Seit Sonntag läuft die 26. Klimakonferenz im schottischen Glasgow. Zwei Wochen diskutieren dort nun 197 Nationen, wie sich das Pariser Klimaabkommen von 2015 noch umsetzen lässt. Die Zeit dafür wird knapp: Die Weltgemeinschaft hatte sich damals darauf geeinigt, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzen zu wollen. Schon jetzt liegt die weltweite Durchschnittstemperatur 1,2 Grad über der vorindustriellen Temperatur. Und wenn nur die bisher beschlossenen nationalen Klimaschutz-Verpflichtungen umgesetzt werden, kämen wir auf eine Erwärmung von 2,7 Grad, wie ein UN-Bericht im Vorfeld zur Klimakonferenz schlussfolgerte. Währenddessen kletterten die weltweiten Emissionen, die während Corona nach unten gingen, dieses Jahr wieder auf das Niveau vor der Pandemie – Tendenz weiter steigend – errechnete das Global Carbon Project.

Es ist also allerhand zu tun – das versicherten sich dann auch alle Teilnehmenden gegenseitig in ihren Einstiegsreden. „Mögen wir erkennen, dass wir in diesem Kampf um die Rettung unseres Planeten alle im selben Boot sitzen – ob groß oder klein, reich oder arm. Die Zeit zum Handeln ist gestern“, sagte Wavel Ramkalawan, Präsident der Seychellen. „Wir schaufeln unser eigenes Grab“, warnte UN-Generalsekretär António Guteresses die anwesenden Staats- und Regierungschefs. Nicht gehört wurden diese Worte allerdings von den Staatschefs der großen CO2-Emittenten Russland und China, die waren nämlich gar nicht erst angereist. Das nahm dann auch US-Präsident Joe Biden in seiner Rede als Anlass für Kritik, Gegenwehr kam prompt: Die russische Klimapolitik sei „konsequent, durchdacht und ernsthaft“, verkündete Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow am Mittwoch in Russland – tatsächlich strebt das Land aber erst bis 2060 Klimaneutralität an. Und der chinesische Außenamtssprecher Wang Wenbin erwiderte am selben Tag aus China, es komme an „auf konkrete Taten und nicht auf leere Worte“.

Welche konkreten Taten er in Hinblick auf sein eigenes Land meint, sei dahin gestellt. Aber der Kritikpunkt ist berechtigt, denn schon lange ist die Klimakonferenz dafür bekannt, dass den dort gemachten Versprechen wenige bis keine Taten folgen. Ein Paradebeispiel für leere Worte lieferte dieses Jahr Gastgeber Großbritannien: Wenige Tage vor der Weltklimakonferenz leitete Premier Boris Johnson die Ausbeutung des Cambo-Feldes vor der schottischen Küste in die Wege, eines Ölvorkommens das einmal gefördert und verbrannt so viel CO2 in die Atmosphäre entlassen würde, wie ganz Spanien in einem Jahr. In seiner Eröffnungsrede in Glasgow gab er sich hingegen klimakämpferisch: „Wir befinden uns heute in etwa der gleichen Lage wie James Bond, nur die Tragödie ist, dass es sich nicht um einen Film handelt, die Weltuntergangsmaschine ist echt“, sagte er. Es sei unverzeihlich, nun nicht zu handeln: „Der Zorn und die Ungeduld der Welt werden unkontrollierbar sein.“

 

© picture alliance/Photoshot/Lee Floyd/Avalon<p>Der britische Gastgeber Boris Johnson verspricht großen Klimaschutz – treibt aber gleichzeitig die Erschließung eines riesigen Ölfeldes voran</p>

Der britische Gastgeber Boris Johnson verspricht großen Klimaschutz – treibt aber gleichzeitig die Erschließung eines riesigen Ölfeldes voran

Allerdings gibt es auch Erfolge zu vermelden: US-Präsident Biden gelang es am Montag, knapp hundert Länder für den „Methane Pledge“ zu gewinnen – darunter fehlten aber große Methan-Emittenten wie China, Russland, Australien oder Indien. Das Bündnis will den Ausstoß des Treibhausgases bis 2030 um dreißig Prozent im Vergleich zum Niveau von 2020 senken. „Die Einhaltung des Global Methane Pledge würde zu einem Rückgang der Erderwärmung um mindestens 0,2 Grad bis 2050 führen“, berechnete die EU-Kommission bereits im Voraus der COP26. Konkrete Maßnahmen müssen nun aber noch die einzelnen Parlamente beschließen – darunter auch das deutsche. Jochen Flasbarth, Staatssektretär im Bundesumweltministerium, sieht allerdings keinen Handlungsbedarf und will lediglich anderen Ländern beratend zur Seite stehen, weil die Gasproduktion in Deutschland keine große Rolle spiele, sagte er dem Spiegel. Dabei lässt er unter den Tisch fallen, dass auch die Tierhaltung viel Methan freisetzt – weil es aber keine verpflichtende Kontrolle dieser Emissionen gibt, gibt es keine belastbaren Zahlen wie viel. Klar ist aber, die Reduktion von Methan in der Atmosphäre ist ein wichtiger Hebel, denn das Gas ist weitaus klimaschädlicher als CO2. Der „Methane Pledge“ wird deswegen als erster wesentlicher Erfolg der COP26 gefeiert.

