Von Apfel bis Zucchini – fast jeder zweite Mensch in Deutschland baut Obst oder Gemüse an. Ist das nur ein schönes Hobby oder kann man sich hierzulande wirklich selbst versorgen?

Ein Jahr lang hat Ralf Roesberger alles gewogen, was sein Garten hergab. 1300 Kilo Obst und Gemüse aus hundert verschiedenen Kulturen kamen zusammen, von 260 Gramm Trockenerbsen bis hin zu 31 Kilo Erdbeeren. Der Rheinländer mit dem grauen Bart und dem ausgeblichenen Käppi war schwer beeindruckt. Dann rechnete er aus, wie viele Kalorien pro Familienmitglied der 2000 Quadratmeter große Acker hinter seinem Haus hervorgebracht hatte. Er kam auf 500 pro Kopf und Tag. „Pflanzliche Nahrung lässt sich in unglaublicher Menge produzieren, wenn man die richtigen Arten und Sorten wählt, auch auf kleinerer Fläche“, sagt der Familienvater. Aber Selbstversorgung? Dafür braucht ein Erwachsener ungefähr 2000 Kilokalorien am Tag. „Die Nahrungsmittel, die Kalorien in großer Menge enthalten, Raps oder Getreide zum Beispiel, lassen sich im Garten entweder nicht anbauen, nicht ernten oder nicht verarbeiten“, sagt Roesberger. Und um nur mit Gemüse auf ausreichend Kalorien zu kommen, müsste man beispielsweise fünf Kilo Karotten am Tag essen. „Unmöglich“, lacht Roesberger und zündet sich eine Zigarette an.

Viele Menschen wollen sich selbst mit Lebensmitteln versorgen. Sie diskutieren in Internetforen über Terra preta, Brennnesseljauche und Komposttee und experimentieren mit Permakultur. Während die einen Genuss mit gutem Gewissen suchen, wollen junge Eltern ihren Kindern die Natur nahebringen. Viele Menschen wollen sich selbst mit Lebensmitteln versorgen. Sie diskutieren in Internetforen über Terra preta, Brennnesseljauche und Komposttee und experimentieren mit Permakultur. Während die einen Genuss mit gutem Gewissen suchen, wollen junge Eltern ihren Kindern die Natur nahebringen. Andere sind mit Kohlköpfen und Kaninchen im Garten aufgewachsen, gehört Eigenanbau für sie zu einem sparsamen und bescheidenen Leben dazu. Anderen wiederum dient der eigene Acker als Ausstieg aus dem kapitalistischen System; sie wollen möglichst nur das verbrauchen, was sie selbst erzeugen. Ohne Kohlenhydrate geht es nicht.

Ohne Kohlenhydrate geht es nicht

Ralf Roesberger, der auf Youtube mit seinem „Selbstversorgerkanal“ regelmäßig eine Viertelmillion Menschen mit Geschichten aus dem Garten unterhält und informiert, ist kein AckerFundi. Seine Familie isst die Früchte seiner Arbeit, lebt aber vor allem vom Gehalt seiner Frau. Strom, Krankenversicherung und der Gitarrenunterricht der Söhne wollen bezahlt werden. Auch bei Roesbergers gibt es Bananen aus dem Supermarkt. Für den südafrikanischen Austauschschüler kauft der Hausmann sogar mal ein Steak.

Trotzdem bezeichnet sich der 59-Jährige als Selbstversorger. Denn zusammen mit den Eiern seiner Hühner, dem Fleisch der Gänse und dem Honig der Bienen produziert er zusätzlich zum Obst und Gemüse so viele Kalorien, wie die Familie zum Leben braucht, sagt Roesberger. Zwar essen sie beileibe nicht alle Eier und Honig, sondern verschenken und tauschen. Doch in seiner Rechnung gleichen diese Überschüsse jene Kalorien aus, die die Familie zukauft, zum Beispiel in Form von Getreide, Zucker und Öl.

<p>STIELLEBEN Hierzulande sähe eine winterliche Obstschale recht dürftig aus, wenn sie nur mit dem bestückt wäre, was die Region hergibt.</p>

STIELLEBEN Hierzulande sähe eine winterliche Obstschale recht dürftig aus, wenn sie nur mit dem bestückt wäre, was die Region hergibt.

Noch in der Nachkriegszeit stopften viele Menschen ihre Versorgungslücken mittels Tauschwirtschaft. Der Müller aus dem Nachbarhaus bekam Aprikosen für einen Sack Mehl, der Schuster reparierte die Stiefel im Dorf für einen Sack Kartoffeln oder ein Stück Speck. Man hatte wenig Geld, war aber autarker als heutzutage. Wachstumskritiker fordern eine Rückkehr zu mehr Selbstversorgung. Doch können wir unsere ökologischen und sozialen Probleme im Garten lösen?

Roesberger hat in den vergangenen zwanzig Jahren so ziemlich alles ausprobiert, was sich in unseren Breitengraden anbauen lässt. Bei Obst und Gemüse ist er weit gekommen. „Ich habe schon lange keine Tomate mehr aus dem Supermarkt gegessen“, sagt er. Im Winter und Frühjahr aber werde es trotz Gewächshaus schwierig. „Das bisschen Feldsalat, Porree und Rosenkohl reicht nicht mal annähernd.“ Auch die Lagerhaltung hat Grenzen. Kaum jemand verfügt daheim über einen ausreichend kalten Raum, in dem Kartoffeln oder Möhren bis ins Frühjahr genießbar bleiben. In Roesbergers Keller stehen zwar zwölf Regalmeter mit eingelegten Gurken, Tomatensauce und Roter Bete. Doch Gurken allein machen noch kein Abendessen. Und von Sauerkraut und Roter Bete sind seine Teeniesöhne eher "nicht so begeistert".

