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Zu viel macht unbeweglich

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.17

Zu viel macht unbeweglich

Text: Matthias Lambrecht Foto: Ariane Spanier

Ob Fast Food oder Fleischwurst, Softdrink oder Schokoriegel: Eine Handvoll Megakonzerne baut die Ernährungspyramide um und beherrscht den Markt für alles, was der Gesundheit von Mensch und Umwelt schadet. Doch ihre Größe ist zugleich ihre Schwäche: Wenn Skandale die Branche erschüttern und Verbraucher sich abwenden, fällt den Riesen außer irreführender Werbung kaum Neues ein. Wir stellen sechs von ihnen vor

Nestlé: Sauberes Wasser und schmutzige Flaschen

Unternehmen
An einem schönen See in einer kleinen sympathischen Alpenrepublik sitzt ein riesiger Konzern, der vielen unsympathisch ist. Jedenfalls produziert Nestlé, das größte Industrieunternehmen der Schweiz, seit Jahrzehnten neben Lebensmitteln reihenweise Skandale und avancierte früh zu einem Lieblingsgegner von Umwelt- und Menschenrechtsgruppen. Unvergessen ist die Affäre um Babynahrung, die Nestlé-„Milchschwestern“ in den Siebzigerjahren ahnungslosen Müttern in Afrika andrehten, die damit das Leben ihrer eigenen Kinder in Gefahr brachten. Sie gilt bis heute als Musterbeispiel für unethische Konzernpraktiken – und der anschließende „Nestlé-Boykott“ als einer der erfolgreichsten Verbraucherproteste.

Palmöl aus Urwaldzerstörung und gentechnisch veränderte Zutaten in Schokoriegeln, Kakao aus Kinderarbeit oder die Müllberge aus der Nespresso-Maschine – die Negativ-Schlagzeilen rissen nicht ab. Dem Geschäft hat das lange kaum geschadet: Mit mehr als 2000 Marken in 191 Ländern und einem Umsatz von mehr als 77 Milliarden Euro steht Nestlé weiter an der Spitze der Lebensmittelbranche. Die Produktpalette reicht von Instantkaffee über Buitoni-Nudeln bis zu Wagner-Pizza und Herta-Wurst.

Seit einigen Jahren jedoch verfehlt der Branchenprimus seine Wachstumsziele. In den USA und Europa bekommt der Multi das wachsende Gesundheitsbewusstsein der Verbraucher zu spüren, die hochverarbeitete Lebensmittel mit viel Zucker, Fett und Konservierungsstoffen immer öfter liegen lassen. So verbuchen einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting zufolge kleinere Anbieter von Bio-Milchprodukten, veganen Drinks oder Vollkornriegeln auf dem US-Markt hohe Zuwächse – und nehmen den etablierten Herstellern Marktanteile ab.

Zudem spürt Nestlé den wachsenden Druck von Regierungen, die dem grassierenden Übergewicht den Kampf angesagt haben. Großbritannien wird ab 2018 eine Zuckersteuer erheben, Mexiko tut es bereits. Den Herstellern der Dickmacher drohen empfindliche Absatzeinbrüche.

Strategie
Nestlé setzt nun auf Zugeständnisse: Anfang März kündigte der Konzern an, im Vereinigten Königreich den Zuckergehalt in Kitkat-Riegeln oder Quality-Street-Bonbons um zehn Prozent zu senken. Doch wird Nestlé mit Produkten, die ein bisschen weniger krank machen, kaum aus der Defensive kommen. Vom neuen Vorstandschef Ulf Mark Schneider erwarten die Aktionäre, dass er mit „therapeutischen Lebensmitteln“, die bei Verdauungsstörungen helfen oder das Immunsystem stärken sollen, neue Märkte erobert. Schneider hatte zuvor beim Gesundheitskonzern Fresenius Umsatz und Gewinn vervielfacht.

Doch bei Nestlé kündigte er erst einmal höhere Investitionen in die noch gut laufenden Geschäfte an. Neben Tierfutter und Kaffee dürfte eine besonders umstrittene Sparte an Bedeutung gewinnen – das Geschäft mit abgefülltem Wasser. Nestlé hatte den Trend zur gesunden Ernährung früh erkannt und maßgeblich zur Erfolgsgeschichte dieses Produkts beigetragen. In den USA hat Wasser jetzt erstmals zuckerhaltige Softdrinks als meistverkauftes Getränk von der Spitze verdrängt. Nestlé dominiert mit einem Anteil von 35 Prozent den 15-Milliarden-Dollar-Markt für Flaschenwasser in Nordamerika, weltweit liegt der Anteil bei elf Prozent.

