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Wie viel Glyphosat steckt in unseren Lebensmitteln und wie gefährlich ist das?

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.16

Wie viel Glyphosat steckt in unseren Lebensmitteln und wie gefährlich ist das?

Text: Jakob Vicari Illustrationen: Christoph Niemann

Zuerst die gute Nachricht: Bald könnte weniger Glyphosat in unserer Nahrung stecken. Jedenfalls in dem Teil, der aus Europa kommt. Die weitere Zulassung des Wirkstoffs ist Ende Juni erneut gescheitert, weil es bei den EU-Staaten keine Mehrheit dafür gab. Möglicherweise darf das Mittel ab 2018 nicht mehr eingesetzt werden.

Die schlechte Nachricht: Bis dahin hat die EU-Kommission die Zulassung des Totalherbizids im Alleingang verlängert und will es in dieser Zeit erneut begutachten lassen. Klar ist: Die Industrie wird nicht aufgeben und um ihr Superherbizid kämpfen. Denn für sie, wie für viele Landwirte, ist Glyphosat ein Wundermittel. Über kein Ernährungsthema wurde in letzter Zeit so intensiv gestritten. Denn die Beurteilung möglicher Gesundheitsgefahren ist komplex – und auch die Alternativen bergen erhebliche Risiken.

Seit die zur WHO gehörende Internationale Agentur für Krebsforschung im März 2015 erklärte, für Versuchstiere sei eine krebserzeugende Wirkung von glyphosathaltigen Pestiziden bewiesen und für Menschen gebe es „begrenzte Hinweise“ auf eine „wahrscheinlich krebserregende Wirkung“, bekommt der Unkrautvernichter in einer breiteren Öffentlichkeit enorme Aufmerksamkeit. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), das im Rahmen des EU-Verfahrens die Gesundheitsfolgen des Mittels beurteilen sollte, kam allerdings zu dem Schluss, dass von Glyphosat keine Gefahr ausgeht, solange es richtig angewendet wird. Das Herbizid ist demnach in den Dosen, die Menschen über die Nahrung aufnehmen, weder krebserregend noch erbgutschädigend, beeinträchtigt weder Embryos noch Nerven.

Wie gefährlich ist Glyphosat nun? Für Pflanzen ist es tödlich – fast ausnahmslos. Denn es blockiert ein Enzym, das für die Bildung mehrerer lebenswichtiger Aminosäuren zuständig ist. Das ist sein Zweck. Es sei denn, die Pflanze hat eine gentechnisch eingebaute Glyphosat-Resistenz. Solche Saaten sind vor allem in den USA verbreitet. In Deutschland wird der Acker dagegen vor der Saat und nach der Ernte mit dem Breitbandgift „aufgeräumt“. Der Einsatz zur Reifebeschleunigung kurz vor der Ernte, der am meisten Rückstände verursacht, ist nur noch eingeschränkt erlaubt.

Die Wirkung des Unkrautvernichters ist im Wortsinn radikal. Wie in Pflanzen blockiert er auch in vielen Mikroorganismen des Bodens die Bildung von Aminosäuren – sie sterben ab. Glyphosat kann außerdem ein erheblicher Anteil am Verlust der Biodiversität auf dem Acker angelastet werden. Es radiert die Wildkräuter aus, die Schmetterlingen, Wildbienen, Hummeln und anderen Insekten als Nahrung dienen. Sterben die Insekten, haben es auch die Vögel schwer. Glyphosat hinterlässt eine Agrarwüste.


Hühner und Krallenfrösche, an denen die Wirkung des Stoffs erprobt wurde, reagierten auf sehr hohe Dosen mit Vergiftungserscheinungen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sie Krebs bekamen oder ihr Nachwuchs Missbildungen hatte, stieg. Glyphosat beeinträchtigt auch den Orientierungssinn der Bienen und steht im Verdacht, unter ungünstigen Umständen bei Rindern Vergiftungen hervorzurufen.

Viel schwieriger ist es, die Wirkung auf Menschen zu ermitteln, da wir uns deutlich abwechslungsreicher ernähren als Kühe und so einen ganzen Cocktail an Stoffen aufnehmen. Studien zeigen, dass Menschen gegessenes Glyphosat innerhalb einer Woche fast vollständig wieder ausscheiden. Andererseits treten in Argentinien und Paraguay, wo großflächig gesprüht wird, bei den Bewohnern der „eingenebelten Dörfer“ Gesundheitsschäden und erhöhte Fehlgeburtsraten auf. Der Hauptrisikofaktor ist offenbar das Leben in der Nähe eines Feldes, nicht der Verzehr von belastetem Essen. Doch dass die Probleme überhaupt durch Glyphosat ausgelöst wurden, ist noch nicht bewiesen.

Die Chemikalie darf hierzulande in Lebensmitteln vorkommen – und lässt sich auch sehr genau nachweisen. Die Lebensmittelüberwachungsbehörden der deutschen Bundesländer untersuchen regelmäßig alle möglichen Nahrungsmittel auf Rückstände. Vor allem in Getreide und getrockneten Hülsenfrüchten, besonders Linsen, wurden sie fündig, aber auch in Milch, Wasser, Getreide und Bier. Akut gefährlich für die menschliche Gesundheit sind die gefundenen Gehalte in der Nahrung nach heutigem Wissen nicht.

Wie immer gilt: Die Dosis macht das Gift. Von den Grenzwerten sind alle gefundenen Mengen sehr weit entfernt. Bisher gelten 0,3 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht in der EU als die Menge, die ein Mensch ein Leben lang pro Tag gefahrlos aufnehmen kann. Das BfR hält sogar 0,5 Milligramm pro Kilo Körpergewicht für unbedenklich.

