Bei der Hamburger Nachhaltigkeitsmesse Heldenmarkt kann man sich als Besucherin sattessen. Von Joghurt, Brot mit Aufstrich, Milch, Äpfelspalten bis hin zu Gin bieten Hersteller regionale und biologische Produkte an. Hat man sich durch die Stände probiert, kommt man im hinteren Teil der Halle zum Vortragsbereich. Ulf Schönheim von der Regionalwert AG Hamburg stellt dort die Frage: Kommt unser Essen wirklich aus der Gegend, wenn regionale Herstellung draufsteht?

Schönheim ist Vorstand der Regionalwert AG in Hamburg, einer Bürger-Aktiengesellschaft, die Biobauern, Bierbrauer oder Restaurantbesitzer mit Kapital und Know-How unterstützt – „vom Acker bis zum Teller“. Ein System, welches einen ganzheitlichen Ansatz vertritt. Die Partnerbetriebe wissen, von wem sie ihr Geld bekommen und sind nicht mehr abhängig von anonymen Fremdkapital. Ähnliche Strukturen gibt es in ganz Deutschland, nach der Gründung in Freiburg ist die Gruppe Isar-Inn und eine im Rheinland hinzugekommen. Die Gruppen sind formell unabhängig voneinander, arbeiten jedoch im Netzwerk zusammen. Das Ziel heißt: „enkeltaugliches Wirtschaften“. Sodass eine Welt entsteht, die auch für unsere Nachkommen lebenswert ist. Vier Jahre nach ihrer Gründung in Hamburg unterstützt die Regionalwert AG hier acht Partnerbetriebe, in diesem Jahr soll eine Markthalle hinzukommen, die alle Produkte der Händler bündelt. 350 Aktionäre haben Aktien mit einem Stückpreis von 500 Euro gekauft. Insgesamt konnten so 255.000 Euro investiert werden, 1,2 Millionen Euro beträgt das Grundkapital der Regionalwert AG Hamburg.

© Bertold FabriciusMalte Bomben (links) und Ulf Schönheim leiten die Regionalwert AG in Hamburg

Malte Bomben (links) und Ulf Schönheim leiten die Regionalwert AG in Hamburg

Schönheim, blaues Hemd, beige Hose, steht vor cirka vierzig Zuhörern und redet sich langsam in Rage. Er erzählt von Kohlrabi, den Händler auf Märkten mit dem Qualitätsmerkmal „regional“ verkaufen – da er hier in der Nähe gewachsen sei. Der Kunde weiß jedoch nicht, dass die Pflanze eigentlich Teil einer internationalen Produktionskette ist: Mit Saatgut aus Asien, Setzlingen, die in Holland aufgezogen werden, um dann nur noch in heimischen Böden auszureifen. „Häufig steckt eine Produktion dahinter, ähnlich intensiv und international wie bei der Autoindustrie“, erklärt Schönheim den Zuhörern.

Schönheim und die Aktionäre unterstützen Betriebe, die es anders machen wollen. Sie haben ein Netzwerk aufgebaut an Höfen, Verkaufsstellen und Restaurants, die auch untereinander zusammenarbeiten. Was bei der Bierproduktion an Maische, einem Gerste-Wasser-Gemisch, als Abfallprodukt anfällt, könnte zum Beispiel als Rinderfutter auf einem Hof in der Region wieder genutzt werden. Die AG hilft aber auch bei nötigen Investitionen und sichert die Hofnachfolge. Wie zum Beispiel beim Hof Koch. Der Enkel hat den überschuldeten Hof von seinem Großvater übernommen und konnte so dreißig Arbeitsplätze erhalten. Er baut Kartoffeln und Gemüse in der Lüneburger Heide an. Die Regionalwert-AG hat hier 200.000 Euro investiert.

Die Öko Melkburen fördern eine „Elternzeit für die Kühe“

Mit einem weiteren Partnerbetrieb ist die Regionalwert AG heute auf der Messe vertreten. De Öko Melkburen stellen Milch, Joghurt und Fleisch aus muttergebundener Kälberaufzucht auf drei holsteinischen Höfen her. Am Stand tummeln sich Besucher, probieren die Milch oder die Rindersalami. Eine Messenbesucherin fragt, wie die Tiere gehalten werden. Die Erklärung: Auf der Wiese. Und die Kälber werden nicht wie sonst üblich sofort nach Geburt von den Müttern getrennt. Eine „Elternzeit für die Kühe“. Die Antwort der Besucherin: Ein langezogenes „aha“ und zustimmendes Nicken.

Das Ziel der Regionalwert AG ist es, eine echte und transparente Regionalität zu ermöglichen. Damit die Kunden genau wissen, wie und wo ihre Milch und ihr Fleisch erzeugt werden oder eben ihr Kohlrabi angebaut wird. Das Ziel sei nicht, hohe Profite einzufahren. Sollte die Aktiengesellschaft vielleicht in drei, vier Jahren „grüne“ Zahlen schreiben und Geld ausschütten, sei es Schönheim am liebsten, alle Aktionäre würden eine riesige Party mit leckeren regionalen Produkten von dem Geld feiern.

Der ehemalige Gärtner Christian Hiß hat die erste Regionalwert AG gegründet

In Freiburg, dem Ort mit der ersten Regionalwert AG, sind die Gründer sogar so weit, dass sie selbst eine kleine Regionalwert-Biomanufaktur eröffnet haben, in der im Sommer überschüssiges Obst zu Marmelade verarbeitet wird. Möglichst wenig soll weggeschmissen werden.

700 Aktionäre und 24 Partnerbetriebe stehen hier dahinter. Die Idee zur Regionalwert AG hatte Christian Hiß. Seine Eltern hatten einen Bauernhof, er selbst arbeitete lange Zeit als Gärtner, bevor er sich stärker für nachhaltige Landwirtschaft interessierte und die erste Regionalwert AG in Freiburg 2006 gründete. Hiß hat die Entwicklung der traditionellen Landwirtschaft hin zu den modernen Riesenhöfen miterlebt. „Die Versorgungsökonomie des alten Hofs war eine Produktivität aus sich heraus“, sagte er dem Greenpeace Magazin. „Saatgut wurde selber gemacht, Energie selber produziert. Arbeitskräfte kamen meist aus der Familie. Das Kapital waren die selbst geschaffene Fruchtbarkeit des Bodens, das Vieh und die Wohngebäude. Und das existiert nirgends mehr. Es wird alles zugekauft. Es ist reine Industrie geworden.“

Eine solche Industrie möchte auch Schönheim nicht unterstützen. Deshalb appelliert er zum Abschluss seines Vortrages beim Heldenmarkt an seine Zuhörer: „Nehmt es selbst in die Hand.“ Nach seinem Vortrag geht seine Tochter durch die Stuhlreihen und sammelt die nichtmitgenommenen Broschüren über die Regionalwert AG wieder ein. Es liegen nur noch wenige Exemplare auf den Stühlen. 

In der Ausgabe des Greenpeace Magazins 2.17 beleuchten wir in einem Artikel weitere Initiaitiven, die Lust auf Weniger machen. Eine Spurensuche vom westfälischen Münster über das Schwarzatal in Thüringen bis in den südbadischen Breisgau – zur ersten Regionalwert-AG in Deutschland. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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