Bartgeiern in freier Wildbahn zu begegnen ist ein Urerlebnis. „Als Wally und Bavaria ausgeflogen waren, segelten sie oft wie Gleitflugzeuge nur wenige Meter über die Köpfe der Bergsteiger hinweg“, erzählt Toni Wegscheider. „Die Leute waren total beglückt, manche zu Tränen gerührt, dass diese Tiere, die wir vor 140 Jahren ausgerottet haben, nun wieder da sind.“

Es ist das wohl spektakulärste Wiederansiedlungsprojekt der Republik, das der Biologe vom bayrischen Landesbund für Vogelschutz (LBV) im Nationalpark Berchtesgaden leitet. Spektakulär schon wegen der Größe der Vögel: Mit bis zu 2,80 Metern haben Bartgeier einen halben Meter mehr Spannweite als Steinadler. Wie verschreckte Riesenbabys schauten beim Pressetermin am 10. Juni vergangenen Jahres die beiden drei Monate zuvor in einer spanischen Zuchtstation geschlüpften Junggeierinnen aus ihrem noch schmutzigbraunen Gefieder. Dann brachten Wegscheider und seine Helfer sie in geschulterten Holzkisten zur „Auswilderungsnische“ in rund 1300 Metern Höhe.

Seitdem zeigten die beiden „sehr schön“, was man von jungen Geiern erwartet: Sie fraßen, lernten fliegen und begannen im Herbst, ihren „jugendlichen Explorationstrieb“ auszuleben, also auf ihren enormen Schwingen durch die Alpen zu schweifen. Beiden wurden GPS-Sender angelegt und die Flugrouten im Internet gezeigt (is.gd/bartgeier), allerdings hat sich Wallys Sender nun offenbar vorzeitig gelöst. Bavaria erwies sich als wanderlustiger als ihre Schwester, flog „fast bis vor die Tore Wiens“, so Wegscheider, warf einen Blick in die Ungarische Tiefebene und machte dann kehrt. Bartgeier sind Hochgebirgstiere.

Nun, im Juni 2022, werden in Berchtesgaden zwei weitere der Riesenvögel in die Freiheit entlassen. Wieder werden Wegscheider und seine Leute zweimal wöchentlich mit einem Eimer Gams- und Hirschknochen auf dem Rücken auf den Berg kraxeln und das Futter nahe der Nische in Rinnen und Schuttfeldern platzieren. „An solchen Orten liegen natürlicherweise oft Kadaver, weil Lawinen Steinböcke oder Gämsen mitreißen“, erklärt der Biologe. „Wenn die Schneefelder dann abschmelzen, gibt es für die Bartgeier Tiefkühlkost bis in den Frühsommer.“ Wally und Bavaria lernten schnell, wo die Nahrungssuche lohnt.

Wegscheider sieht die beiden als Botschafterinnen für den Naturschutz. Die neue Population in den Ostalpen schließt eine Lücke im Verbreitungsgebiet der Art, das von den Pyrenäen über die Alpen, den Balkan und die Türkei bis nach China reicht. Auch setzen die LBV-Naturschützer auf positive Begleiteffekte: Ein Verbot giftiger Bleimunition zugunsten der Geier schützt alle Greifvögel. Überdies werben sie für den „anrüchigen“ Naturschutzwunsch, tote Tiere – Gämsen oder mal ein Schaf – öfter liegenzulassen. „Aas ist das neue Totholz“, sagt Wegscheider lachend, Nahrung für zahllose Tiere vom Fuchs bis zum Kolkraben.

Die Bartgeier fressen, was übrig bleibt: die energiereichen Skelette. Große Stücke lassen sie aus der Luft auf Felsen knallen, bis zu unterarmlange Knochen schlucken sie am Stück. Bei der Verdauung hilft Magensäure, die im Tierreich ihresgleichen sucht: pH 0,7. „Das ist Batteriesäure“, sagt Wegscheider. Verrichten Wally und Bavaria ihr Geschäft, purzeln kreideartige Pellets heraus, mit denen man an der Tafel schreiben könnte.

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