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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.10

Zu geizig zum Genießen

Text: Peter Peter

Die Deutschen gehören zu den Völkern, die 
am wenigsten Geld für Lebensmittel ausgeben. 
Warum bloß lassen sie sich die Freuden des Essens entgehen?

Geht es um sein Auto, zögert der deutsche Normalverbraucher nicht: Das Breitbandöl de luxe mit Korrosionsschutz lässt er sich gern 
28,90 Euro den Liter kosten, schließlich soll der Motor noch ein paar Jahre halten. Seinem Körper aber, der ein ganzes Leben lang Belastungen ausgesetzt ist, lässt er lieber keine Premiumware zukommen. Zwar hat der deutsche Konsument inzwischen entdeckt, dass Olivenöl gesünder als Schweineschmalz ist. Aber wehe, die Flasche kostet mehr als zehn Euro: Es interessiert die wenigsten, dass zu diesem Preis kein hochwertiges Olivenöl Extra Vergine zu erzeugen ist. Für die Deutschen ist Geiz geil – vor allem beim Essen.

Natürlich geht es hier nicht um die aus der Not geborene Sparsamkeit von Familien, die wenig Geld zur Verfügung haben und ihre Kinder mit Dosenravioli päppeln, obwohl eine selbstgekochte Gemüsesuppe mit Kräutern und Suppenfleisch gesünder und kaum teurer wäre. Inzwischen rühmen sich sogar wohlhabende Politiker- und Anwaltsgattinnen in Fernsehshows und Klatschblättern der Schnäppchen, die sie bei Aldi oder Lidl ergattern und in ihren luxuriösen Einbauküchen konsumieren, die so viel kosten wie zwölfzylindrige Sportwagen.

Wie halten die Deutschen es also mit dem Genuss? Warum hat sich ausgerechnet hierzulande dieser kulinarische Geiz ausgebreitet? Warum werden im reichen Deutschland nur rund zehn Prozent des Budgets für Lebensmittel aufgewandt? Weshalb geben etwa Italiener und Franzosen dagegen einen deutlich größeren Anteil ihres Einkommens für Speisen und Weine aus? Und woran liegt es eigentlich, dass Fastfood in den Fußgängerzonen zwischen Kiel und Konstanz boomt und die Nation beim Verzehr von Tiefkühlpizzas nur von den USA übertroffen wird?

Die Geringschätzung feiner Küche in Deutschland ist historisch verankert und prägte alle sozialen Gruppen: Der Adel setzte auf demonstrative Kargheit („Leber-wurstbrote mit Stippe“) und hat nie die gastronomische Berufung der französischen Aristokratie verspürt. Eiscreme Fürst Pückler wurde zum Beispiel deswegen populär, weil das Parfait aus Schokolade, Vanille und Himbeere (oder Erdbeere) in den alten Nationalfarben Schwarz-Weiß-Rot schillert. Der Bürger, der im Ratskeller schmauste, wurde nicht wegen seiner kulinarischen Kompetenz geachtet, sondern als Spießer verspottet.

Die Arbeiterfrauen, die den Henkelmann zur Baustelle schleppten – und froh waren, dass Lebensmittelpioniere wie Maggi und Knorr mit Speisewürze und Suppenwürfel ihnen die Plackerei in der Küche erleichterten –, haben die Hausmacherküche stärker geprägt als Hirten und Bauern, die selbst gesammelte Pilze und Beeren zubereiteten. Typisch waren auch die Signale, die Berlin als Hauptstadt aussandte: Erbswurstsuppe, Eisbein und Soleier vom „Hungerturm“, heute Currywurst und Putendöner. Kurzum: Essen wurde hierzulande nicht als Kulturgut empfunden, sondern eher als Nahrungsaufnahme – in manchen militaristischen Männerfantasien geht es sogar ganz ohne: „Erz hat stets ein Reich stark gemacht, Butter und Schmalz haben höchstens ein Volk fett gemacht“, tönte einst der beleibte Reichsmarschall Göring in 
einer zum Krieg aufhetzenden Rede.

