Endlich wieder Festivals und Konzerte. Aber diesmal ist manches anders: Den Pandemie- Stillstand haben engagierte Künstler und Veranstalterinnen genutzt, um Livemusik nachhaltiger zu machen. Ein Soundcheck aus dem Greenpeace Magazin 6.22.

Beim Song „Himmelblau“ reißt die Wolkendecke auf. Nach zwei Jahren Coronapause sind die Ärzte zurück, und wie: Mit 60.000 Fans zünden Bela B, Farin Urlaub und Rodrigo González auf dem Tempelhofer Feld in Berlin ein Punkrockfeuerwerk. BHs fliegen auf die Bühne, Bier spritzt im Moshpit, die Sprüche sitzen, die Setlist ein Befreiungsschlag: „Hipp, hipp, hurra, alles ist besser, als es damals war“, singen die drei mit ihrem Publikum, wie alte Freunde, die ihr Wiedersehen feiern. Alles wie damals, nur noch besser? Da dämpft Urlaub seine Gitarre und spricht ins Mikrofon: „Seit Jahren träumen wir davon, ein Konzert zu machen, das der Umwelt keinen unnötigen Schaden zufügt.“ Nun könne man lernen von der „besten Band der Welt“: „Ökostrom, kein Plastik, kein Fleisch, halb so viel CO2, halb so viel Wasser, wir verwerten sogar eure Pisse hier!“ Eine La-Ola-Welle geht durch die Menge, vom veganen Dönerstand bis zu den Kompostklos. Dann erklingt die Mitgrölhymne „Deine Schuld“ – „Glaub keinem, der dir sagt, dass du nichts verändern kannst.“

Drang zur Veränderung kommt ausgerechnet aus der Branche, die sonst für puren Hedonismus steht. Denn die Anreise Zehntausender Menschen, das Touren von Bands und Crews, sattelschlepperweise Bühnenteile, Strom, Essen, Sanitär, Merchandise – das alles verbraucht Unmengen Energie und Wasser, verursacht viel Müll und CO2. In Großbritannien stoßen Livemusik-Events 405.000 Tonnen Treibhausgase im Jahr aus, so viel wie eine mit telgroße Stadt. In Deutschland ist die Musik- und Veranstaltungsbranche der sechstgrößte Wirtschaftszweig, fünf Millionen Menschen besuchen mindestens einmal im Monat ein Konzert.

Internationale Acts gehen voran. So dokumentieren Massive Attack ihre CO2-Emissionen und veröffentlichten mit Klima forschenden ein Handbuch fürs  Ökotouren. Harry Styles verbannte Einwegbecher, Pearl Jam investieren Millionenbeträge in den Regenwaldschutz. Und Coldplay versprachen 2019, „erst wieder zu touren, wenn das so nachhaltig wie derzeit möglich geht“. Diesen Sommer füllten sie dann wieder die Arenen und rechneten stolz ihre Ökobilanz vor. Tausende Künstlerinnen und Bands, darunter große Namen wie De La Soul, Arcade Fire, Billie Eilish und Jamie xx, haben sich dem weltweiten Bündnis „Music Declares Emergency“ angeschlossen, das die Musikindustrie emissionsfrei machen will und fordert, die Klima ziele früher zu erreichen. Das Motto: Auf einem toten Planeten gibt es keine Musik.

