Artenvielfalt04.Jan 2019

Winterliche Artenvielfalt zeigt sich in blätterlosen Wäldern

Winterliche Artenvielfalt zeigt sich in blätterlosen Wäldern

Winterliche Kälte hält viele Menschen davon ab, in die Natur zu gehen. Dabei verpassen sie Großgruppen aus Vögeln, die durch Wald und Garten ziehen, und andere Naturschauspiele in den kargen Landschaften.

Wer im Winter durch den Wald oder den Park geht, der sieht auf den ersten Blick kahle Baumkronen, braunes, auf dem Boden liegendes Laub und farblose Baumstämme – hier ist nichts los, mag der enttäuschte Spaziergänger denken und sich schnell auf den Weg nach Hause machen. Dabei bietet die winterliche Kargheit ganz eigene Naturschauspiele.

Denn wenn die Wälder und Felder kahl stehen, kann man Wildtiere wie Rehe, Wildschweine, Eichhörnchen sehr viel leichter beobachten. Besonders für Vogelfreunde bringt das einen entscheidenden Vorteil, denn im blätterlosen Wald kann man fast jeden Vogelruf zu seinem Urheber zurückverfolgen – im grünen Dickicht der warmen Jahreszeiten ist das kaum möglich. Und im Winter gibt es in der Vogelwelt sehr viel Spannendes zu beobachten, sagt Felix Weiß. Der Biologe ist Autor des Buches „Unsere Vögel und ihre Stimmen“, das Interessierten einen Einstieg in die Bestimmung des Vogelgezwitschers bietet. „Während der Brutzeit leben die meisten Vögel in Paaren, doch zwischen September und Februar tun viele sich zu großen Nahrungsgemeinschaften zusammen. Wenn eine große Gruppe mit Meisen, Baumläufern und Wintergoldhähnchen durch den Wald oder den Garten zieht, dann ist das ziemlich spektakulär“, sagt Felix Weiß.

Je nach Art können das Teams von bis zu 100.000 Vögeln sein, die an gemeinsamen Schlafplätzen schlafen, wie beispielsweise Bergfinken. Zwar singen die Vögel nur zur Brutzeit, um ihren Partner zu beeindrucken oder ihr Revier zu markieren, – doch mit ihren sogenannten Winterrufen, die mit melodiösem Vogelgesang praktisch nichts gemein haben, warnen Vögel sich gegenseitig vor Gefahr. Und damit machen diese Nahrungsgemeinschaften einen ziemlichen Radau, kleine Vögel können also auch in dieser kalten Jahreszeit sehr laut sein.

Um sich im Zuhören zu schulen, ist schon bald die richtige Zeit. Denn an sonnigen Tagen Ende Januar oder Anfang Februar beginnen die ersten Meisen zu singen, sagt Felix Weiß, auch Kleiber und Misteldrosseln stimmen bald ihre Gesänge an, die Vielfalt der Vogelstimmen sei dann aber noch überschaubar. „Je weiter der Frühling voranschreitet, desto mehr Arten kommen in Brutstimmung und beginnen zu singen. Dann wird es für Anfänger schwer, einzelne Stimmen herauszuhören“, so Weiß. Wer sich bis dahin schon mit den häufigsten Arten vertraut gemacht hat, hat die besseren Karten.

Bis es soweit ist und Ende Januar die Frühlingsgesänge starten, kann man die Winternatur noch für andere schöne Entdeckungen genießen. Am meisten, sagt Felix Weiß, freue er sich im Winter über den Seidenschwanz, einen Vogel aus den Nadel- und Birkenwäldern Nordskandinaviens und Russlands, der nur manchmal zur kalten Jahreszeit seinen Weg in unsere Gefilde findet. Er sucht hier nach seiner Lieblingsspeise: Wilde Beeren. „Sein Ruf klingt wie ein glockenhelles Trillern“, sagt Felix Weiß. „Wenn die Tiere in Gruppen unterwegs sind, klingt das wie eine entfernte Fahrradklingel – eine schöne Fahrradklingel“, sagt er und lacht.

Eine Gelegenheit sich aufzuraffen und die Winternatur nicht nur aus dem Fenster zu beobachten, bietet auch die „Stunde der Gartenvögel“ des Naturschutzbundes (Nabu). Vorbild der jährlichen Vogelzählung ist der „Christmas Bird Count“, zu dem der US-amerikanische Ornithologe Frank Chapman 1900 aufrief und der bis heute in den USA, Kanada und Mexiko stattfindet. In Deutschland ist die Tradition noch nicht ganz so alt, zum neunten Mal findet die Vogel-Zählaktion hierzulande statt. Vom 4. bis 6. Januar, also von diesem Freitag bis zum Wochenende, sollen so viele Menschen wie möglich für eine Stunde lang ihren Balkon, ihren Garten, den Park oder einen schönen Platz im Wald in den Blick nehmen, um dort zu beobachten, welche Vogelarten sich wie oft zeigen. Ziel ist es, ein realistisches, über die Jahre hinweg vergleichbares Bild der winterlichen Vogelwelt zu erhalten. Über 136.000 Vogelfreunde haben sich im Januar 2018 an der Aktion beteiligt, auch unsere Reporterin legte sich auf die Lauer, und haben Zählungen aus über 92.000 Gärten übermittelt – ein neuer Rekord, den die Organisatoren nun noch überbieten möchte.

Infografik zu häufigsten Gartenvögeln

Je mehr Menschen ihre Beobachtungen zusammentragen, desto aussagekräftiger sind die Ergebnisse. Darum bieten die Ortsgruppen des Nabu anlässlich der Aktion nicht nur Radtouren, vogelkundliche Führungen und Winterwanderungen an, sondern Einsteiger können auf der Nabu-Website mit einem E-Learning-Tool die 15 häufigsten Wintervögel spielerisch und interaktiv kennenlernen.

Welche Vögel sich dann wirklich blicken lassen, hängt von vielen Faktoren ab. Wie kalt war es in den letzten Wochen, wie ist das Futterangebot in welcher Region, haben sich die Wintergäste aus dem Norden überhaupt auf den Weg zu uns gemacht oder ging es ihnen in Russland und Skandinavien gut genug? Aber egal, welche Arten Sie bei Ihrem Ausflug in die Natur sehen werden, gelohnt hat sich die Vogelbeobachtung vielleicht schon, wenn am Ende die Erkenntnis steht: Es gibt im Winter mehr zu entdecken, als farblose Landschaften und blätterlose Bäume.

Julia Lauter

Aufmacherbild: NABU/ Frank Derer

Drucken
Frieden – 1.19
Das hat Sie interessiert?Dann sollten Sie erst mal unser Magazin sehen!
Das Greenpeace Magazin gibt es nicht nur im Netz, sondern auch gedruckt und auf dem Tablet für  iOS und  Android. Es erscheint alle zwei Monate und widmet sich den Nachrichten, die wirklich zählen: Das Thema heißt Zukunft und gesucht wird nach neuen Lösungen, kreativen Auswegen und positiven Signalen. Jetzt neu am Kiosk, im App Store und im Abo.

Wöchentlichen Newsletter bestellen?

Hier klicken! Jede Woche der ganz besondere Blick auf aktuelle Umweltereignisse – direkt ins Postfach