Wegweiser

Mirvat Alshnwane und Isabel Winarsch

„Wir haben einen gemeinschaftlichen Ort geschaffen.“
Mirvat Alshnwane und Isabel Winarsch

Upcycling als neue Chance für Nähtalente

Werbebanner hängen überall: in Fußballstadien, in Einkaufszentren, oft bedecken sie ganze Fassaden. Sie bestehen aus Mesh, ein Mischgewebe, das leicht und winddurchlässig ist, aber kaum recycelbar. Tonnenweise wird es entsorgt und verbrannt. „Das muss doch anders gehen“, dachte sich die Fotografin Isabel Winarsch aus Hannover, als sie nach einem Fotofestival zwei 150 Quadratmeter große Banner wegwerfen sollte. Also meldete sie sich bei der Initiative „Unter einem Dach“, die Werkstätten in Geflüchtetenunterkünften organisiert. Vielleicht ließen sich aus dem Stoff ja Taschen herstellen? Und ob: „Schnell hatten sie hundert Shopper genäht, die sofort ausverkauft waren, und noch immer war Material übrig“, sagt Winarsch.

Aus der Idee entstand die Firma Maesh – angelehnt an das Material und den Maschsee in Hannover – mit einer Produktlinie von Taschen für die Arbeit, zum Einkaufen, fürs Fahrrad und als Portemonnaie, hergestellt von einem Team aus sieben Frauen. Mirvat Alshnwane, gelernte Schneiderin aus Syrien, war sofort dabei. In ihrer Heimat nähte sie Brautkleider. Dann kam der Krieg, der ihr die Familie nahm. Mit ihren eigenen beiden Kindern und den zwei Kindern ihres gestorbenen Bruders lebt sie nun als Alleinerziehende in Deutschland. Bei Maesh entwirft sie die Designs mit und gibt ihr Wissen an die anderen Näherinnen weiter. „Die Arbeit macht mich stolz und glücklich“, sagt sie. Auch Trauer hat dabei ihren Platz, etwa wenn es einen Todesfall im Heimatland gibt. „Alle hier sind füreinander da“, sagt Isabel Winarsch.

Die Taschen bestehen zu neunzig Prozent aus dem alten Mesh-Material. Manche Unternehmen, wie die Sparkasse, lassen sich nun etwa Geldbörsen aus ihren Werbebannern herstellen. Nur die Reißverschlüsse und Gurte muss Maesh dazukaufen, alles made in Germany. „Wir wollen den Frauen einen sinnstiftenden Job bieten, der über dem Mindestlohn bezahlt wird“, erklärt Isabel Winarsch. Ihre Talente sollen aufblühen, damit sie eine Perspektive haben. „Wir haben einen gemeinschaftlichen Ort geschaffen“, sagt Winarsch, „einen Ort, an dem nicht nur stumpf gearbeitet wird.“

Mirvat Alshnwane und Isabel Winarsch
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