Im Oktober soll Christiane Benner zur neuen IG Metall-Vorsitzenden gewählt werden – als erste Frau an der Spitze der größten Einzelgewerkschaft der Welt. Für die Ausgabe 1.23 hat Benner mit Uwe Schneidewind, ehemals Leiter des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie und nun Bürgermeister der Stadt, diskutiert, wie der sozial-ökologische Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft gelingen kann.

Herr Schneidewind, Sie haben viele Jahre lang analysiert, wie der ökologisch-soziale Wandel gelingen könnte. Seit zwei Jahren stehen Sie selbst in der Verantwortung. Ein Praxisschock?

UWE SCHNEIDEWIND: Ja, klar. Aber das war auch ein gewollter Schock. Seit dreißig Jahren erzählen wir in den Forschungseinrichtungen, was sich alles ändern muss. Und trotzdem passiert zu wenig. Für mich gab es zwei Möglichkeiten, damit umzu gehen: Entweder ich mache alle anderen dafür verantwortlich, also Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Oder ich werde ein Stück demütiger und sage: Die Veränderungsprozesse scheinen in der Praxis doch sehr viel komplexer zu sein als im Modell. Als ich gefragt wurde, ob ich als Oberbürgermeister kandidieren möchte, war das ein Zeichen. Schließlich sind Städte Experimentierräume des Wandels. Und nun, nach zwei Jahren, verstehe ich sehr viel besser, warum so wenig läuft – wenn ich die ganz konkreten Beharrungskräfte erlebe.

Wo stecken denn diese Beharrungskräfte? Warum nutzen wir all die Krisen nicht als Chance?

SCHNEIDEWIND: Am WuppertalInstitut haben wir vier Kräfte der Veränderung unterschieden. Erstens: die Technologie. Noch vor fünfzig Jahren wurde man ausgelacht, wenn man davon sprach, die Welt mit regenerativen Energien zu versorgen. Das hat sich radikal geändert. Zweitens: die Kosten. In den Neunzigerjahren waren Erneuerbare noch unendlich teuer. Auch hier hat sich viel getan. Heute ist die Versorgung mit Erneuerbaren oft die günstigste. Klar, wenn ich an die Kosten der Elektromobilität denke oder an die der Industrieproduktion mit Wasserstoff, sind wir noch mittendrin im Prozess. Der dritte Bereich aber, die Politik, ist die große Schwierigkeit. Zwar gibt es durch die Krisen nun den Mut, Dinge, die zuvor undenkbar erschienen, einfach zu machen – vom 9-Euro-Ticket bis zu massiven Planungsbeschleunigungen. Aber gleichzeitig stecken wir in ideologisch aufgeladenen Mustern fest: Die Schuldenbremse muss eingehalten, die AKWs müssen jetzt abgeschaltet werden. Das bremst. Und die vierte Dimension, die wir nicht unterschätzen dürfen, ist die Kultur. In unserer individualisierten Bequemlichkeitsgesellschaft drückt sich Freiheit in 150 km/h auf der Autobahn aus oder darin, immer in die Südsee zu reisen. Hier ist Veränderung besonders herausfordernd.

CHRISTIANE BENNER: So pessimistisch sehe ich das nicht. Es bewegt sich doch sehr wohl etwas. Beispiel Home office und Digitalisierung: Lange war das in Betrieben schwierig. Dann kam der erste CoronaLockdown und schlagartig ging es. Mittlerweile diskutieren wir über eine veränderte Arbeitskultur und stellen vieles auf den Prüfstand. Auch beim Thema Klimawandel sagen wir als IG Metall: Lasst uns endlich handeln und das technologisch Machbare auch wirklich tun! Wir sind reich an Kompetenzen, haben eine Menge Knowhow in unseren Branchen. Wir können diese Transformation so gestalten, dass sie mit dem Übergang zu einer grünen Industrie einhergeht. Aber für die Transformation brauchen wir auch Übergangszeiten, damit die soziokulturelle Dimension nachvollzogen wird. Wir haben 2,2 Millionen Mitglieder. Viele von ihnen leben in ländlichen Strukturen, kein öffentlicher Nahverkehr, keine Ladeinfrastruktur. Sie müssen aber zum Beispiel nach Regensburg oder Dingolfing reinfahren, wo sie diese teils sehr teuren EFahrzeuge produzieren. Die sehen doch auch die Widersprüche. Man muss die Ängste sehr ernst nehmen und den Menschen Perspektiven zeigen, wo sie ihren Platz in einer klimaneutralen Wirtschaft haben.