Glyphosat ist ein Gift. Es sollte so wenig wie möglich davon in die Nahrung. Doch längst gibt es eine „Hintergrundbelastung europäischer Bürger“, wie selbst das BfR schreibt. In einer Langzeitstudie des Umweltbundesamtes wurde es zuletzt bei vierzig Prozent der Testpersonen im Urin nachgewiesen. Durch das Essen in der Kantine oder das Bier in der Kneipe haben auch Leute, die sich ansonsten biologisch ernähren, Glyphosat im Körper – allerdings in sehr geringen Konzentrationen. Das Umweltbundesamt fordert, die Datenlage zur Belastung von Menschen zu verbessern. Insbesondere bei Kindern sei die Studiensituation unbefriedigend.

Unbefriedigend sind allerdings auch manche Studien. Panik verursachte etwa jene zum Glyphosatgehalt von Bier. Dabei enthält sogar ein Liter der am meisten belasteten Sorte mit 29,74 Mikrogramm gerade einmal ein Tausendstel der maximalen täglichen Aufnahmemenge. Anders ausgedrückt: Erst der Konsum von tausend Litern Bier am Tag würde zur ernsthaften Gesundheitsgefahr durch Glyphosat beim Menschen führen.

Schlagzeilen machten auch zwei Studien zu Glyphosat in Muttermilch. Das BfR untersuchte 114 Proben und fand keine Belastung. Eine Untersuchung im Auftrag der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen mit 16 Muttermilchproben hatte jedoch zwischen 0,0002 und 0,0004 Milligramm des Pestizids pro Liter ergeben. Doch ähnlich wie beim Bier gilt auch hier: Selbst mit einem Liter Muttermilch würde ein Säugling nur ein Viertausendstel der kritischen Menge zu sich nehmen.

Kritiker warnen dennoch davor, das Thema als harmlos abzutun. „Die Kontamination unserer Nahrungsmittel und die wahrscheinliche Krebsgefahr: Das sind besorgniserregende Befunde, nach denen wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen dürfen“, sagt Johann Zaller. Der Agrarökonom beschäftigt sich an der Universität für Bodenkultur in Wien seit Jahren mit der Wirkung von Glyphosat. Besonders die Stoffe, die den Pestiziden beigemischt werden, bergen seiner Ansicht nach Gesundheitsrisiken. „Diese Beistoffe werden von den Herstellern unter dem Vorwand des Betriebsgeheimnisses meistens nicht deklariert. Von den bekanntgegebenen weiß man allerdings, dass sie zum Teil sogar toxischer sind als der Wirkstoff selbst“, sagt Zaller. Ebendiese Zusätze spielen im aktuellen Zulassungsverfahren nur eine untergeordnete Rolle. Zaller fordert: „Sie müssten offengelegt und untersucht werden.“

Auf dem Produkt muss die Behandlung mit Glyphosat nicht angegeben werden. Jedoch ist davon auszugehen, dass konventionelles Getreide und Gemüse fast immer mit Herbiziden behandelt wird. Würde Glyphosat vom Markt genommen, kämen andere Mittel zum Einsatz. „Ein vorübergehendes Glyphosat-Verbot wäre nicht schlecht, um zu sehen, wie die Landwirtschaft reagiert“, sagt Matthias Kästner. Der Mikrobiologie befasst sich am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig mit den Rückständen von Pestiziden im Stoffkreislauf. Allerdings warnt er vor zu viel Optimismus. Wie viele Experten befürchtet auch er, dass Alternativen tendenziell sogar gefährlicher sind. Glyphosat ist immerhin biologisch abbaubar.

Selbst wenn die EU die Zulassung Ende 2017 auslaufen lässt, wird unsere Nahrung nicht glyphosatfrei sein. Ob Weizen aus den USA, Linsen aus Kanada, Soja aus China, Kartoffeln aus Ägypten oder Mais aus Argentinien: Die Supermärkte sind voll mit Produkten aus der Nicht-EU-Landwirtschaft. Und Glyphosat wird auf der ganzen Welt eingesetzt.

Das Problem müsste grundsätzlicher angegangen werden. Kästner hat mit Kollegen vom Helmholtz-Zentrum die Idee einer Pestizidsteuer entwickelt. Er sagt: „In Dänemark hat so eine Steuer zu deutlich sinkenden Absatzzahlen geführt.“

Eine Alternative gibt es längst: Die biologische Landwirtschaft mit ihren mechanischen Ansätzen zur Unkrautbeseitigung und der intelligenten Fruchtfolge gilt weithin als bester Ausweg aus der Glyphosat-Spirale. Klare Empfehlung: Wer Glyphosat und andere Pestizide so gut es geht vermeiden will, sollte zu Bioprodukten greifen. Die baden-württembergische Lebensmittelüberwachung fand 2015 in Obst und Gemüse aus biologischem Anbau hundertmal weniger Rückstände als in konventionell gewachsenen Früchten.

Vorsichtig sein sollte man auch mit der Kleingartenernte, wenn man nicht sicher weiß, ob der Nachbar spritzt: Ein Teil des Glyphosateinsatzes erfolgt nicht durch Landwirte, sondern durch Hobbygärtner und Betreiber von Golfplätzen – obwohl viele Baumärkte und Gartencenter den Wirkstoff inzwischen aus den Regalen verbannt haben.