Im Zuge einer globalen Marketingoffensive hat der Konzern eigene Marken wie Pure Life etabliert und andere zugekauft – wie Perrier, Vittel oder San Pellegrino. Wasser bringt mittlerweile knapp ein Zehntel des Konzernumsatzes und satte Gewinne ein: Ein Liter, für den Bruchteil eines Cents gewonnen, lässt sich in Flaschen für über einen Euro verkaufen. Nestlé ist es gelungen, sich als „The Healthy Hydration Company“ zu positionieren.

Umwelt und Menschenrechte
Die schöne Wasser-Markenwelt, in der die PET-Flasche in der Tasche als Ausweis eines körperbewussten Lebensstils gilt, hat einen ökologischen Preis: Produktion und Vertrieb verschlingen dreimal mehr Wasser, als die Flasche am Ende enthält. Dazu kann man sich neben jeder Flasche eine weitere vorstellen, die bis zu einem Viertel mit Erdöl gefüllt ist – so viel Energie kosten Kunststoffherstellung und Transport (siehe Seite 56). Die leeren Behälter machen einen wesentlichen Teil der rund 300 Millionen Tonnen Plastik aus, die jährlich weltweit produziert werden.

Doch Nestlé ist entschlossen, das Geschäft weiter auszubauen, und sichert sich immer neue Wasserrechte, um das „blaue Gold“ zu fördern. Dabei hat der Konzern die Zukunft des Planeten im Blick, wie US-Botschaftsmitarbeitern bereits 2009 bei einem Besuch der Zentrale am Genfer See klar wurde. Das Ergebnis ihres Gesprächs wurde über Wikileaks bekannt: „Nestlé glaubt, dass 2025 ein Drittel der Welt von Frischwasserknappheit betroffen ist“, kabelten die Diplomaten nach Washington. „Die Situation werde sich verschärfen und ab 2050 katastrophal sein.“

Widerstand
Anfang April 2017, ein Parkplatz am Highway 18 bei San Bernardino, Kalifornien: Dutzende Demonstranten am Straßenrand skandieren „Nestlé raus!“ und halten Plakate in die Höhe, Autofahrer hupen und recken Daumen aus dem Fenster. Die Anwohner der dürregeplagten Region sind wütend, weil der Konzern aus der Schweiz in einem Waldschutzgebiet für eine niedrige Gebühr Millionen Gallonen abpumpen darf, während sie selbst Wasser sparen müssen. Vor allem in den USA und Kanada regt sich seit Jahren lokaler Protest. Zuletzt schlossen sich Bürger in Michigan und in Ontario zusammen, weil sie die ökologischen Folgen eines sinkenden Grundwasserspiegels durch Nestlé-Pumpstationen in ihrer Region fürchten.

Mars: Schokoladen- und Schattenseiten

Unternehmen und Marken
„Mars macht mobil bei Arbeit, Sport und Spiel“ – der geträllerte Werbeklassiker aus den Siebzigerjahren klingt heute, in Zeiten grassierenden Übergewichts, wie eine schlechte Satire. Tatsächlich warb der Süßwarenriese aus McLean bei Washington einst mit einem Fitnessversprechen für den berühmten Schokoriegel mit dem rekordverdächtigen Zuckergehalt von 64 Prozent. Doch das Image der Marke hat gelitten. Zum Problem mit der gar nicht mehr so mobilen Jugend von heute kommen Missstände bei der Beschaffung des zweitwichtigsten Rohstoffs für Milky Way, Snickers, Twix und Co.: Bei der Ernte der Kakaobohnen in Westafrika müssen Kindersklaven schuften.

