellung des Schmerzes, die den am eigenen Leib erlebten verstärkt. Folteropfer kennen das Phänomen: Die Angst vor dem Schmerz macht diesen erst recht unerträglich. Wir kennen das aus dem Alltag: Es reicht, dass uns jemand erzählt, wie ein Bekannter in den Unterleib getreten wurde, schon krümmen wir uns. „Die meisten Tiere teilen die Gefühle ihrer Gruppenmitglieder“, sagt der bekannte Verhaltensforscher Frans de Waal. „Das ist für mich Empathie.“ Sie habe sich aus der innigen Beziehung zwischen Mutter und Kind entwickelt. So nehmen Schimpansen und Orang-Utans nach Streitereien den Verlierer in den Arm, streicheln und küssen ihn. Auch Gänse trösten: Hat ein Ganter bei einem Machtkampf Federn gelassen, watschelt seine Partnerin herbei, um ihn aufzumuntern. Sein Selbstbewusstsein beeinflusst auch ihre soziale Stellung.

Die Gehirne von Fischen oder Vögeln unterscheiden sich zwar von denen der Säuger, dennoch zeigt sich mehr und mehr, dass sie insgesamt ähnlich funktionieren. Forscher injizierten Essigsäure in die Lippen von Forellen, worauf diese ihren Mund am Boden des Aquariums rieben und ihre Körper hin und her wiegten. Verabreichte man ihnen eine Dosis Morphium, hörten sie damit auf. Ein Fisch am Angelhaken stößt Stresshormone und schmerzstillende Substanzen aus, die auch leidende Menschen produzieren. Überlebt der Fisch den Angriff, meidet er fortan den Tatort. Verletzte Tintenfische verhalten sich ähnlich, auch Langusten, Hummer und Krabben spüren Schmerzen und lernen, sie zu vermeiden.

Donald Broom, Professor für Tierschutz an der Universität Cambridge, wettert besonders gegen die Standardfangmethode: Fische werden im Netz an Bord gehievt, wo sie zuckend verenden. Dabei würden die Tiere besonders leiden, der Erstickungstod sei „inakzeptabel“. Broom schlägt Betäubung durch Stromschläge vor.

8. Wieviel Bewusstsein ist nötig, um zu fühlen?
Im Klub der offiziell anerkannt fühlenden Wesen sind bisher Schimpanse, Orang-Utan, Delfin, Elefant und Elster Mitglied. Die Spezies, die über die Zulassung entscheidet, ist der Mensch. Herein kommt, wer den Spiegel-Test besteht. Dabei markiert man ein Tier mit Farbflecken und setzt es vor den Spiegel. Nestelt es dann an den Klecksen herum oder bewegt sich zumindest so wie ein Mensch, der vor dem Ausgehen selbstkritisch sein Aussehen prüft, wird es willkommen geheißen im Ego-Klub. Wer sich im Spiegel erkennt, so die gängige Argumentation von Verhaltensforschern, besitzt ein Ich-Bewusstsein. Damit sei er in der Lage, über sich selbst nachzudenken und Stimmungen zu reflektieren. Das wiederum sei die Voraussetzung, um wahre Gefühle zu erleben. Ansonsten könne man nur von Affekten sprechen, bestenfalls von Emotionen.

