Fokus

„Wir
müssen mehr reden
und zuhören“

Nazhat Shameem Khan, Chefunterhändlerin beim Klimagipfel, über ihre Verhandlungsstrategie

Nazhat Shameem Khan, 56, vertritt die Republik Fidschi als Botschafterin bei den Vereinten Nationen und als Chefunterhändlerin bei der Klimakonferenz
Nazhat Shameem Khan, 56, vertritt die Republik Fidschi als Botschafterin bei den Vereinten Nationen und als Chefunterhändlerin bei der Klimakonferenz
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„Wir
müssen mehr reden
und zuhören“

Text: Bastian Henrichs

Foto: Christian Grund

Nazhat Shameem Khan, 56, vertritt die Republik Fidschi als Botschafterin bei den Vereinten Nationen und als Chefunterhändlerin bei der Klimakonferenz
Nazhat Shameem Khan, 56, vertritt die Republik Fidschi als Botschafterin bei den Vereinten Nationen und als Chefunterhändlerin bei der Klimakonferenz

Ein pazifischer Inselstaat mit weniger als einer Million Einwohnern betritt die Weltbühne. Die Republik Fidschi hat die Präsidentschaft der Klimakonferenz COP23 in Bonn übernommen und wird die Verhandlungen leiten. Ihre Aufgabe ist es, den Industrienationen klarzumachen, dass den Versprechen zum Schutz des Klimas nun Taten folgen müssen – und dass die Zeit drängt: Nazhat Shameem Khan, Chefunterhändlerin des vom Anstieg des Meeresspiegels bedrohten Pazifikstaates, liefert überzeugende Argumente

Frau Shameem Khan, für Europäer sind die Fidschi-Inseln vor allem eines: ein Paradies. Durch den Klimawandel ist dieses Paradies bedroht. In Paris hat sich die Weltgemeinschaft endlich zu einem Klimaabkommen durchgerungen, doch es beruht auf Freiwilligkeit und die Umsetzung stockt. Würden Sie es begrüßen, wenn es verbindlichere Ziele für alle geben würde?

Ich denke nicht, dass das eine gute Idee wäre. Es ist ein hoher Wert des Abkommens, dass es freiwillig ist, dass es auf dem guten Willen der Beteiligten beruht, auf dem kollektiven Bewusstsein, dass wir ein gemeinsames Problem haben. Und ich denke, es gibt genug Anzeichen, dass es neben dem kollektiven Bewusstsein auch eine kollektive Entschlossenheit gibt. Obwohl eine Veränderung der Einstellung bei den Menschen nur sehr schwer zu erreichen ist, haben wir rund um den Globus enorme Fortschritte gemacht. Das ist sehr positiv. Die Weltgemeinschaft ist sich mittlerweile nahezu einig darüber, dass es ein globales Problem gibt, dass etwas dagegen getan werden muss und dass dafür ein allgemeingültiger Mechanismus notwendig ist. Nun ist die Frage, wie wir es schaffen, die Klimaschutz Ambitionen jeder einzelnen Nation zu erhöhen, um die gesteckten Ziele dann auch zu erreichen.

Wie sieht ihre Strategie für die Verhandlungsführung aus?

Die Strategie hängt mit einer Tradition aus unserer Heimat zusammen: „Talanoa“. Dabei geht es darum, Geschichten zu erzählen und dadurch Vertrauen und Empathie aufzubauen. So lassen sich Streitigkeiten einfach lösen und Konsense erzielen. Ein Beispiel: Ich erzähle Ihnen, was in meinem Leben passiert, was für eine schreckliche Zeit ich gerade hinter mir habe, dass ich am Rande einer Katastrophe stand. Dann empfinden Sie Empathie, weil Sie merken, dass ich Probleme habe. Umgekehrt könnten Sie mir dann erzählen, was Sie bewegt, und ich werde Vertrauen zu Ihnen aufbauen. Das ist wichtig für die COP-Verhandlungen. Dort sitzen Entwicklungsländer und hoch entwickelte Industrienationen zusammen, mit sehr unterschiedlichen Ansätzen, Hindernissen und Ambitionen. Wir müssen also mehr reden und zuhören, um Vertrauen und Verständnis aufzubauen.

Sie sprechen von Empathie und Verständnis. Ist es nicht eher so, dass die Industriestaaten ein schlechtes Gewissen haben und die Fidschi-Inseln auf ihr Mitleid angewiesen sind?