© picture alliance/Rick Scuteri/Invision/AP<p>Bei Coldplay erzeugen Fans durchs Tanzen Strom</p>
© picture alliance/Rick Scuteri/Invision/AP

Bei Coldplay erzeugen Fans durchs Tanzen Strom

Konzert als Ökolabor

Auf dem Tempelhofer Feld machten die Ärzte und die Toten Hosen ihre vier Gigs an zwei Wochenenden mit insgesamt einer Viertelmillion Menschen zum Ökolabor. Drei Jahre Arbeit stecken in dem Projekt. Die Organisation Cradle to Cradle (C2C) richtete dafür so viel wie möglich nach den Idealen einer Wirtschaft aus, die Energie und Rohstoffe von der „Wiege zur Wiege“ im Kreislauf führt, sodass am Ende möglichst kein Müll und möglichst wenig Emissionen entstehen. „Viele Kunstschaffende wollen dazu beitragen, die Veranstaltungsbranche zukunftsfähig zu machen“, erklärt C2C-Mitgründerin Nora Sophie Griefahn. So kam auch die Idee zum Labor Tempelhof von Ärzte-Schlagzeuger Bela B, der ehrenamtlich im Beirat von C2C sitzt. „Für kurze Zeit entsteht hier eine Stadt so groß wie Greifswald, in die Leute reisen, in der sie shoppen, trinken, essen und pinkeln“, sagt Griefahn.

Die meisten Emissionen verursacht die Anfahrt der Fans. Konsequent strichen Griefahn und ihr Team also die Parkplätze, das Ticket gilt auch für Bus und S-Bahn, es gibt bewachte Fahrradständer. Thema Energie: Um mit dem Ökostrom der Stadtwerke möglichst viele Buden und Lichtmasten zu versorgen, musste die Crew mehrere Kilometer Leitung verlegen. Notstromaggregate laufen mit Pflanzenöl, alle Klos können Kreislauf: Gewonnene Ausscheidungen der Fans düngen einen Acker in Brandenburg. Weitere Maßnahmen: aus altem Brot gebrautes Bier, Mülltrennung, kostenloses Trinkwasser.

Nicht alles findet vollen Anklang. Die Schlange vor der Thüringer Rostbratwurst ist deutlich länger als die vorm veganen Lachswrap. Komplett vegetarisches Catering blieb Band und Crew vorbehalten. Die Kompostklos spalten die Gemüter: „Und da sollen wir ernsthaft drauf gehen?“, fragt eine Konzertbesucherin mit Stachelhalsband und stapft in Richtung Dixiklos. Ein Typ mit einem Shirt der 2007er Ärzte-Tour „Es wird eng“ verschwindet hinter dem Vorhang und ruft: „Stinkt ja gar nicht hier, es lebe die Humustoilette!“

Die Greenwashing-Falle

Konzerte und Touren nachhaltig gestalten zu wollen, birgt noch andere Fallstrick als die Gewohnheiten der Fans. Wer Fehler macht, dem drohen Shitstorms. Das mussten auch Coldplay erfahren. Ihre groß beworbene Spezialfläche, mit der tanzende Fans Strom erzeugen, und ihre Mini-Windräder wirkten angesichts des Riesenspektakels etwas naiv – Auto- und Ölfirmen, die Technik, sogenanntes Öko-Kerosin und Biosprit beisteuerten, nutzten die Tour zum Greenwashing. Schlagzeile: die Britpopper als nützliche Idioten der fossilen Lobby.

Coldplay hätten den Mund zwar etwas zu voll genommen, finden Sarah Lüngen und Katrin Wipper von der Changency, ihrer frisch gegründeten Agentur für nachhaltige Konzerte in Berlin-Treptow. Aber die Mühen der Band so abzustrafen, sei ein Fehler. Schließlich müssten Coldplay all das nicht tun, die Arenen füllten sie so oder so. Und auch Symbole seien wichtig: „Gerade große Acts können viele Menschen abholen, die sich mit Klima- und Umweltschutz sonst nicht beschäftigen“, sagt Wipper. Darum hätten stromerzeugende Tanzflächen und Botschaften von der Bühne schon ihren Sinn – sie machten den Energieaufwand spürbar und vermittelten andere Lebensstile. „Unzählige junge Leute ernähren sich vegan, weil Billie Eilish es vorlebt.“ Am meisten regt Katrin Wipper auf, dass mal wieder nicht die wahren Verursacher der Klimakrise angeprangert wurden, also nicht die Chefs fossiler Konzerne, sondern die vielleicht nur etwas zu blauäugigen Jungs von Coldplay.

