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„Wo ist unsere Freiheit?“

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.13

„Wo ist unsere Freiheit?“

Text: Andrea Hösch Fotos: Elias Hassos

Auf der Bühne werden die Künstler wie Stars gefeiert. Im Alltag sind sie Asylbewerber, die sich isoliert und gefangen fühlen. Zurzeit touren „The Refugees“ durch Deutschland

Mit einem Ruck zieht Puja sein Harmonium unter einem Stuhl hervor, nimmt den hölzernen Deckel ab und greift in die Tasten. Kaum erklingt der erste Ton, kräuselt sich seine Stirn, seine Augen glänzen und seine Stimme fängt an zu vibrieren. „Ohne Musik würde ich nicht mehr leben“, sagt der junge Mann aus Afghanistan, als er den Blasebalg des indischen Instruments wieder festklemmt.

Puja lebt mit 230 Menschen aus aller Welt in einem Flüchtlingswohnheim in Augsburg. Seit zwei Jahrzehnten ist das Gebäude nicht mehr renoviert worden, der Putz blättert ab, der Boden ist mit Löchern übersät, das Klo hat keine Brille, das Badfenster lehnt ausgehängt gegen den Rahmen. Mit vier anderen Männern muss sich Puja ein Zimmer teilen, für die 20 bis 30 Menschen auf einer Etage gibt es nur eine Küche und eine Toilette. So ähnlich sieht es in vielen Flüchtlingslagern aus. Offensichtlich sollen sich diese Menschen in Deutschland nicht wohlfühlen.

In Afghanistan war Puja Zahnarzt, später hat er auch Verbrennungsopfer behandelt, die bei Anschlägen verletzt worden waren. Aber hier darf er nicht arbeiten, kein Geld verdienen, den Landkreis nicht verlassen und noch nicht mal Deutsch lernen. Dass niemand wissen will, was er kann, setzt ihm zu. Genauso wie das Nichtstun. Doch heute ist das anders, denn die Ska-Punk-Rockband „Strom & Wasser“ und die Flüchtlingsmusiker „The Refugees“ gastieren im Augsburger Kulturhaus Abraxas – und Puja darf im Rampenlicht stehen.

Der Bandleader von Strom & Wasser, Heinz Ratz aus Kiel, hat schon viele Musiker wie Puja auf die Bühne geholt. Den meisten ist der Liedermacher auf seiner 1000-Brücken-Tour 2011 begegnet. Aus Protest gegen die menschenunwürdige Flüchtlingspolitik war Heinz damals mit dem Fahrrad 7000 Kilometer quer durchs Land geradelt. In fast 80 Städten besuchte der Bassist Flüchtlingsunterkünfte und gab mit seinen Kollegen von Strom & Wasser Konzerte zugunsten der lokalen Flüchtlingsinitiativen. „Ich hab’ in den Flüchtlingslagern so viele fantastische Musiker getroffen, die vor sich hin vegetieren, weil sie keine Möglichkeit haben, sich auszudrücken. Für einen Künstler ist das die Hölle“, sagt Heinz. Wieder zu Hause, lud der Liedermacher einige der talentierten Musiker aus Afrika, Asien und Osteuropa in ein Studio nach Hamburg ein, um mit ihnen eine CD aufzunehmen. Das war die Geburtsstunde der Flüchtlingsband „The Refugees“.

In diesem Jahr sind Strom & Wasser mit den Weltmusikern zum zweiten Mal auf Deutschlandtour. Vor Ort gehen die Künstler in die Flüchtlingswohnheime und laden die Menschen zum kostenlosen Besuch des Konzerts ein. Genauso fordern sie ihr Publikum auf, die Flüchtlinge ihrer Stadt mal zu besuchen und gerne auch Musikinstrumente, die nicht mehr gebraucht werden, zu spenden. So kam auch Puja zu seinem Instrument. Es gehörte einer alten Frau, erzählt der afghanische Arzt. „Als sie mich spielen hörte, war sie hin und weg und hat mir das Harmonium geschenkt, einfach so.“

