Da liegen Jahrzehnte harter Arbeit hinter einem, die Kinder stehen auf eigenen Beinen. Nun, im Ruhestand, lehnt man sich zurück, verbringt Zeit mit den Enkelkindern, geht auf Reisen, hat Hobbys. Man lässt es, so das Ideal, ruhig angehen. Doch was, wenn das Geld kaum für das Essen und die Miete reicht? Wer monatlich weniger als 1035 Euro netto zur Verfügung hat, gilt in Deutschland als arm, mit weniger als 1176 Euro als armutsgefährdet. Ein Viertel der 13,4 Millionen Armen lebt in Rente. Frauen sind besonders benachteiligt: Eine Rentnerin über 65 Jahre bekommt im Schnitt 833 Euro brutto im Monat, ein Mann 1409 Euro. Und die Zahl der Betroffenen steigt: 2006 war es laut Europäischem Statistikamt jeder oder jede achte Ältere, 2018 fast jeder fünfte. Wir haben vier Menschen begleitet, um der Armut ein Gesicht zu geben.

Portrait von Elvira Pinnow

KLEINE WELT
Elvira Pinnow wohnt in einer kleinen Mietwohnung in einer Plattenbausiedlung in Schwerin. Viele arme Menschen leben hier – die Tafel und die Caritas, die ihr Geld verwaltet, in der Nähe. Pinnows Traum vom Glück: leben, wie man will 

Elvira Pinnow

„Alte Bäume verpflanzt man nicht“, sagt Elvira Pinnow. In löchriger Cordhose und gestreiftem Pulli sitzt die 68-Jährige auf einem Sessel in ihrer Einzimmerwohnung. „Ich fühle mich hier wohl“, sagt sie und lächelt. Im Schweriner Stadtteil Großer Dreesch, wo sie seit drei Jahren wohnt, reihen sich triste Plattenbauten aneinander.

Ihre Tochter frage oft, ob sie nicht zu ihr aufs Land ziehen möchte. „Aber ich bleibe stur.“ Bei der Caritas im Erdgeschoss bekommt sie belegte Brötchen, ihre Betreuerin verwaltet ihr Konto, auf das monatlich 460 Euro Rente eingehen. Pinnow holt sich das Geld nach und nach bei ihr ab. Auf dem Fliesentisch vor der älteren Dame liegt ihre Pillenbox. Vier Tabletten muss sie, geplagt von hohem Cholesterin und Diabetes, täglich schlucken, dreimal spritzt sie sich Insulin. „Ich habe meine Ärzte in der Nähe.“

Eigentlich sei sie ein Dorfkind. 1953 kam sie in Büschow, zwanzig Kilometer südöstlich von Wismar, zur Welt, als sechstes von neun Kindern. Ihre Eltern arbeiteten in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) in der DDR. Pinnow hätte nach der Schule gern Kälber gezüchtet. Doch wegen ihrer kaputten Hüfte, einer Kindheitsverletzung, wurde daraus nichts. Als Teenagerin arbeitete sie erst auf Rügen in der Fischzucht, später erntete sie Kartoffeln und Rüben für die LPG. Mit Anfang zwanzig fand sie einen Job als Stationshilfe im Krankenhaus.

„In der DDR hatten alle Arbeit“, sagt sie, das habe ihr besser gefallen als in der BRD. Als Küchenhilfe in einem Ferienhaus in Wismar verdiente sie 700 Mark monatlich. „Da habe ich viel mit Kindern und Familien gearbeitet. Das hat mir Spaß gemacht.“ Ihre Augen leuchten. „Ich liebe Kinder“, sagt sie und zeigt ein Foto von ihrem siebenjährigem Großneffen Quentin, ihrem „Lütten“. „In den Ferien ist er oft hier, ich habe ihn mit großgezogen.“

Einkaufen muss sie noch. Also Jacke über und los. Am linken Griff ihres Rollators baumelt die Tüte, am rechten die Coronamaske. Im Supermarkt läuft sie gezielt von Regal zu Regal, fischt den Apfelstrudel aus dem Gefrierfach. Im Kaufland hätten sie die Preise ganz schön angehoben seit der Pandemie. Die Arbeitslosenquote auf dem Großen Dreesch ist doppelt so hoch wie im Bundesschnitt. Auch Elvira Pinnow war zwanzig Jahre arbeitslos. 1991, kurz nach dem „Umsturz“, wie sie es nennt, wurde das Ferienhaus in Wismar geschlossen. Einen Job fand sie nicht mehr.

