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Wüstensaat

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.19

Wüstensaat

Text: Agnes Fazekas Fotos: Jonas Opperskalski

Ein paar junge Menschen auf einem Stück Plastikrasen unter dem nachtklaren Wüstenhimmel. Ein junger Mann schrammelt auf seiner Gitarre, ein anderer bindet einem Mädchen den Zopf, eine Zigarette geht herum – wie ein Joint. Stimmung wie im Schullandheim. Die Studenten des „Arava Institute for Environmental Studies“, einer Hochschule für Umweltthemen, lassen ihren Arbeitstag ausklingen. Nicht weit von der israelisch-jordanischen Grenze entfernt studieren sie Klimaschutz und nachhaltige Landwirtschaft in einer Region, in der es an Umweltproblemen und Konflikten nicht mangelt. Das Besondere: Hier suchen alle gemeinsam nach Lösungen – Muslime, Christen und Juden.

Eliana, die in Jerusalem in einer orthodoxen Familie aufwuchs und lange durch die Gegend reiste, immer getrieben von der Frage, warum in der Region kein Frieden möglich scheint, schaut in den Sternenhimmel und sinniert: „Eins habe ich hier sofort verstanden. Jeder von uns leidet auf seine Weise unter seinen traumatischen Erfahrungen.“ Dia’a, dessen Vater wie viele Palästinenser als Bauarbeiter in Israel arbeitet, nickt Eliana zu: „Wenn es um den Konflikt geht“, sagt er, „stehe ich total unter Druck.“ Anders als Eliana ist er das erste Mal von zu Hause weg. Davor hat er im palästinensischen Tulkarm Chemie studiert, in Sichtweite des Sperrwalls und der Wachtürme mit den israelischen Scharfschützen. Morgen früh sitzen beide wieder in derselben Klasse. In einem Lehrinstitut, einmalig im Nahen Osten, das wie eine Marsstation in der Talsenke der Arava-Wüste liegt, inmitten von Dattelplantagen und Solaranlagen.

Mitte der Neunzigerjahre, als der Friedensprozess zwischen Israel und Palästina gerade eine Chance zu haben schien, entstand in Ketura, einem als tolerant geltenden Wüstenkibbuz nahe der Stadt Eilat am Südzipfel Israels, ein kleines Institut für Umwelterziehung. Es wurde zur Keimzelle des Instituts, an dem heute mehr als zwanzig Wissenschaftler rund sechzig Studenten betreuen.

„Die Natur kennt keine Grenzen, das erweist sich hier in der Region als sehr wahr“, erklärt Elaine Solowey am nächsten Morgen und streicht sich mit ihren Fingern durch den grauen Kurzhaarschnitt. „Wir teilen unsere ökologischen Probleme wie den Wassermangel mit unseren Nachbarn, also müssen wir sie auch gemeinsam lösen.“ Die Mitgründerin des Arava-Instituts ist eine international geschätzte Forscherin. Vor einigen Jahren ging die Nachricht um die Welt, dass es der promovierten Biologin gelungen war, einen 2000 Jahre alten Dattelkern zum Keimen zu bringen, der 1963 bei Ausgrabungen am Toten Meer gefunden wurde. Die Palme steht nun eingezäunt neben dem Schulgarten.

Dort erklärt Elaine Solowey gerade ihren Kursteilnehmern, worauf sie bei der Aufzucht von Lauchgemüse und Korbblütlern achten müssen. Während die Studenten mit den richtigen Pflanzabständen von Knoblauch und Jerusalem-Artischocke beschäftigt sind, zieht sich die Botanikerin vor der Sonne ins schattigere Treibhaus zurück – selbst nach 45 Sommern im Kibbuz macht ihr die Hitze zu schaffen. Sie kämpft aber noch mit ganz anderen Schwierigkeiten als Temperaturen jenseits der vierzig Grad. „In der Praxis ist die Kooperation zwischen Israelis und Arabern nie einfach. Oft stehen mir als Frau kulturelle Tabus im Weg, zum Beispiel, wenn ich mich mit Wissenschaftlern aus Jordanien treffe. Dann ist die politische Lage plötzlich extrem angespannt, und wir müssen uns mit arabischen Kollegen im Ausland treffen.“

Die Studenten, die mit Hacken und Schaufeln im Beet stehen, sollen nach ihren Abschlüssen im Sinne des Instituts wirken. „Viele von ihnen arbeiten später im Umweltbereich in ihrer Heimat und stehen über Grenzen und Konflikte hinaus miteinander in Kontakt“, sagt Elaine Solowey. „So bilden wir ein Netzwerk, das Hoffnung für die Zukunft gibt.“

Die Studiengebühren betragen 9000 Dollar pro Semester, alle Jordanier und Palästinenser bekommen als Anreiz generell ein volles Stipendium. Das Arava-Institut erhält Zuwendungen von privaten Förderern, darunter vielen ehemaligen Absolventen, und könnte ohne Zuschüsse von US-Regierung, EU, Friedensinitiativen und des „Jewish National Fund“ nicht existieren. Die Universitäten in den Nachbarstaaten arbeiten dagegen nicht mit dem Arava-Institut zusammen. Sie fürchten, durch eine Kooperation mit israelischen Institutionen die Besatzung zu legitimieren.