Beim Soundcheck im Abraxas sitzt Puja in der ersten Reihe. Ein bisschen nervös ist er schon, schließlich hat er mit der Band nicht ein einziges Mal geprobt. „Das klappt schon“, beruhigt ihn Heinz, „wir haben so gute Musiker, die können sich auf deine Musik einstellen.“ Aber erst einmal legen Hossain aus dem Iran, Mc Nuri aus Dagestan, Sam aus Gambia, Jacques und Revelino von der Elfenbeinküste und die griechischstämmige Sängerin Olga los. Bunte Lichtkegel fegen über die Bühne, Daniel am Schlagzeug setzt ein, Heinz’ Bass groovt, und schon beim ersten Refrain wiegen sich einige der rund 150 Zuhörer im Takt. Rap und Reggae, schwarz und weiß, französisch, deutsch und Farsi vermischen sich. Auch wenn Besetzung und Rhythmen wechseln, ihre Botschaft bleibt gleich: Fast alle Lieder klagen die unwürdige Behandlung von Menschen an, die vor Krieg und Elend fliehen mussten, die in Europa auf Sicherheit und Freiheit hofften und sich stattdessen eingesperrt in Lagern wiederfinden, stets in der Angst, abgeschoben zu werden.

Hossain saß im Iran hinter Gittern, weil er in einem Lied den Islam kritisierte. Zwei Jahre hat der junge Rapper gebraucht, bis er über Afghanistan, die Türkei und Griechenland schließlich nach Hamburg kam. Viele Monate lang musste er unterwegs schuften, um das Geld für die jeweils nächste Etappe zusammenzubekommen. Im Mittelmeer hat er Menschen ertrinken sehen, darunter seinen besten Freund. Obwohl er nicht weiß, ob seine Familie noch lebt, ob er seine Eltern, Geschwister, den Onkel und die Kusinen jemals wiedersehen wird, hat sich der 18-Jährige Optimismus, Lebensfreude und eine erstaunliche Offenheit bewahrt. „Die Band, das ist jetzt meine Familie“, sagt er und strahlt. Hossain lebt seit 15 Monaten in Hamburg in Duldung. Das heißt: Seine Abschiebung ist nur ausgesetzt, es könnte jeden Tag so weit sein.

Revelino, der Reggae-Sänger von der Elfenbeinküste, hat es mit einem Containerschiff nach Deutschland geschafft. Er musste seine Haut retten, weil in seinem Land ein Bürgerkrieg wütete und weil er in seinen Liedern korrupte und hetzerische Politiker angeprangert hatte. „Musik ist für mich eine große Freude und auch eine Verpflichtung“, sagt Revelino, der seit drei Jahren in einem Flüchtlingswohnheim in Oldenburg lebt. „In Afrika dürfen die Menschen all das, was ich in meinen Liedern kritisiere, nicht sagen, sonst wären sie sofort weg. Auch deshalb muss ich es tun.“

Enno, der Pianist von Strom & Wasser, liebt es, mit den Refugees zu spielen, „weil wir voneinander lernen können und weil es schön ist zu sehen, wie Menschen aufblühen, wenn sie eine Chance bekommen“. Anfangs sei Revelino sehr schüchtern gewesen, „heute steht er ganz selbstbewusst auf der Bühne“, erzählt der Jazzer, der aus Überzeugung in die Tasten haut: Seine Eltern wurden während des Zweiten Weltkrieges aus Ostpreußen vertrieben. Enno ist selbst ein Flüchtlingskind.

Auch Heinz, der Motor des Projekts, kennt das Leben als Nomade. Der Sohn einer Indianerin und eines deutschen Arztes lebte in Spanien, Peru, Saudi-Arabien, Argentinien, Schottland und der Schweiz, wechselte 16-mal die Schule, war ein Jahr lang obdachlos und entdeckte dann den Künstler in sich. Es reichte ihm aber bald nicht mehr, in Gedichten und Songs die Gesellschaft zu kritisieren, Heinz wollte die Verhältnisse verändern. Deshalb startete er 2008 seinen moralischen Triathlon. Erst lief er 900 Kilometer gegen die soziale Kälte in Deutschland – die Spenden und Konzerteinnahmen gingen an Obdachlose. 2009 schwamm er 850 Kilometer gegen die Umweltverschmutzung und für den Artenschutz durch Flüsse. Und im Folgejahr radelte er von Asylheim zu Asylheim. „Der geistige Stillstand in diesen Flüchtlingswohnheimen ist erschütternd. Diese Leute haben nichts verbrochen, werden aber wie Gefangene behandelt und fühlen sich als totale Versager“, sagt der 44-jährige Bandleader. Er will, dass diese Menschen hier Fuß fassen und bleiben können.