Die Einteilung von Empfindungen in unterschiedliche Bewusstseinsstufen mithilfe des Ich-Tests ist aus mehreren Gründen dubios. Sie bedeutet, dass Kleinkinder bis zum Alter von etwa zwei Jahren keine Gefühle haben, da sie sich erst dann im Spiegel erkennen. Auch lässt sich die Hierarchisierung als Freibrief für die Top-Absolventen des Tests verstehen, den durchgefallenen Versagern aus dem Tierreich weiteres Leid zuzufügen – sie können es ja nicht persönlich nehmen. Die Primatenforscherin Julia 
Fischer sagt, der Spiegel-Test beweise nur, dass Tiere in der Lage seien, zwei sensorische Informationen zu verknüpfen: sich sehen und sich berühren. Ein wirkliches Selbstbewusstsein sei nur mithilfe von Sprache möglich. Auch ihr Kollege Volker Sommer gibt nicht viel auf den Test, aus einem anderem Grund: Wer sich nicht für sein Abbild interessiert, könne trotzdem ein Ich-Bewusstsein entwickeln. Gorillas etwa, die grundsätzlich Augenkontakte vermieden, fielen regelmäßig durch. Doch wer wollte ihnen ein Ego absprechen? Der Wolfsforscher Kurt Kotrschal ist überzeugt, dass Wölfe ein gewisses Ich-Bewusstsein besitzen, sonst könnten sie in ihrer komplizierten Gesellschaft nicht funktionieren.

Kürzlich wurden acht Ferkel in einen Stall mit einem Spiegel geführt. Man ließ ihnen Zeit, sich an den Spiegel zu gewöhnen. Dann versteckte man hinter einer Wand einen gefüllten Futternapf, den die Schweine nur über Eck im Spiegel erblicken konnten. Sieben der acht Kandidaten verstanden und fanden den Weg um die Sichtbarrikade herum zur Belohnung. Andere Schweine, die sich vorher nicht mit dem Spiegel vertraut gemacht hatten, fanden das Futter nicht. Die Tiere können also sich selbst mit Gegenständen über einen Spiegel in Beziehung setzen und sich mit ihm orientieren. Donald Broom, der sich dieses Experiment ausdachte, hat auch Rindern beigebracht, auf einen Knopf zu drücken, um eine Tür zu einem Gang zu öffnen, der zu einem Futtertrog führt. Hatte ein Tier das System verstanden, schlug sein Herz in Vorfreude der Mahlzeiten stärker als üblich, es sprang und galoppierte zum Trog. Nach einiger Zeit bummelten die Rinder wieder herum, das Knopfdrücken wurde zur Routine. Die Tiere, sagt Broom, hätten sich über ihren 
Lernerfolg gefreut.

Solche Studien weisen auf eine Art Selbst-Empfindung hin, ob mit oder ohne Ego. „Wenn Tiere sich an einer bestimmten Stelle geduldig auf die Lauer legen, dann ist dies schwerlich ohne bewusste Vorstellung dessen, worauf sie da warten, möglich“, sagt der Hirnforscher Gerhard Roth. Und weist darauf hin, dass der Mensch dazu neige, seine analytischen Fähigkeiten und sein Selbstbewusstsein zu überschätzen. Denn das habe auf Gefühle kaum Einfluss. Roth glaubt, dass auch Hunde und Schweine fähig sind, zu hoffen, zu verzweifeln und zu trauern.

9. Welche Verantwortung tragen Forscher?
Tiere sind klüger als angenommen, stellen die Wissenschaftler am Department für Kognitionsbiologie in Wien fest. Deren Tauben können Menschen sogar auf Fotos identifizieren. Die südamerikanischen Köhlerschildkröten entwickeln raffinierte Strategien, um Irrgärten zu durchforsten. Hunde besitzen Gerechtigkeitssinn. Auf kognitiver Ebene finden die Forscher immer mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Arten. Aber kann man sagen, dass Tiere ähnlich empfinden wie wir? „Das ist sehr, sehr schwierig“, sagt Ludwig Huber, Leiter des Departments, ein schlanker, gutaussehender Mann, der ein wenig überarbeitet wirkt. „Ich muss da skeptisch bleiben.“ Huber schaut aus seinem Sessel in den begrünten Innenhof. Sicher, die unterschiedliche Behandlung von liebkosten Hunden und eingesperrten Schweinen sei wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen. Er legt die Fingerspitzen gegeneinander. „Wenn ich aber sage: Tiere leiden, begebe ich mich auf weiches, wissenschaftlich ungesichertes Terrain.“