Industriearbeiterelend, Steckrübenwinter im Ersten Weltkrieg, Arbeitslosigkeit in der Weimarer Republik, Bombennächte und Schwarzmarkt – all dies 
hat dazu geführt, dass gepflegtes Essen hierzulande lange Sozialneid auslöste, der komischerweise bis heute aber nicht gegenüber Mercedesfahrern geäußert wird. In romanischen Ländern steht dagegen die Vitalität der ländlichen und saisonalen Küche viel stärker im Vordergrund. Sie ist für alle 
Menschen erschwinglich. Selbst nicht besonders wohlhabende Familien gönnen sich dort das Vergnügen einer mehrgängigen Mahlzeit in einer Trattoria oder einem Restaurant und fahren dafür lieber eine Klapperkiste. Delikatessenkritik gibt es in jenen Ländern nicht. Im Gegenteil: Das Ansehen des französische Staatspräsidenten Jacques Chirac stieg in der Wählergunst, als bekannt wurde, dass er hunderttausende Euro für Weine und Delikatessen „verschwendet“ hatte. Deutsche Abgeordnete indes intervenierten 2003 gegen das Festessen zum 40-jährigen Jubiläum deutsch-französischer Freundschaft beim chef du protocole des Pariser Elysée-Palastes – sie waren in dem festen Glauben, der Speiseluxus könnte den deutschen Wähler empören.

Und überhaupt die Religion: Verdanken die Deutschen ihren kulinarischen Rückstand etwa dem protestantischen Verzichtsethos, wie das die barocke bayerische Schweinsbratenfraktion annimmt? Sind es die ewig sparenden kinderreichen evangelischen Pfarrhäuser, in denen Schmalhans Küchenmeister war, die auf die Nation abgefärbt haben? Ist das protestantische Tischgebet dafür verantwortlich, dass selbst Pizza mit Plastikkäse und Gammelschinken kritiklos weggeputzt werden, weil es behauptet, alle Speisen kämen von Gott? Der italienische Forscher Massimo Salani, der an der Universität Pisa katholische Theologie und Religionsgeschichte lehrt, geht sogar noch weiter: Für ihn ist die Lust auf Fastfood von McDonald’s Ausdruck eines egoistischen, nur auf schnelle und effektive Nahrungsaufnahme bedachten Leistungs-Protestantismus, während „Slow Food“ der eher liebevollen, katholischen Ehrfurcht entspricht, also der pietas genannten Tugend des Teilens, Gebens und gemeinsamen Genießens. Doch bei aller Kritik: Wer genau hinsieht, findet auch in den evangelischen Regionen Deutschlands Kompetenz in Sachen Genuss – von der fränkischen Gasthausküche bis zum Lübecker Hanseatenmahl in den „Buddenbrooks“. Die Phänomene überschneiden sich also.

Subtiler ist die Analyse der Kochmentalität deutscher Frauen. Hier aber geht es nicht um die billige These, die Emanzipation schade der Küche, weil die Mikrowelle die Frau in die Freiheit vom Herd entlassen habe. Der wahre Grund liegt tiefer und ist mit der hierzulande tief verwurzelten Rezeptgläubigkeit verbunden: Im ostbayerischen Amberg kam 1598 „Ein köstlich new Kochbuch“ heraus, das erste gedruckte Frauenkochbuch der Welt. Auch wer Klassiker wie Henriette Davidis „Praktisches Kochbuch“ von 1845 durchblättert, kann über den hohen Grad an Systematisierung und Rezeptpräzision nur staunen.