Auf dem Rückweg vom Supermarkt trifft sie Katrin Fandrich, ihre Sozialarbeiterin von der Caritas. Da man mit Mietschulden woanders nicht unterkommt, „landen die Abgehängten hier“, erklärt Fandrich. Ein Drittel der Menschen sei in Rente, die Siedlung – eine Endstation. „Wer sie verlässt, geht entweder in Haft, in die Suchttherapie oder ist gestorben.“ Weil Elvira Pinnow im Supermarkt nicht alles bezahlen kann, was sie braucht, geht sie anschließend noch weiter zur Tafel. Erst hat sie sich dafür geschämt. „Aber das hat sich gelegt, weil da so viele hingehen“, sagt sie. Es nieselt, als sie sich in die Schlange vor der Petrusgemeinde stellt. Mit drei Frauen redet sie über Geldnot, das Alter, Krankheiten. Dennoch lachen sie, stundenlang unterhalten sie sich hier manchmal.

Wieder zu Hause, schaltet sie den Fernseher ein und lehnt sich auf dem Sofa zurück. „Glück ist für mich, wenn ich so weiterleben kann wie jetzt“, sagt sie. „Wenn ich meine Tochter sehen kann und meinen Neffen. Wenn ich machen kann, was ich will.“

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Elvira Pinnow

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Wolfgang Retzlaff

Wolfgang Retzlaff, „Wolle“ genannt, weiße Haare, gepflegter Bart, ist stolz auf das, was er erreicht hat. „Det soll mir erst mal eener nachmachen“, sagt er mit Berliner Schnauze. In seinem Wohnzimmer steht eine Cowboyfigur, vor dem Fenster dröhnt der Linienbus durch Berlin-Neukölln. Der 68-Jährige wohnt allein, seine einzige Beziehung endete vor zwölf Jahren. Zwei Schlaganfälle ließen ihn fast erblinden. Seine Rente reicht nur für die halbe Miete. Manch einer wäre an weniger zerbrochen. Doch Wolle sagt: „Ich genieße das Leben und will das Beste draus machen.“

Retzlaff bekommt 250 Euro Rente im Monat, plus Grundsicherung kommt er auf tausend Euro. Nach Abzug von Miete und Nebenkosten, Versicherungen, Handy und Internet bleiben dem Rentner 300 Euro im Monat. Wolle wirtschaftet gut. Jede Woche geht er zur Suppenküche, zum Foodsharing in ein Neuköllner Gartenprojekt und zur Tafel. „Das steht mir zu“, findet er.

<p class="text-align-center">LEBENSKÜNSTLER<br />
Zwei Schlaganfälle ließen Wolfgang Retzlaff nahezu erblinden</p>

LEBENSKÜNSTLER
Zwei Schlaganfälle ließen Wolfgang Retzlaff nahezu erblinden

Wolle ist arm, obwohl er sein ganzes Leben gearbeitet hat. Als Selbstständiger war er nicht rentenversicherungspflichtig. Privat vorgesorgt hat er nicht: „Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.“ Retzlaff kommt aus Berlin-Schöneberg. Sein Vater leitete die Berliner Zentrale der Fluglinie Pan Am. Er verdiente gut, nahm sich wenig Zeit für seinen Sohn. Auch die Mutter arbeitete viel, Wolle verbrachte die meiste Zeit bei seinen Großeltern. Nach dem Abitur überredete ihn sein Vater zu einer Ausbildung zum Werkzeugmacher, obwohl dem Sohn die körperliche Arbeit nicht lag. In der Jugend litt er unter einer fehlgebildeten Wirbelsäule, noch heute steht er gebückt. Trotzdem wurde er Geselle.

Im Elternhaus gab es ständig Streit, der Vater verließ die Mutter nach einem erbitterten Ehekrieg und überschrieb das Haus an seine neue Lebensgefährtin – Wolle war enterbt.

Seine Berufung fand er nicht im Handwerk. Stolz kramt Wolle eine Ausgabe des Country-Magazins „Western Mail“ hervor, beginnt zu blättern und zu erzählen. Mit einem Freund habe er das Heft gegründet, er selbst war zuständig für das Layout.