<p>Die Kunst, die Zukunft zu gestalten, ist 528 Seiten lang. Zumindest, wenn man Schneidewinds Buch „Die Große Transformation“ liest.</p>

Die Kunst, die Zukunft zu gestalten, ist 528 Seiten lang. Zumindest, wenn man Schneidewinds Buch „Die Große Transformation“ liest.

Die IG Metall fordert eine Mobilitätswende, etwa den Ausbau der Schienen und mehr ÖPNV – was in letzter Konsequenz aber bedeutet, weniger Autos zu bauen. Wie vermitteln Sie das Ihren rund 490.000 Mitgliedern in der Autoindustrie?

BENNER: Wir diskutieren das sehr offensiv. Aber wir sagen im Moment nicht unbedingt "weniger Autos", sondern wir sagen, wir brauchen ein ökologisches Mobilitätsangebot für alle Bevölkerungsgruppen und nicht nur für diejenigen, die sich die teils sechsstelligen Beträge für EAutos leisten können. Wir machen uns Sorgen, wie die Elektromobilität für Menschen, die wenig verdienen, erschwinglich wird. Deswegen kritisieren wir auch die Entscheidungen der deutschen Autohersteller, vor allem auf Premiummodelle mit hohen Gewinnmargen zu setzen und sich aus der Produktion von kleinen Modellen zunehmend zurückzuziehen.

SCHNEIDEWIND: An der Oberfläche funktioniert der Umbau in Richtung E-Mobilität erst mal gut. Wenn man aber tiefer geht, wird es schwieriger. Ich glaube, die Mobilität der Zukunft wird nur mit massiv weniger Autos funktionieren können. Noch ist völlig unklar, wer die Gewinner in diesem industriellen Spiel sein werden: Wird der Markt der digitalisierten Shared Mobility von BMW oder von den Googles und Ubers dieser Welt bestimmt? Und all die hochqualifizierten, gut bezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Produktion: Welche Rolle spielen die in solchen neuen Dienstleistungsstrukturen? Und ja, Frau Benner, wirklich nachhaltige Mobilität der Zukunft muss mit kleineren Fahrzeugen funktionieren, weil auch der Platzmangel in den Städten ein Riesenthema ist. Das Geld wird aber mit großen Autos wie SUVs verdient. Die Gewinne in diesen Segmenten refinanzieren zurzeit den internen Umbau hin zur Elektromobilität.

BENNER: Es braucht erst mal eine Cashcow, die die kleineren Fahrzeuge subventioniert.

SCHNEIDEWIND: E-Autos massentauglich zu produzieren, ist für die Automobilhersteller bisher ein betriebswirtschaftliches Himmelfahrtskommando. Deswegen müssen wir massive Anreize für den Bau kleinerer, kompakterer Autos setzen.

BENNER: Ich möchte noch der Annahme widersprechen, dass es irgendwann nur noch Dienstleistungen geben wird, Herr Schneidewind. Schauen Sie mal, was Tesla gerade in Grünheide macht. Sie investieren in Fertigung. Die Autos müssen ja auch gebaut werden. Selbstverständlich ist der Transformationsdruck hoch, nicht zuletzt durch die EU-Vorgabe, ab 2035 nur noch klimaneutrale Autos zuzulassen. Für die Umstellung in den Unternehmen haben wir nun unter anderem Zukunftstarifverträge. Das BMW-Werk in München zum Beispiel wird gerade auf Elektro umgestellt. Zugleich wird nun nach und nach die Belegschaft für diese neuen Arbeitsplätze qualifiziert. Neben der Produktion wird auch viel gewerbliche Arbeit entstehen – im Recycling. Das wird ein Riesengeschäftsfeld, gerade wenn die ersten Batteriegenerationen zurückkommen. Wir haben weltweit ja gar nicht so viele Rohstoffe, wie wir bräuchten, um alle Autos zu elektrifizieren – von den Umweltsünden des Rohstoffabbaus ganz zu schweigen.