Aber möchte man wirklich Musiker, die das korrekte Leben von der Bühne predigen und Weltprobleme ansprechen, die man mal für ein paar Stunden vergessen  will? Um mit den Ärzten zu fragen: Ist das noch Punkrock? „Klar, es muss nur glaubwürdig sein, und man sollte bloß nicht belehren, sondern eine Erfahrung draus machen“, sagt Sarah Lüngen.

Sie und Katrin Wipper kennen die Widerstände in ihrer Branche zu gut, oft scheitere es schon am Ökostrom, an gigantomanischen Bühnen oder an Crews, die streiken, wenn es nach der Maloche kein Fleisch gibt. Ausschließlich veganes Essen – wenn man nicht nur Pommes servieren will – und Mehrweggeschirr seien für Großevents angeblich unmöglich, da die Mengen nicht verfügbar seien. Gleiches gilt für Kompostklos und Batteriespeicher, die in der diesjährigen Festivalsaison Mangelware waren. „Daran merkt man aber auch, wie sich die Branche weiterentwickelt“, sagt Sarah Lüngen. Die studierte Biologin betreute bereits 2012 Nachhaltigkeitsstrategien bei großen Festivals wie dem „Melt!“ Ihre Kollegin Wipper finanzierte ihr Studium, indem sie Punkbands chauffierte und Touren managte, bevor sie ganz in den Job einstieg. Dann kam Corona, und die Livemusik stürzte in die Krise. Eine dunkle Zeit. Warum ausgerechnet jetzt an Nachhaltigkeit denken? „Wir wollten trotz allem etwas bewegen, damit unsere Branche sich erneuert“, erzählt Lüngen, die mit Katrin Wipper und anderen 2020 den deutschen Ableger von Music Declares Emergency mit ins Leben rief.

„Make Coldplay play again“

Schließlich machten beide eine Fortbildung im Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement. Dabei gründeten sie die Changency, inspiriert von Coldplays Klima versprechen. „Make Coldplay play again, das war unsere etwas größenwahnsinnige Idee“, sagt Katrin Wipper.

Als wieder Konzerte und Festivals am Horizont erschienen, standen zwar nicht Coldplay auf der Matte, aber die Changen cy hatte ihren ersten großen Auftrag: Fünf Konzerte der Berliner Dancehall-Combo  Seeed sollen auf ihre Umweltwirkung untersucht werden, an fünf Abenden hintereinander in der Berliner Parkbühne Wuhlheide, mit jeweils 17.000 Gästen. Dazu traf sich die Agentur regelmäßig mit der zehnköpfigen Band um Sänger Peter Fox, um Ideen für den Öko-Gig zu sammeln. Das Projekt tauften sie Plant a Seeed, einen Samen pflanzen. „Uns als Künstler beschäftigt sehr, wo wir selbst ansetzen können“, sagt Schlagzeuger Sebastian „Based“ Krajewski. Ein Beispiel: Zu Berliner Auftritten komme die Band sowieso mit dem Rad. Also riefen Seeed mit dem ADFC zur Fahrraddemo auf und radelten mit den Fans von Kreuzberg bis in die Wuhlheide: „Wir sind Seeed, und das is’ unser Gebiet!“, schallte es aus den Boxen von Musik-Lastenrädern.