Auf einer Silvesterparty lernte er 1988 seine erste Freundin kennen. Sie lebte mit ihrer Tochter auf einem Hof in der Nähe von Neuruppin. Dort verbrachte Wolle seine Wochenenden – „eine glückliche Zeit.“ Lange lief das Magazin gut, Retzlaff war in der Fanszene berühmt. Zum zehnjährigen Jubiläum des Hefts, 1998, schmissen die beiden Herausgeber eine exquisite Party mit Hubschrauberrundflug und Feuerwerk. „Unsere Leser haben uns geliebt“, erinnert sich Wolle. Doch mit dem Internet kamen die Probleme, viele Inhalte gab es plötzlich online. Das Ende des Hefts.

Dann trennte sich seine Freundin von ihm, nach zwanzig Jahren. Plötzlich stand er allein da: ohne Frau, ohne Job, das Ersparte schwand. Dann der Schlaganfall. Zum Glück wurde er früh behandelt, und das Auge erholte sich etwas. Mit 56 Jahren fand er keinen neuen Job, auch weil Layouts nun digital erstellt wurden. „Als Mediendesigner darfst du nicht alt sein“, sagt er. Bis zur Rente lebte er von Hartz IV. Selbstmitleid liegt Wolle fern: „Ich bin selber schuld, dass ich mich nicht um die Rente gekümmert habe.“

Ob er sich arm fühlt? „Ick bin superarm, weil ick super drauf bin.“ Dann lacht er, knöpft sein Hemd auf und zeigt das Logo der „Superarmen Berlin Neukölln e.V.“ auf seinem weißen T-Shirt. Die „Superarmen“, darunter ein paar Freunde von ihm, treffen sich regelmäßig in einem Café in Neukölln. Ab und zu machen sie zusammen Urlaub, zuletzt auf Zypern und an der Ostsee. Im Sommer verkauft die Gemeinschaft Kaffee, Kuchen und Klamotten auf Flohmärkten. Man spricht über Sorgen, tauscht sich aus, hilft einander. „Geld macht alleine nicht glücklich“, sagt Wolfgang Retzlaff, „Glück und Freunde – das kannst du dir nicht kaufen.“

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Wolfgang Retzlaff

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Ilse Henninger

Ilse Henninger ist froh, dass ihr Mann noch lebt. Vor zwanzig Jahren lag er im Sterben, Lymphdrüsenkrebs. Ein großes Glück, dass die beiden heute im bayerischen Weißenburg in ihrem Wohnzimmer sitzen, mit der Blümchentapete, alten Fotos und einem Kruzifix an der Wand. Nach sechs Chemotherapien hat Günter Henninger den Krebs besiegt. Heute ist er 79. Das Paar ist fast ein halbes Jahrhundert zusammen. Ilse, 74, hätte ohne ihren Mann nur 275 Euro Rente zur Verfügung, weil sie für die Tochter zu Hause blieb. Er bekommt knapp tausend Euro.

Als das Paar 1972 heiratete, kannten sie sich keine zwei Wochen. Ilse wohnte bei ihren Eltern, Günter gegenüber. Irgendwann lud er sie zum Geburtstag ein. Ein paar Tage nach der Feier klingelte er bei ihr, mit Blumen in der Hand. „Willst du mich heiraten?“, fragte er, und sie sagte ja.

<p class="text-align-center">ALLES FÜR DIE FAMILIE<br />
„Herzensgut, fürsorglich, ruhig“, wird Ilse Henninger von ihrer Tochter beschrieben. Neben kleineren Jobs kümmerte sich die 74-Jährige ihr Leben lang um Kind und Haushalt – und bekommt deswegen nur wenig Rente</p>

ALLES FÜR DIE FAMILIE
„Herzensgut, fürsorglich, ruhig“, wird Ilse Henninger von ihrer Tochter beschrieben. Neben kleineren Jobs kümmerte sich die 74-Jährige ihr Leben lang um Kind und Haushalt – und bekommt deswegen nur wenig Rente

Geld sei in Ilse Henningers Elternhaus immer da gewesen. Aber: „Meine Augen waren so schlecht, dass ich kaum sehen konnte“, erzählt sie. Nach der Hauptschule wollte sie niemand einstellen. Mit 16 konnte sie dank neuer Brille erstmals mehr als nur Umrisse sehen. „Es war, als würde ich die Welt neu entdecken.“ Sie steht auf, zieht Sneaker und Mantel an und tritt in ihr Viertel am Rande Weißenburgs. Links des Weges liegen Schienen, ein vorbeitosender Zug unterbricht das Gespräch. „Daran habe ich mich gewöhnt“, sagt sie.