Ein weiterer Lichtblick: Mehr als hundert Länder haben sich verpflichtet, der globalen Vernichtung der Wälder Einhalt zu gebieten. Sie wollen die Entwaldung bis 2030 stoppen – darunter überraschend auch Russland und Brasilien. In dem Abkommen eingeschlossen sind rund 85 Prozent der Wälder weltweit, die beteiligten Ländern sagten 17 Milliarden Euro zu ihrem Schutz zu. Allerdings: Das Versprechen ist nicht ganz neu. Schon 2014 versprachen 200 Teilnehmer des UN-Klima-Sondergipfels in New York, die Abholzung bis 2020 zu halbieren und bis 2030 zu stoppen. Die Realität sah dann anders aus: Allein in den Tropen wurden 2020 12,2 Millionen Hektar Wald vernichtet, mit Abstand am meisten davon in Brasilien. Das Jahr war damit das drittschlimmste jemals aufgezeichnete im Bezug auf Waldzerstörung. Das neue Versprechen nun kritisierte Greenpeace als zu lasch, denn es erlaube „ein weiteres Jahrzehnt der Entwaldung“.

Heute wurde außerdem bekannt gegeben, dass sich zahlreiche Regierungen erstmals zum Ausstieg aus der Kohlekraft verpflichteten – der größten CO2-Quelle der Welt. Darunter sind unter anderem Polen, Vietnam, Ägypten, Chile und Marokko, sie alle unterzeichnen das „Coal-to-Clean-Statement“. Damit sind es nun 190 Länder, die aus der Kohle aussteigen wollen. Reiche Länder sollen in den 2030er-Jahren ihre Kraftwerke runterfahren, ärmere Länder zehn Jahre später.

Ein weiterer wichtiger Punkt, um den es dieser Tage in Glasgow gehen wird, ist die Klimagerechtigkeit. Denn während die reichen Länder im globalen Norden maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich sind, leiden die armen Länder im globalen Süden schon jetzt am meisten unter den Folgen. Um dieses Ungleichgewicht auszugleichen, hatten die Industrieländer bereits 2009 versprochen, bis 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar für Klimaschutz und Anpassungsmaßnahmen in ärmeren Ländern bereit zu stellen. Kurz vor der Konferenz verkündete der britische COP-Präsident Alok Sharma gemeinsam mit Jochen Flasbarth und dem kanadischen Umweltminister Jonathan Wilkinson dann, diese Summe erst 2023 zu erreichen. Sie stellten den „Climate Finance Delivery Plan“ vor, in dem sie analysieren, wie das Ziel zu erreichen ist. 2019 machten die Zahlungen nur rund 80 Milliarden Dollar aus, für 2020 liegen noch keine Daten vor. Am Mittwoch sagte Flasbarth dann in Glasgow, Dank neuer Zusagen auf der Konferenz sei das 100-Milliarden-Ziel nun in greifbare Nähe gerückt.

„Jetzt sind zwölf Jahre seit dem Versprechen vergangen, es ist einfach nicht sehr glaubwürdig“, sagt Celia Meienburg, Referentin für Klimagerechtigkeit der Christlichen Initiative Romero. In deren Partnerländern El Salvador, Honduras, Guatemala, Nicaragua sowie in den umliegenden Ländern Mittelamerikas wird die Lage derweil immer brenzliger. Statt wie früher zu einem alle zehn Jahre, kommt es dort mittlerweile zu zehn Extremwetterereignissen pro Jahr. Vor einem Jahr zerstörten etwa die Tropenstürme Eta und Iota weite Teile Guatemalas, Honduras und Nicaraguas. „Viele Menschen haben ihre Lebensgrundlage verloren“, sagt Meienburg. Während Soforthilfen nach der verheerenden Flut in Deutschland sofort da gewesen seien, fehlten sie in Mittelamerika bis heute.

Die angekündigten jährlichen 100 Milliarden Dollar haben außerdem zwei Fallstricke: Zum einen werden zu ihnen auch Darlehen gezählt – echte Klimahilfen sollten aber nach Ansicht von Celia Meienburg nicht zurückgezahlt werden müssen. Zum anderen sind sie nur für Klimaschutz und -anpassung bestimmt, nicht für vom Klimawandel verursachte Verluste und Schäden – ein Thema, vor dem sich die Staatengemeinschaft bislang drückt. In einem am Montag vorgestellten Bericht plädiert die internationale Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung für eine finanzielle Unterstützung der Regionen, die Schäden und Verluste durch den Klimawandel erleiden. Schottland sagte als erstes Land 1,2 Millionen Euro zu – ob es dem Gastgeber weitere Länder gleich tun werden, werden die verbleibenden Tage der Klimaverhandlungen zeigen.

Andrea Padilla, die für die Romero-Partnerorginasation UNES aus El Salvador in Glasgow ist, kritisiert, dass sie als Vertreter der betroffenen Gemeinschaften zu wenig in diese Diskussionen einbezogen werden. Die Teilnahme von Beobachtern an den Verhandlungen sei in letzter Minute beschränkt worden, das schränke die Möglichkeiten der Interessenvertretung stark ein: „Das gilt insbesondere für uns Vertreter aus dem Globalen Süden, die Hunderte von Kilometern gereist sind, um unsere Stimme zu erheben und unsere Forderungen nach Klimagerechtigkeit zu stellen.“

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