Dass der Klimawandel auch die reichen Länder bedroht, war längst schon Filmstoff. Nun zeigen Unwetterkatastrophen in Deutschland und den USA brutaler denn je, dass vor seinen Folgen niemand sicher ist

Im familiären Heimkino haben wir uns neulich „The Day After Tomorrow“ angesehen. Die Ansprüche der Töchter ändern sich, Hollywood steht hoch im Kurs, und mich interessierte, wie die drohende Klimakatastrophe zu Beginn des Jahrtausends cineastisch aufbereitet wurde. Mit Chips und Bio-Limo verfolgten wir also, wie aufgrund einer Blitzeiszeit multiple Desaster über New York und die ganze Nordhalbkugel hereinbrechen, samt riesiger Schnee- und Hagelstürme, Tornados und Tsunamis, alles irgendwie ausgelöst durch einen plötzlichen Kollaps des Golfstroms.

Irgendwann kippte die Stimmung auf dem Sofa und wir verdrehten angesichts der irrwitzigen Story die Augen. Die unwahrscheinlichen Rettungstaten der Protagonisten waren dann doch zu albern. Dennoch kam die Frage auf, ob so etwas wirklich passieren könne. „Nein, natürlich nicht“, sagte ich. „Aber, äh...“

Unser Resümee war, dass Katastrophenfilme – in meiner Jugend mit Leuten wie Burt Lancaster als Helden – in einer Welt, in der an Desastern kein Mangel herrscht, zu recht aus der Mode gekommen sind. Trotzdem erzähle ich hier davon, weil ich den Vergleich des Films von 2004 mit dem Jahr 2021 so frappierend finde. Denn in den USA häufen sich derzeit in beängstigender Weise die realen Katastrophen.

Im Juli richtete sich der Blick von dort allerdings erst einmal in eine ungewohnte Richtung: Auf der Titelseite der New York Times erschienen Fotos zerstörter Orte an Ahr und Erft. Die durch Starkregenfälle verursachten Fluten in Mitteleuropa, „die heftigsten in vielleicht tausend Jahren“, seien nur die „sichtbarsten Zeichen des Klimawandels“, hieß es. Weltweit drohten nun immer mehr „extreme Wetterereignisse“.

Und während die verzweifelten und trauernden Menschen in den deutschen Hochwassergebieten noch in den Aufräumarbeiten steckten, zog schon Hurrikan Ida über die USA, verwüstete New Orleans und brachte Rekordregenmengen nach New York und New Jersey, wo Dutzende ertranken. Parallel dazu wüteten im Westen des Landes weiterhin gigantische Waldbrände. Und fast schon vergessen: Anfang des Jahres erfroren in Texas mehr als 125 Menschen in einer Kältewelle, die paradoxerweise ebenfalls eine Folge der Erderwärmung war, wie eine aktuelle „Science“-Studie belegt. Nur stürzte der Frost – anders als im Film – nicht durchs Auge eines Wirbelsturms auf die Erde, sondern brach aus der Arktis aus, weil durch die Erderhitzung der Polarwirbel instabil geworden ist.

Im Film gibt es die Pointe, dass schließlich US-Flüchtlinge nach Süden ziehen und von Mexiko großzügig aufgenommen werden. Ein unwahrscheinliches Szenario, trifft doch die Klimakrise die Länder des Südens ungleich härter. Am Ende passen Fiktion und Wirklichkeit aber wieder zusammen: So wie sich der Film-US-Vizepräsident, ein notorischer Wissenschaftsskeptiker, schließlich geläutert gibt, geloben nun – zu spät? – zahllose Politikerinnen und Politiker in den reichen Ländern Besserung.

Sie müssen sich beeilen: Im August erschien der erste Teil des Sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarates. Die Fachwelt ist sich über Ursachen und Folgen des Klimawandels jetzt noch sicherer. Und: Wenn die Menschheit jetzt (!) beginnt, die Emissionen rasch (!) zu senken, kann die Erwärmung noch auf 1,5 bis 2 Grad begrenzt werden. Allerdings steht Burt Lancaster als Weltretter nicht mehr zur Verfügung. 

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