Bisher profitieren besonders Menschen mit eigenem Haus von der Kraft der Sonne. Dabei war es noch nie so günstig und einfach, bei der Solarwende mitzumachen – auch ohne eigenes Dach und sogar ohne Balkon. 

Elisa Naranjo und ihr Team wissen, wie wichtig das richtige Marketing ist. Und so verkauft das Berliner Start-up Zweihorn Energy, das sie im vergangenen Jahr mitgründete, nicht einfach schnöde Steckersolaranlagen – sondern den „Sonnèlier“. Ein ultraleichtes Balkonkraftwerk, das „kostenlose Weltraumenergie“ erntet. Vier statt der üblichen zwanzig Kilo soll das Gerät wiegen und sich deshalb besonders leicht anbringen lassen. Den Alurahmen in der Trendfarbe Rosé musste das Unternehmen zwar streichen, weil das Crowdfunding nicht so lief wie erhofft. Im Produktvideo – ziemlich hip, viel nackte Haut – wirkt das Gerät trotzdem schick. Energiewende in sexy: Das geht. Und es ist dringend nötig, findet Naranjo.

Bis vor Kurzem arbeitete die Co-Gründerin noch beim nachhaltigen Kondomhersteller Einhorn. Dort baute sie unter anderem eine faire Lieferkette für Tampons auf. Nun hat sie sich mit ihrem Team die Solarbranche vorgenommen. Weil es sie stört, dass „Balkonkraftwerke“ überwiegend „technik- und baumarktaffine Menschen“ ansprechen. Das werden immer mehr: Im ersten Quartal 2024 waren bundesweit rund 435.000 dieser Geräte in Betrieb.

Fallende Hürden

Die Solarbranche boomt. Eine Million neue Anlagen gingen in Deutschland vergangenes Jahr ans Netz – so viele wie noch nie. Die Hälfte davon gehört Privatleuten. Eigene Paneele anzuschaffen war besonders für Hausbesitzerinnen und -besitzer noch nie so günstig: Im Schnitt sank der Preis für ein installiertes Kilowatt Spitzenleistung (kWp) um fünf Prozent pro Jahr und liegt aktuell bei 1200 Euro. Und wurden private Module früher gefühlt so bürokratisch wie Atomkraftwerke behandelt, fallen PV-Anlagen mit bis zu dreißig Kilowatt Leistung bald unter das vereinfachte Anschlussverfahren – meldet sich der Netzbetreiber nicht innerhalb eines Monats zurück, gelten sie als genehmigt. 

2023 deckte die installierte Solarleistung zwölf Prozent des deutschen Strombedarfs. In nur zehn Jahren sollen es dreißig Prozent sein. Ein unterschätzter Beitrag zu diesem Ziel: Steckersolar. Würde man drei Millionen Balkone mit einem Gerät bestücken, könnte man ein kleines Kohlekraftwerk ersetzen, so rechnet es das Zweihorn-Team vor. „Die Technik ist genial“, findet Naranjo: einstecken, Strom erzeugen, Geld sparen, Klima schützen. Dafür müssen nicht einmal neue Leitungen verlegt werden – höchstens eine Außensteckdose. Einfache Halterungen gibt es meist mit dazu. So können auch Mietende vom Solarboom profitieren. Laut Statistischem Bundesamt haben sechzig Millionen Menschen in Deutschland Zugang zu Balkon oder Terrasse. Viel Potenzial.

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DIE SONNE GIBT EINEN AUS Mit den gesparten Stromkosten ist so mancher Cocktail schnell wieder drin

Derzeit darf ein Steckersolargerät maximal 600 Watt einspeisen. Das reicht etwa für den Kühlschrank, den Laptop oder den Router – bis zu zwanzig Prozent des Gesamtbedarfs. Bei Sonnenschein läuft der Stromzähler dann langsamer oder bleibt sogar stehen. Überschüssiger Strom fließt ins Netz, vergütet wird das jedoch nicht. Um 50 bis 200 Euro kann so die Stromrechnung im Jahr sinken. Den Kaufpreis und die Montage – zusammen etwa 300 bis 700 Euro – hat man meist nach fünf bis zehn Jahren wieder drin. Vorausgesetzt, das Paneel ist optimal ausgerichtet: leicht schräg nach Süden, ohne Schatten. Und man verbraucht vor allem dann Strom, wenn die Sonne scheint. Ein Speicher lohnt bei Stecker solar meist nicht.

Mit dem Solarpaket I, das Bundestag und Bundesrat Ende April verabschiedeten, sollen einige bürokratische Hürden fallen. Sobald es in Kraft tritt, muss man Balkonkraftwerke nur noch beim „Marktstammdatenregister“ melden. Die

Bundesnetzagentur hat das Formular entschlackt. Alte Stromzähler dürfen dann so lange rückwärts laufen, bis der Netzbetreiber einen neuen eingebaut hat. Und es ist mehr Leistung erlaubt – bald bis zu 800 Watt. Solange man nur ein Modul pro Steckdose einstöpselt, ist die Technik laut Verbraucherzentralen sicher. Eine Norm, nach der die Geräte geprüft und zertifiziert werden können, ist in Arbeit. Allerdings muss noch immer der Vermieter der Montage eines Balkonmoduls zustimmen. Das Bundesjustizministerium möchte das zwar ändern; wann, steht aber noch nicht fest.