Strategie
In Großbritannien versucht Mars, eine drohende Zuckersteuer mit kleineren Portionen abzuwenden. In Deutschland dagegen, wo Ernährungsminister Christian Schmidt (CSU) eine solche Steuer ablehnt, setzt das Unternehmen auf die übliche Mischung aus Verschleierung und fragwürdigem Engagement. So sponsert Mars die Initiative „ekip“ zur Gesundheitsvorsorge türkischstämmiger Kinder, die besonders oft übergewichtig oder fettleibig sind. „Mit der Unterstützung von Bewegungs- und Ernährungsinitiativen“, heißt es, „möchte das Unternehmen zur Förderung eines ausgewogenen Lebensstils beitragen.“ „Zynisch“ findet das die Deutsche Diabetes Gesellschaft. Foodwatch erklärt darüber hinaus die „freiwillige Selbstverpflichtung“ der Branche für gescheitert, die versprochen hatte, für ihre ungesunden Produkte keine Werbung mehr an Kinder unter zwölf Jahren zu richten.

Zäh verläuft auch der Kampf gegen das zweite Kinder-Problem von Mars. Als einer der sechs größten Schokoladenhersteller, die rund vierzig Prozent des Kakaohandels beherrschen, ist Mars Incorporated maßgeblich daran beteiligt, den Weltmarktpreis niedrig zu halten – sodass Bauern in Westafrika in Armut verharren und die Plantagen mithilfe von Kindern bewirtschaften, die oft unter sklavereiähnlichen Bedingungen arbeiten.

Mit anderen großen Herstellern hatte sich der Schoko-Marktführer bereits 2001 verpflichtet, die Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen bis 2005 zu beenden. Damals zeichnete sich im US-Kongress die Mehrheit für einen Gesetzentwurf ab, der die Kennzeichnung von mit Sklavenarbeit produzierter Schokolade vorsah. Die Konzerne heuerten daraufhin den Ex-Senator und Präsidentschaftskandidaten Bob Dole als Lobbyisten an, dem es gelang, die Labelpflicht durch eine Selbstverpflichtung abzuwenden.

Doch Mars & Co. brachen ihre Zusage – für das Jahr 2005 ebenso wie nach der Verlängerung bis 2008. Zwei Jahre später vereinbarten die Regierungen von Ghana und der Elfenbeinküste mit den Herstellern eine neue Frist: Nun sollen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit bis 2020 um siebzig Prozent sinken.

Eine vom US-Arbeitsministerium in Auftrag gegebene Studie belegt, wie weit dieses Ziel auch 2014 noch entfernt war: Weiterhin arbeiteten mehr als zwei Millionen Kinder in den Plantagen, viele von Menschenhändlern aus Nachbarländern verschleppt und zu unbezahlter Arbeit gezwungen. An ihrer Zusage für 2020 drohen die Schokoladenhersteller erneut zu scheitern.

Dabei hat Mars angekündigt, bis dahin nur noch Riegel aus fairer Produktion anzubieten, und beansprucht auch bei der „Kakaonachhaltigkeit“ eine Führungsrolle. So sagte der für Nachhaltigkeit verantwortliche Mars-Manager Barry Parkin Mitte März in London Seite an Seite mit Prinz Charles und weiteren Branchengrößen der Abholzung von Regenwäldern für Kakaoplantagen den Kampf an. Mit der öffentlichkeitswirksamen Initiative, die von Umweltorganisationen – darunter Greenpeace – unterstützt wird, gehen zwölf Schokoladenhersteller, angeführt von Mars, in die Offensive.

Umwelt und Menschenrechte
Offenbar steckt dahinter mehr als ein PR-Vorstoß. „Wir sehen ganz klar in der Kakaobranche, dass die extreme Armut der Bauern ein ungelöstes Problem ist, es weiter Kinderarbeit gibt und die Wälder schwinden“, bekennt der Nachhaltigkeitsbeauftragte Parkin. Tatsächlich geht es in den beiden westafrikanischen Ländern, die weit mehr als die Hälfte des weltweiten Kakaos erzeugen, für Mars um die Geschäftsbasis. Die könnte ohne nachhaltigen Anbau und Rücksicht auf die Menschenrechte brüchig werden. Denn der wichtige Rohstoff kann nur in einem schmalen tropischen Gürtel angebaut werden. Schon jetzt macht sich hier der Klimawandel bemerkbar, und die Abholzung der letzten Urwälder verstärkt seine Wirkung noch.

