Ein kalter Frühjahrsmorgen in Bochum. Vor dem Ruhr-Congress, einer grauen Mehrzweckhalle, haben sich Gewerkschafter der IG Metall versammelt, schwenken ihre roten Fahnen, dazu dröhnt Herbert Grönemeyers „Bochum“ aus den Lautsprechern. Der Industriekonzern Thyssenkrupp hat zur Jahreshauptversammlung geladen, die erste in Präsenz seit Corona. Anlass für die Arbeiterinnen und Arbeiter, ihren Vorstand persönlich mit Pfeifkonzert und Kampfreden zu begrüßen.

Noch einer ist heute angereist und möchte dem Konzern die Stirn bieten: Markus Dufner, seit 2006 Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionäre. In Tweedsakko, gestreiftem Hemd, Sneakern und mit Schiebermütze betritt der 63-Jährige den Saal, zieht seine Unterlagen aus dem Rucksack, nimmt am Tisch in der zweiten Reihe Platz und klappt seinen Laptop mit „Hambi bleibt!“-Sticker auf. Dufner ist Hauptversammlungsprofi, man kennt ihn hier schon: Jedes Jahr, wenn die Aktionärinnen und Aktionäre von Konzernen wie Heckler & Koch, Vonovia, Lufthansa, BASF, der Commerzbank oder Zalando zusammenkommen, sind er und seine Leute dabei. Sie vertreten einen Kreis aus Kleinanlegern, die ihnen ihre Redezeit übertragen.

<p>UNBEQUEM Markus Dufner verbringt viel Zeit auf Hauptversammlungen in Mehrzweckhallen, wie hier beim Stahlkonzern Thyssenkrupp im Bochumer RuhrCongress – viele Stunden in grauen Hallen, nur für ein paar Minuten Redezeit.</p>

UNBEQUEM Markus Dufner verbringt viel Zeit auf Hauptversammlungen in Mehrzweckhallen, wie hier beim Stahlkonzern Thyssenkrupp im Bochumer RuhrCongress – viele Stunden in grauen Hallen, nur für ein paar Minuten Redezeit.

Für Miguel López, seit Juni Chef von Thyssenkrupp, ist es der erste Auftritt vor den Aktionären. Er hat den Posten in schweren Zeiten übernommen: Die Stahlsparte des Unternehmens soll zur Hälfte an einen tschechischen Milliardär verkauft werden, die Verhandlungen ziehen sich, der Börsenkurs sinkt seit Jahren. Grüner Stahl im Einklang mit den Klimazielen, gar der Industriestandort Deutschland – alles scheint ungewiss. Gewerkschaft und Aktionäre sitzen López im Nacken, die einen fordern sichere Arbeitsplätze, die anderen höheren Cashflow. Gute Bedingungen für Dufner: Die Stimmung ist aufgeheizt, und auf der Bühne wirken seine Auftritte stärker als vor dem Bildschirm zu Hause.

Wer eine Aktie hat, darf teilnehmen, eine Rede halten, Fragen stellen und mit abstimmen. 1400 Anteilseigner sind gekommen, um sich die Pläne für das Geschäftsjahr anzuhören. Einige lassen vom Sprechpult auf der Bühne aus ihren Frust ab: „Das Vertrauen am Kapitalmarkt ist dahin!“, „Die grüne Krake mit ihren Auflagen und CO2-Preisen macht uns wettbewerbsunfähig!“

Zeit für wirklich wichtige Themen

Die Kritischen Aktionäre hingegen, ein Zusammenschluss aus 29 Einzelorganisationen, darunter Umweltverbände wie Urgewald, sprechen ganz andere Themen an, die viele Unternehmen lieber verschweigen würden: Menschenrechtsverletzungen, Umweltskandale, Greenwashing, mangelnden Klimaschutz, problematische Lieferketten. Und sie schenken Menschen ihre Redezeit, die von ausbeuterischen Geschäftspraktiken weltweit direkt betroffen sind, „Konzernopfer“, wie Dufner sie nennt.

