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Wo sind all die Kühe hin?

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.18

Wo sind all die Kühe hin?

Text: Christopher Piltz

Die einen wollen aus ethischen Gründen nichts mehr vom Vieh essen, die anderen Fleisch nur billig aus der Mast. Eine Konsequenz unserer Ernährungsgewohnheiten: Die Nutztiere verschwinden aus der Landschaft. Das ist weit mehr als ein ästhetisches Problem. Denn ohne sie wackelt nicht nur die Heide als vielfältiger Lebensraum

Manchmal reicht ein Haufen Scheiße und ein Mensch schöpft Hoffnung. Früh am Morgen ist Jochen Paleit aufgebrochen, um Vögel zu beobachten, wie so oft am Wochenende. Gerade hat er den Gesang einer Mönchsgrasmücke vernommen, da bleibt er unvermittelt stehen und blickt auf den Boden. Ein beachtlicher Dunghaufen liegt vor ihm, tellergroß. Fliegen schwirren, Käfer krabbeln. Was für ein Mist.

„Was für eine Freude“, sagt Jochen Paleit.

Für ihn liegt dort, in einem Wald am Rhein, die Rettung der Natur mit einfachen Mitteln.

Es ist eine simple Logik: Ein Misthaufen lockt Fliegen und Käfer an. Die fressen den Dung, legen in ihm ihre Eier. Die Insekten locken Vögel, Stare etwa oder den Wiedehopf. Und Amphibien: Grasfrösche, Kammmolche. Auch Ringelnattern und Blindschleichen werden angezogen, zudem Fledermäuse.

Allein ein Rind produziert im Jahr zehn Tonnen Dung. Der kann für 200 Kilo Insekten und 100 Kilo Wirbeltiere sorgen, schätzen Biologen. Ein vieltausendfaches Fressen und Gefressenwerden.

„Das ist doch schon ein Wunder“, sagt Paleit, wenn er von all diesen Verkettungen erzählt, und freut sich gleich noch ein bisschen mehr. Schließlich ist es irgendwie auch sein Werk. Er hat dafür gesorgt, dass der Dung hier in den Wald kommt.

Jochen Paleit ist Bürgermeister des Ortes Kappel-Grafenhausen, einer 5000-Einwohner-Gemeinde zwischen Offenburg und Freiburg, direkt im Oberrheingraben. Wenige Kilometer entfernt lockt der Europapark Rust jedes Jahr Millionen von Touristen in die Region. Aber es gibt noch eine andere Attraktion, die Urlauber anzieht: das Naturschutzgebiet „Taubergießen“ in der Rheinaue. Inmitten dieses Gebiets möchte Paleit auf einer wilden Weide eine Natur erschaffen, wie sie vor Hunderten von Jahren vorkam.

Seit drei Jahren leben hier eine Herde von inzwischen vierzig Salers-Rindern und vier Koniks, eine Ponyrasse, auf einem Schutzgebiet von hundert Hektar. Das ganze Jahr weiden und trinken sie draußen. Sie kalben und natürlich koten sie auch. Weil sie nicht entwurmt werden, ist ihr Kot für Insektenlarven nicht toxisch. Sondern ein gefundenes Fressen.

Es ist ein großes grundlegendes Experiment, das hier nahe dem Rheinufer stattfindet: Was passiert mit der Natur, wenn der Mensch sich nicht einfach komplett aus ihr zurückzieht, sondern seinen Nutztieren das Kommando über Weide und Wald gibt?

Das Versuchte ist auch ein Anachronismus. Denn Nutztiere, die den Menschen nicht nur mit Fleisch, Leder, Wolle und dergleichen mehr versorgen, sondern auch seine Wiesen kurz halten, die Heide offen und die Flussauen lebendig, gibt es hierzulande immer weniger. Bereits im Jahr 2009 wurde nur noch jedes dritte Rind teilweise oder dauerhaft auf einer Weide gehalten, die anderen verbrachten ihr Leben im Stall, viele ohne Einstreu, von ihnen bekam die Landschaft nur Gülle im Übermaß. Zugleich werden die Grünlandflächen in Deutschland immer weniger: 1991 wurden noch 5,3 Millionen Hektar als Weide- und Wiesenflächen genutzt, 25 Jahre später waren es nur noch 4,7 Millionen Hektar. Die Ackerfläche hingegen ist dreimal so groß, und sie wächst weiter.

Was Jochen Paleit da treibt, ist deshalb auch ein Stück Utopie. Denn mal angenommen, die große Bewusstseinswende in Sachen Fleischkonsum käme tatsächlich, mal angenommen, das Verspeisen von Weidetieren wäre wirklich bald derart geächtet wie das von Hunden oder Katzen: Spätestens dann müssten sich die Mitteleuropäer Gedanken machen, wie sie liebgewonnene Landschaften pflegen wollen, ohne dass Bauern damit Geld verdienen können.

Als sich vor etwa 8000 Jahren die ersten Menschen auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik niederließen, fanden sie hauptsächlich einen Landschaftstyp vor: Wald. Mühsam begannen sie dann, das Land für die eigenen Zwecke zu öffnen. Und einer dieser Zwecke, die Viehzucht, wurde selbst zum Mittel: Indem die Herden grasten und Bäume verbissen, schufen sie nach und nach Landschaften, die ganz unterschiedlich waren, je nachdem welche Mischung von Ackerbau und Viehzucht sich in der jeweiligen Region für ihre Bewohner als sinnvoll erwies.

Und mit jedem neuen Landschaftstyp – von der Weide bis zur Heide – bildeten sich Nischen, in denen sich neue Arten ansiedelten. Biologen schätzen, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Biodiversität in deutschen Landen ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Heute wünscht sich knapp die Hälfte der Deutschen mehr Wildnis im Land, also eine Landschaft, aus der sich der Mensch ganz zurückzieht. Das ergab 2015 eine Umfrage des Bundesamts für Naturschutz.

Ein Fehler, sagt dazu Stefan Schröder von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. „Würden wir das Land sich selbst überlassen, wäre es nicht so artenreich.“ (...)

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