© Nadine Kunath<p>Seeed radelten zusammen mit ihren Fans zu ihrem Konzert, hier Sänger Dellé mit Sarah Lüngen von der Nachhaltigkeitsagentur Changency</p>
© Nadine Kunath

Seeed radelten zusammen mit ihren Fans zu ihrem Konzert, hier Sänger Dellé mit Sarah Lüngen von der Nachhaltigkeitsagentur Changency

Damit solche Maßnahmen künftig nicht nur nach Bauchgefühl umgesetzt werden, untersuchten Studierende der Berliner Hochschule für Technik die ökologische Wirkung. Was passiert, wenn man Getränke ein oder zwei Grad wärmer verkauft? Veganes Essen bewirbt? Einen bewachten Fahrradstellplatz anbietet? Taschenaschenbecher verteilt? Manches klappte schon gut, etwa die Müllvermeidung, vieles geht noch besser. So sei es für den Betreiber der Parkbühne zu kompliziert gewesen, für die Konzerte Ökostrom zu beziehen. Und trotz Fahrradaktion und naher S-Bahn reiste ein Drittel der Leute mit dem Auto an, selbst aus der Stadt und dem nahen Umland. Manches müsse sich erst etablieren, früher und deutlicher kommuniziert werden.

Auch die Organisation Cradle to Cradle hätte auf dem Tempelhofer Feld gerne noch mehr umgesetzt. „Vieles ist noch gar nicht skalierbar, weil Rahmenbedingungen nicht stimmen“, erklärt Nora Sophie Griefahn. Dafür konnte das Publikum im Kleinen in einem Zeltdorf besichtigen, wie das perfekte Ökokonzert aussehen könnte, von ausschließlich veganem Essen über Solarmodule mit Batteriespeicher bis hin zur voll recyclingfähigen Bühne und Tontechnik, die es nur als Prototyp gibt. Wie nachhaltig die Livebranche werden kann, hängt auch von Markt und Politik ab – auf beides möchte C2C mit dem Labor als Auftakt einwirken.

Alles Wissen, das man bündeln müsse, findet Jacob Sylvester Bilabel. Ehemals Manager beim Majorlabel Universal, beriet er schon vor 13 Jahren große Musikevents, die grüner werden wollten. Als Leiter des staatlich geförderten Aktionsnetzwerks Nachhaltigkeit, dem sich Dutzende Institutionen wie Museen, Orchester und Veranstalter angeschlossen haben, will der 51-Jährige erreichen, dass es nicht bei privaten Leuchtturmprojekten bleibt. „Ob Kino oder Theater, ob Oper oder Rockkonzert, immer geht es um Strom, Mobilität und Ressourcen“, sagt Bilabel. Er begrüsst es daher, dass Kulturstaatsministerin Claudia Roth einen „Green Culture Desk“ schaffen will, eine Anlaufstelle für den grünen Umbau des gesamten Kulturbetriebs. So könnten alle voneinander lernen.

© Maria SturmSeeed, hier Peter Fox und Dellé (oben), traten schon bei Fridays for Future auf
© Maria Sturm

Seeed, hier Peter Fox und Dellé (oben), traten schon bei Fridays for Future auf

Letztlich gefährden keine nervigen Ökovorgaben die Kunstfreiheit, sondern immer höhere Energiepreise, die Events sündhaft teuer bis unmöglich machen. Sofern Kunst und Musik in einer ausufernden Klimakatastrophe überhaupt noch eine Rolle spielen. Bilabel sieht es als Fehler, wenn Förderprogramme nicht an nachhaltige Auflagen geknüpft werden. Und da denkt er groß: Für eine grüne Kultur fordert er jährlich „zehn Prozent aus den Einnahmen des Emissionshandels, ein paar Milliarden Euro, das würde mal etwas bewegen.“ Schließlich müsse, wie alle Branchen, auch die Kultur umdenken.

Und vielleicht wirken die Ideen vom Labor Tempelhof und von Plant a Seeed in die Gesellschaft hinein: Denn Festivals und Konzerte können Orte sein, wo Utopien entstehen, Alternativen erlebbar werden. Und die sind jetzt gefragt, sonst ist es, frei nach den Ärzten, zu spät, zu spät.

Dieser Bericht erschien in der Ausgabe 6.22 „Meer“. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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