Zu Semesterbeginn haben die Lehrenden erst mal damit zu tun, die bunt zusammengewürfelte Studentengemeinschaft auf den gleichen Stand zu bringen. So sitzen im Klimawandelkurs angehende jordanische Ingenieurinnen im Hidschab neben Israelis, die nach ihrem Armeedienst das erste Mal ins akademische Leben schnuppern. Einige sprechen seit ihrer Kindheit Englisch, andere lernen es erst. Die einen trennen zu Hause den Müll, die anderen sind es gewohnt, ihn aus dem Fenster zu schmeißen.

Wenn man Professor Tareq Abu Hamed in seinem winzigen Büro fragt, ob diese Einrichtung eher ein großes Friedensprojekt sei, schüttelt der Dozent mit dem Kopf: „Wir sind ein akademisches Institut, in dem ganz nebenbei Vertrauen gebildet wird.“ Vertrauen – eine Ressource, die in der Region noch knapper ist als Trinkwasser. Vertrauen werden die Absolventen brauchen, wenn sie später einmal im Umweltbereich über die Grenzen hinweg miteinander arbeiten sollen ohne das Schubladendenken, das die Region seit jeher zu einem Pulverfass macht. Dabei ist Zusammenarbeit so wichtig. Die traditionelle Holzkohleproduktion im Westjordanland etwa, bei der Pyramiden aus Holz unter einer Schicht aus Heu und Erde langsam erhitzt werden, färbt auch jenseits des Sperrwalls die Blätter an den Bäumen schwarz und wurde deshalb von Israel verboten: „Wir tüfteln gerade an einer grünen Variante des alten Berufs.“ 

Abu Hamed ist Palästinenser und stammt aus Ostjerusalem. Er erinnert sich noch an den Moment, als sich das gelbe Kibbuztor das erste Mal für ihn öffnete. „Ein Palästinenser unter Juden – ich wollte am liebsten umdrehen“, sagt er und lächelt. Dass der Chemieingenieur den Lehrauftrag am Arava-Institut überhaupt annahm, lag an der Überredungskunst von Rabbi Michael Cohen, der seit Anbeginn dabei ist und ihn damals anwarb. Es ist derselbe Mann, der jetzt mit dem Mountainbike durchs Kibbuz radelt, ausnahmsweise einen Helm über der bestickten Kappe. In diesem Semester gibt er einen Kurs mit dem Titel „Bibel und Umweltbewusstsein“. Um den muslimischen Studenten gerecht zu werden, nimmt er Koran-Passagen dazu. Als der gebürtige US-Amerikaner Mitte der Neunziger ein Sabbatjahr nahm, wollte er eigentlich nur zum Thorastudium nach Jerusalem. Da entdeckte er einen Artikel in der „Jerusalem Post“ über die Gründung des Arava-Instituts.

Er erlebte die ersten hoffnungsvollen Jahre, ging mit den jungen Leuten auf Studienfahrt nach Jordanien. Und er erlebte den Tiefpunkt der Zweiten Intifada, als in Israel Bomben in Bussen explodierten und das Westjordanland abgeriegelt wurde. Ist es naiv zu glauben, Einrichtungen wie das Institut könnten der Region Frieden bringen? Cohen überlegt kurz und sagt dann: „Wir träumen davon, dass irgendwann die Posten der Umweltminister in Israel, im Westjordanland und Gaza sowie in Jordanien mit unseren Absolventen besetzt sind.“ Man merkt ihm seinen Stolz an, wenn er erzählt, dass es ein arabischer Alumnus ins israelische Umweltministerium geschafft hat, dass Studenten ein Jugendbildungszentrum zum Wildtierschutz im Westjordanland gründeten oder „Ökotouren“ durch Bethlehem veranstalten.

Man muss aber auch festhalten: Seit der Gründung sind mehr als zwanzig Jahre vergangen, und die Geschichte von Ketura ist immer auch die Geschichte einer unerfüllten Hoffnung. Das Institut ist noch immer ein Nischenprojekt in einer Region, in der die Idee der Völkerverständigung an den Grenzzäunen endet. Sie deshalb als naiv abzutun, wäre falsch. Im Gegenteil: Das Institut ist ein Mutmacher, sich nicht beirren zu lassen, weiter für den Frieden zu arbeiten. So fern er auch scheint.

Im Schatten der Dattelpalmen schüttelt Eliana am Nachmittag Samenkörner in einer Flasche mit Sand. Sie will den Verwitterungsprozess im Wüstenboden nachahmen, durch den die Samen erst zum Keimen kommen. Wie sie da werkelt, wirkt es beinahe wie ein Gleichnis. Eliana kam ans Institut, weil sie davon träumte, ein Ökodorf zu gründen, in dem Palästinenser und Juden gemeinsam leben. Wie die Samen in ihrer Flasche steckt sie nun selbst mit Studenten aus allen Himmelsrichtungen in einem Mikrokosmos in der Wüste, um ordentlich durchgeschüttelt zu werden. Damit in der Zukunft etwas daraus wachsen kann.