Weil die Lebensmittelkonzerne auf Agrarrohstoffe in riesigen und verlässlichen Mengen angewiesen sind, fürchten ihre Spitzenmanager die Gefahren des Klimawandels mehr als Kollegen aus anderen Branchen. So stellt sich Mars klar gegen die Umweltpolitik des neuen US-Präsidenten Donald Trump. „Die Wissenschaft ist eindeutig: Der Klimawandel ist real und von Menschen gemacht“, erklärte ein Sprecher. „Als Nahrungsmittelkonzern sehen wir unsere Lieferkette mit den Menschen, die dort arbeiten, von den Folgen dieses Wandels bedroht.“

Widerstand
Der Spezialist für Süßes provoziert immer wieder bittere Proteste. So forderten 2007 nackte PETA-Demonstrantinnen, in M&M-Farben vom Scheitel bis zur Sohle knallbunt geschminkt, das Ende grausamer Rattenversuche in der Süßigkeitenforschung.

Sklaverei-Vorwürfe machen dem Konzern auch in seinem zweiten großen Geschäftsfeld zu schaffen. Mars ist mit Marken wie Chappi, Frolic und Whiskas weltweit führender Tierfutter-Produzent. Im vergangenen Jahr blockierten Greenpeace-Aktivisten eine Whiskas-Fabrik in Neuseeland: Sie warfen einem Zulieferer aus Thailand, der Thunfisch zu Katzenfutter verarbeitet hatte, Sklavenarbeit und nicht kontrollierten Fischfang vor.

Tönnies: Schweinesystem und Salamitaktik

Unternehmen und Marken
Die Schwänze fröhlicher Comic-Rinder formen ein Herz, daneben lächelt ein Schweinchen – man könnte das riesige Logo, das sich auf dem Dach von Europas größtem Schlachthof dreht, zynisch nennen oder, nun ja, abgebrüht. Der Konzern aus Rheda-Wiedenbrück ist einer der fünf größten Schweinezerleger der Welt; im Hauptwerk stirbt alle drei Sekunden eines der schlauen Tiere. Deutschlands Marktführer beliefert die Fleischtheken der Supermärkte ebenso wie die Discounter und den Metzger an der Ecke, und er verarbeitet die Tiere zu Wurst und Fertiggerichten eigener Marken, etwa Tillman’s „Fleischsnack zum Toasten“.

Strategie
Clemens Tönnies hat die Firma mit seinem verstorbenen Bruder Bernd groß gemacht, nebenbei steht er als Aufsichtsratschef an der Spitze des Bundesligisten Schalke 04. Weil der Umsatz auf dem Heimatmarkt stagniert, will er im Ausland weiter zulegen. Schon jetzt geht die Hälfte des Fleisches in den Export – in EU-Länder, aber auch nach China und in die USA. Tönnies hatte maßgeblichen Anteil am rasanten Aufstieg Deutschlands vom Schweinefleisch-Importeur zum Exportweltmeister.

Dabei profitiert das Unternehmen von Standortvorteilen: Die Umwelt- und Tierschutzauflagen für Züchter sind schwächer als in „Schweineländern“ wie Dänemark oder den Niederlanden, und vom niedrigen deutschen Mindestlohn können Schlachthofbetreiber in Frankreich oder Großbritannien nur träumen.

Umwelt und Menschenrechte
Um schärferen Gesetzen vorzubeugen, setzt Clemens Tönnies auf Freiwilligkeit. So sicherte er 2015 mit weiteren Erzeugern zu, alle Beschäftigten sozialversicherungspflichtig anzustellen. Reporter hatten zuvor enthüllt, wie rechtlos und unterbezahlt Arbeiter aus Osteuropa in seinen Schlachthöfen schuften müssen.

Mit der „Initiative Tierwohl“, zu dessen Gründern er zählt, versucht er überdies, strengere Auflagen für seine Schlachtvieh-Lieferanten abzuwehren. Der Handel hat Millionen Euro in einen Fonds eingezahlt, über den Landwirte belohnt werden können, die in bessere Haltungsbedingungen investieren. Doch das Geld reicht hinten und vorne nicht, und bisher profitiert nur ein Bruchteil der Tiere davon, die bei Tönnies geschlachtet werden.

