Reports / Meinungen / Interviews

IPCC-Bericht08.Okt 2018

Das 1,5-Grad-Ziel wird an der politischen Trägheit scheitern, nicht an der Machbarkeit

Das 1,5-Grad-Ziel wird an der politischen Trägheit scheitern, nicht an der Machbarkeit

Die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken, ist laut Weltklimabericht nach naturwissenschaftlichen Kriterien noch zu schaffen. Für die notwendigen drastischen Änderungen in allen Gesellschaftsbereichen fehle aber die politische Durchsetzungskraft, so die Einschätzung des Klimaexperten Hans-Otto Pörtner, der in leitender Position am IPCC-Bericht mitgeschrieben hat. Im Interview erklärt er, warum es so wichtig ist, dass wir endlich Verantwortung übernehmen.

An diesem Montagmorgen haben die Experten des Weltklimarats (IPCC) ihren zweihundertseitigen Sonderbericht zur globalen Klimaveränderung vorgestellt. Auf der Pressekonferenz um 10 Uhr morgens im südkoreanischen Incheon, bei uns mitten in der Nacht, bestärkten die Klimaforscher noch einmal den breiten wissenschaftlichen Konsens, dass „menschliche Aktivitäten" die derzeitige globale Erwärmung von einem Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Werten verursacht haben.

Außerdem machen sie im aktuellen Sonderbericht deutlich, dass die sich gerade in jüngster Zeit häufenden Vorkommnisse wie Extremwetter, steigende Meeresspiegel und schwindendes arktisches Meereis direkte Konsequenzen der aktuellen Erderwärmung sind. Sollte diese mit gleicher Geschwindigkeit weiter zunehmen, würden wir zwischen 2030 und 2052 bereits eine globale Erwärmung von 1,5 Grad Celsius erreichen.

Die Erwärmung deutlich unter 2 Grad, möglichst 1,5 Grad, zu halten, war das formulierte Ziel auf der UN-Klimakonferenz 2015 in Paris. In diesem Zuge beauftragten die 195 Mitgliedsstaaten den Weltklimarat damit, in einem Sonderbericht zu klären, wie dieses Ziel erreicht werden könnte und gleichzeitig die Folgen einer Erwärmung von 1,5 Grad abzuschätzen. In den darauffolgenden Jahren haben mehrere Hundert Forscher Tausende von Klimastudien analysiert und bewertet. Das Ergebnis liegt nun vor – und wie zu erwarten, ist die Lage ernst.

Zwei Monate vor dem nächsten UN-Klimagipfel im polnischen Kattowitz versuchen es die Forscher noch einmal mit einem politischen Weckruf. Sie warnen davor, was schon bei einer Erwärmung um 1,5 Grad Celsius passieren kann – und mit welchen noch gravierenderen Folgen wir bei 2 Grad rechnen müssen.

Wir haben Hans-Otto Pörtner gefragt, wie realistisch das 1,5-Grad-Ziel noch ist – und woran es liegt, dass beim Klimaschutz so viel geredet und so wenig umgesetzt wird. Der Klimaforscher und Meeresbiologe hat als Ko-Vorsitzender der Arbeitsgruppe II „Folgen, Anpassung und Verwundbarkeit" am Sonderbericht mitgearbeitet:

Herr Pörtner, was ist die wichtigste Aussage des heute veröffentlichten Berichts?

Das Neue an diesem Bericht ist: Er kann zwischen 1,5 und 2 Grad unterscheiden – das ist aus wissenschaftlicher Sicht durchaus eine Herausforderung. Wir haben in einem Ausmaß interdisziplinär daran gearbeitet, wie wir es in der bisherigen Geschichte des IPCC noch nie gemacht haben. Das Ergebnis: Es macht einen Unterschied, ob wir 1,5 oder 2 Grad als Klimaziel anstreben. 1,5 Grad Erwärmung ist mit erheblich geringeren Klimaschäden verbunden.

