Saison

Greenpeace Magazin - Saison: Knorke Kirsche

Knorke Kirsche

Ob süß oder sauer, ob Feldzug oder Weltkrieg, ob Drama oder Komödie – die Kirsche ist universell. Jetzt reift das Steinobst, auf das sich alle einigen können, wieder – und lockt in Nachbars Garten. Prunus avium und cerasus sind unsere Früchte der Saison im literarischen Porträt

Am 6. Juni 1944 begeht Alfred Andersch Fahnenflucht. Der Wehrmachtssoldat hat nördlich von Rom eine Fahrradpanne und bleibt hinter der Truppe zurück. Gelegenheit macht Deserteure: Andersch schlägt sich in die Büsche und stößt auf einen wilden Kirschbaum, „an dem die reifen Früchte glasig und hellrot“ hängen. „Ich griff nach einem Zweig und begann von den Kirschen zu pflücken.“ Im Ohr das Rollen amerikanischer Panzer. „Sie sollen warten, dachte ich. Mir gehört die Zeit, solange ich diese Kirschen esse.“ Er tauft sie Deserteurskirschen. „Ich aß ein paar Hände voll. Sie schmeckten frisch und herb.“

So endet das Buch „Die Kirschen der Freiheit“, mit dem der Autor 1952 bekannt wurde. In der jungen Bundesrepublik war ein Deserteur noch lange kein Held und das Hohelied der Fahnenflucht ein kalkulierter Eklat. Zudem hatte Andersch sich außer Steinobst auch literarische Freiheiten genommen und seine Lebensgeschichte hie und da geschönt. Mindestens zwei Dinge aber sind wahr: Kirschen sind ein tolles Freiheitssymbol. (Es ist Sommer. Das Leben ist süß. Paarweise übers Ohr gehängt zaubern Kirschen Kinderlachen.) Und: In Italien ist sehr gut Kirschen essen.

Sogar seinen Namen verdankt das Rosengewächs den Römern. Der Feldherr Lucius Licinius Lucullus fand Plantagen voller Süßkirschen (Prunus avium) vor, als er um das Jahr 80 vor Christus die griechische Stadt Kerasos am Schwarzen Meer eroberte. Schon die Menschen der Steinzeit hatten Wildkirschen gesammelt, aber diese hier waren größer, süßer, besser. Lucullus brachte aus Kerasos einen cerasus-Setzling mit nach Rom. Dessen Früchte waren bald so beliebt, dass kein Römer sie missen wollte – wohin er auch ging. So kam die kirsa nach Germanien – und als cherry, cereza, cerise oder kers in viele andere Länder. Kerasos liegt heute in der Türkei und heißt Giresun. Aber Kirschen nennt man auch dort noch immer kiraz.

Während die Süßkirsche nur frisch vom Baum mundet, ist ihre kleine, saure Schwester (Prunus cerasus) eine Küchengöttin. Mit Herdwärme und Zucker entfaltet die Sauerkirsche Tiefgang: Sie ist der Star bordeauxroter Marmelade mit Vanille und Zimt, harmoniert mit Ziegenkäse wie Schneeweißchen mit Rosenrot und glänzt auch als Kompott zu Wild. Top sind auch ihre inneren Werte: Vitamine, Pflanzenfarbstoffe, Kalium, Folsäure und – nicht zuletzt – der Kirsche verholzter, steinharter Kern. Er verströmt betörend bittere Mandelnoten. Am besten schmeckt das Obst daher mit Stein gegart oder destilliert. Jeder Schluck Kirschgeist sendet eine frohe Botschaft ans Gehirn: Marzipan! Keine Frucht passt besser zu Schnaps und Schokolade als sie, was deutsche Konditoren zu Schwarzwälder Kirschtorte veranlasste und italienische Produktentwickler zu Mon Chéri.

Darin steckt das berühmte Geheimnis. Und – seien Sie jetzt stark! – es ist ein dunkles: Die Piemontkirsche ist frei erfunden. Aber was ist mit Claudia Bertani, der Kirschkontrolleurin aus der Reklame, die in den Neunzigern an den Plantagen vorfuhr? Nun, zuerst wurden ihre Darstellerinnen immer jünger – und nackter. Jetzt ist sie ganz verschwunden. Vielleicht sitzt sie mit Ronald McDonald und Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer im Heim für ausgediente Werbefiguren? Dort ist es bestimmt weniger sonnig als im Fernsehspot. Merke: Die Kirschen in Nachbars Garten sind manchmal gar nicht so süß.

In Anton Tschechows „Kirschgarten“ endet das Drama mit der Axt. Enden wir lieber mit Georg Büchners Komödie „Leonce und Lena“. Dort heißt es: „Man kann keine vier Pfund Kirschen mit den Steinen essen, ohne Leibweh zu kriegen.“ Ohne Steine aber doch eine Handvoll. Seien Sie so frei!

Kirschkompott (4 Portionen)
500 g Sauerkirschen
1 Zitrone (unbedingt bio)
1/2 Vanilleschote
100 g Zucker
180 ml Kirschsaft oder Wasser
1 Stück Zimtrinde
1 Prise Salz
ggf. ca.1 TL Speisestärke

Kirschen waschen und entkernen. Zitrone waschen, Schale abreiben, Saft auspressen. Vanilleschote aufschneiden und Mark herauskratzen. Beides zu den Kirschen in einen Topf geben. Mit 1 bis 2 TL Zitronenabrieb, etwas Zitronensaft nach Geschmack sowie den anderen Zutaten kurz aufkochen und etwa 10 Minuten weich köcheln lassen. Wer mag, kann das Kompott mit Speisestärke binden. Zimtrinde und Vanilleschote herausnehmen, warm oder abgekühlt servieren. Tipp: Schmeckt hervorragend zu Schokolade in Form von Mousse, Eis, Pudding oder Kuchen!

Und sonst so?
Neu im Juni: Unter anderem Heidelbeere, Himbeere, Johannisbeere, Stachelbeere, Erbse, Gurke, Möhre, Kartoffel, Rucola
Neu im Juli: Brombeere, Mirabelle, Pflaume, Bohne, Rote Bete, Zwiebel und viele mehr