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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.12

Kreuzfahrt ins Klimachaos

Text: Wolfgang Hassenstein

Die Wachstumsraten sind enorm, die Umweltschäden leider auch: Der Boom der maritimen All-inclusive-Reisen hat Nebenwirkun­gen, von denen die meis­ten Urlauber nichts wissen wollen.
Die Saison ist eröffnet: In Hambur­g verdunkelt sich nun wieder alle paar Tage der Himmel. Dann macht in der Hafencity oder am neuen Cruise Center Altona einer jener hochhausgro­ßen Ozeanriesen fest, die viele Menschen traumhaft schön finden, Umweltschützern jedoch Alpträume bereiten. Kreuzfahrten sind vom Luxus- zum Massenphänomen geworden, sie boomen wie kein anderer Tourismuszweig. 2010 unternahmen 1,2 Millio­nen Deutsche eine Hochsee- oder Flusskreuzfahrt, schon 2015 wird nach Branchenprognosen die Zwei-Millionen-Marke geknackt. Allein Hamburg erwartet in diesem Jahr 164 Schiffsanläufe, fast dreimal mehr als vor fünf Jahren. Der Marktführer Aida aus Rostock stellt Jahr für Jahr ein neues Schiff in Dienst.

Doch längst hat sich herumgesprochen, dass die weißen Kolosse bei weitem nicht so sauber sind, wie sie erscheinen. Sie gefährden die Umwelt – nicht erst, wenn ihr Rumpf von einem Felsen aufgeschlitzt wird. Die 1900 Tonnen Schweröl in den Tanks der in Italien havarierten „Costa Concordia“, die derzeit abgepumpt werden, wären unter normalen Umständen verbrannt worden – auch das hat Folgen. Ein mittelgroßes Kreuzfahrtschiff mit 2000 Passagieren verheizt auf See 150 Tonnen Treibstoff am Tag, im Hafen noch etwa 50 Tonnen. Dabei entweichen große Mengen Schadstoffe und Klimagase.

Seit 2010 kann man auf atmosfair.de nicht mehr nur die Emissionen von Flugreisen „kompensieren“, sondern auch den Treibhausgas-Ausstoß seiner Kreuzfahrt ermitteln und den Schaden mit einer Spende für ein Klimaschutzprojekt ausgleichen. Die Ergebnisse des Online-Klimarechners überraschen: Schon bei einer neuntägigen Reise – so lange dauert eine durchschnittliche Kreuzfahrt – werden pro Passagier rund 2370 Kilogramm CO2 frei, mehr als ein Autofahrer im ganzen Jahr erzeugt. Sein „klimaverträgliches Jahresbudget“ an Kohlendioxid hat man damit bereits über­schritten. Wer zur Mittelmeer- oder Karibik­kreuzfahrt mit dem Flugzeug anreist, belastet das Klima gleich doppelt.

Dass die Pro-Kopf-Emissionen so hoch sind, obwohl die Seefahrt doch als effi­zient gilt, liegt an der relativ schlechten Auslas­tung der Riesenpötte. „Rein physikalisch betrachtet, könnte ein Kreuzfahrtschiff 60.000 Leute von A nach B bringen“, erklärt Maik Höhne von Atmosfair, der den CO2-Rechner entwickelt hat. „Zudem werden 20 bis 40 Prozent des Treib­stoffs für die Stromversorgung an Bord benötigt.“ Vor allem Klimaanlagen und Licht fressen viel Energie – und immer neue Freizeitangebote.

Bei Kreuzfahrten geht es vor allem um einen hohen Spaßfaktor. Schwere Themen wie der Klimawandel stören da nur, und die Gäste lassen sich dankbar von den Beteuerungen der Reeder einlullen, die auf ihr ausgefeiltes Abfall- und Abwassermanagement verweisen. Bisher jedenfalls habe kaum ein Urlauber den Klimaschaden kompensiert, sagt Atmosfair-Sprecher Erik Pfauth. „Das Thema ist noch neu“, zudem böten die Reeder – mit Ausnahme von Hapag-Lloyd – die CO2-Kompensation noch nicht wie einige Airlines bei der Buchung mit an.
Dabei ist die Atmosfair-Klimakalkulation noch nicht einmal vollständig. Denn neben dem Kohlendioxid wirkt sich auch der Ruß aufs Klima aus, den Schiffe meist ungefiltert in die Luft blasen – und der vom Wind bis in die Arktis getragen wird. Die dunklen Partikel setzen sich auf dem Eis ab, das sich dadurch schneller aufheizt und schmilzt. Besonders problematisch sind Polarkreuzfahrten.