Hans-Otto Pörtner Portraitbild

Hans-Otto Pörtner hat als Ko-Vorsitzender einer IPCC-Arbeitsgruppe am Weltklimabericht mitgearbeitet. Er fordert, die gesellschaftlich-politisch-institutionelle Trägheit zu überwinden und Klimaschutz ernsthaft umzusetzen. Foto: Kerstin Rolfes

Wir sind schon jetzt bei plus 1 Grad gegenüber dem vorindustriellen Wert. Wie realistisch ist es, die globale Erwärmung noch auf 1,5 Grad zu begrenzen?

Es ist machbar, aber es ist mit einer Transformation verbunden, die in der Menschheitsgeschichte ohne Beispiel ist. Umgekehrt muss man aber auch sagen: Wenn wir diesen Wandel nicht anstreben, bewegen wir uns in eine Klimazukunft, die in der Evolutionsgeschichte des Menschen ebenfalls beispiellos ist. Ein ambitionierter Klimaschutz ist für den Übergang in eine nachhaltige Zukunft Grundvoraussetzung. Der Bericht hat gezeigt: Wenn man heute die Emissionen auf null bringen würde, würde das Klimasystem entsprechend reagieren und der Klimawandel wäre gestoppt. Physikalisch-chemisch ist Klimaschutz also machbar. Technologisch ist der Ausstieg aus den Emissionen auch machbar, das bedingt eben den massiven Übergang in CO2-freie Technologien, die zum Teil existieren und zum Teil noch entwickelt werden. Die Trägheit liegt in der gesellschaftlich-politisch-institutionellen Umsetzung.

Ein halbes Grad mehr macht für manche Orte einen riesigen Unterschied. Wo wird das am deutlichsten spürbar sein?

Die Temperaturangaben sind globale Durchschnittswerte. An Land werden die Temperaturerhöhungen auf allen Kontinenten immer größer sein als in den Ozeanen. Die Arktis erwärmt sich zwei- bis dreimal stärker als der Durchschnitt. Bei einer stärkeren Erwärmung als 1,5 bis 2 Grad werden die Tropen an ihre Grenzen gebracht. In den niederen Breiten können regional sowohl bei der Luftfeuchtigkeit als auch bei den Temperaturen Werte erreicht werden, die für menschliches Leben und das Leben anderer Säugetiere nicht mehr zuträglich sind. Einige Bereiche unserer Erde könnten dann nicht mehr bewohnbar sein, das wird Migrationsströme auslösen und entsprechende wirtschaftliche Verwerfungen. All dies spricht dafür, die Erwärmung massiv zu begrenzen.

Die aktuellen Klimaschutzpläne würden die globale Erwärmung nur auf ungefähr drei Grad begrenzen. Wie sähe unser Leben auf der Erde dann aus?

Das wäre eine Herausforderung für die Zivilisation, für das Aufrechterhalten derzeitigen menschlichen Wirtschaftens, für das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, für die Armutsbekämpfung. All das wäre in Frage gestellt. Für einige Systeme wird es aber selbst schon bei 1,5 Grad grenzwertig. Zum Beispiel für die Korallen, die werden wir schon da in großem Ausmaß verlieren. Aber bei zwei Grad würden wir statt 70 bis 90 Prozent 99 Prozent der Bestände verlieren. Genauso können wir das für das arktische Meereis durchspielen: Bei 1,5 Grad wäre der arktische Ozean einmal in hundert Jahren eisfrei, bei zwei Grad einmal in zehn Jahren. Für die Hitze und niedrigen Niederschläge diesen Sommer wurde die eisreduzierte Arktis verantwortlich gemacht, solche Effekte könnten also zunehmen.

Die CO2-Emissionen müssten bis 2050 auf null fallen, wenn wir die 1,5 Grad schaffen wollen. Was ist dafür nötig?

Eine Emissionsreduktion in allen gesellschaftlichen Bereichen, vom Verhalten des Einzelnen bis hin zum Einsatz von CO2-freien Technologien in Transport, Energie und Verkehr. Was den Einzelnen angeht bedeutet das auch einen Umschwung hin zu einer fleischloseren Ernährung, um die starken Emissionen aus der intensiven Tierhaltung in den Griff zu bekommen. Die nötigen Veränderungen durchdringen alle Lebensbereiche, deswegen spricht man nicht umsonst von einer Zeitenwende, die in der jüngeren Menschheitsgeschichte ohne Beispiel ist.

