Greenpeace Magazin

Ausgabe 5.18

Wundersame Weinbeere

Wundersame Weinbeere

Es ist die Schreckensnachricht jeder Party: Der Wein ist alle. Doch auf diesem Hochzeitsfest kommt sie eher nüchtern daher. Weilt doch ein ganz bestimmter Langhaariger unter den Gästen. Statt zum Späti zu latschen, gebietet er den Dienern: „Füllt die Wasserkrüge mit Wasser!“ Sechs Krüge à „zwei oder drei Maße“ – insgesamt also etwa 600 Liter – wuchten sie dem ahnungslosen Speisemeister vor die Füße. Und siehe, als der den Wein kostet, „der Wasser gewesen war“, ist er so vorzüglich, dass er den Bräutigam schilt: „Jedermann gibt zuerst den guten Wein…du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten.“

Nein, das ist nicht die Versteckte Kamera, sondern die Bibel. Es ist „das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.“ Von den sieben Wundern Jesu im Johannesevangelium ist das erste beileibe nicht jenes, wo er mit fünf Broten fünftausend Leute speist (Nummer vier) oder einen Blinden sehen macht (Nummer sechs). Es ist der Zaubertrick eines Partyalchemisten, der offenbar Rosinen im Kopf hat. Ob Jesus später wirklich Messwein meinte, als er sagte, das Volk solle sein Blut trinken? Egal. Im Garten Eden angefangen, schwimmt die Bibel in Weinseligkeit. Im Alten Testament steht, „dass der Wein erfreue des Menschen Herz“. Und irgendwo dort liegt auch Noah herum, nicht nur volltrunken, sondern nackt – der erste Winzer im Weinberg des Herrn. Oder besser: dieses Herrn.

„Vinum bonum deorum donum.“ Ein guter Wein ist ein Geschenk der Götter, sagten bereits die alten Römer. Und hatten mit Bacchus – wie zuvor die Ägypter mit Hathor und die Griechen mit Dionysos – sogar einen Ressortchef im himmlischen Weinkeller. Vielleicht ist es kein Zufall, dass auch die jungen Römer ihren vino divino finden. Das Deutsche ist da leider weniger wolkig, eher so Unterwelt. Einst fantasierte ein hiesiger Schlagergott, griechischer Wein sei so wie das Blut der Erde. Er lag falsch. Es ist georgischer Traubensaft, der von alters her in Amphoren gefüllt, vergraben und der Gärung überlassen wird. Der Südkaukasus ist wohl auch die Heimat der Kletterpflanze. Noahs Rebensaft war nur alter Wein im neuen Schlauch. Der Weinbau reicht 8000 Jahre zurück und ist fast so alt wie die Landwirtschaft selbst.

Natürlich bedeuten Reben vor allem Rausch. Und öffnen sie etwa nicht von A wie Aprikose bis Z wie Zedernholz einen Kosmos an Aromen? Doch auch der reinste Wein, in dem ein Liter Wahrheit liegt, schmeckt selten nach der Beere, aus der er gekeltert ist. Dabei gibt es neben Dauerwaren wie Kadarka, Korinthen und Kernöl das Original auch in frisch. Zugegeben: „Tafeltraube“ ist ein Schimpfwort für fade, dünnhäutige Exemplare. Es gibt aber Sorten, deren Bukett auch pur ein Genuss ist. Die dezente Süße der anderen passt zu Früchten wie Melone und Pfirsich, jeder Sorte von Käse und den rahmigen Walnüssen, die gerade reif zu Boden fallen. Trauben strotzen vor Zucker und sind eher Naschwerk als Obst, doch wie bei Schokolade gilt: je dunkler, desto gesünder. In violetter Schale stecken Flavonoide, die – genau! – des Menschen Herz erfreuen.

Der Rest ist Weltliteratur. Äsops Fuchs hängen die Trauben zu hoch. Goethes Mephisto lässt Wein aus einem Tisch sprudeln. Und Wilhelm Buschs Lausbub Kuno ersetzt einen verbotenen Schluck Bordeaux aus der Regentonne – Wein zu Wasser, Jesus im Rückwärtsgang. Besser so? Les paradis artificiels, die künstlichen Paradiese, nannte der Großdichter und Bürgerschreck Charles Baudelaire Opium, Haschisch und Wein. Kritisch gemeint? Keineswegs. Eher als Reisetipp für eine Offenbarung in bester Lage. „Der Wein ist alle Tage rückfällig. Täglich wiederholt er seine Wohltaten.“