<p>KONZERNKENNER Ob wie hier bei Thyssenkrupp oder bei BASF, Lufthansa, Siemens, Rheinmetall, RWE und Mercedes: Markus Dufner bereitet seine Reden gut vor, Fakten und Zahlen sind akribisch zusammengetragen – das lasse ihn sicher auftreten.</p>

KONZERNKENNER Ob wie hier bei Thyssenkrupp oder bei BASF, Lufthansa, Siemens, Rheinmetall, RWE und Mercedes: Markus Dufner bereitet seine Reden gut vor, Fakten und Zahlen sind akribisch zusammengetragen – das lasse ihn sicher auftreten.

Das kann zum Beispiel ein Fischer aus Brasilien sein, in dessen Fanggebiet eine Thyssenkrupp-Baustelle ein Fischsterben auslöste, oder, wie heute, die Mutter des bulgarischen Leiharbeiters Refat Süleyman: Ihr 26-jähriger Sohn starb im Oktober 2022 unter ungeklärten Umständen in einem Schlackebecken im Stahlwerk in Duisburg-Marxloh. Laut Polizei stellte ein fehlendes Geländer eine „eklatante Verletzung gegen Arbeitssicherheitsvorschriften“ dar. Als die Mutter ans Pult tritt, streckt sie dem Vorstand ein Foto ihres Sohnes entgegen, auf dem riesigen Bildschirm leuchtet ihr tränenüberströmtes Gesicht. „Sie verdienen Geld auf dem Rücken unserer Kinder, lassen sie wie Tiere arbeiten, behandeln sie wie Hunde, wie ist das möglich im reichsten Land Europas?“, verliest ein Übersetzer von der Migrantenorganisation Stolipinovo ihre Rede.

Als er endet, herrscht Stille. Manche klatschen verhalten. Die Vorstandsmitglieder senken die Blicke, der Arbeitsdirektor von Thyssenkrupp spricht sein Bedauern aus, ohne wirklich Verantwortung zu übernehmen, danach geht es nach Protokoll weiter. Markus Dufner beobachtet, macht sich Notizen. Bis er selbst an der Reihe ist, heißt es warten und Sitzfleisch beweisen. Denn Hauptversammlung bedeutet auch: einfaches Essen, Thermoskaffee, keine Pausen, kein Tageslicht, Konzernplatitüden – „Die größten Klimaaktivisten sind wir“ –, aufgebrachte Aktionärsvertreter, die ihre Redezeit von zehn Minuten um ein Vielfaches überziehen. Warum tut er sich das an, allein 2023 zwölfmal? Dufner lacht. „Um ein bisschen an einem Schräubchen zu drehen, das einen Konzern in eine andere Richtung bewegt“, sagt er. „Und um Menschen eine Stimme zu geben.“

<p>ANKLAGE Auf der Hauptversammlung von Thyssenkrupp ermöglichten die Kritischen Aktionäre den Auftritt von Gülseren Dalip, der Mutter des 26-jährigen bulgarischen Leiharbeiters Refat Süleyman, der im Stahlwerk in Duisburg-Marxloh tödlich verunglückte.</p>

ANKLAGE Auf der Hauptversammlung von Thyssenkrupp ermöglichten die Kritischen Aktionäre den Auftritt von Gülseren Dalip, der Mutter des 26-jährigen bulgarischen Leiharbeiters Refat Süleyman, der im Stahlwerk in Duisburg-Marxloh tödlich verunglückte.

Bei einer Cola und einer Frikadelle mit Senf – „die ist eigentlich ganz gut“ – nimmt er sich im Buffetbereich ein bisschen Zeit, um das auszuführen. Dufner studierte Geschichte und Politik, war mal Journalist, unter anderem bei der Westdeutschen Zeitung in Düsseldorf, schrieb über Umwelt, Menschenrechte und Wirtschaft, bevor er zum Aktivisten wurde. Er hätte den Drang verspürt, mehr bewegen zu wollen. Dufner und seine Mitstreitenden verstehen sich als schlechtes Gewissen der deutschen Wirtschaft, als „Stimme der Zivilgesellschaft.“