Wer aber könnte ein Rezept exakter und präziser nachkochen als die Lebensmittelindustrie, die im Supermarkt alle Bedürfnisse weckt und sofort befriedigt, von Diätkost bis Functional Food? Für viele Kunden ist die korrekte Kalorienzahl oder Garzeit wichtiger als Geschmack oder Freude am Kochen. Nur 
15 Prozent der Lebensmittel werden hierzulande im Einzelhandel, beim Bauern oder auf Märkten erworben. Dass es in einer deutschen Stadt ein halbes Dutzend gut sortierter Markthallen wie etwa in Barcelona 
gäbe, ist undenkbar – trotz der vereinzelten Vorzeigemärkte wie dem Münchner Viktualienmarkt, dem Freiburger Münstermarkt oder der Frankfurter Kleinmarkthalle. Wer aber im Supermarkt einkauft, bekommt meist Abgepacktes, Eingeschweißtes, Entfremdetes. Die Werbung hat dort das persönliche Gespräch mit dem Verkäufer ersetzt. Spötter sagen, Deutsche lieben gerade diese Anonymität aus der Angst heraus, übervorteilt zu werden. Was dabei aber auf der Strecke 
bleibt, ist der wirkliche Kontakt zum Produkt und zum Produzenten, die Achtung vor Lebensmitteln, das Wissen um ökologische und faire Produktionswege sowie letztlich die kulinarische Mündigkeit.

Sind wir in Deutschland – der Hochburg der aus Verpackungshysterie heraus geborenen Frühstückstischmülltonne – also wirklich kulinarische Schmuddelkinder? Dominiert das esskulturelle Proletentum tatsächlich die Leitkultur, wie der Korrespondent des Spiegel, Ullrich Fichtner, 2004 in seinem glänzend geschriebenen Buch „Tellergericht – Die Deutschen und das Essen“ konstatierte? Tatsächlich öffnet sich hierzulande die Schere: Die durchschnittliche Verweildauer von Familien am Speisetisch verkürzt sich von Jahr zu Jahr; Ganztagsschulen installieren Küchen ohne Herd, dafür aber mit Mikrowelle, damit die Schülerspeisung auf Convenience umgestellt werden kann; die Speisekarten in Landgasthäusern wimmeln nach wie vor von der Zahlenparade der Zusatzstoffe, und keinen scheint es zu stören.

Zum Glück zünden dafür deutsche Spitzenköche ein Feuerwerk an Michelin-Sternen, das hoffentlich bald die vielen verpennten gutbürgerlichen Gasthöfe 
aufrüttelt. Auch die allgegenwärtigen Kochshows werden zwar meist von Couch Potatoes konsumiert, bringen aber immerhin Terminologie und Zutaten sorgfältigen Kochens unter die Leute. Ein Star wie Jamie Oliver hat jungen Deutschen frische Ideen gebracht, etwa wie man aus Streetfood gesundes Fastfood macht. Diät- und Fitnessbewusstsein führt zur Suche nach biologisch unbedenklichen Früchten und Gemüse, Vegetarier entdecken in Wellness-Kliniken das Kriterium Genuss. Es gibt also positive Trends.

Kleine Märkte, über die wir auf Sizilien oder in der Provence ins Schwärmen geraten, gibt es immer öfter auch in deutschen Innenstädten; Fair-Trade-Kaffeeröstereien und Schokoladenboutiquen, Rohkostsalatbars und Weinbistros sprießen auch hierzulande aus dem Boden; und Koch ist mittlerweile der begehrteste männliche Lehrberuf – eine ganze gastronomisch lieblos sozialisierte Generation entdeckt derzeit das Kochen und saugt durch Reisen und Globalisierung etwas von der Lebenslust auf, die ausländische Kochkunst und sauber erzeugte Produkte bescheren. Gut zubereiten und gut essen können ist eben Resultat der Leidenschaft und des Geschmacks, nicht des Geldeinsatzes.

Zur Person
Peter Peter, 54, veröffentlichte bei C. H. Beck die Bücher „Kulturgeschichte der deutschen Küche“ (2. Auflage 2009) und „Kulturgeschichte der italienischen Küche“ (2. Auflage 2008). Der Münchner Dozent für gastronomische Wissenschaften arbeitet zudem als Restaurantkritiker der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und entwirft kulinarische Reisen (www.pietropietro.de)