Henninger liebt lange Spaziergänge, ihr Mann kann nicht mehr mit, wegen einer Wunde am Fuß. „Ich schaffe das nicht mehr alleine mit ihm“, sagt sie. Manchmal wisse er nicht, welcher Tag ist. Ein Betreuer hilft im Alltag. Wie fühlt sich eine Frau, die nach 45 Jahren Teilzeitarbeit, Kindererziehung, Haushalt und Fürsorge nur 275 Euro Rente erhält? „Beschissen“, sagt sie, „mir steht mehr zu.“ Dass ihr Mann mehr bekommt, findet sie unfair. In Aushilfsjobs sammelte sie kaum Rentenpunkte. „Mein Traumberuf war Krankenschwester“, sagt Henninger, doch ihre Augen waren zu schlecht. Trotzdem arbeitete sie im Krankenhaus: Putzen, Bettenmachen, Essen servieren.

1975 kam Tochter Ulla zur Welt. „Günter sagte, ich brauche nicht mehr zu arbeiten“, sagt Ilse Henninger. Ihr Mann, zwei Meter groß, breites Kreuz, hat immer malocht. Als das Paar 1978 in die Wohnung zog, arbeitete er bei einem Bauern, dann bei einer Spedition, später bepflanzte er Autobahndämme und fuhr danach Gabelstapler.

Zurück im Wohnzimmer erzählen beide von ihrer Ehe. „Wir haben uns zusammengerauft und sind glücklich. Gestritten haben wir lange nicht mehr“, sagt sie. Ob sie etwas anders gemacht hätte? Stille. Dann: „Ich hätte nicht so schnell geheiratet. Oder zumindest einen reichen Mann.“ Beide lachen.

Nach den Fixkosten bleiben dem Paar monatlich bis zu 500 Euro. Fühlen die beiden sich arm? „Nee“, sagt er schnell. Sie aber hätte gern neue Möbel, zwanzig Jahre seien ihre alt, die Küche vierzig Jahre. „Ein kaputter Kühlschrank wäre eine Katastrophe“, sagt sie. Auch neue Kleidung ist selten drin. Für eine neue Brille oder den Türkeiurlaub sei schon sein Bruder eingesprungen. Vor Corona gab es bei der Caritas einen Mittagstisch für einen Euro. Lebensmittel verteilt die Tafel. „Nur Fleisch und Fisch müssen wir selbst kaufen“, sagt er. Dabei achten die Eheleute auf Sonderangebote. Dürften sie bei Supermärkten containern, sie würden es tun.

Bei ihrem Bäcker gönnen die zwei sich ab und zu einen Kaffee, dazu einen Amerikaner und eine Brezel. Im Schaufenster prangt ein Herz mit den Worten „Zusammen backen wir das“. Auch ihr Motto? „Genau“, sagt Ilse Henninger, „weil wir uns immer gegenseitig unterstützen.“

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Franz Kohlweck

„Ich habe schon immer gerne geholfen“, sagt der 1,65-Meter-Mann bei einem Bier im „Wiener Hofcafé“. In der Kneipe in Bremen-Ostertor beriet Franz Kohlweck früher Wehrdienstverweigerer. Und zuletzt machte er sich für die „Arche“ stark, ein Haus für Essen und Unterricht für arme Kinder, das leider am Geld scheiterte.

Als der 69-Jährige sein Bier ausgetrunken hat, macht er sich auf den Heimweg in die Altstadt in seine Mietwohnung in einem unscheinbaren Reihenhaus. Kohlweck muss mit 738 Euro Rente plus 138 Euro Wohngeld auskommen. Seine Mutter hätte ihn fast auf einer Straße in Bremen geboren. Sie hielt sich an einer Mauer fest, als die Wehen kamen, damals, im Juni 1951. Nach der Hauptschule heuerte Franz Kohlweck auf einem Schiff an, half in der Kombüse aus.

<p class="text-align-center">REBELL<br />
Politisch war Franz Kohlweck schon immer: Einst organisierte er Friedensdemos und half Wehrdienstverweigerern, heute kämpft er in Bremen für bezahlbaren Wohnraum. </p>

REBELL
Politisch war Franz Kohlweck schon immer: Einst organisierte er Friedensdemos und half Wehrdienstverweigerern, heute kämpft er in Bremen für bezahlbaren Wohnraum. 