Widerstand
Die Mitarbeiter kennen das Bild: Vor dem Werkstor in Rheda-Wiedenbrück veranstalten Tierschützer immer wieder Mahnwachen und fordern „Go vegan“. 2016 stellte die Organisation Peta Strafanzeigen gegen 25 Schlachthöfe in Deutschland, auch den in Rheda-Wiedenbrück: Die Betäubung mit CO2 vor dem Schlachten verstoße gegen das Tierschutzgesetz, weil das billige Gas zeitverzögert wirke und die Tiere die letzten Sekunden ihres Lebens in panischer Todesangst verbrächten.

McDonald's: Weiches Essen und zäher Wandel

Unternehmen und Marken
Die goldenen Bögen des Burgerbraters leuchten rund um den Globus – je nach Perspektive als Symbol für unkomplizierte Sättigung oder für den Niedergang der Esskultur. Doch zuletzt machten in den USA und Deutschland sogar mehr Restaurants dicht als neu auf. Seit 2013 bröckeln weltweit die Erlöse.

Für Präsident Donald Trump sind Big Macs noch „big stuff“. Doch jüngere Konsumenten in den USA, England oder Deutschland gehen immer öfter zur Konkurrenz, die raffiniertere Burger serviert – gern auch mit Biobulette oder veganem Bratling.

Strategie
Seit Jahren schlägt sich McDonald’s mit der Imagerettung herum: Grünes Logo, rustikale Werbeoptik, Strom aus Wasserkraft. Derzeit müht sich der Konzern, den gestiegenen Ansprüchen der Jüngeren gerecht zu werden: Künstliche Inhaltsstoffe sind vom Menü weitgehend verschwunden, Nuggets enthalten keine Konservierungsmittel mehr. Doch dem in die Jahre gekommenen Marktführer fehlt die Glaubwürdigkeit: Die Aktion „Unser Essen, Eure Fragen“ soll Transparenz signalisieren, entpuppt sich aber als Verschleierungstaktik (siehe Keine Anzeige von McDonald's.

Umwelt und Menschenrechte
Von Greenpeace musste sich McDonald’s 2014 – bald nach dem Farbwechsel im Logo – „Greenwashing“ vorwerfen lassen: Die Umweltschützer hatten aufgedeckt, dass die Fast-Food-Kette wieder Hähnchenfleisch von Tieren verkaufte, die mit gentechnisch verändertem Futter gemästet wurden.

Damit gab der Konzern eine 14 Jahre alte Selbstverpflichtung auf, kein mit Gen-Soja aufgezogenes Geflügel zu verwenden. Es seien keine gentechnikfreien Futtermittel in ausreichenden Mengen „zu wirtschaftlich vertretbaren Konditionen“ zu kriegen, lautete die Begründung. Dabei wäre der Chicken Burger ohne Gentechnik nur einen Cent teurer geworden, rechnete Greenpeace vor. Am Ende lenkte McDonald’s Deutschland ein. Auf die Frage, ob für Nuggets und Burger Gen-Soja verfüttert werde, antwortet die Werbeabteilung heute frech: „Von wegen“.

Im April 2015 kündigte McDonald’s an, ab 2020 keine Rohstoffe mehr zu verarbeiten, für deren Produktion Regenwälder abgeholzt wurden. Das gilt für Kaffee, Palmöl und Verpackungen, aber vor allem für Soja, das zu Tierfutter verarbeitet wird. Macht der Fast-Food-Riese diesmal ernst, wäre das ein großer Schritt.

Widerstand
Umwelt- und Tierschützer bleiben skeptisch: Der massenhafte Konsum von Ein-Euro-Fleischbrötchen könne nicht nachhaltig sein. Auch gibt es immer wieder Proteste, wenn der Burgerbrater mit neuen Filialen expandiert – etwa in Berlin-Kreuzberg, im Hamburger Schanzenviertel und zuletzt in einem Kirchengebäude direkt am Vatikan. Allerdings meist vergebens.

