Es gibt noch abenteuerliche Jobs auf dieser Welt – die Blauwalforschung in situ zählt zweifellos dazu. „Wir steuern so nah wie möglich an den Wal heran“, berichtet Luis Bedriñana-Romano von der Universität Valdivia in Südchile im Videochat. „Dann“, er macht eine nach unten gerichtete Wurfbewegung, „schießt mein Kollege mit einer Art Luftgewehr den Satellitensender in die Schultergegend.“ Der Meeresbiologe bestreitet nicht, dass die Methoden an die Jagd auf Moby Dick erinnern, doch er beteuert: „Es ist keine Harpune, wie einige denken, eher ein Piercing.“ Er selbst stanzt zudem eine kleine Gewebeprobe aus der Walhaut.

© Carsten Raffel

Die so getriezten Tiere verhielten sich ganz unterschiedlich, erzählt Bedriñana-Romano. Manche reagierten kaum, nach dem Motto: „Okay, das war’s.“ Andere versuchten schnell wegzukommen, kaum einer werde aggressiv. Zur Sicherheit sei das Boot aber gegen Schläge geschützt und alle trügen Helme.

Blauwale sind mit bis zu 200 Tonnen die mit Abstand schwersten Tiere, die jemals lebten. Doch in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts war mit der Ära der Riesen beinahe Schluss: Ihr globaler Bestand, nach Schätzungen einst einige Hunderttausend Exemplare stark, war auf wenige Tausend oder gar nur Hunderte Tiere dezimiert worden. Zwar erholen sich die Bestände nach drei Jahrzehnten Walfangmoratorium in einigen Meeresregionen. Die Population in den chilenischen Gewässern Nord-Patagoniens aber verharrt bei rund 400 Tieren – und damit gerade mal einem Hundertstel der ursprünglichen Größe.

Luis Bedriñana-Romano und seine Kollegen, die nicht nur forschen, sondern sich mit ihrer Organisation „Centro Ballena Azul“ auch für den Walschutz einsetzen, müssen oft tagelang suchen, bevor sie auf Wale treffen, obwohl die nährstoff- und krillreichen Gewässer zwischen der Insel Chiloé und dem patagonischen Festland eigentlich ein ideales Habitat sind. Fünfzehn der Meeresriesen konnten die Biologen in den vergangenen Jahren besendern. Im Online-Fachblatt Scientific Reports veröffentlichten sie nun die Ergebnisse – und beschreiben, wie stark das Gebiet durch menschliche Aktivitäten geprägt ist.

Es herrscht dort nämlich reger Schiffsverkehr, vor allem zur Versorgung zahlloser Lachsfarmen, die in der dünn besiedelten Region wichtigster Arbeitgeber sind. „Manche Schiffe transportieren lebende Fische, andere Arbeiter – die Fähren sind besonders schnell.“ Bedriñana-Romano hat die Bewegungsdaten eines Wales über eine Woche mit den Schiffsbewegungen in einem Video kombiniert: Es visualisiert eindrucksvoll, wie das vom Lärm offensichtlich gestresste Tier immer wieder seine Route ändert.

Hinzu kommen Schiffskollisionen. „Wir haben ausgerechnet, dass die Erholung des Bestandes schon gefährdet ist, wenn eine Walkuh im Jahr getötet wird“, sagt Bedriñana-Romano. Die Forscher vom Centro Ballena Azul schlagen deshalb Schutzzonen vor – und alternativ, da diese gegen die mächtige Lachsindustrie kaum durchzusetzen sind, ein Tempolimit auf See. „Wenn Schiffe höchstens zehn Knoten fahren dürften, würde das schon viel helfen.“ 

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