SCHNEIDEWIND: Das ist die eigentlich spannende Vision: Wir bauen vielleicht künftig nur noch die Hälfte der Autos, aber wir brauchen trotzdem alle Mitarbeiter, um die Autos wieder zurückzuholen und auseinanderzubauen. Wenn wir diese Verantwortung ernst nehmen und uns um all die alten Autos kümmern, die wir einst gebaut haben, wird das womöglich ebenso produktionsintensiv wie die Autofertigung bisher.

Noch funktioniert das Batterierecycling nicht besonders gut.

SCHNEIDEWIND: Ja, die Gesetze waren bisher nicht streng genug. Aber wenn die irgendwann kommen, könnte das eine Perspektive für den Industriestandort Deutschland sein.

Veränderung ist immer auch mit Ängsten verbunden. Wie kommt der Wandel in den Betrieben an, Frau Benner?

BENNER: Wir stellen fest, dass die Menschen dort, wo die Unternehmen eine klare Strategie für die Transformation haben, weniger Angst vor Veränderungen haben. Wohingegen in den Unternehmen, die mit einer Kahlschlagpolitik reagieren und die Produktion beispielsweise nach Osteuropa auslagern, eine wesentlich schlechtere Stimmung herrscht.

Im Frühjahr musste die IG Metall bei Betriebsratswahlen in einigen Unternehmen gegen Listen von Rechten antreten, die versuchten, Klimaschutz gegen Arbeitsplatzsicherheit auszuspielen. Wie gehen Sie mit Zweifeln an der Basis um?

BENNER: Bei einigen Automobilherstellern und einem Zulieferer hat das rechte „Zentrum Automobil“ versucht, in Betriebsratsgremien Fuß zu fassen. Die politische Antwort der Rechten auf die Transformation war: Rettet den Diesel! Das war in der Tat eine sehr schwierige Positionierung für unsere Betriebsräte. Wir haben klar gesagt: Leute, lasst uns die Klimawende mitgestalten, nicht blockieren. Natürlich gab es da aber auch Kritik.

Was haben Sie darauf erwidert?

BENNER: Wir haben gesagt: Wir verstehen die Ängste, aber es ist alternativlos aufgrund der Fakten. Wir haben nur einen Planeten, denkt mal an eure Kinder und zukünftigen Enkel. Mit unseren Betriebsräten haben wir viele Kongresse zum Klimawandel veranstaltet. Wir haben sie informiert, und sie haben sich in die Werkhallen gestellt und mit den Kollegen diskutiert. Wenn die Rechten aufgetaucht sind, haben wir sie zur Rede gestellt. Ihr habt doch keine Ideen für die Zukunft, haben wir denen gesagt, was bitte ist eure Antwort? Alles bleibt beim Alten? Das war eine Riesenaufgabe, aber so ist es uns gelungen, die Rechten aus den meisten Betriebsräten rauszuhalten – und die IG Metall hat dieses Jahr sogar an Mandaten dazugewonnen, die Rechten nicht. Die Betriebsräte fühlen sich dadurch bestärkt.

SCHNEIDEWIND: Das macht noch mal deutlich, welche demokratiestabilisierende Funktion die Gewerkschaften gerade in dieser Phase haben. Eine solche Übersetzungs- und Informationsarbeit durch die Betriebsräte kann keine Partei leisten. Das passiert über die Menschen vor Ort in den Werkhallen, von denen die Kolleginnen und Kollegen wissen: Das ist jemand, der hat sich in den letzten zehn Jahren immer wieder für mich eingesetzt. Und wenn der mir jetzt sagt, wir müssen diesen Weg gehen, weil nur das uns und die Branche rettet, dann ist das eine Person, der vertraue ich. Die hat in den Betrieben eine ganz andere Glaubwürdigkeit und Authentizität als eine Klimaaktivistin, noch dazu aus gutem Haus, wo vermutlich niemand in den letzten Generationen mal einen Produktionsarbeitsplatz innehatte, und die dann erklärt, wir müssen die Mobilität komplett umbauen. Die starke Rolle und der progressive Kurs der Gewerkschaften ist auch ein Grund dafür, dass wir es nicht mit der gleichen populistischen Dynamik wie in Frankreich, Italien oder in den USA zu tun haben.