Inzwischen hat Heinz mit den Refugees zwei CDs aufgenommen und zwei Deutschlandtouren auf die Beine gestellt. „Das war nicht einfach, weil die Flüchtlinge noch immer der sogenannten Residenzpflicht unterliegen und also jedes Mal, wenn sie ihren Landkreis verlassen, eine Ausnahmegenehmigung brauchen“, sagt er. Auf dem Weg zu ihrer nächsten Station in Lindau am Bodensee kontrollieren Polizisten prompt den Autokonvoi. Obwohl alle Musiker Reisegenehmigungen sowie Aufenthaltspapiere vorweisen können, werden Sam und McNuri angezeigt – wegen „Passlosigkeit“. Dies sei gängige Praxis der bayrischen Polizei, berichtet Gisela von Maltitz von der Lindauer Flüchtlingsorganisation Exilio: „So werden Flüchtlinge kriminalisiert.“ Mit Ausnahme von Bayern ist die Abwicklung mit den Ausländerbehörden aber einfacher geworden, seit Heinz im Oktober 2012 die Integrationsmedaille der Bundesregierung verliehen bekam. Nur deshalb hat er sie angenommen.

Gerne würde Heinz mit der Flüchtlingsband bei Festivals im Ausland spielen. Einladungen haben die Refugees zuhauf. Aber das ist Zukunftsmusik: „Raus lassen sie uns, aber bestimmt nicht wieder rein“, sagt Heinz. Und noch ein Wunsch hat sich bislang nicht erfüllt: Die Band hätte gerne eine Sängerin. Aber noch hat sich keine Asylbewerberin auf die Bühne gewagt. „Die Frauen haben großes Misstrauen“, erzählt Heinz. Deshalb ist er froh, dass eines Tages die griechischstämmige Rapperin Olga gefragt hat, ob sie – auch ohne geflüchtet zu sein – mitsingen könne. Seither schleudert sie ihre Wut auf die deutsche Flüchtlingspolitik ins Publikum: „Denn jeder hat ein Recht auf freies Leben auf dieser Welt.“

Kurz vor der Konzertpause in Augsburg springt die 17-Jährige Rapperin von der Bühne herunter und holt Puja nach vorne. Noch vor drei Wochen war der Afghane am Boden zerstört. Da hatte er seine dritte Asylablehnung bekommen. Damit sind alle Widerspruchsverfahren ausgeschöpft. Er weiß, ab jetzt könnte er jeden Moment abgeschoben werden. Aber alles ist wie weggeblasen, als er ins Scheinwerferlicht tritt. Wieder einmal befreit der afghanische Arzt die Tasten und den Blasebalg. Dann gibt er Enno am Klavier und Daniel am Schlagzeug ein Zeichen, lächelt selig und lässt sich von den traditionellen afghanischen Klängen davontreiben.

Sam aus Gambia kann dieses Glücksempfinden gut nachvollziehen: „Wenn ich auf der Bühne stehe, vergesse ich alles. Ich gebe mein Bestes und die Leute geben mir ein gutes Gefühl, wenn sie tanzen und mitsingen. Das ist gut für die Seele“, sagt er. Schon als Kind wollte er trommeln, durfte aber nicht, weil das einer anderen Ethnie vorbehalten war. Für seinen Traum, Percussionist zu werden, musste er sein Land verlassen. Heute spielt er virtuos auf der Djembe, einer mit Fell bespannten Trommel. Seine Töne knallen wie Peitschenschläge. Doch nach dem Konzert holt ihn die Realität wieder ein: „Wenn du nicht auf der Bühne stehst, sehen die Menschen in dir nur den Flüchtling.“ Seit fünf Jahren lebt der 30-Jährige „geduldet“ in einem Flüchtlingswohnheim in Reutlingen.

Nach zwei Stücken badet Puja im Applaus. „Am liebsten würde ich auf der Stelle meine paar Sachen packen und mit der Band auf Tour gehen“, sagt der afghanische Harmoniumspieler. Aber sein Leben hat ihn gelehrt, sich keinen Illusionen mehr hinzugeben. Deshalb begnügt er sich mit der Gewissheit, dass ihm dieses Erlebnis niemand mehr nehmen kann: „Diesen Abend werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen.“ 

 

Infos: Bis zum Herbst sind 100 Konzerte geplant. Die Termine finden Sie unter 1000bruecken.de. Die CD „Strom & Wasser featuring The Refugees“ ist 2012 bei Traumton (Indigo) erschienen. Spätestens im Mai soll die Live-CD der „Lagertour“ 2013 herauskommen.

Der Dokumentarfilm „I can’t be silent“ von Julia Oelkers über die Refugee-Tour 2012 läuft ab Mai auf Filmfestivals und vom Sommer an in den Programmkinos. Mehr dazu unter cant-be-silent.de