À la Saison

Toller Topinambur

Von Kanada bis Palästina, von Kolonialismus bis Biomarkt, vom jungen zum alten Gemüse – Helianthus tuberosus hat eine wechselvolle Geschichte. Am spannendsten aber ist, dass die Sonnenblumenknolle einfach gut schmeckt

Toller Topinambur

Sonntagabend, 20.15 Uhr, das Erste serviert den „Tatort“ blutig: In einer Frankfurter Villa liegen drei Tote. Vater, Mutter, Kind – alle erschossen. Vom Parkett kratzt die „Spusi“ ein verdächtiges Häufchen Erde. „Was ist mit dem Dreck?“, fragt die Kommissarin tags darauf ihren Kollegen, als beide vor Ort Akten wälzen und versuchen, die Tat zu rekonstruieren. „Das ist Lehm, der nicht aus dem Garten vor dem Haus stammt“, liest er vor. „Darin waren Topinamburpflanzen. Keine Ahnung, was das ist.“ Er zückt sein Handy und verkündet einen Anruf später: „Jerusalem artischocke“ werde die Pflanze auch genannt. „Der Blütenstand ist gelb. Eine Naturpflanze, die bei uns in Gewächshäusern gezogen wird.“ Gewächshaus? So ein Zufall: Da hängt doch ein Foto vom Bauernhof des Großvaters an der Wand, mit Gewächshaus! Schon springen die beiden ins Auto – dem Topinambur auf der Spur.

So weit, so verwunderlich. Der Tatort „Kälter als der Tod“ vom Mai 2015 ist der reinste Irrgarten. Zum einen sind ganze Topinamburpflanzen eindeutig zu groß für ein paar Krümel Lehm. Helianthus tuberosus ist eine Verwandte der Gewöhnlichen Sonnenblume und wuchert bis zu drei Meter hoch. Zum anderen – und von Tatortfans wurde dies sofort ermittelt und in Foren geteilt – braucht der Topinambur selbst „bei uns“ kein Gewächshaus. Die ingwerförmigen Knollen des Korbblütlers überwintern, wärmer als der Tod, problemlos im gefrorenen Boden.

Während also ein Tatortteam orientierungslos durch die Botanik brettert, sei zugegeben: Die Herkunft des Topinambur ist wirklich ein schwieriger Fall. Wer auf der Suche nach den Wurzeln der Knolle eine Reise nach Jerusalem antritt, folgt der falschen Fährte. Denn der oder die Topinambur stammt aus Nordamerika und kam 1609 mit Seefahrern nach Frankreich. Bei den „Wilden“ hießen die Rüben chiquebi, berichtete einer von ihnen, er wolle sie aber nach ihrer Heimat canada nennen. 1613 machte jedoch eine Delegation des Volkes der Tupinambá aus Brasilien dem König von Frankreich ihre Aufwartung, und aus den Kanadaknollen wurden irgendwie Brasilianer: zuerst topinambaux, dann topinambous und schließlich le topinambour.

Auf Umwegen kam der Topinambur auch zu seinem zweiten Tarnnamen. Römische Gärtner hatten ihn zutreffend als Sonnenblume identifiziert. Und weil seine Knollen geschmacklich an Artischocken erinnern, einigten sie sich auf girasole articiocco, Sonnenblumenartischocke. Nun ist girasole nichts für englische Zungen. Und so verpflanzten die Briten die Blume sprachlich ins Heilige Land: Jerusalem artichoke. Auf der Insel heißt Topinambursuppe folglich Palestine soup und wurde früher, der Name legt es nahe, gern zu Weihnachten gegessen.

Ein wohliger Winterwärmer ist die süßliche Knolle allemal. Wie die Kartoffel ist sie ein Küchenjoker: Von Auflauf über Chips und Püree bis hin zu Schnaps und Wok-Gemüse kann sie fast alles. Und im Gegensatz zur Kartoffel ist Topinambur – fein gerieben oder dünn geschnitten – selbst roh ein Genuss. In einem Salat mit Babyspinat, Orange, Walnussöl, Zitronensaft und Petersilie etwa. Kalorienarm und gesund ist die „Diabetikerkartoffel“ überdies. Ihr Inhaltsstoff Inulin sättigt, ohne den Blutzucker in die Höhe zu treiben, und fördert eine gesunde Darmflora.

Unfair, dass die Karriere dieser kosmopolitischen Knolle mit der lagerfähigen Kartoffel vorerst endete. Doch jüngst adelten Gourmets den Topinambur zum hippen „alten Gemüse“. Und heute ist er wieder so beliebt, dass es manchen schon zu viel wird. Die Berliner Elektropopband Ichbinsoso widmete ihm – hallo Jerusalem! – einen orientalisch angehauchten Song: „Ich gehe in den Biomarkt und frage dort nach Saaalat. Doch der Verkäufer saaagt: Heut’ gibt es leider nur: Topinambur!“

Topinambursuppe mit Walnusstopping

Ein Rezept von Karin Midwer

Für 3 bis 4 Portionen:
2 mittelgroße Schalotten, 350 g Topinambur, 250 g Kartoffeln, 1 kleines Bund Thymian, 1 EL Butter, 1 EL Olivenöl, 1 Lorbeerblatt, 650 ml Gemüsebrühe, etwas Joghurt, 50 g Walnussbruch, frisch geriebene, Muskatnuss, etwas Saft einer Zitrone

Zubereitung:

Schalotten schälen und fein würfeln. Topinambur und Kartoffeln waschen, schälen und grob würfeln, Thymian abbrausen, 4 Stängel beiseite legen, von den restlichen die Blätter abzupfen. Schalotten in Butter und Öl glasig dünsten. Topinambur und Thymianblättchen 2 Minuten mitdünsten, gelegentlich umrühren. Kartoffeln und Lorbeerblatt dazugeben, Brühe angießen, 20 Minuten kochen. Walnussbruch ohne Fett vorsichtig in einer Pfanne anrösten. Lorbeerblatt aus der Suppe entfernen. Suppe pürieren, mit Salz, Pfeffer, Muskat und Zitronensaft abschmecken. In Schalen mit je etwas Joghurt, Walnussbruch und einem Thymianstängel anrichten.

Und sonst so?
Frisch vom Feld im Dezember und Januar:

Feldsalat, Grünkohl, Lauch, Pastinake, Rosenkohl,
Schwarzwurzel, Steckrübe, Winterrettich, Wirsing

Und dazu als Lagerware:
Apfel, Chinakohl, Kartoffel, Möhre, Radicchio, Rote Bete,
Rotkohl, Weißkohl, Zwiebel – und einiges mehr

Toller Topinambur

Jahresabo inkl. Prämie ab

35,50 €

Deutschlands größtes Umweltmagazin

Fundiert. Konstruktiv. Unabhängig.

Jetzt Abonnieren