BENNER: Und deswegen versuchen wir gerade auch, die Mitbestimmungsmöglichkeiten zu erweitern. Die letzte große Reform des Betriebsverfassungsgesetzes war vor fünfzig Jahren, damals war man weit weg von den Themen, die uns heute umtreiben. Wir wollen zum Beispiel mehr Mitbestimmung bei den Qualifizierungsfragen und wir fordern die Einführung einer Demokratiezeit.

<p>Geboren im Rheinland, verbrachte Christiane Benner einen großen Teil ihrer Kindheit im Ruhrgebiet – in einer Zeit, in der die Hochhäuser noch schwarz vom Kohlestaub waren, wie sie sagt. Heute ist die gelernte Fremdsprachensekretärin und studierte Soziologin zweite Vorsitzende der IG-Metall – und damit die erste Frau im Vorstand der Gewerkschaft. Ab Oktober übernimmt sie den Gesamtvorsitz. Digitalisierung und die Zukunft der Arbeit sind ihre Steckenpferde. Zudem ist Benner Aufsichtsratsmitglied bei BMW und Continental und besitzt ein SPD-Parteibuch.</p>

Geboren im Rheinland, verbrachte Christiane Benner einen großen Teil ihrer Kindheit im Ruhrgebiet – in einer Zeit, in der die Hochhäuser noch schwarz vom Kohlestaub waren, wie sie sagt. Heute ist die gelernte Fremdsprachensekretärin und studierte Soziologin zweite Vorsitzende der IG-Metall – und damit die erste Frau im Vorstand der Gewerkschaft. Ab Oktober übernimmt sie den Gesamtvorsitz. Digitalisierung und die Zukunft der Arbeit sind ihre Steckenpferde. Zudem ist Benner Aufsichtsratsmitglied bei BMW und Continental und besitzt ein SPD-Parteibuch.

Eine „Demokratiezeit“?

BENNER: Eine halbe Stunde pro Woche, in der sich die Beschäftigten Gedanken über die Zukunft ihres Betriebes machen können. Eine halbe Stunde bezahlte Zeit also, um mitzuwirken. Wir wollen ein Empowerment der Belegschaft, um es mal neudeutsch zu sagen. Damit die Beschäftigten auch die Chance haben, sich basisdemokratisch in den Betrieben einzubringen. Das war ja auch nach dem Faschismus die ursprüngliche Idee der Mitbestimmung: Man braucht mündige Bürger im Betrieb. Über die Hälfte der Unternehmen haben immer noch keine Transformationsstrategie. Deswegen wollen wir viel stärker bei der strategischen Ausrichtung mitbestimmen, auch in ökologischen Fragen.

Das Thema Ökologie soll ins Betriebsverfassungsgesetz?

BENNER: Sozusagen, ja. Wir wollen uns nicht mehr nur anhören, ob der Arbeitgeber sich was überlegt hat, sondern wir wollen, dass der Betriebsrat auch initiativ werden und Vorschläge machen kann – etwa zur Ressourceneffizienz oder zur Kreislaufwirtschaft. Im September haben die Münchner Gruppen von Jusos, Fridays for Future und IG Metall Jugend gemeinsam kritisiert, dass der Transformation aktuelle Eigentumsverhältnisse entgegenstünden. Sie schlagen vor, die Mitarbeitenden an den Unternehmen zu beteiligen.

Ist der Klimaschutz ein neuer Schauplatz des Klassenkampfs?

BENNER: Ja.

SCHNEIDEWIND: Die Transformation der Eigentumsverhältnisse, ja, das ist ein wichtiger Aspekt, und das geht über die Industrie hinaus. Es betrifft auch die Stadtwerke, die öffentlichen Verkehrsbetriebe. Wer zum Beispiel wird eigentlich in den 2030er-Jahren Geld damit verdienen, das Bedürfnis nach Mobilität zu befriedigen? Wer schöpft den Mehrwert dieses Grundrechts ab? Werden es die Stadtwerke in kommunaler Hand sein oder ein börsennotierter Digital-Konzern aus dem Silicon Valley?

Die Mobilitätswende ist auf verschiedenen Ebenen ein Reizthema, insbesondere in einer Großstadt wie Wuppertal. Herr Schneidewind, Sie verfolgen den Ansatz, die Stadt dabei nicht von oben, vom Rathaus aus zu verändern, sondern wollen Initiativen von unten unterstützen, heißt es. Welche Erfahrungen machen Sie damit?