Ich mag diese Idee überhaupt nicht. Die Fidschi-Inseln haben eine Führungsrolle übernommen und verdienen Respekt dafür. Die Präsidentschaft ist eine große Herausforderung und ein mutiger Schritt für uns. Es ist aber auch eine einmalige Gelegenheit, denn wahrscheinlich wird nie wieder eine Nation der pazifischen Inseln die Präsidentschaft einer UN-Klimakonferenz übernehmen. Deutschland ist als Gastgeber eingesprungen und übernimmt sogar einen großen Teil der Kosten. Das ist großzügig. Gleichzeitig gibt Deutschland uns die Möglichkeit, durch die Präsidentschaft sichtbar zu sein. Dafür sind wir sehr dankbar. Aber wir verstehen uns nicht als Opfer. Wir sitzen nicht da und weinen, wir wollen kein Mitleid.

Die Republik Fidschi hat in Paris erfolgreich darauf beharrt, dass das 1,5-Grad-Ziel in das Klima-Übereinkommen aufgenommen wurde. Welche Auswirkungen des Klimawandels spüren Sie schon jetzt in ihrer Heimat?

Das größte Problem ist der steigende Meeresspiegel. Ein Phänomen, das die Wissenschaft dem Klimawandel zuschreibt. Darüber hinaus haben wir eine erhöhte Anzahl von Naturkatastrophen wie Zyklone und Tsunamis. Die nehmen nicht nur in ihrer Häufigkeit zu, sondern auch in ihrer Intensität. Letztes Jahr hatten wir den schwersten Wirbelsturm, der die Fidschi-Inseln je getroffen hat. Zyklon Winston hat kaum vorstellbare Schäden angerichtet. Diese Wetterphänomene zeigen, wie wichtig es ist, die Anstrengungen zu erhöhen, um die Erderwärmung zu reduzieren. Wir Fidschis spüren die Dringlichkeit am eigenen Leibe.

Die beiden sehr flachen Pazifikstaaten Tuvalu und Kiribati werden schon bald nicht mehr existieren. Kiribati hat bereits Land auf den Fidschi-Inseln für seine Einwohner gekauft. Ihr Ministerpräsident Frank Bainimarama hat gesagt, dass Menschen von den Nachbarinseln willkommen sind und nicht als Flüchtlinge behandelt werden. Das ist außergewöhnlich.

Wichtig ist vor allem die Aussage: Hier ist ein pazifischer Inselstaat, der den Bewohnern anderer Inselstaaten zuruft: Kommt her! Wir geben euch ein Zuhause, wenn eure Inseln verschwinden. Wir können unseren Nachbarn nicht einfach dabei zusehen, wie sie in den Wellen untergehen.

Erwarten Sie von anderen benachbarten Ländern wie Neuseeland, Australien oder den USA, dass sie das Gleiche tun?

Nach meinem Kenntnisstand hat bisher niemand sonst ein ähnliches Angebot gemacht. Wir hoffen aber, dass andere Länder erkennen, dass der Klimawandel eines der bedeutendsten Probleme der Menschheit in der Zukunft darstellt. Für jedes Land. Dass Migration als Folge des Klimawandels ein humanitäres Problem der Zukunft ist, mit dem man sich wird beschäftigen müssen. Ja, ich hoffe, dass alle Länder sich dieser Herausforderung stellen, nicht nur die direkt betroffenen. Und ich bin wirklich stolz darauf, dass unser Premierminister den ersten Schritt gemacht hat.

Auch auf den Fidschi-Inseln gibt es Pläne, etwa achtzig Dörfer umzusiedeln.

Wir rechnen mit mehr als achtzig.

Wann und unter welchen Bedingungen wird das geschehen?

Innerhalb der nächsten fünfzig Jahre. Aber wir fangen schon jetzt an. Es ist nicht mehr zu verhindern, dass der Meeresspiegel unerbittlich ansteigt und einige Bewohner gezwungen werden, umzuziehen. Das ist nicht einfach. Die Menschen sind stark verwurzelt in ihren Dörfern, ihre Vorfahren sind dort begraben, häufig auf dem eigenen Grundstück. Die Menschen sind es nicht gewohnt, umzuziehen. Wir müssen ihnen also erklären, dass die Gräber ihrer Vorfahren vom Meer überspült werden.

Und es gibt niemanden, der dafür die Verantwortung übernimmt. Sie sind Juristin und waren die erste weibliche Richterin am Obersten Gericht von Fidschi. Wenn Sie Vorsitzende in einem Fall wären, in dem jemand eine Fabrik gebaut und dafür den Lauf eines Flusses geändert hätte, und dieser Fluss hätte dann das Wohnhaus eines Unbeteiligten überschwemmt, wie würde ihr Urteil lauten?

