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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.16

Wie ökologisch ist veganes Essen?

Text: Kathrin Burger

fragt Ann Sophie Schmidt aus Neubulach

Um das herauszufinden, waren wir mit der Bloggerin Claudia Renner unterwegs

Tomaten, Gurken, Hirse, Erbsen, Zitrone, Petersilie – das wird ein herrlich sommerlicher Hirsesalat für die Freundinnen, die Claudia Renner heute Abend zu Besuch erwartet. Dass der Salat vegan ist, also vollkommen ohne tierische Lebensmittel auskommt, macht den Gästen gar nichts. Schließlich ist Claudia Renner eine gute Köchin. Sie wirkt auf Anhieb sympathisch, ist quirlig und geerdet zugleich, lacht gerne und viel. Doch wenn es um Tiere geht, versteht sie keinen Spaß.

Bereits mit acht Jahren hat sie ihrer Mutter verkündet, von nun an weder die geliebten Hamburger noch Lasagne oder anderes Fleisch zu essen. Und vor sechs Jahren hat die 34-Jährige Münchnerin, die derzeit eine Yoga-Ausbildung macht, von veggie auf vegan umgestellt. Auslöser war die Lektüre des Buches „Tiere essen“, in dem der US-Autor Jonathan Safran Foer auch die Missstände der Milch- und Eierproduktion offenlegt. In ihrem Blog (claudi-goes-vegan), der anfangs als Tagebuch geplant war, berichtet sie bis heute aus ihrem Leben. Manchmal empfiehlt sie Restaurants, manchmal informiert sie einfach, oft postet sie Rezepte, die Veganer, aber auch Fleischesser goutieren – sie ist das Gegenteil eines Pudding- und Pommes-Veganers.

Doch sie sorgt sich nicht nur um das Tierwohl, sondern auch um die Natur und die Menschen, die für unsere Lebensmittel schuften. Darum achtet sie darauf, wo Lebensmittel herkommen, dass sie bio sind und fair gehandelt. Dass Ökolandbau eindeutig Vorteile für die Umwelt bringt, haben viele Studien bewiesen. Der Anbau von Biozwiebeln bedeutet beispielsweise eine CO2-Einsparung von 14 Prozent gegenüber konventionellen Produkten, bei der Brotproduktion werden sogar 25 Prozent weniger frei.

Neben bio und fairtrade kauft Claudia Renner meistens regionale Lebensmittel. Die Hirse für den Sommersalat nimmt sie zum Beispiel in der Vollkornvariante von einem ostdeutschen Hersteller. Kartoffeln aus Ägypten lässt sie links liegen, ebenso Flugware wie Mango. „Sich vegan und gleichzeitig regional zu ernähren, das geht definitiv“, sagt sie. Sogenannte Superfoods, wie Quinoa, Açai-Beeren oder Chia-Samen brauche man nicht, auch nicht um Mangelernährung vorzubeugen. Allerdings weitet sie „regional“ notfalls auf Holland und Italien aus, schließlich wolle sie etwa auf Zitronen nicht verzichten. Die sind nicht nur geschmacklich wichtig, sondern auch, weil sie die Eisenaufnahme aus pflanzlichen Lebensmitteln vervielfachen.

„Sich vegan und komplett regional zu ernähren ist vor allem in den Wintermonaten eine Herausforderung“, meint auch Melanie Speck, Ökotrophologin am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. „Man müsste dann im Sommer viel einkochen, damit es in der kalten Jahreszeit nicht nur Kohl gibt.“ Renner kann das bestätigen: „Ich mag zwar Kohl in allen Varianten, aber irgendwann wird es einseitig.“

Tatsächlich ist die vegane Ernährung per se schon umweltfreundlich. Das Freiburger Öko-Institut hat ausgerechnet, dass die typisch deutsche, fleischreiche Ernährung einen ökologischen Fußabdruck von 1,8 Gramm Kohlendioxid (CO2) pro Kilokalorie aufweist. Mit einem Speiseplan mit maximal 600 Gramm Fleisch pro Woche, wie ihn die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, kommt man auf rund 1,6 Gramm. Vegetarier, die Milch und Eier konsumieren, kommen auf 1,3 und Veganer auf nur 1,1 Gramm. Der Renner’sche Hirsesalat wird darum von der Expertin Speck auch als „ressourcenschonend“ bezeichnet, zumal Tomaten und Gurken derzeit Saison haben. Die Erzeugung von tierischen Produkten, vor allem von Rind- und Schweinefleisch, aber auch von Milch, ist dagegen ressourcenintensiv: Sie verbraucht ein Vielfaches an Land, Wasser, Energie, Erdöl und Phosphaten und hinterlässt dafür eine Menge Nitrat und Ammoniak sowie klimaschädliches Kohlendioxid, Methan und Lachgas.

