Fluchtgeschichten

Amena Rahemy, 29 Jahre

„Ich gehe nicht zurück, ich will eine bessere Zukunft“

Amena Rahemy gehört zu den 3000 ehemaligen afghanischen Ortskräften, die nach Deutschland fliehen konnten. In unserer nächsten Ausgabe 4.22 „Kein Brot für die Welt“ steht ein kurzes Protokoll ihrer Flucht, hier können Sie die ganze Geschichte lesen

Amena Rahemy, 29 Jahre

Am 23. August kam ich im Bremer Flüchtlingscamp an, ganz allein. Ich kannte niemanden und wusste nicht, wie irgendwas funktioniert, zum Beispiel Arzttermine machen oder im Supermarkt einkaufen. Ich lag immer bis 3 oder 4 Uhr morgens wach, weil ich vor Sorge um meine Familie nicht schlafen konnte. Ich rasierte meine Haare ab, aus dem Gefühl heraus, dass mein Leben jetzt vorbei ist. Ich hatte alles zurückgelassen – und war wieder bei null angekommen. Aber wenn ich nicht geflohen wäre, würde ich wahrscheinlich nicht mehr leben.

In Afghanistan habe ich unter anderem bei der deutschen Entwicklungsbank KfW gearbeitet. Das hat mich gerettet. Eigentlich hatte meine Familie sich gewünscht, dass ich Lehrerin an einer Mädchenschule oder Gynäkologin werde. Frauen sollen, wenn überhaupt, nur mit anderen Frauen arbeiten, das ist eine verbreitete Meinung.

Ich habe aber Journalismus studiert, und danach BWL. Als mein Vater gesehen hat, dass ich mich dadurch nicht völlig verändere, war er beruhigt. Aber als ich meinen ersten Job bei einer internationalen Organisation, der amerikanischen Entwicklungsbehörde USAID, angefangen habe, wollte er auf keinen Fall, dass ich mit Nicht-Muslimen arbeite. Er hatte Angst, dass sie mich dazu bringen, Alkohol zu trinken und meine Religion zu vergessen. Mein Vater und ich stritten uns jeden Abend und ich bin wochenlang mit verheulten Augen zur Arbeit gekommen.

Nach einigen Monaten sah er, dass alles gut funktioniert, und war erstmal einverstanden. Aber bei meiner ersten internationalen Dienstreise fing das ganze Theater von Neuem an. Da sagte er, dass ich nicht mehr nach Hause kommen darf, wenn ich als Frau alleine ins Ausland reise. Ich bin gefahren und er hat nichts gesagt, als ich wieder nachhause kam. Wir sind eine große Familie, mit Cousinen und Cousins, Onkel, Tanten, meinen Großeltern und allen Kindern zusammengenommen über fünfzig Leute. Meine Familie lebt in Masar-e Scharif, dem Zentrum der nordafghanischen Provinz Balch.

Meine Onkel haben die Häuser in der Nachbarschaft aufgekauft, damit wir alle zusammen in sechs Häusern in der gleichen Straße wohnen können. Dort habe ich auch meine Nudelfabrik gebaut, in zwei Hallen auf dem Hof produzierte ich eine schnell kochende Art afghanische Nudeln, die vorher aufwendig per Hand gezogen werden musste. Ich beschäftigte nur Frauen und kaufte die notwendigen Maschinen aus dem Iran.

Als die Taliban im Sommer 2021 vorrückten, holte mich mein Arbeitgeber, die KfW, nach Kabul und setzte mich auf die Liste derer, die ausgeflogen werden sollten. Am 15. August nahmen die Taliban die Hauptstadt ein, drei Tage später schaffte ich es zum Flughafen.

Während ich den Treffpunkt für die Ortskräfte suchte, streifte ich etwas mit meinem Fuß. Ich dachte erst, es wäre eins der vielen Gepäckstücke, die die Menschen im Gedränge verloren hatten, aber es war eine Frauenleiche. Bevor ich ohnmächtig werden konnte, sagte ich zu mir: Reiß dich zusammen, du willst nicht auch dort am Boden enden. Vier Tagen harrte ich am Flughafen aus, dann kam ich in einem Militärflugzeug nach Usbekistan und mit der Lufthansa nach Deutschland.

Nach meiner Flucht durchsuchten die Taliban das Haus meiner Eltern und zerstörten mein Büro. Meine Mutter erzählte ihnen, dass mich andere Taliban-Truppen schon geholt hätten. Da zogen sie ab, aber die Lage bleibt bedrohlich. Meine Schwester ist 14 Jahre alt und muss jetzt immer einen bodenlangen Hidschab tragen, wenn sie das Haus verlässt. Mein 17-jähriger Bruder beendet gerade die Schule und will dann studieren. Allerdings haben viele Uni-Angestellte das Land verlassen und Taliban-Kämpfer haben das Unterrichten übernommen. Das heißt, es ist nur eine Frage der Zeit, bis mein Bruder einer von ihnen wird.

Inzwischen sind meine Eltern mit meinen unverheirateten Geschwistern untergetaucht. Es kam heraus, dass meine Mutter gelogen hat. Alle Versuche, meine Familie nach Deutschland zu holen, sind bisher gescheitert. Der ehemalige Außenminister hatte doch versprochen, auch die gefährdeten Angehörigen von Ortskräften zu retten. Warum gilt das nicht für meine?

In meine Heimat möchte ich nicht mehr zurück. Die Mehrheit der Menschen in Afghanistan denkt wie die Taliban. Ich habe stets darum gekämpft, als Frau etwas zu erreichen, in einer Kultur, in der Frauen nichts wert sind. Jetzt wünsche ich mir eine bessere Zukunft. Ich will mich auf meine Arbeit und meine Lebensziele konzentrieren. Ich möchte mir hier wieder etwas aufbauen.

Mittlerweile sind Amena Rahemys Haare nachgewachsen, zumindest ein Stück. Sie ist in ein Ein-Zimmer-Apartment gezogen und hat ein DAAD-Stipendium für ein Vorbereitungsstudium erhalten: im nächsten Jahr wird sie dann ihren Master in Medienwissenschaften an der Universität Bremen beginnen, um Journalistin zu werden. Nebenher möchte sie einen kleinen Onlinehandel mit Holzschnitzereien aufziehen. Und auch privat gibt es Neuigkeiten: sie ist frisch verlobt und will bald heiraten. Zumindest die letzte Nachricht macht ihre Mutter überglücklich.

Amena Rahemy, 29 Jahre

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