Wie ist Ihre Einschätzung: Halten Sie solch einen drastischen Wandel in allen gesellschaftlichen Bereichen für realistisch?

Der Handlungsdruck wird mit dem Klimawandel steigen. Die Frage stellt sich natürlich, inwieweit die existierende Trägheit überwunden werden kann. Ich kann nicht in die Glaskugel gucken, ich kann nur sagen: Bei einer konsequenten Politik, die sich diese Klimaziele vornimmt, ist ein Wandel möglich.

Laut einer Umfrage der City University of London glaubt die Mehrheit der Europäer zwar an den Klimawandel, nur ein Viertel ist davon aber sehr oder extrem beunruhigt. Wie sehr beunruhigt Sie dieses Ergebnis?

Das zeigt den Aufklärungsbedarf. Wir brauchen eine Umstellung, sodass CO2-armes Handeln billiger wird als CO2-intensives. Das bedeutet den Abbau von Subventionen für fossile Energien, auch bei uns in Deutschland. Das bedeutet die Förderung von nachhaltigen Lebens- und Transportmitteln. So eine Umstellung ist immer noch nicht erfolgt und muss dringend auf den Tisch.

Wie reagieren Sie auf das Argument aus der Politik, dass Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, wenn man zum Beispiel aus der Kohle aussteigt?

Wissen Sie, das ist ein Argument das gerne als Entschuldigung genommen wird. Das Festhalten an alten Methoden ist ein Kennzeichen der Trägheit des Menschen. Ich denke mit den aktuellen Überschüssen im bundesdeutschen Haushalt wäre es durchaus möglich diese Leute, die ihre Arbeitsplätze verlieren, aufzufangen, wenn man schnell umstellen will. Wenn ich aber den Schutz des Hambacher Forstes vor der Abholzung sehe, dann gibt mir das Hoffnung, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man Ökosysteme für klimaschädliches Verhalten opfert.

Für den 1,5-Grad-Sonderbericht haben 91 Autoren aus 40 Ländern mehr als 6000 Studien gesichtet und tausende Kommentare berücksichtigen, darunter fast 13.000 von Regierungen. Wie mühsam war das?

Es war über zwei Jahre gesehen extrem mühsam, die Autoren standen unter einem sehr viel höheren Zeitdruck als bei einem normalen Bericht. Dazu kam die Problematik, dass die Erkenntnislage zu Berichtsbeginn nicht sehr üppig war, da sind aber über die Zeit viele Studien dazugekommen.

Der Weltklimarat gibt keine politischen Handlungsempfehlungen. Welche geben Sie als Mensch?

Als Bürger dieses Planeten würde ich mir wünschen, dass die Politik diese Botschaften aufnimmt und in ambitioniertes Handeln umsetzt. Eines ist jetzt sehr deutlich geworden: Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren.

Interview: Svenja Beller / Redaktion und Text: Nora Kusche

Aufmacherbild: Das Bild zeigt eine Gletschereis-Oberfläche, durch die Wasser mäanderförmig rinnt. Quelle: picture alliance / imageBROKER

Um die Verantwortung eines jeden Einzelnen, aber auch darum, wie wir gemeinsam Großes bewirken können, geht es in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace Magazins 6.18 „Bloß nicht hinwerfen!“. Diese erhalten Sie im Warenhaus, am Kiosk oder ab 32,50 Euro im Abo. Sie können das Greenpeace Magazin auch in unserer digitalen Version lesen: mit allen Inhalten der Print-Ausgabe, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Ausprobieren!

Drucken
Verantwortung – 6.18
Das hat Sie interessiert?Dann sollten Sie erst mal unser Magazin sehen!
Das Greenpeace Magazin gibt es nicht nur im Netz, sondern auch gedruckt und auf dem Tablet für  iOS und  Android. Es erscheint alle zwei Monate und widmet sich den Nachrichten, die wirklich zählen: Das Thema heißt Zukunft und gesucht wird nach neuen Lösungen, kreativen Auswegen und positiven Signalen. Jetzt neu am Kiosk, im App Store und im Abo.

Wöchentlichen Newsletter bestellen?

Hier klicken! Jede Woche der ganz besondere Blick auf aktuelle Umweltereignisse – direkt ins Postfach