Greenpeace Magazin

Ausgabe 4.08

Kupfer satt

Text: Claudia Hönck

Dürfen Öko-Bauern weiter Schwermetall gegen Pilze spritzen?

Ein Schwermetall hat den europäischen Wein gerettet. Der Franzose Millardet entwickelte die „Bordeauxbrühe“, um Reben gegen den falschen Mehltau zu schützen, der aus den USA eingeschleppt worden war. Das war 1885. Seither gilt Kupfer als nahezu perfektes Mittel zur Pilzbekämpfung. Das Umweltbundesamt (UBA) möchte das Fungizid dennoch vom Acker verbannen, weil es auch im Boden als Gift wirkt. Das Dilemma: Ein Verbot würde vor allem den Ökolandbau treffen.

Das Problem ist bekannt: Das rötliche Metall baut sich nicht ab, reichert sich vielmehr im Boden an und schädigt die dort lebenden Organismen. Es verringert die Biodiversität und vertreibt nützliche Tiere wie den Regenwurm. Früher interessierte das niemanden: Bis zu 60 Kilogramm Kupfer pro Hektar gelangten in den 60ern in einigen Regionen jedes Jahr in die Erde. Heute ist EU-weit ein Zehntel davon erlaubt; die deutschen Ökoanbauverbände einigten sich auf eine Höchstmenge von drei Kilogramm pro Hektar.

Die größten Verbraucher in Deutschland sind die konventionellen Hopfenbauern. 2007 spritzten sie Fungizide, die rund 150 Tonnen reines Kupfer enthielten. Auch wenn der gesamte Ökolandbau nur etwa ein Zehntel davon verbraucht, steckt die Branche in einer Zwickmühle: „Kein Biolandwirt verwendet gern Mittel, die den Boden schädigen, den er hegt und von dem er lebt“, sagt Peter Röhrig vom Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Im Unterschied zu den konventionell wirtschaftenden Kollegen können Biobauern aber nicht auf chemisch-synthetische Mittel zurückgreifen, um der Pilzplage Herr zu werden. Sie brauchen Kupferpräparate gegen die Kraut- und Knollenfäule bei Kartoffeln, den Apfelschorf und den gefürchteten falschen Mehltau bei Wein und Hopfen. Konventionell arbeitende Bauern schätzen das Schwermetall, weil Pilze gegen dessen Präparate nicht resistent werden – im Gegensatz zu synthetischen Fungiziden.

Die EU will noch in diesem Jahr eine Entscheidung fällen, ob Kupferpräparate künftig noch angewendet werden dürfen. Derzeit kommentieren die zuständigen Behörden aller Mitgliedsstaaten einen vorläufigen, Kupfer-kritischen Bewertungsbericht. Neu ist die Debatte nicht: Die EU wollte den Kupfereinsatz im Landbau bereits 1992 verbieten, gewährte aber immer wieder Aufschub. Denn wirksame Alternativen für die Ökolandwirtschaft, so versichern ihre Vertreter quer durch die Verbände, seien nicht in Sicht – trotz aufwendiger Forschung. Selbst der strenge Demeter-Verband für biologisch-dynamischen Anbau setzt bei Wein, Hopfen und Äpfeln auf Kupferpräparate, allerdings immer nach der Devise: nur so viel wie nötig.

„Würde Kupfer verboten, käme der Ökohopfenanbau komplett zum Erliegen“, sagt Otmar Weingarten, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Hopfenpflanzer. Stefan Kühne, verantwortlich für biologischen Pflanzenschutz im Julius-Kühn-Institut (JKI), dem neu geschaffenen Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, warnt davor, den Biolandbau auszubremsen: „Immer mehr Winzer wollen auf den Ökoweinbau umsteigen – aber ohne Kupfer wird das nichts.“ Er hält es für absurd, wegen eines einzigen Mittels Teile des Ökolandbaus mit all seinen Verdiensten um die Umwelt kaputt zu machen. Und immerhin gehe es ja um einen Naturstoff.

Dieses Argument empört das Umweltbundesamt (UBA). „Nur weil Kupfer natürlich vorkommt, ist es noch lange nicht harmlos, zumal, wenn es in großen Mengen über lange Zeiträume eingesetzt wird“, kontert UBA-Wissenschaftler Tobias Frische. Auch wenn die größten Sünden früher begangen wurden: „Kupfer ist nun mal im Boden und die Landwirte packen immer noch etwas drauf – eine schleichende Vergiftung.“ Zwar würden Menschen vermutlich nicht geschädigt, die Belastungsgrenze der Böden sei aber vielfach erreicht. Mindestens mittelfristig müsse Kupfer aus dem Arsenal des Pflanzenschutzes verschwinden. „Die Vorteile der ökologischen Landwirtschaft für die Umwelt sehen wir sehr wohl, aber das Kupfer widerspricht den Prinzipien der Anbauverbände“, erläutert Frische. Aus der Sicht der Bodenschützer sei nicht länger hinzunehmen, dass ausgerechnet im Bioanbau mit Mitteln gewirtschaftet werde, die deutlich schädlicher seien als moderne chemisch-synthetische Substanzen. Folgerichtig plädiert das UBA dafür, Kupfer zu verbieten.

Manfred Krautter, Greenpeace-Chemieexperte, bewertet die Lage ähnlich: „Ein Schwermetall kann einfach keine Lösung für den Ökolandbau sein.“ Er fordert von der Branche, intensiver nach Alternativen zu forschen oder mehr pilzresistente Sorten anzubauen. Tatsächlich weichen einige Obstbauern auf „Piwis“ (pilzwiderstandsfähige Sorten) aus. Unter den Äpfeln hat sich etwa der Topaz schon einen Platz im Sortiment erobert. Bei Wein ist das nicht so einfach. Auch wenn die rote Piwi-Traube Regent und der weiße Johanniter allmählich bekannter werden – beliebter sind noch immer Grauburgunder und Cabernet Sauvignon.

Und so hoffen die Biobauern, was das UBA befürchtet:  dass die EU nicht aus ökologischen, sondern aus ökonomischen Gründen über Kupfer entscheidet.