Schwierig bleibt es, Solarmodule auf die Dächer von Mehrparteienhäusern zu bringen. Das sogenannte Mieterstrom-Modell mit entsprechender Förderung sollte das eigentlich voranbringen. Geklappt hat das allerdings nicht.

Chance Mieterstrom

Dabei lohne sich Mieterstrom für die Mieterinnen und Mieter so gut wie immer, sagt Andreas Gißler von der Heidelberger Energiegenossenschaft, die 2013 ihr erstes Mieterstromprojekt umsetzte. Seit die EEG-Umlage wegfiel, ist Mieterstrom deutlich günstiger als Strom aus dem Netz.

Für Hausbesitzer und Eigentümergemeinschaften sei das Modell aber „nur mittelattraktiv“, erklärt Gißler: zu bürokratisch, zu umständlich, zu wenig lukrativ. „Die meisten Vermieter wollen sich einfach nicht damit beschäftigen“, vermutet er. „Ihr Kerngeschäft sind Immobilien – und nicht die Energiewende.“ Da brauche es eine Fotovoltaikpflicht, wie sie schon jetzt etwa in Baden-Württemberg gilt. Das Solarpaket macht es willigen Vermietenden immerhin leichter: Wer ein Mietshaus mit Strom vom gemeinsamen Dach versorgt, gilt nicht mehr automatisch als Stromanbieter. Damit entfällt die Pflicht, die Bewohner auch dann zu versorgen, wenn die Sonne zu wenig liefert. Für diesen Reststrom schließen die Mietparteien künftig selbst einen Vertrag ab.

Erzwingen können Mietende eine Dachanlage nicht. Dafür sind andere Projekte vielleicht aussichtsreicher: Das Dach des örtlichen Gemeindehauses etwa – oder die Freifläche am Ortsrand. Im rheinland-pfälzischen Gusterath haben Daniel Gregetz und seine Nachbarinnen und Nachbarn die Solarwende selbst in die Hand genommen. Auf einem wenig ertragreichen Acker in der 2000-Einwohner-Gemeinde wollen sie eine PV-Anlage bauen – und gründeten dafür eine Genossenschaft. Fünf Millionen Kilowattstunden Strom soll die Anlage jedes Jahr ins Netz einspeisen, genug für 2500 Zwei-Personen-Haushalte. Mehr als 130 Personen haben bereits Anteile gezeichnet. Die meisten seien nicht wegen der Rendite von drei bis vier Prozent dabei, sagt Gregetz, „sondern wegen der Möglichkeit, sich am Klimaschutz zu beteiligen“. Bundesweit gibt es fast 900 solcher Energiegenossenschaften. Für Gregetz außerdem wichtig: „Jeder hat genau eine Stimme – egal, wie viel er investiert.“

Auch ohne Anteil kann man den Strom aus genossenschaftlichen Anlagen beziehen, sogenannten Bürgerstrom. Und wer praktisch veranlagt ist, kann sogar mit anpacken und so die Energiewende voranbringen – beim Solarselbstbau. Zusammen mit ihrem Verein SoLocal Energy bildet Kerstin Lopau in Kassel Fotovoltaik-Hilfskräfte aus – erst auf einem Übungsdach, später im Betrieb. Außerdem trommelt der Verein regelmäßig Freiwillige zusammen, um gemeinsam Schulen oder soziale Einrichtungen mit Solaranlagen zu bestücken. Angeschlossen und abgenommen werden die Anlagen von einem Profi. Hilfskräfte übernehmen vor allem mechanische Arbeiten wie den Bau der Unterkonstruktion. „Es gibt wirklich viel, was man mit Akkuschrauber und Maulschlüssel selbst machen kann“, sagt Lopau.

Bleibt noch ein Problem: Die Lieferkette hinter PV-Modulen ist alles andere als nachhaltig. Das nötige Polysilizium und die sogenannten Wafer, aus denen die Zellen gefertigt werden, stammen fast ausschließlich aus China – und werden dort schlimmstenfalls von der uigurischen Minderheit in Zwangsarbeit hergestellt. Weil das Land vor allem Kohle verstromt, verursacht ein Modul, das in Europa gefertigt wird, vierzig Prozent weniger CO2 als ein Produkt aus China. Doch Solaranlagen aus Deutschland zu bekommen, ist schwierig: Kürzlich schlossen zwei Hersteller ihre Werke. Das Solarpaket sieht keine Förderung für die heimische Branche vor, die chinesische Produktion aber wird massiv subventioniert.

Faire Module

Darum hat sich Elisa Naranjo von Zweihorn Energy auch die Lieferkette vorgenommen – ein dickes Brett. „Theoretisch kann man eine faire Lieferkette aufbauen“, ist sie überzeugt: Polysilizium gibt es auch vom deutschen Chemiekonzern Wacker. Wafer werden zumindest teilweise in Norwegen gefertigt. Das schweizerische Solarunternehmen Meyer Burger hat zwar die Modulproduktion in Deutschland eingestellt, die Zellproduktion in Sachsen-Anhalt läuft jedoch vorerst weiter. Und OPES Solutions baut zurzeit eine Leichtmodulfabrik in Sachsen. Zugleich verbietet das im April verabschiedete Lieferkettengesetz den EU-Import von Produkten, die in Zwangsarbeit hergestellt werden. Wie lange es dauern wird, die Theorie in die Praxis umzusetzen? Für die nachhaltigen Tampons hat Naranjo fünf Jahre gebraucht. Bei Solarmodulen könnte es ein klein wenig komplizierter werden.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 4.24 "Mut". Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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