Coca-Cola: Kult und Krise

Unternehmen und Marken
Der weiße Schriftzug auf rotem Grund leuchtet über dem New Yorker Times Square ebenso wie am Londoner Piccadilly Circus oder über der Hamburger Reeperbahn. Satte vier Milliarden Dollar investierte „The Coca-Cola Company“ allein 2016, um ihr Logo noch bekannter zu machen – man könnte mit dieser Summe fünf Elbphilharmonien bauen. Das aufgeladene Image ist der Schlüssel für den Erfolg: 94 Prozent der globalen Bevölkerung kennen die Marke, die als eine der wertvollsten der Welt gilt. Dabei ist das Produkt bekanntermaßen nichts anderes als aromatisiertes Zuckerwasser: Pro Liter sind 35 Stück Würfelzucker darin gelöst, beinahe die doppelte von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Tagesdosis. Überdies enthält Coca-Cola fast so viel Säure wie Essig und greift dadurch den Zahnschmelz an.

„Für einen Amerikaner oder Europäer der Gegenwart ist Coca-Cola eine größere Bedrohung als al-Qaida“, stellte jüngst der israelische Historiker Yuval Noah Harari fest. Denn die Fettleibigkeit zählt zu den größten Gesundheitsrisiken – und der übermäßige Konsum süßer Limonaden zu ihren Hauptursachen. Zucker ist der neue Tabak, erklären Ärzte schon seit Jahren, und langsam kommt die Botschaft auch in der Politik an. Was bei Zigaretten längst üblich ist – Warnhinweise, Werbeverbote oder hohe Steuern – droht nun auch für Cola, Fanta und Sprite.

Zwar setzt der Konzern gemeinsam mit seinen Abfüllpartnern weltweit 150 Milliarden Liter alkoholfreie Getränke im Jahr um. Doch auch bei Coca-Cola sind die Zeiten des ungebremsten Wachstums vorbei – vor allem auf dem wichtigen Heimatmarkt USA, wo der Umsatz bereits seit der Jahrtausendwende sinkt.

Strategie
Coca-Cola versucht nun, mit Fitnessgetränken und Mineralwasser gesundheitsbewusste Kunden zu halten. Weil die Erlöse dennoch fallen, will sich der neue Konzernchef James Quincey wieder auf die alten Kernmarken besinnen – und mehr zuckerreduzierte Varianten sowie kleinere Flaschen und Dosen anbieten.

Gleichzeitig arbeitet der Coca-Cola-Konzern mit ganz ähnlichen Mitteln wie einst die Tabakindustrie daran, Restriktionen abzuwenden – durch vorgetäuschtes Einlenken, gezielte Desinformation und politische Einflussnahme. In den letzten Jahren wurden wiederholt finanzielle Beziehungen publik, die Coca-Cola ebenso wie der Branchenzweite Pepsico unterhält, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Neben den rund fünfzig Millionen Dollar, die zwischen 2011 und 2015 aus den Getränkekonzernen in die politische Lobbyarbeit in den USA flossen, gingen weitere Millionen an Gesundheitsorganisationen. Die geförderten Experten vertraten dann etwa die Auffassung, vor allem Bewegungsmangel sei für das zunehmende Übergewicht verantwortlich und nicht der wachsende Limonadenkonsum – ganz nach der Devise der Zigarettenhersteller, für die Folgen des Rauchens seien die Raucher selbst verantwortlich.

Auch in Deutschland gibt es eine lange Liste finanzieller Partnerschaften. Sie reicht von einigen Hunderttausend Euro, die im Rahmen der „Fanta Spielplatz-Initiative“ an das Deutsche Kinderhilfswerk gezahlt wurden, bis zur Getränkespende im Wert von einigen Hundert Euro für ein Fußballturnier des FC Bundestag.

Die Bestrebungen der Politik, den mächtigen Multi mit Steuern in die Schranken zu weisen, sind aber kaum mehr zu bremsen. Mexiko und Philadelphia haben mit einer Getränkesteuer auf Softdrinks zum Jahresbeginn den Anfang gemacht, weitere US-Städte, aber auch Länder wie Großbritannien werden folgen. Solche Steuern seien „diskriminierend und ineffektiv“ klagte Coca-Cola-Chef Quincey vor seinem Amtsantritt im Mai. Doch die ersten Erfahrungen aus der Praxis belegen, dass die Zuckersteuern wirken: In Mexiko sank der Brause-Umsatz in den ersten Wochen des Jahres um rund zehn Prozent – und bei einzelnen Getränkehändlern in Philadelphia haben sich die Erlöse glatt halbiert.