Ein Richter würde versuchen herauszufinden, ob es überhaupt erlaubt war, den Flusslauf zu ändern, ob es eine Machbarkeitsstudie und eine Umweltverträglichkeitsstudie gegeben hat, und wenn ja, ob diese auch stichhaltig sind. Denn die Aufgabe eines Richters ist es, offen an jeden Fall heranzugehen und keine voreiligen Schuldzuweisungen zu treffen. Das gilt auch für die Verhandlungen bei der Klimakonferenz. Es ist wichtig, zu diskutieren, ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, ohne anzuklagen, und stattdessen nach konstruktiven Lösungen zu suchen. Wir sollten uns gegenseitig verdeutlichen, welche Probleme wir haben. Denn wir haben riesige Probleme auf unserem Planeten, für die wir Lösungen finden müssen, mit denen alle leben können.

Dennoch: Sind Sie nicht frustriert, dass es niemanden gibt, dem Sie die Schuld für die Auswirkungen des Klimawandels im Pazifik zuweisen können? Niemanden, den Sie haftbar machen können?

Einige Länder haben größere CO2-Emissionen als andere Länder und wir, die Gemeinschaft der pazifischen Inseln, wissen sehr wohl, dass unser Fußabdruck im Vergleich zum Rest der Welt minimal ist – und dass wir sehr stark unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden. Aber die Welt besteht aus Menschen, die nicht besonders viel Wert darauf legen, die Sichtweise anderer Menschen zu verstehen. Dieses Bewusstsein bringen wir in die Verhandlungen ein, um ein konstruktives Ergebnis zu bekommen, das universell umsetzbar ist.

Ein Bauer aus Peru klagt gegen den deutschen Energiekonzern RWE. In den USA klagen Jugendliche für ihr Recht auf eine saubere Umwelt. Von solchen Beispielen gibt es einige. Ist die Justiz ein Mittel, das den Fidschi-Inseln helfen könnte, wenn die Diplomatie versagt?

Gerichtsverfahren sollten nicht ausgeschlossen werden, im Moment sehe ich das aber eher auf nationaler Ebene. Moderne Verfassungen – in der von Fidschi ist zum Beispiel das Recht auf eine saubere Umwelt verankert – geben Gerichten die Möglichkeit, den Gesetzgeber zu regulieren. Es können Entschädigungen oder Unterlassungsansprüche insbesondere gegen den Staat ausgesprochen werden. Das ist sehr wichtig.

Deutschland verbrennt weltweit die meiste Braunkohle und gehört zu den Industrienationen, die einen nicht geringen Anteil am Klimawandel und somit auch am Schicksal der Menschen auf den Fidschis tragen. Mit welchem Gefühl kommen Sie hierher?

Zeigen Sie mir ein Land, das beim Klimaschutz perfekt ist. Mit dem arbeiten wir zusammen. Wir werden uns hüten, zu sagen, dass wir keine Konferenz in Deutschland durchführen, weil das Land zu viel Kohle verbrennt, zu viel Kohlendioxid emittiert oder seine Klimaziele nicht erreicht. Das wäre extrem unklug.

Deutschland hat sich ambitionierte Ziele gesetzt, wird diese aber voraussichtlich nicht einhalten können, weil die Regierung weiter auf Kohleverstromung setzt und der Autoindustrie zu lasche Emissionsauflagen macht.

Natürlich ist es wichtig, zu handeln. Durch das Pariser Abkommen hat jedes Land nationale Zielvereinbarungen zu erfüllen, die auf Handlungen basieren. Aber noch einmal: Wir sollten versuchen, Schuldzuweisungen zu vermeiden. Wir alle sind verwundbar und wir alle müssen mehr tun.

Wie kommen wir dahin?

Der nächste Report des Weltklimarats (IPCC) wird wichtig sein. Er soll im September 2018 erscheinen, aber es wird sicher vorher schon informelle Ergebnisse geben. Der Report wird zeigen, wie gut oder schlecht wir dastehen. Und es gibt keinen besseren Anreiz, die Ambitionen zu erhöhen, als aufgezeigt zu bekommen, dass wir nicht so weit sind, wie wir sein sollten.

Was müsste am 17. November im Abschlussdokument der Konferenz stehen, damit es für Sie persönlich ein Erfolg ist?

Es ist wichtig, erhebliche Fortschritte bei den Umsetzungsrichtlinien des Pariser Abkommens zu erzielen. Darüber hinaus möchte ich den Fidschi-Spirit in die Konferenz einbringen. Wir können die Diskussionen bereichern und ich wünsche mir, dass alle pazifischen Staaten das Gefühl haben, dass die Konferenz ihre Interessen wahrnimmt.