Saison

Greenpeace Magazin - Saison: Köstliche Kartoffel

Köstliche Kartoffel

Gemüse von Welt und Arme-Leute-Essen, zartlila Blüte im Haar von Marie-Antoinette und Treibstoff der Industrialisierung. Solanum tuberosum steckt voller Stärken und ist in jeder Pelle zu Hause

Essen kann ja so politisch sein! Etwa an jenem Dienstag kurz vor Beginn des Irakkriegs im März 2003, als zwei Herren, einmal Seitenscheitel links, einmal Seitenscheitel rechts, im US-Kongress Kartoffelstäbchen umbenennen: Freedom fries statt French fries heißt es fortan in den Restaurants des Repräsentantenhauses. „Eine kleine Geste steht für großen Unmut gegen unseren sogenannten Verbündeten“, sagt einer der Männer, ein Republikaner. Nein, die Fritten wollen nichts mehr zu tun haben mit diesen aufsässigen Franzosen. Ein Magenstüber für Paris, das nicht mitmarschieren will gegen die Achse des Bösen.

Neu war die Idee nicht. Bereits im Ersten Weltkrieg hatten die USA sauerkraut durch liberty cabbage ersetzt. Wir wissen nicht, ob die Krauts in Berlin Notiz davon nahmen. Paris anno 2003 kommentierte die Kartoffelklatsche zurückhaltend – womöglich das stille Eingeständnis, dass pommes frites eben doch aus Belgien kommen. Vom Kapitol aus gesehen war das wohl einerlei: Auch Brüssel hatte Amerika fallengelassen wie eine heiße Kartoffel.

Seine Knollen im Weltgeschehen hat das Nachtschattengewächs, seit Konquistadoren es im 16. Jahrhundert in den Anden ausgruben. Zwar dauerte es, bis alle Europäer den Sinn der Inka-Pflanze verstanden. Doch bis dahin lebte es sich auch als zartlila Kartoffelblüte im Haar von Marie-Antoinette ganz hübsch. Preußisch pedantisch verdonnerte Friedrich der Große seine Untertanen zum Glück. Von 1746 an erließ er nicht weniger als fünfzehn „Kartoffelbefehle“, um die Knolle in die Krume zu bekommen – mit dem Hinweis, es handele sich um ein „Erd-Gewächs“. Landeskinder, Finger weg von den giftigen oberirdischen Früchten! In Irland war man da längst weiter. Wohl zu weit.

Als in den 1840er-Jahren ein Pilz in den Monokulturen grassierte, verhungerten eine Million Menschen. Andererseits sorgte die Kartoffel auch dafür, dass Europas Elende Kraft hatten, in Fabriken zu schuften. Für Friedrich Engels war sie neben Eisen „der wichtigste aller Rohstoffe, die eine geschichtlich umwälzende Rolle spielten“.

Sie strotzt vor Stärke und weiß es. Zudem ist die eiweiß- und vitaminreiche Knolle delikat. In Hunderten Sorten bringt sie Kombinationen süßer, buttriger und nussiger Aromen hervor. In Himmel und Erde verbindet sie sich mit Apfel und Blutwurst zu Höherem. Im Raclette schmeichelt sie feinem Käse. Mit der Tomate brilliert sie als Pommes & Ketchup. Sie versteht sich mit den Muscheln in Belgiens Nationalgericht moules frites ebenso wie mit Zwiebeln (Rösti!), Rosmarin (Blechkartoffeln!) und Muskat (Pü!). Und Freunde der Erde verfeinern ihre Gnocchi mit Trüffeln.

Sprachlich sind Kartoffeln und Trüffel sogar verwandt. Ob schon die spanischen Entdecker sie so nannten oder ob erst der flämische Botaniker Charles de l’Écluse auf den Vergleich mit italienischen tartufoli verfiel, ist unklar. Im Deutschen machte das Gemüse als Tartopholi, Tartuffeln und Kartoffeln Karriere, zuletzt als Schimpfwort für Deutsche ohne Migrationshintergrund. Nehmen wir es als Kompliment!

In Frankreich wurde die cartoufle um 1780 vom pomme de terre, dem Erdapfel, abgelöst. Und 1802 ließ Thomas Jefferson im Weißen Haus „Pommes de terre frites à cru, en petites tranches“ servieren – roh frittierte Kartoffeln in kleinen Scheiben. Was heutige Anführer der Freien Welt daraus lernen können? Nichts. Solche Fritten sind für Twitter viel zu lang.

Rosmarinkartoffeln mit frischem Dip
Zutaten für 4 Portionen:
700g kleine Kartoffeln mit Schale (z.B.Moor-Sieglinde, La Ratte oder Bamberger Hörnchen),
3 EL Olivenöl,
3 Zweige Rosmarin,
1 TL grobes Meersalz,
1 kleine Chilischote.
Zubereitung: Rosmarinnadeln und Chilischote kleinhacken, mit Olivenöl und Salz vermengen. Kartoffeln sauber bürsten, halbieren und in die Marinade legen, bis der Ofen auf 180 Grad vorgeheizt ist. Auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech geben und ca. 30 Minuten bei 180 Grad backen. Dazu passt ein Dip aus aufgeschlagener Crème fraîche, etwas Senf und Zitronensaft mit Schnittlauchröllchen, Salz und Pfeffer.