Vier Jahre fuhr er zur See, bis er im Heimaturlaub seine erste Freundin kennenlernte – und für sie in Bremen blieb. Ein Job musste her. Er versuchte es beim Wasserschutz, hatte gute Karten. Doch ihm missfiel, dass die Polizei die Studierendenproteste gegen ein Bundeswehrgelöbnis im Weserstadion so brutal niederschlug. Er ließ den Vertrag platzen.

Dann musste er zum Wehrdienst. Kohlweck fügte sich erst unter Strafandrohung, 15 Monate war er in Stade stationiert. „Ich hatte schon immer ein Problem mit Autoritäten“, sagt er. Einer seiner Vorgesetzten sei „ein Nazi“ gewesen. Die Zeit beim Bund machte ihn zum Pazifisten. Später half Kohlweck, inzwischen wieder solo, in Bars und Restaurants aus, als Barkeeper und Koch. Eines Abends entdeckte er vom Tresen aus eine junge Frau. „Gabi saß da in ihrem Norwegerpulli. Und ihre Augen. Ihre Augen haben mich so fasziniert“, erzählt er. Eine Freundin verkuppelte die beiden. Eigentlich wollte er nach Frankreich ziehen und eine Kommune gründen. Doch wieder hielt die Liebe ihn fest, und Gabi war schwanger. Die beiden bekamen zwei Kinder.

Kohlweck rief die Gruppe „Reservisten verweigern sich“ mit ins Leben und organisierte Demos. Einmal hissten sie auf dem Oldenburger Feldjägerstützpunkt ein Transparent, darauf ein zerbrochenes Gewehr. Angela Merkel, damals Umweltministerin, habe sie daraufhin zum Gespräch eingeladen, erzählt Kohlweck. Danach war er beim Sozialen Friedensdienst.

Politisch ist Franz Kohlweck geblieben, heute kämpft er für bezahlbaren Wohnraum. Er ist gut vernetzt, wollte mal Politiker werden. Emotional und impulsiv sei er früher gewesen. Das habe auch die Beziehung belastet, die 14 Jahre hielt. Von seinen Kindern erzählt Franz Kohlweck, mittlerweile Großvater, voller Stolz. „Am schlimmsten war für mich die Kontaktsperre in der Coronazeit“, sagt er. Er ist froh, dass sein Einkommen zwar klein, aber verlässlich ist. Vor einigen Jahren hatte er einen Herzinfarkt. Trotzdem raucht er weiter.

Mittlerweile suche er wieder nach einer Freundin. „Ich habe da eine im Auge. Wenn man wieder ausgehen darf, werde ich da noch etwas baggern.“

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Hinter der Geschichte

Reporter Tobias Bug und Fotograf Sebi Berens, unter anderem für Geo, Süddeutsche und Zeit unterwegs, recherchierten für ihre Porträts bei Sozialverbänden und bei Vereinen wie den „Superarmen“. In Vorgesprächen und bei mehreren Treffen gewannen sie das Vertrauen der Menschen. Manche sprangen ab – Pinnow, Retzlaff, die Henningers und Kohlweck nicht. Vor allem das Fotografieren in ihren eigenen vier Wänden hätte auch sie verunsichert, erzählt Bug, doch sie hätten zu jeder Zeit persönliche Grenzen ziehen können. „Die Begegnungen waren augenöffnend. Diese Lebensrealitäten bleiben in der Regel im Verborgenen.“ Bug und Berens halten mit einigen der Porträtierten weiter Kontakt. Aus den Geschichten machten die beiden ein Multimedia-Projekt über Altersarmut, mit Videos, Hintergründen und vielen Fotos, per Crowdfunding finanziert. Es ist abrufbar unter spaeter-wenig.de

Diese und weitere Geschichten finden Sie in der Ausgabe 2.22 „Wildnis Wagen“ des Greenpeace Magazins. Im Schwerpunkt dreht sich alles um den Konflikt zwischen der Sehnsucht nach rauer Schönheit und ihrer wirtschaftlichen Nutzung. Denn Wildnis ist – mit ihren faszinierenden Mooren, üppigen Auen oder schroffen Bergen – die Lebensversicherung einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt und damit auch Garantin unseres Überlebens. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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