Sollten Wissenschaftler nicht ihren Einfluss geltend machen, um Leid zu lindern? Der Professor presst die Lippen aufeinander, erhebt sich und beginnt einen akademischen Eiertanz. „Wie soll ich das ausdrücken? Ich darf meine wissenschaftliche Autorität nicht missbrauchen für eine gesellschaftsrelevante Diskussion. Andererseits...“ Er bleibt vor einem Foto von Konrad Lorenz stehen, der einst 
Hubers Diplomarbeit begutachtete. „Wenn wir Richtung Tierethik denken...“ Huber ist Vegetarier geworden, allerdings aus „moralisch-altruistischen“ Gründen. Das sei wichtig. „Ich darf nicht zu allgemein 
argumentieren, sonst schädige ich Millionen Landwirte und andere Menschen, die von der Fleischproduktion abhängig sind.“ Es mache keinen Sinn, „Tieren zu helfen“, wenn er dadurch „eine wahnsinnige menschliche Katastrophe“ erzeuge. „Wir sollten den Fleischkonsum eindämmen, aber nicht unter Missbrauch pseudowissenschaftlicher Fakten.“

„Kann es sein“, fragt Mark Bekoff in einem Buch, das in Hubers Büro oben auf einem Stapel liegt, „dass das Unbehagen mancher Wissenschaftler, die Emotionen von Tieren anzuerkennen, nicht so sehr dem Zweifel an der Qualität der Beweise entstammt, sondern die Angst davor reflektiert, als ‚unwissenschaftlich‘ angesehen zu werden?“ Bekoff selbst musste akademisch Federn lassen, weil er als Forscher nicht verdrängte, was er als Kind empfand: „Ich fühlte mit den Tieren – ihre Freude, Trauer und Schmerzen. Es war für mich ganz natürlich.“ Heute beteiligt er sich an Protestaktionen gegen Mastbetriebe, Laborversuche und die Ausrottung von Wildtieren. Mit Jane Goodall hat er eine Organisation für Tierethik gegründet. Beide plädieren für Forschung, die „sorgfältige wissenschaftliche Methodik mit Intuition und gesundem Menschenverstand“ verbindet. Der Primatologe Volker Sommer, der auch Theologie studiert hat, will die Revolution. Für ihn war Wissenschaft nie objektiv, sondern war immer Einflüssen unterworfen. „Früher galt als gesichert, dass Frauen nicht denken, Neger nicht bis zehn zählen können und Kinder fürs Bergwerk geeignet sind.“ Die Zeit sei gekommen, um unsere nächsten Verwandten aufzuwerten: Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas sollten „das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit von Folter“ bekommen. Die Grenze zwischen Großen Menschenaffen und übrigen Tieren sei willkürlich, aber irgendwo müsse man anfangen.

Frans de Waal, weder Aktivist noch Revoluzzer, nutzt seine Popularität, um uns Geschichten zu erzählen. Sie illustrieren, wie empfindsam Tiere sein können. Wie jener Bonobo, der weiß, was Vögel glücklich macht. In seinem Gehege fand er einen angeschlagenen Star. Der Affe hebt ihn auf, trägt ihn auf einen Hügel, breitet ihm die Flügel aus und wirft ihn in die Luft. Der Vogel fliegt davon.

Wie wird wohl die Befreiung von Schweinen, 
Rindern und Hühnern aussehen?

Buchtipps:
Marc Bekoff: Das 
Gefühlsleben der Tiere. Animal Learn Verlag, 231 Seiten, 20 Euro
Jeffrey M. Masson 
und Susan McCarthy: Wenn Tiere weinen. Rowohlt Verlag, 
399 Seiten, gebraucht bei Amazon ab 7 Euro
Frans de Waal: Der Affe und der Sushimeister: Das kulturelle Leben 
der Tiere. Dtv Verlag, 416 Seiten, 14 Euro