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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.05

„Wird schon nicht so schlimm werden“

Zum 25. Geburtstag von Greenpeace Deutschland denkt Wolfgang Sachs über neue Aufgaben für die Organisation nach.

Tschou En-lai, der frühere Premierminister Chinas, wurde einst von Journalisten gefragt, was er denn von der Französischen Revolution halte. Nach kurzem Zögern soll er geantwortet haben: „Es ist noch zu früh, um etwas zu sagen.“

Genauso mit Greenpeace. Viel ist geschehen und doch nichts. So hat Greenpeace dazu beigetragen, die Umweltfrage im Bewusstsein der Gegenwart zu verankern. 1980 noch wurden Kohle und Kernkraft, Autobahnen und Agrarfabriken mit der ganzen Arroganz der Macht als Verheißungen des Wohlstands verteidigt. Heute ist die Macht eher kleinlaut geworden und von Verheißungen ist schon gar keine Rede mehr. Umweltsünden werden weniger aus Überheblichkeit begangen, sondern unter der Knute selbst verschuldeter Sachzwänge. Nur noch Lobbyisten der Energie- oder Ernährungsbranche bestreiten die Gefahrendiagnosen von Greenpeace, ansonsten kann man sagen, dass die Botschaft angekommen ist: Nach 25 Jahren gehört das Bewusstsein der Umweltkrise zum selbstverständlichen geistigen Mobiliar der Gesellschaft.

Dieser Erfolg freilich schafft das Problem. Den Aktionen von Greenpeace ist der Überraschungseffekt verloren gegangen, sie werden wohlwollend, aber abgeklärt zur Kenntnis genommen. Anders gesagt, Greenpeace rennt heute offene Türen ein. Dennoch ist die Mission von Greenpeace nicht erschöpft, denn dem verbreiteten Wissen folgen keine wirksamen Taten. Stattdessen ist allenthalben Verdrängung angesagt. „Nicht jetzt“, „Warum wir?“, „Wird schon nicht so schlimm werden“, sind die Formeln, mit denen die Eliten — und nicht nur die — unbequeme Wahrheiten beiseiteschieben. Das hat Folgen für Greenpeace: Es geht heute weniger darum, das Publikum auf Skandale zu stoßen, sondern zur Konfrontation mit der Wahrheit zu motivieren.

Allerdings sind nur die wenigsten Menschen Naturliebhaber, Nachrichten von kriselnden Ökosystemen lassen sie kalt. Mehr Leute hingegen sind Menschenliebhaber, Nachrichten von kriselnden Sozialsystemen lassen sie die Ohren spitzen. Das menschliche Drama von Sieg und Niederlage, von Rivalität und Macht, von Tätern und Opfern fesselt sie mehr als das ökologische Drama von Emissionen und Energien, von Arten- und Flächenverlust. Deshalb ist die Umweltbewegung gut beraten, ihr Licht nicht weiter unter den Scheffel zu stellen. Geht es doch beim Übergang zu einer ökologischen Wirtschaft nicht nur um den Erhalt der Natur an sich, sondern ebenso um Gerechtigkeit zwischen Völkern und Menschen.

Schließlich lautet die große Frage, auf die dieses Jahrhundert eine Antwort finden muss: Wie soll es möglich sein, einer wachsenden Zahl von Menschen Gastfreundschaft auf dem Planeten zu bieten, ohne dessen Biosphäre zu ruinieren? Mehr Gerechtigkeit auf der Welt ist aber auf dem Verbrauchsniveau der Industrieländer nicht zu erreichen. Die dafür benötigten Ressourcenmengen sind zu groß, zu teuer und zu zerstörerisch. China und Indien, unbekümmert losgestartet, rasen auf eine Ressourcenklemme zu. Bauern auf dem Land und Arme in der Stadt müssen schon heute dran glauben, weil die Mächtigeren sich knappe Ressourcen unter den Nagel reißen. Wem an der Entschärfung der Weltverhältnisse gelegen ist, kommt nicht umhin, für Ressourcen schonende Produktions- und Konsummuster einzutreten.

Bei allem Fortschritt nur leicht auf der Erde aufzutreten, das ist die gemeinsame Agenda von Umwelt- und Gerechtigkeitsbewegung. Erst ein ressourcen-leichter Wohlstand kann auch ein gerechtigkeitsfähiger Wohlstand sein. Denn es ist nicht erkennbar, wie der automobile Verkehr, eine klimatisierte Wohnung oder ein fleischzentriertes Ernährungssystem allen Weltbürgern zugänglich werden könnte. Ein solcher Wohlstand ist nicht demokratisierbar, es sei denn bei Strafe biosphärischen Niedergangs. Also steht für Umweltschützer, Friedenspolitiker und Internationalisten gleichermaßen an, Formen des Wohlstands auf den Weg zu bringen, die nur geringfügig die Erde belasten. Das ist gut für Wälder und Wale, aber unverzichtbar für ein gedeihliches Zusammenleben auf dem Globus. Keine Fairness ohne ökologischen Fortschritt — könnte das nicht der Slogan für ein Greenpeace sein, das sich auch „Socialpeace“ — sozialen Frieden — auf die Fahnen schreibt?

Unser Autor studierte Theologie und Soziologie in München, Tübingen und Berkeley. Er forscht am Wuppertal Institut zum Thema „Zukunftsfähige Globalisierung“ und war bis 2001 Aufsichtsratsvorsitzender von Greenpeace Deutschland.