SCHNEIDEWIND: Wir versuchen, das Thema aus diesen ritualisierten parteipolitischen Streitmustern rauszuhalten. Wir sind ja keine klassisch grüne Stadt wie Hannover, Aachen oder Bonn, wo die Grünen die stärkste Ratsfraktion haben. Wir sind hier nur die drittstärkste Kraft. In einer autofreundlichen Stadt wie Wuppertal mit einer herausfordernden Sozialstruktur kann ich als grüner Oberbürgermeister nicht einfach sagen: Parkplätze kommen weg, Straßen werden gesperrt, weil wir mehr Radverkehr brauchen – bei einem Anteil des Radverkehrs von nur drei Prozent. Da würde sich die Politik komplett verhaken.

Wie nehmen Sie die Leute mit?

SCHNEIDEWIND: Wir brauchen zunächst die Vielfalt der Perspektiven, das ist ganz wichtig. Deswegen schaffen wir niedrigschwellige Formate der Mitwirkung, die nicht immer nur die üblichen Verdächtigen mitnehmen, die sich mit Leserbriefen in der Zeitung äußern und an Bürgerversammlungen um 18 Uhr teilnehmen können. Und wir versuchen, Initiativen möglichst viele Freiräume zu geben, sie zu stärken und sie in die politischen Prozesse einzubinden. Zum Glück haben wir viele Quartiere, in denen die Menschen selbst nach mehr Lebensqualität streben. Wir unterstützen und begleiten sie dann als Verwaltung, machen etwa erst mal einen Modellversuch, der nach einem Jahr überprüft werden kann. Und so gibt es auf einmal große Mehrheiten, einen Platz autofrei zu machen, den Straßenverkehr zu beruhigen, Fahrradstraßen einzurichten.

<p>Zehn Jahre war der Ökonom Uwe Schneidewind an der Spitze des Wuppertal Instituts, erhielt das Bundesverdienstkreuz für seine Nachhaltigkeitsforschung und beriet die Bundesregierung zu globalen Umweltfragen – bis er 2020 den Praxistest machte: Der gebürtige Kölner kandidierte für das Amt des Oberbürgermeisters von Wuppertal.</p>

Zehn Jahre war der Ökonom Uwe Schneidewind an der Spitze des Wuppertal Instituts, erhielt das Bundesverdienstkreuz für seine Nachhaltigkeitsforschung und beriet die Bundesregierung zu globalen Umweltfragen – bis er 2020 den Praxistest machte: Der gebürtige Kölner kandidierte für das Amt des Oberbürgermeisters von Wuppertal.

Auch im autoverliebten Wuppertal?

SCHNEIDEWIND: Ja, so haben wir zum Beispiel den Laurentiusplatz in Wuppertal, einen der schönsten Plätze im Stadtteil Elberfeld, autofrei bekommen. Und so können wir eine extrem aufgeladene Mobilitätsdebatte entschärfen. Einige Modellversuche sind in den vergangenen zwei Jahren gut angelaufen. Wir hoffen, dass wir die Schlagzahl erhöhen können.

Ist das denn genug, um Ihr Ziel zu erreichen, Wuppertal bis 2035 klimaneutral zu machen?

SCHNEIDEWIND: Wenn wir beim Thema Mobilitätswende bleiben, erleben wir europaweit eine gewaltige Dynamik. Das befeuert auch das Umdenken, die Werteveränderung in Wuppertal. Und durch E-Bikes etwa wird selbst in dieser hügeligen Stadt mit dem Zentrum in Tallage das Fahren die Hänge hoch plötzlich möglich.

BENNER: Wir haben grundsätzlich sehr gute Erfahrungen damit gemacht, die Beschäftigten einzubeziehen und sie zu Gestalterinnen und Gestaltern des Wandels zu machen. Das gilt für die Zivilgesellschaft genauso. So kommen die Leute aus ihrer Ohnmacht heraus, akzeptieren Veränderungen und werden selbst zu Akteuren. In einigen Regionen haben wir „Transformationsnetzwerke“ geschaffen, weil wir festgestellt haben, dass wir bestimmte Probleme der Klimawende und den damit verbundenen Arbeitsplatzumbau nicht allein in einem Betrieb lösen können, sondern dass wir die gesamte Region mitdenken müssen. Das läuft super, wenn neben den Beschäftigten auch die politischen Akteure dabei sind, die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, die Landespolitik, die regionalen Wirtschaftsverbände, die Arbeitsagentur, die Industrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer, wenn wir zusammen gucken, wie wir den Wandel hinbekommen. Es geht darum, die Demokratie für die Menschen erlebbar zu machen. Auch in den Dialog zu gehen mit der Klimaschutzbewegung. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass sich Greenpeace mit dem Thema Arbeitsbedingungen auseinandersetzt. Wir sind ja sozusagen Redpeace und führen heftige Tarifauseinandersetzungen mit Windradherstellern. Das sind zum Teil ganz schlimme Arbeitgeber.