Um einen Konzern ganz zum Umsteuern zu zwingen, reichen ihre Stimmanteile nicht aus. Dufner geht es um Aufmerksamkeit, um auf Aktionäre, Konzernführung und Gesellschaft einzuwirken. „Als wir dem Vorstand von Thyssenkrupp nach der Brasiliensache einmal symbolisch einen Stofffisch überreicht hatten, gab es tolle Bilder bei Börse vor Acht, kurz vor der Tagesschau“, erzählt Dufner. Viele Anwesende hätten sich allerdings an die Vorträge der unbequemen Gäste gewöhnt, „sie verschließen sich diesen Themen“. Dufner kommt es vor, als würden sie in einer anderen Welt leben, in der diejenigen, die den Profit erwirtschaften müssen, völlig ins Abseits geraten. „Immer wieder erstaunlich, diese Vertreter des Raubtierkapitalismus“, die ihn sogar schon bedrohten. Es kämen aber auch Schockierte auf Dufner zu, „die ihre Anteile abstoßen oder selbst Verbesserungen verlangen“, etwa als er vor einigen Jahren ein Massaker in einem südafrikanischen Bergwerk eines Zulieferers auf der BASF-Versammlung ansprach. „Wieder andere fragen uns gezielt nach Informationen.“ Dafür wälzen Dufner und sein Team Geschäftsberichte, sprechen mit Fachleuten, erstellen Studien und reisen zu Werksstandorten, Dufner zuletzt nach Duisburg.

<p>IN DER MANGEL Thyssenkrupp-Chef Miguel López (links auf der Bühne) und Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm müssen ihren Aktionären Rede und Antwort stehen. Es geht um Dividenden und Geschäftspläne, seltener um Umweltschutz und faire Lieferketten</p>

IN DER MANGEL Thyssenkrupp-Chef Miguel López (links auf der Bühne) und Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm müssen ihren Aktionären Rede und Antwort stehen. Es geht um Dividenden und Geschäftspläne, seltener um Umweltschutz und faire Lieferketten

Stunden später, manche sind schon weggedämmert, hat Markus Dufner seine zehn Minuten. Gelassen tritt er ans Mikro, pustet kurz hinein und spricht mit einem Lächeln in die Runde, „schönen guten Tag“! Es folgt eine höfliche Generalkritik: Wer zwei Milliarden Euro Steuergelder für die Umstellung auf grünen Stahl erhalte, sollte vielleicht nicht eine Dividende von 93 Millionen Euro ausschütten. Wer mit seinem Werk in Duisburg die Dirty Thirty anführt, die dreißig CO2-intensivsten Industrieanlagen Deutschlands, sollte sich nicht als Klimaschützer brüsten. Dann Fragen: Wie wird Thyssenkrupp konkret klimaneutral? Woher soll der grüne Wasserstoff dafür kommen? Woher stammen Kohle und Eisenerz? Wohin gehen die Exporte der Rüstungssparte? Penibel hält Dufner seine Redezeit ein. Den meisten Fragen weicht der Vorstand aus. Zum Rüstungsgeschäft bekommt Dufner immerhin eine Auflistung der Exportländer, darunter Ägypten und Indien. Die Wissenslücken von CEO Miguel López zum Wasserstoff amüsieren ihn. Anlass, weiterzubohren.

Mutig findet Markus Dufner seine Arbeit nicht. „Das müsste ich sein, wenn ich nur schwache Punkte hätte“, sagt er. Er stört lieber mit Substanz und Zahlen. Und er macht sich mit Investoren und Sprechern von Fondsgesellschaften bekannt. Klar, die vertreten das Großkapital, „aber manche versuchen schon, etwas in Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen“, sagt Dufner.

Ob er selbst Aktien hat? „Nicht für meine Altersvorsorge, nur für Redezeit.“ Er steht auf, wendet sich wieder dem Saal zu. Eine ideale Welt könne er sich nicht malen, sagt er. Der Finanzkapitalismus sei nun mal die Realität. Markus Dufner hat seinen Weg gefunden, vielleicht ein wenig daran zu verändern.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 3.24 "Mut". Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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