Der Knackpunkt liegt bei den Kohlenhydraten. Laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung sollten sie die Hälfte unserer täglichen Energiezufuhr ausmachen.

Sechshundert Quadratmeter Kartoffelacker bräuchte es, um einen Erwachsenen mit ausreichend Kohlenhydraten zu versorgen. Aber wer will schon jeden Tag Kartoffeln essen? Roesberger hat sich daher auch im Getreideanbau versucht. In einem Jahr erntete er fünfzig Kilo Weizen. Doch das sei von der Aussaat bis zum Ernten, Trocknen und Dreschen "eine einzige Tortur" gewesen, erinnert sich der Autodidakt. Hinzu kam die Angst vor lebensgefährlichen Schimmelpilzen wie dem Mutterkorn.

Ähnlich frustrierend verliefen seine Versuche mit Roggen, Soja und Körnermais. Beim Buchweizen scheiterte Roesberger an der harten Schale. Auch mit Linsen, Chia und Amaranth lief es mäßig. Die Quinoa-Ernte habe in zwei Teetassen gepasst. Wer sich komplett selbst versorgen wolle, so Roesberger, brauche einige Hektar Land sowie Maschinen für Anbau, Ernte und Verarbeitung von Getreide. "Aber", sagt er, "das ist dann keine Selbstversorgung, sondern Landwirtschaft."

<p>MEIN HAUS, MEIN TOPF, MEIN KOHL Auf Fensterbank und Balkon gedeiht mehr als man denkt. Erbsen, Tomaten, Radieschen – sogar Grünkohl.</p>

MEIN HAUS, MEIN TOPF, MEIN KOHL Auf Fensterbank und Balkon gedeiht mehr als man denkt. Erbsen, Tomaten, Radieschen – sogar Grünkohl.

Doch schon ein kleiner Acker, wie ihn der Rheinländer bewirtschaftet, bleibt für viele ein Traum. In der Stadt stehen höchstens Dachgärten und Hochbeete auf Brachflächen zum gemeinschaftlichen Gärtnern zur Verfügung – oder der klassische Schrebergarten. Die Grundversorgung einer Millionenstadt wie Berlin stemmt man zwar nicht mit ein paar Beeten in Kreuzberg. Doch für Salate und Kräuter reicht es. Mehr als 900 Gemeinschaftsgärten sind auf urbanegaerten.de verzeichnet, in Großstädten wie auch im Umland. Rund um München vermieten Landwirte der Initiative „Unser Land“ Teilflächen an private Nutzerinnen und Nutzer. Ein Beet misst rund achtzig Quadratmeter; drei Kilo Grünzeug pro Saison und Quadratmeter gelten bei zwei Stunden Arbeit pro Woche als machbar. Damit können sich zwei Menschen in der Erntezeit gut mit Gemüse versorgen. Viele Neulinge merken allerdings im ersten Jahr, dass Zucchinischwemme und Sommerferien kollidieren.

Die Ernte der kurzen Wege

Sollten wir also unseren Urlaub auf dem Acker verbringen – oder die Sache doch lieber den Profis überlassen? Schließlich kann ein Landwirt in Deutschland rein rechnerisch 139 Menschen versorgen. „Agrarökonomisch wäre die Selbstversorgung wohl nicht so sinnvoll“, sagt auch Sebastian Rogga vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF). Die Solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi, setzt mit kollektiver Selbstversorgung auf einen Mittelweg: Mit festen Beiträgen der Mitglieder werden die Betriebskosten von Hof oder Gärtnerei ohne Risiko und Preisdruck finanziert und die Erträge geteilt. Oft helfen die Mitglieder aus der Stadt auch beim Unkrautjäten und Ernten mit. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl solcher Betriebe in Deutschland von 26 auf fast 500 gestiegen. Das Kartoffelkombinat bei München ist mit rund 3000 Mitgliedern die größte Solawi-Genossenschaft Deutschlands. Ein gutes Dutzend Gärtnerinnen und Gärtner produziert regionale und saisonale Biolebensmittel. Doch vor allem im Spätwinter wird die Ernte knapp. Eine Handvoll Feldsalat, ein paar Möhren, ein Kohlkopf und vielleicht ein Glas Tomatensauce – davon wird niemand satt. Für eine umfassende Ernährung fehlen große Flächen für Getreide und Ölsaaten sowie eine Mühle. Eine solche Komplettversorgung könnten regionale Netzwerke und kurze Wertschöpfungsketten ermöglichen – als klimafreundliche Alternative zum Status quo. Neunzig Prozent der Transportemissionen im Lebensmittelbereich ließen sich durch eine optimierte stadtnahe Produktion einsparen.

Sicher ist: Jede Balkontomate ist ein Gewinn. Sie braucht keinen Kunstdünger, fährt nicht im Lkw durch Europa und kommt ohne Kühlkette und Plastikverpackung aus. Selbstversorger Ralf Roesberger freut sich daher über jeden Youtube-Fan, den er zu ein paar selbst gepflanzten Karotten anregt. Die Menschen sollten sich Gedanken darüber machen, „wo eigentlich das ganze Zeug herkommt,

das wir tag täglich in uns reinstopfen“. Für seinen Lebensentwurf nennt Roesberger durchaus rationale Gründe: „Ich tue was für mich, für meine Familie, für die Gesundheit, für die Umwelt.“ Persönlich sei ihm aber etwas anderes wichtiger. Irgendwann im Juli, wenn alles in voller Blüte steht, „dann setze ich mich in den Garten und gucke den Pflanzen, den Schmetterlingen und den Bienen einfach nur stundenlang zu. Das ist meine schönste Zeit im Jahr.“

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 2.23 "Die Vögel". Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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