Umwelt und Menschenrechte
Nicht nur die Vermarktung der gesundheitsschädlichen Limonade, sondern auch der Anbau des wichtigsten Rohstoffs Zucker ohne Rücksicht auf die Interessen der indigenen Bevölkerung – wie etwa in Kambodscha – bringt dem Konzern immer wieder Kritik ein. Coca-Cola hat sich 2013 verpflichtet, nicht mehr mit Produzenten zusammenzuarbeiten, die sich gesetzeswidrig Agrarflächen aneignen. Doch erst 2020 soll die Überprüfung der Zulieferer in den 16 wichtigsten Anbauländern abgeschlossen sein.

Verpflichtet hat sich Coca-Cola auch zum Abbau des Plastikmüllberges. An dessen Entstehung hat der weltgrößte Getränkehersteller einen maßgeblichen Anteil. Die mehr als hundert Milliarden Wegwerfflaschen im Jahr würden aufeinandergestapelt 65-mal von der Erde bis zum Mond reichen.

2013 gab der Konzern bekannt, den Anteil der wiederverwerteten Flaschen bis 2020 auf 75 Prozent steigen zu lassen. Greenpeace deckte jetzt aber auf, dass der Anteil tatsächlich immer weiter sinkt – von 63 Prozent im Jahr 2013 auf nur noch 59 Prozent 2015.

Widerstand
An Coca-Cola gibt es Kritik, seit sie erfunden wurde, ihr Logo wurde bereits unzählige Male persifliert. Besonders erbitterte Proteste gibt es seit vielen Jahren im Süden von Indien, wo sich die Wut über die Wasserentnahme in Dürregebieten mit nationalistischen Tönen vermischt.

In Kalifornien zogen Anfang des Jahres Verbraucherschützer gegen das irreführende Marketing der Coca-Cola Company vor Gericht. Die Gruppe „The Praxis Project“ wirft dem Konzern und dem Verband der US-Getränkehersteller vor, zu wenig über die Gesundheitsrisiken zu informieren – und gegen das Versprechen zu verstoßen, für ihre Produkte nicht bei Kindern unter zwölf Jahren zu werben.

Unilever: Große Worte und kleine Schritte

Unternehmen und Marken
Rama, Flora, Lätta, Becel – Streichfett ist das historische Kerngeschäft des Konzerns, der 1930 aus der Fusion der niederländischen „Margarine Unie“ mit dem britischen Seifenhersteller „Lever Brothers“ entstand. Doch nun ordnet Unilever sein Portfolio von mehr als 400 Marken neu, und ausgerechnet die Margarinesparte steht zum Verkauf: Sie gilt wegen veränderter Konsumgewohnheiten nicht mehr als profitträchtig. Man will sich auf Marken wie Knorr und Langnese konzentrieren und auf das Geschäft mit Pflege- und Putzmitteln, das mehr als die Hälfte des Jahresumsatzes von zuletzt 52,7 Milliarden Euro ausmacht.

Strategie
Der Vorstandsvorsitzende Paul Polman hat sich wie kein anderer Konzernchef das Thema Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben. Der Niederländer erklärt, er wolle Unilever zum Vorreiter beim Kampf gegen den Klimawandel machen. Er sei überzeugt, dass sich mehr und mehr Verbraucher von Unternehmen abwenden, die nicht auf einen schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen achten. Dabei geht es ihm offenbar um mehr als nur ein gutes Außenbild. Denn die Erderwärmung kann gerade für Lebensmittelkonzerne zur existenziellen Bedrohung werden, wenn Dürren oder Extremwetter Ernten vernichten und Rohstoffpreise in die Höhe schießen lassen.

Doch die Börse konnte Polman für seine Visionen nicht gewinnen, monatelang dümpelte der Aktienkurs vor sich hin – erst die Ankündigung des Margarine-Verkaufs brachte die Notierung nach oben. Der Unilever-Chef reagierte damit auf die Forderung von Aktionären, Unternehmensbereiche ohne Wachstumsperspektive abzustoßen. Der Druck auf ihn ist gewachsen, seit er im Februar das Übernahmeangebot von Kraft Heinz ablehnte. Hinter dem US-Konkurrenten stehen finanzstarke Großinvestoren wie Warren Buffett – die Offerte über 143 Milliarden Euro hätte den Unilever-Aktionären satte Gewinne eingebracht. Jetzt muss Polman das Unternehmen aus eigener Kraft wertvoller machen.