Ein durchschnittlicher Veganer macht also in Sachen Umweltschutz schon vieles richtig. Im schlimmsten Fall kann sich jedoch auch ein Tierfreund seine Klimabilanz vermasseln. In vielen veganen Fertigprodukten steckt zum Beispiel Palmöl. „Das ist die derzeit umstrittenste Zutat unter ökologischen Gesichtspunkten“, sagt Speck. Zwar lässt sich die Ölpalme mit wenig Aufwand und hohem Ertrag anbauen, doch dabei werden große Wälder und Moore in Südostasien zerstört, was dem Klima erheblich zusetzt, da Moore perfekte Klimasenken sind.

Zu viele Fertigprodukte sind sowieso nicht ratsam. „Sie sind stark verarbeitet und müssen darum energie- und wasserintensiv hergestellt werden“, sagt Melanie Speck mit Blick auf vegane Sojawurst, Reis- und Mandelmilch. Das gilt auch für die Biovarianten. Die Promiköchin Sarah Wiener meint gar, Sojamilch sei so künstlich wie Cola, was die Expertin Speck jedoch anders sieht: „Da Cola auch noch Phosphorsäure, Farbstoffe und viel mehr Zucker enthält, sollte Sojamilch nicht auf die gleiche Stufe gestellt werden.“ Der Umwelt zuliebe könnten Veganer aber anstatt auf Soja-, Reis-, Cashew- oder Mandelmilch auch auf Lupinen-, Dinkel- sowie Hafermilch zurückzugreifen. Denn diese Lebensmittel können hier in Deutschland angebaut werden. „Es gibt mittlerweile viele heimische Hersteller“, sagt Claudia Renner und zeigt in einem Münchner Biosupermarkt auf das gut bestückte Kühlregal. Trotzdem ist eine selbstgemachte Cashew-Milch sehr wahrscheinlich immer noch umweltfreundlicher als die Milch vom Bauern nebenan. So haben Forscher der Hochschule Eberswalde gezeigt, dass die Herstellung von Biokuhmilch rund 900 Gramm CO2-Äquivalente pro Liter emittiert, während es bei einem handelsüblichen Sojadrink 300 und bei Hafermilch sogar nur 210 Gramm sind.

Stärker im Kreuzfeuer der Kritik stehen Fleischersatzprodukte. Zum einen reicht ihre Ökobilanz teilweise fast an die von Hühnerfleisch heran. So emittiert die Herstellung von Produkten auf Glutenbasis rund vier Kilogramm CO2-Äquivalente pro Kilo, für Hühnerfleisch sind es auch nur knapp sechs Kilo. Und gesund sind sie auch nicht. Enthalten sie doch meist viele Zusatzstoffe wie Verdickungsmittel und Zuckercouleur sowie massig Salz. Claudia Renner, die auch Menschen bei ihrer Umstellung zum Veganismus berät, meint, dass es problemlos ohne diese Produkte gehe. „Ich kaufe das nur, wenn ich mal Lust auf etwas Deftiges habe.“ Es sei für den Körper nicht viel gewonnen, wenn man auf veganes Junkfood zurückgreife. „Man muss als Veganer schon gerne kochen und sich gut informieren“, findet Renner. Und das tut sie auch. Dem oft geäußerten Vorwurf, dass  Pflanzenköstler wegen ihrer Soja-Affinität für den Raubbau am brasilianischen Regenwald verantwortlich seien, kann sie darum souverän begegnen. „Das stimmt einfach nicht. Über neunzig Prozent der Sojaernte landen im Tierfutter. Soja für Lebensmittel wird dagegen heute sogar schon in Deutschland angebaut.“ Wenn nicht, dann stammt es aus Italien, Frankreich, Kanada oder Südostasien – Urwälder werden dafür aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gerodet.

Ihr Wissen anderen ungefragt aufzuzwingen oder mit gruseligen Fotos aus Tierställen zu argumentieren, ist der Bloggerin jedoch fremd. „Das ist ja auch eine Form von Gewalt, und Gewalt will ich weder Tieren noch Menschen antun.“ Dieser Einstellung verdankt sie es auch, dass sie noch alle omnivoren Freunde von früher hat, während viele vegane dazu gekommen sind. Und die trifft sie wie heute zum Abendessen auch mal auf der Wiesn – umringt von Brathähnchen. Das stört sie nicht. Das gemütliche Beisammensein bei Bier und Brezn (beides vegan) ist ihr viel wichtiger.

Zum Weiterlesen:
Toni Meier: Umweltschutz mit Messer und Gabel. Oekom 2013, 240 Seiten, 24,95 Euro