Es ist dreißig Jahre her, dass die internationale Staatengemeinschaft die erste Internationale Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt in Rio de Janeiro unterzeichnete. Den Verlust der Artenvielfalt aufgehalten hat es nicht. So sanken etwa zwischen 1970 und 2012 weltweit die Populationen großer, bekannter Süßwasserarten – wie Fluss-Delfine, Störe oder Krokodile – um erschreckende 88 Prozent.

Bei der gerade in Montreal zu Ende gegangenen 15. Weltnaturkonferenz (COP15) einigten sich die Teilnehmerländer nun auf ein neues Abkommen. Es heißt „Kunming-Montreal“, getauft nach dem Ort in China, wo die Konferenz 2020 ursprünglich hatte stattfinden sollen (aber wegen der Corona-Pandemie ausfiel), und nach dem Ort in Kanada, wo sie nun tatsächlich stattfand. Es gilt als ehrgeizigster Versuch, das Artensterben aufzuhalten. Dessen wichtigster Punkt ist, bis 2030 dreißig Prozent des Landes und der Meere unter Schutz zu stellen. Noch ist nicht klar, ob jeder Staat das auf nationalstaatlicher Ebene wird umsetzen müssen, oder ob 30 Prozent als globaler Durchschnitt zu verstehen sind. Werden die Gebiete nicht näher definiert, besteht die Gefahr, dass vor allem solche mit geringen Interessenskonflikten, etwa um Rohstoffvorkommen, geschützt werden.

Bis 2030 soll außerdem der Verlust intakter Natur fast auf Null gebracht werden und mindestens 30 Prozent der Gebiete, die bereits beschädigt wurden, sollen zumindest auf dem Weg der Renaturierung sein. Die Europäische Union hatte versucht, eine konkrete Fläche von sechzig Millionen Quadratikilometern festzulegen, was der doppelten Größe Afrikas entsprechen würde, konnte sich aber nicht durchsetzen. Dafür konnte sich die Konferenz auf mindestens eine Halbierung des Risikos durch den Gebrauch von Pestiziden bis 2030 einigen – die Umsetzung ist noch unklar, aber es ist ein wichtiger Schritt, da Pestizide ein starker Treiber des Artensterbens sind. Die Länder sollen über die Umsetzung der Ziele alle fünf Jahre Bericht erstatten – wie genau, ist allerdings noch nicht klar. Darin liegt der größte Schwachpunkt des Abkommens, denn ohne wirksame Kontrolle drohen die Ziele wie bei so vielen anderen Abkommen zu bloßen Absichtserklärungen zu verkommen.

Dennoch wird es als Erfolg gefeiert, auch weil reichere Länder ärmeren Ländern bis 2025 rund 20 Milliarden Dollar jährlich für den Artenschutz zukommen lassen sollen und bis 2030 30 Milliarden Dollar jährlich. Außerdem sollen schädliche Subventionen in Höhe von mindestens 500 Milliarden Dollar pro Jahr abgebaut werden. Das Abkommen ebne den Weg hin zu einer „nature positive“ Welt, so heißt es. „Nature positive“ gilt als der neue Slogan für die Biodiversität. In den Abschlusstext hat er es aber am Ende doch nicht geschafft. Denn so schön der Begriff erstmal klingt, hat er ein gravierendes Problem: Niemand weiß genau, was damit eigentlich gemeint ist.

Zwar gab es einen eigenen „Nature Positive Pavillon“ auf der Weltnaturkonferenz, mit einem großen Pluszeichen als Symbol. Phoebe Weston, die für die britische Zeitung The Guardian von der COP15 berichtete, hatte sich unter den Konferenzteilnehmenden nach Definitionen von „nature positive“ umgehört und alle möglichen Antworten von „Landrenaturierung“ über „positiv zur Natur stehen“ bis zu „keine Ahnung“ erhalten.

Ein Grund für die unscharfe Definition ist, dass sich Naturschutz schlecht auf ein Schlagwort herunterbrechen lässt. „Net zero“, also Klimaneutralität, ist im Klimaschutz ein so ambivalenter wie viel genutzter Begriff – oft, um damit Greenwashing zu betreiben. „Nature positive“ ist der Versuch eines ebenso vereinfachten Ziels für den Artenschutz.