Die Traumschiffe sind aber nicht nur Gift fürs Klima, sie schädigen auch direkt die menschliche Gesundheit. Weil auf See laxe Abgasregeln gelten, fahren große Schiffe meist mit billigem Schweröl. Die zähe Masse, die in Raffinerien als Reststoff anfällt, enthält viel Schwefel und Schwermetalle. Während der Ausstoß von Schwefel­dioxid und Stick­oxiden an Land sinkt, wird auf See immer mehr davon frei – meist in Küs­tennähe. Hinzu kommen toxische Feinstaub- und Ruß­emissionen, die vor allem in Hafenstädten die Luft verschmutzen. Schiffsabgase verursachen in Europa rund 50.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr.
Zwar ist für einige Meeresgebiete wie Nord- und Ostsee nur noch Treibstoff mit maximal einem Prozent Schwefel erlaubt. Ab 2015 soll der Grenzwert auf 0,1 Prozent sinken, die Marke, die jetzt schon in Häfen gilt. Doch das ist immer noch hundertmal mehr, als Diesel für Autos enthalten darf.

„Aida, TUI Cruises und Hapag-Lloyd müssen ihre neuen Schiffe mit Rußfiltern und Stickoxidkatalysatoren ausstatten“, fordert Dietmar Oeliger, Verkehrsexperte beim Naturschutzbund (Nabu). Schon jetzt könnten die Kreuzfahrtschiffe problemlos auf Schiffsdiesel umstellen und ihre Geschwindigkeit reduzieren – das würde den Rußausstoß um 40 Prozent senken, die Schwefeldioxid- und Feinstaubemissio­nen sogar um 90 Prozent. „Die deutschen Marktführer sollten vorangehen, anstatt immer erst auf schärfere Gesetze zu warten.“

Zudem fordern Umweltschützer, Kreuzfahrt- und Containerschiffe in Häfen an die Steckdose zu legen, wie es einige Städte in den USA und Schweden vormachen. Unter dem steigenden öffentlichen Druck planen inzwischen auch Hamburg und Kiel den Landstrom­anschluss. Einige Reedereien bereiten ihre Schiffe darauf vor.

Denn Aida und Co. sind nicht erst seit dem Kentern der Costa Concordia ums Image der Branche besorgt (siehe „keine Anzeige“). „Unsere Auftraggeber verlangen stets das grünste je gebaute Kreuzfahrtschiff“, erzählt Lars Kruse, Ingenieur der Papenburger Meyer Werft. Auf einer Messe in Hamburg preist er am Stand des niedersächsischen Vorzeige­unternehmens die ökologischen Errungenschaften der letzten Jahre an: Neue Schiffe verbrauchen durch die optimierte Hydrodynamik, moderne Sili­kon­anstriche und Ener­giespar­maßnahmen an Bord bis zu 30 Prozent weniger. Zudem seien alternative Treibstoffe wie Flüssiggas und Wasserstoff „ein großes Thema“.

Das neueste Traumschiff aus Papenburg, 
die „Disney Fantasy“, lockt ab März mit ein­wöchigen Karibikreisen. Sie ermöglicht – was das Freizeitkonzept angeht – einen Blick in die Zukunft des Kreuzfahrt-Urlaubs. Lars Kruse steht stolz und etwas belustigt vor einem Schiffsmodell. „Hauptattraktion ist die Wasserrutsche AquaDuck“, sagt er. „Man steigt über eine Treppe am Schornstein hoch, setzt sich in ein Schlauchboot, schießt in einer Plexiglasröhre über die Bordwand hinaus und umrundet das Oberdeck.“ Kinder und Eltern amüsieren sich auf getrennten Decks, über Monitore kann man mit Disneyfiguren kommunizieren. Man muss das Schiff eigentlich gar nicht verlassen – in den Zielhäfen lungern eh nur Souvenirhändler und Taschendiebe herum.

Am 20. Januar wurde die Disney Fantasy über die Ems in die Nordsee überführt und dampft nun in Richtung Karibik – wie gehabt mit Schweröl und ohne Rußfilter.
  
www.nabu.de/kreuzfahrtschiffe
www.atmosfair.de