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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.04

„Wir werden uns anpassen müssen“

Klimaforscher Hartmut Graßl über Strategien gegen die drohende Katastrophe

GPM: Was müssen wir tun, um eine Klimakatastrophe à la „The Day After Tomorrow“ zu vermeiden?
HARTMUT GRASSL: Das ist ein Sciencefiction-Film, der zwar auf einer plausiblen physikalischen Hypothese beruht, nämlich dem Erliegen des Golfstroms, dann aber aus den Fugen gerät. Dennoch: Um eine katastrophale Entwicklung zu vermeiden, müssen wir das Ziel erreichen, das sich die EU gesetzt hat: Die globale Erwärmung darf in diesem Jahrhundert im Mittel nicht mehr als zwei Grad Celsius betragen, verglichen mit dem vorindustriellen Wert. Wollen wir dieses Ziel erreichen, muss die Welt bis 2050 auf 50 Prozent der gegenwärtigen Kohlendioxid-Emissionen verzichten.

Die Ziele von Kyoto reichen demnach bei weitem nicht aus?
Nein, jeder weiß, dass Kyoto nur ein erster Schritt sein kann. Im nächsten Jahr muss damit begonnen werden, die Ziele für die Zeit nach 2012 zu verhandeln. Dann wird es auch darum gehen, wie wir Schwellenländer belohnen, die beim Klimaschutz mitmachen.

Derzeit sieht es so aus, als würden nicht einmal die bescheidenen Ziele von Kyoto erreicht. Selbst die Europäer scheinen ihr Soll nicht zu erfüllen.
Warten Sie ab. Wir sind noch nicht im Jahr 2012. Erst dann wird abgerechnet.

Wird es gelingen, die USA in den Kyoto-Prozess zurückzuholen?
Die Amerikaner haben zurzeit eine Regierung, die Multilateralismus verabscheut. Ein Präsident Kerry würde zwar nicht grundsätzlich alles anders machen, aber sich zumindest dann auf multilaterales Vorgehen einlassen, wenn es seinem Land nützt. Immerhin haben sich die USA auf der Konferenz über erneuerbare Energien Anfang Juni in Bonn ein sehr ehrgeiziges Ziel gesetzt: Sie wollen den Preis für regenerativ erzeugte Energien pro Kilowattstunde radikal senken.

Wie beurteilen Sie das Gesamtergebnis der Bonner Konferenz?
Es wurde ein recht vages Papier verabschiedet, in dem aber doch ein paar interessante Sachen stehen. Was mich positiv überrascht hat, waren die hehren Ziele, die sich einige Staaten gesetzt haben. Da waren schon ehrgeizige Vorhaben dabei, welche Anteile regenerativer Energien zu welchen Zeitpunkten angestrebt werden – von China zum Beispiel, den Philippinen und Großbritannien.

Welches Potenzial für den Klimaschutz liegt im Energiesparen?
Ein riesiges. Wir haben im „Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen“ (WBGU) eine ehrgeizige Zielvorgabe gemacht: Weltweit kann der Umgang mit Energie jedes Jahr um 1,6 Prozent produktiver werden. Bisher ist es im Mittel nur ein Prozent jährlich. Energie würde demnach bis Ende des 21. Jahrhunderts dreimal effizienter genutzt als heute.

Zunehmend ist von Verfahren die Rede, CO2 unschädlich zu machen — zum Beispiel, indem man künstliche Algenblüten erzeugt oder das Gas in der Tiefsee versenkt. Was halten sie davon?
Die beiden genannten Ideen sind Stuss. Die Ozeane mit Eisen zu düngen bedeutet einen Riesenaufwand, und man weiß nicht, wie die Natur darauf reagiert. CO2 direkt zu versenken, ist äußerst kostspielig und bringt ähnliche Probleme mit sich. Niemand weiß, wie sich das Ökosystem verändert, wenn wir große Mengen CO2 in die tiefen Ozeanbecken einbringen. Was ich mir vorstellen kann, ist, dass man ausgebeutete Erdgas- und Öllagerstätten mit CO2 füllt. Das könnte für eine Übergangszeit hilfreich sein.

Im nächsten Jahr soll in Europa der Emissionshandel starten. Was versprechen Sie sich davon?
Einiges. Es ist das erste Mal, dass die Menschheit versucht, die Übernutzung eines globalen Gemeinschaftsgutes bezahlen zu lassen. Das hat es noch nie gegeben.

Aber wenn man sich die so genannten Allokationspläne für die Zuteilung der Emissionslizenzen anschaut...
... dann sieht es mau aus – wie anfangs immer. Wenn Sie eine neue Maßnahme einläuten, dann gibt es Schlupflöcher und viel heiße Luft. So haben alle UN-Konventionen begonnen. Anders geht es nicht: Sie müssen lau beginnen, um alle ins Boot zu holen.

Glauben Sie, dass wir den Klimawandel in den Griff bekommen?
Wir werden ihn nur partiell in den Griff bekommen, wir werden uns massiv anpassen müssen. So können wir das Tempo kaum mehr beeinflussen, mit dem der Meeresspiegel in diesem Jahrhundert steigt. Denn dafür greifen die Maßnahmen erst sehr spät. Wir werden viel Geld in Richtung Entwicklungsländer schieben müssen, um ihnen zu helfen, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen.

Interview: Alexandra Rigos