Es ist nicht immer leicht, das Positive im Blick zu behalten. Doch es lohnt sich, auch in der Lose-lose-Situation des Krieges an die Win-win-Chancen des friedlichen Menschheitsprojekts Klimaschutz zu erinnern, findet Wolfgang Hassenstein

Beim Schreiben dieser Rubrik kamen mir bisher selten Zweifel, dass es richtig ist, zum Schluss nochmal den großen Bogen zum Klimaschutz zu spannen. Nun gibt es Krieg in Europa, so grausam und bedrohlich, dass alles andere nebensächlich erscheint. Kann man in solchen Zeiten einfach zur Tagesordnung übergehen? Was den Klimawandel angeht, bin ich mir sicher: Das würde nicht reichen! Nichts wäre fataler, als wenn wir über die schrecklichen Ereignisse der Gegenwart den Kampf um eine lebenswerte Zukunft aus den Augen verlören.

Wie groß diese Gefahr ist, zeigt sich schon darin, dass in der Nachrichtenflut wichtige Informationen fast untergehen: Kurz nach Kriegsbeginn erschien der zweite Teil des neuen IPCC-Weltklimaberichts. Seine Botschaft schien nur auf den ersten Blick wie ein Déjà-vu – die warnen mal wieder. Doch er beginnt nicht mit Warnungen vor künftigen, sondern mit einer Bestandsaufnahme bereits eingetretener Katastrophen. Schon heute verursachen Wetterextreme humanitäre Krisen, verlieren Millionen Menschen ihre Heimat. Auch unterlassener Klimaschutz bedroht die Sicherheit ganzer Staaten – und angesichts steigender Fluten und wachsender Wüsten auch deren „territoriale Integrität“.

Begrenzt ist nicht nur die mediale Aufmerksamkeit, begrenzt ist auch das Geld. Die Abermilliarden, die in Deutschland und weltweit nun zusätzlich in Rüstung fließen, werden unweigerlich fehlen. Und da ist noch ein Problem: Die Emissionen von Armeen sind gigantisch, allein das US-Militär verbraucht mehr Treibstoff als ein Staat wie Portugal. Jedes Kilo CO2, das neue Panzer und Kampfjets ausstoßen, wird erst einmal wieder kompensiert werden müssen.

Ich zögere diesmal, es hinzuschreiben, aber selbst in dieser dunklen Zeit sehe ich auch Positives. Da ist zum Beispiel der unerwartete Motivationsturbo zum Energiesparen. Geht Ihnen das auch so? Jedes Runterdrehen der Heizung, jede bewusst abgekürzte Dusche und jede Fahrradfahrt fühlt sich nun – als kleiner Beitrag gegen Krieg und Klimakrise zugleich – doppelt richtig an. Noch mehr gilt das natürlich im Großen. Wem das Weltrettungspotenzial des Kohle-, Öl- und Gasausstiegs bisweilen abstrakt erschien, der kann künftig jeden Schritt dorthin auch als einen Beitrag zum Frieden sehen. So setzt die Wut, dass ein Einzelner der Welt neue Prioritäten aufzwingt, Energien frei für das ohnehin Notwendige.

Am Tag des Redaktionsschlusses für diese Ausgabe stellte der IPCC dann den dritten und letzten Teil seines neuen Berichts vor – den, der die Auswege aufzeigen soll. Und die gäbe es: Die globalen Emissionen ließen sich bis 2030 halbieren, so wie es nötig ist, um die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Eine Halbierung binnen acht Jahren – das klingt kaum realistisch. Aber die Welt, das haben wir zuletzt mehr als einmal gesehen, verändert sich rasant. Die erforderlichen Technologien stehen jedenfalls bereit und sind inzwischen so kostengünstig, dass ihrem massenhaften Einsatz nichts im Wege steht.

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari gab dem „Spiegel“ jüngst ein spannendes Interview. Darin äußerte er die Hoffnung auf eine schnelle Energierevolution unter dem Druck des Krieges. Die dafür nötige Kraftanstrengung verglich er mit der Entwicklung der Atombombe im Zweiten Weltkrieg: „Das Manhattan-Projekt dieses Krieges könnte ein grünes sein.“

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