Um den steht es bislang noch schlecht: Alle sechs Monate veröffentlicht die Weltnaturschutzunion eine neue Version der Roten Liste. Noch während die COP15 lief, verkündete sie, weitere 700 Arten auf die Liste der vom Aussterben bedrohten Arten aufgenommen zu haben. „Der Trend auf der Roten Liste ist, dass es immer schlimmer wird“, kommentierte das Craig Hilton-Taylor, Leiter der Abteilung für die Rote Liste. Will heißen: Immer mehr Arten sind vom Aussterben bedroht. Die Rote Liste ist, wenn man so will, ein Dokument des Scheiterns.

„Ökosysteme sind zu Spielbällen des Profits geworden“, hatte UN-Generalsekretär António Guterres angesichts solcher Entwicklungen in seiner Eröffnungsrede am 7. Dezember für die COP15 gesagt. Ein weiterer wichtiger Punkt, der intensiv verhandelt aber nicht in die Abschlusserklärung aufgenommen wurde war, dass Unternehmen künftig ihren Einfluss auf die Biodiversität ermitteln und veröffentlichen müssen – ähnlich wie ihren Einfluss auf das Klima. Wie groß der Nachholbedarf dafür ist, fand die World Benchmarking Alliance heraus: Nur fünf Prozent der 400 von ihr geprüften Unternehmen hatten ihren Einfluss auf die Natur analysiert. Und nur drei Prozent kündigten an, ihr Unternehmen „nature positive“ umzustellen.

Doch selbst bei den Unternehmen, die sich auf den Begriff beziehen, herrscht wenig Einigkeit bei seiner Definition. Eine gerade veröffentlichte britische Studie fand heraus, dass Unternehmen, die den Begriff „nature positive“ verwenden, ihn auf unterschiedliche Weise definieren und nur wenige Anhaltspunkte dafür haben, wie er umgesetzt werden sollte. „Wenn der Ansatz vage definiert und unterschiedlich interpretiert wird, besteht ein hohes Risiko, dass er in die Irre führt und dazu verwendet wird, Kritik an den Umweltpraktiken von Unternehmen zu ‚neutralisieren’, ohne echte Maßnahmen zur Erreichung der globalen Biodiversitätsziele voranzutreiben“, warnen die Forschenden. Außerdem stellen sie die Frage: „Positiv für wen?“ So könne ein international agierendes Unternehmen es sich etwa anrechnen lassen, wenn es die Natur in der Umgebung einer seiner Produktionsstätten schützt. Solche Schutzmaßnahmen könnten jedoch den Zugang zu dieser Natur und damit zu natürlichen Ressourcen für die lokale Bevölkerung einschränken.

„Nature positive“ wurde schon 2021 vom Weltwirtschaftsforum als „die neue Weltanschauung auf dem Vormarsch“ bezeichnet. „Nature positive ist eine bahnbrechende Idee. Sie zwingt uns dazu, anders über unseren Platz in der Welt nachzudenken. Sie ist ein Ziel für die Menschheit“, so das Weltwirtschaftsforum.

Während einige Naturschutzorganisationen wie auch der WWF den Begriff positiv verwenden, provoziert er aber auch viele Gegenstimmen: „Nature positive“ ist nur ein Slogan, der einen Haufen von Greenwashing-Methoden und Scheinlösungen umfasst“, kritisiert die Nichtregierungsorganisation Survival International, die indigene Völker weltweit unterstützt. Marília Monteiro Silva von Greenpeace International schreibt in einem Blogbeitrag: „Bei „Nature positive" geht es mehr um die Rettung eines gescheiterten Wirtschaftsmodells als um den Schutz der biologischen Vielfalt.“ Weder „Natur“ noch „positiv“ seien klar definiert. „Die Vorstellung, dass etwas in irgendeinem messbaren Sinne ‚Nature positive‘ ist, setzt voraus, dass es möglich ist, das Defizit und den Überschuss an biologischer Vielfalt zwischen zwei verschiedenen Ökosystemen zuverlässig zu berechnen – und dass man ein Defizit hier und einen Überschuss dort tauschen kann, als wären es nur Variablen“, so Monteiro Silva.

Und Mirna Fernández vom Global Youth Biodiversity Network und Nele Marien von Friends of the Earth International schreiben in ihrem gemeinsamen Beitrag „Wie positiv wird ‚nature positive‘ sein?“: „Jeder Ansatz, der die Wirtschaft begünstigt, Unternehmensgewinne sichert und Kompensationen fördert, bringt die Menschheit weiter von einer sicheren Zukunft weg. Leider tut der Nature-Positive-Ansatz genau das.“ Manchmal ist es wohl besser keinen Slogan zu haben, als einen schlechten.

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