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Spritzen, Verzicht und Liegestütze - Freiburgs OB lebt mit Diabetes Von Violetta Heise, dpa

Ein Sensor im Arm misst den Blutzucker, gegen den Unterzucker hilft ein Griff in die Hosentasche und im Rathaus ist die Verpflegung nicht mehr das, was sie mal war: wie Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn lernt, seinen Diabetes-Alltag zu meistern.

Freiburg (dpa) - Zuerst seien da über Wochen diese Muskelkrämpfe in den Beinen gewesen. Dann kam der ungewöhnliche Durst. Und zuletzt habe er sechs Kilo in zwölf Wochen abgenommen, erzählt Martin Horn. Mit diesen Symptomen ging der heute 34 Jahre alte Freiburger Oberbürgermeister im Sommer zum Arzt. Die Diagnose: Diabetes Typ 1.

Für Horn ist die Nachricht ein Schock. Er muss sein Leben umstellen, seinen Blutzuckerwert immer im Blick behalten und sich für jedes Brötchen, für jeden Teller Nudeln bewusst entscheiden. Denn viele Kohlenhydrate im Essen sorgen dafür, dass mehr Insulin gespritzt werden muss. Anstelle eines Obstkorbs steht jetzt ein Schälchen mit Gemüse auf seinem Schreibtisch im Rathaus. Und die geliebten Saftschorlen sind schnödem Wasser gewichen.

Zunächst weiht Horn nur sein engstes Umfeld ein, doch jetzt geht der Politiker mit der Krankheit an die Öffentlichkeit. «Ich habe keine Lust auf ein Versteckspiel», sagt er der Deutschen Presse-Agentur kurz vor dem Weltdiabetestag am Samstag. Er wolle offen mit der Krankheit umgehen. Zu seinem Gespräch mit der Presse hat er auch Fußball-Profi Sandra Starke ins Rathaus eingeladen, die ebenfalls Diabetes Typ 1 hat, aber schon seit 2018 davon weiß.

Typ-1-Diabetes ist vergleichsweise selten. Bei der Autoimmunerkrankung ist die Bauchspeicheldrüse nicht in der Lage, Insulin zu produzieren. Meist bricht die Krankheit im Kindes- oder Jugendalter aus, nicht wie bei Horn mit über 30. Laut Deutscher Diabetes Gesellschaft (DDG) sind in Deutschland rund 370 000 Menschen betroffen.

Beim Diabetes Typ 2, der weitaus häufigeren Erkrankungsform, sinkt vor allem die Wirksamkeit von Insulin an den Körperzellen mit den Jahren ab. Viele Erkrankte produzierten auch immer weniger Insulin. Besonders häufig trifft die Krankheit Ältere und Menschen mit Übergewicht. Sieben bis acht Millionen Menschen in Deutschland haben laut der DDG Diabetes Typ 2. Dazu kommen demnach viele, die nichts von ihrer Erkrankung wissen.

Bei Martin Horn brach der Diabetes völlig überraschend aus. Noch im vergangenen Winter habe eine Blutuntersuchung keine Auffälligkeiten ergeben, sagt er. Im Juli kam dann die Diagnose. «Noch bin ich in Phase eins des Nicht-Wahrhaben-Wollens», sagt der Politiker. Er könne sich noch nicht wirklich an den Gedanken gewöhnen, sich jetzt für den Rest seines Lebens täglich Insulin spritzen zu müssen.

«Turbulent» habe er die ersten Monate mit Diabetes erlebt. Das Blutzuckermessen sei anfangs ein Kampf gewesen: Etwa ein Dutzend Mal täglich habe er sich in der ersten Woche nach der Diagnose in den Finger gepikst, weil bei vielen Versuchen kein Blut kam. Und die erste Jogging-Runde habe er nach 17 Minuten abbrechen müssen, weil er in den Unterzucker gerauscht sei.

Doch langsam kehrt Routine ein im Umgang mit der Krankheit. Mit dem Piksen ist es vorbei: Seinen Blutzuckerspiegel kann Horn jetzt fast in Echtzeit auf dem Handy ablesen. Ein Sensor, den er in seinem Arm trägt, überträgt via Bluetooth die Werte. Seien sie zu hoch, mache er ein paar Liegestütze oder setze sich eine Spritze, erzählt Horn. Gegen Unterzucker habe er immer Traubenzucker in der Hosentasche. Und vor dem Joggen esse er nun eben eine Banane.

«Ich hätte echt darauf verzichten können», sagt Horn über seine Krankheit. Aber selbst der unvorhersehbare Alltag eines Bürgermeisters lasse sich mit Diabetes Typ 1 gut bewältigen. Genau wie der von Spitzensportlerin Sandra Starke.

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