Und das in einer so innovativen Branche?

BENNER: Ja. In dieser vermeintlich so innovativen Branche gibt es Arbeitsbedingungen beinahe wie im 19. Jahrhundert. Trotzdem wird sie wegen der Investitionen hofiert. Da braucht es mehr Verständnis, wie wichtig Sozialbeziehungen und gute Arbeit für das Gelingen der ökologischen Wende sind.

Wie ließen sich all diese Schritte im Kleinen auf die Bundesebene übertragen? Lässt sich die gerechte Transformation überhaupt im Rahmen der parlamentarischen Demokratie umsetzen – in der Geschwindigkeit, die angesichts der planetaren Notlage erforderlich wäre?

SCHNEIDEWIND: Die Idee der nachhaltigen Entwicklung ist ja im Kern kein Umweltprogramm, sondern ein soziales, ein Gerechtigkeitsprojekt. Letztlich ist es eine Erweiterung der demokratischen Grundwerte auf alle acht Milliarden Menschen. Sie alle müssen in einer Welt mit begrenzten Ressourcen die Chance haben, sich individuell und persönlich in gleicher Weise zu entfalten. Wenn wir sagen, es dauert viel zu lange, alle mitzunehmen, und den Klimaschutz von oben durchsetzen, dann verraten wir unser Wertegerüst. Darum müssen wir alles tun, um auch in solch massiven Transformationsphasen wie jetzt demokratiefähig zu bleiben. Mir ist eine 2,5-Grad-Welt, demokratisch hergestellt, lieber als eine 1,5-Grad-Welt, die in einer autokratischen Katastrophe endet.

Auch eine 2,5-Grad heißere Welt wäre aber aufgrund der eskalierenden Klimafolgen politisch sehr instabil.

SCHNEIDEWIND: Ja, absolut. Aber wenn wir hier im Zentrum der Demokratie beginnen, die Demokratie zu verraten, dann wird die ganze Welt nach autokratischen Mustern organisiert. Dann halte ich zwar acht Milliarden Menschen am Leben, aber in autokratischen Regimen. Ich hätte mit dem Verrat der Demokratie, nur um damit vermeintlich noch ein Stück schneller zu werden, große Bauchschmerzen.

Frau Benner, sagen Sie auch die Öko-Revolution von oben ab?

BENNER: Ja, aber ich glaube, dass in der Transformation kleine Revolutionen möglich sind. Wir müssen offen bleiben für revolutionäre Momente, in denen man bestimmte Dinge auf einmal tun kann. Aber es ist auch noch viel zu tun, etwa bei Bürokratie und Genehmigungsverfahren. Wenn wir dort immer alle Menschen über Bürgerentscheide und so weiter einbinden, dann gehen einige Entwicklungen definitiv zu langsam. Bahntrassen haben in Deutschland beispielsweise Planungszeiten von über zehn Jahren. Das ist ja Wahnsinn. Wie wollen wir so bis 2045 klimaneutral werden?

SCHNEIDEWIND: Wir können uns ja darauf verständigen, dass wir eine Bürokratierevolution brauchen, ohne unsere Demokratie aufzugeben. Ich glaube auch, dass wir diese Momente des Revolutionären in unserer demokratischen Ordnung stärker nutzen sollten, das heißt, den Mut zu haben, ein überbordendes Genehmigungsrecht genauso wie eine starre Straßenverkehrsordnung, mit der wir uns selber im Wege stehen, radikal infrage zu stellen. Das wird die Herausforderung in den nächsten Monaten und Jahren.

Dieses Gespräch erschien in der Ausgabe 1.23 „Transformation“. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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