Der Verkauf der Margarinesparte hat also mit der Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens nichts zu tun, auch wenn er damit ein ökologisch höchst problematisches Produkt abstößt. Denn Margarine wird in Kunststoffbechern verkauft – und enthält Palmöl.

Umwelt und Menschenrechte
Mit einem Jahresverbrauch von anderthalb Millionen Tonnen Palm- und Palmkernöl ist Unilever einer der weltweit größten Verarbeiter des umstrittenen Rohstoffs. Palmöl macht nicht nur Margarine streichfähig, sondern ist auch die Basis für zahlreiche andere Unilever-Produkte – von der Eiscreme übers Fertiggericht bis zum Shampoo. In Südostasien, Afrika und Südamerika wurden und werden für den Anbau von Ölpalmen großflächig Regenwälder gerodet und kohlenstoffreiche Moore trockengelegt. Es ist eines der großen Umweltdramen des Planeten, mit katastrophalen Folgen für Artenvielfalt und globales Klima.

Unilever hat sich deshalb verpflichtet, bis spätestens 2020 Palmöl nur noch aus zertifizierten Quellen zu beziehen. Doch die Zertifizierung ist umstritten: Der von der Industrie dominierte Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO), den Unilever anführt, gehe mit seinen Standards nicht weit genug, warnen Umweltschützer, und die Sanktionen bei Verstößen seien zu schwach. Immerhin bescheinigen sie dem Konzern, dass er sich ernsthaft für Transparenz einsetzt. Noch im vergangenen Herbst deckte Amnesty International allerdings auf, dass auf Plantagen des Palmölproduzenten Wilmar in Indonesien Kinder mitarbeiten müssen, damit ihre Eltern die gesetzten Akkordziele erreichen. Wilmar ist ein wichtiger Lieferant von Unilever und Konkurrenten wie Nestlé und Kellogg’s.

Umweltschützer zeigen sich gegenüber Polmans Nachhaltigkeitsstrategie auch deshalb reserviert, weil das Unternehmen weiterhin zu den größten Produzenten von Plastikmüll zählt. Zwar hat sich Unilever der Initiative großer Hersteller angeschlossen, bis 2025 nur noch mehrfach nutzbare, recyclingfähige oder kompostierbare Kunststoffverpackungen einzusetzen. Doch bisher gilt das nur für siebzig Prozent der Verpackungen. Und selbst wenn das Ziel erreicht werden sollte: Wie viel am Ende tatsächlich einem Kreislauf zugeführt werden kann, steht auf einem anderen Blatt.

Widerstand
Im Dezember 2011 zog Bidin, ein Indigener von der Insel Sumatra, mit seiner Familie und einem halben Dutzend Mitstreitern vor die deutsche Unilever-Zentrale in Hamburg und hielt Plakate in die Kameras: „Rama – Landraub zum Frühstück“ stand zum Beispiel darauf – ein PR-GAU für den Konzern. Die Indonesier waren mithilfe der Organisationen „Rettet den Regenwald“ und „Robin Wood“ an die Elbe gekommen, um ihren Protest zum Adressaten zu tragen: Der Unilever-Zulieferer Wilmar hatte sie brutal aus ihrer Heimat vertreiben und ihre Häuser zerstören lassen. Inzwischen mache Unilever bei der Transparenz seiner Palmöl-Lieferkette einige Fortschritte, so Greenpeace. Doch die Nutzung des umstrittenen Rohstoffs in großem Stil führt dazu, dass der Druck auf die tropischen Wälder hoch bleibt.

Die Verantwortung für Altlasten zu übernehmen, fällt dem Multi auch unter Führung des Nachhaltigkeitsapostels Paul Polman schwer: Jahrelang kämpften Hunderte ehemalige Mitarbeiter einer indischen Unilever-Fabrik für eine Entschädigung. Quecksilber aus dort produzierten Thermometern hatte viele Beschäftigte vergiftet. Ihnen sagte der Konzern im März 2016 eine Entschädigung zu. Für die Beseitigung der Altlasten auf dem verseuchten Fabrikgelände müssen die Aktivsten vor Ort aber weiterkämpfen.