Es ist kein überraschender Effekt von Hygieneregeln, Lockdowns und Sperrstunden: Wenn die Menschen schwerer das Haus verlassen können, lassen sie sich mehr nach Hause liefern. Als die Straßen im tiefsten Lockdown bisweilen fast leergefegt waren, sah man vor allem in den Großstädten noch die Lieferboten hin- und herflitzen. An der Haustür gab dann die Paketbotin dem orange gekleideten Pizza-Lieferanten die Klinke in die Hand, während schon die nächste Botin mit dem Lebensmitteleinkauf der Nachbarn das Treppenhaus erklomm.

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Online-Shopping ist nicht erst seit Beginn der Pandemie auf dem Vormarsch, doch seit Corona hat sich die Zusammensetzung der Warenkörbe verändert. Bei einer im April veröffentlichten Umfrage des österreichischen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG gaben viele der Befragten in Deutschland, Österreich und der Schweiz an, in den vergangenen Monaten erstmals Lebensmittel online eingekauft zu haben. In Deutschland bestellten demnach 17 Prozent der Befragten während der Pandemie Lebensmittel im Internet, in Österreich und der Schweiz waren es mit 22 und 29 Prozent sogar noch deutlich mehr.

„Diese Änderungen im Konsumverhalten werden möglicherweise auch trotz Lockerungen der Corona-Maßnahmen weiter anhalten“, prognostizierte ein Forschungsteam der Technischen Universität Berlin und des Wuppertal-Instituts im Oktober letzten Jahres. „Der Online-Einkauf könnte beispielsweise bisher weiterhin auf demselben hohen Niveau (58 Prozent kaufen regelmäßig online ein) wie derzeit bleiben“, heißt es in der Kurzstudie „CovPack“ – also auch der Lebensmitteleinkauf im Internet.

Um diesen recht neuen Markt ist nun ein Kampf entbrannt, bei dem sich die Lieferdienste gegenseitig um Minuten unterbieten. Denn war es vor der Pandemie noch üblich, Lebensmittel erst am nächsten Tag in einem dafür vereinbarten Zeitfenster geliefert zu bekommen, versprechen Lieferdienste nun eine unmittelbare Auslieferung. Einer davon ist der Bringdienst „Gorillas“, der seit dem Frühjahr 2020 alles von Obst bis Putzmittel per Fahrrad an die Haustür liefert – innerhalb von zehn Minuten. Der Werbespruch lautet: „Schneller als du“. Das schafft das junge Unternehmen mittels über die ganze Stadt verteilten Minilagern, von denen aus die Fahrerinnen und Fahrer unentwegt ausschwärmen. Seit dem Start in Berlin ist das Start-up explosionsartig gewachsen: Mittlerweile liefert der Dienst schon in 16 deutschen Städten aus, dazu in neun niederländischen Städten, Paris, London, Manchester und Mailand. 36 Millionen Euro pumpten Investoren in die Expansion.

Vorbild für das Geschäftsmodell ist der 2013 gegründete US-amerikanische Lieferdienst „Gopuff“, dessen Wert dank zahlreicher Investoren nun bei knapp neun Milliarden Dollar liegt. Aber auch diesseits des Atlantiks regt sich Konkurrenz: Der Lieferdienst „Flink“ verspricht ebenfalls eine Lieferung innerhalb von zehn Minuten, und das auch schon in 23 Städten in Deutschland, den Niederlanden und Frankreich. Der tschechische Internet-Lebensmittelhändler Rholik steht mit seinem Lieferdienst „Knuspr“ in München in den Startlöchern, und auch der Restaurant-Bringdienst Lieferando will auf den Lebensmittelmarkt expandieren. Im Sommer will überdies der in Deutschland gegründete Anbieter „Delivery Hero“ mit dem Angebot „Foodpanda“ auf den deutschen Markt zurückkehren, nachdem er erst vor zwei Jahren sein Deutschlandgeschäft an „Just Eat Takeaway“ verkauft hatte, den Mutterkonzern von Lieferando. Die versprochene Lieferzeit ist eine Kampfansage: sieben Minuten.

Noch liegt der Marktanteil von Online-Bestellungen am Gesamtumsatz mit Lebensmitteln nur bei zwei Prozent. Aber er wächst: laut dem Kölner Institut für Handelsforschung könnte er bis 2025 auf 3,6 Prozent steigen. Auch Marktriesen wie Amazon und die großen Supermarktketten bieten deswegen Lebensmittellieferungen an – dabei verdient damit bislang niemand Geld. Eine Bestellung bei „Gorillas“ etwa kostet gerade einmal 1,80 Euro. Auch Delivery-Hero-Chef Niklas Östberg rechnet erst in zehn bis 15 Jahren mit Gewinnen – alles was jetzt passiert, ist ein Kampf um die Spitzenposition.

Ist es ein Kampf auf Kosten der Umwelt? Die Lieferdienste mieten sich zahlreiche Zwischenlager an, zu denen die Lebensmittel regelmäßig transportiert werden müssen und deren Kühlsysteme Strom verbrauchen. Die letzte Meile wird dann zwar meist mit dem (E-)Fahrrad zurückgelegt, aber reicht das für eine positive Ökobilanz? „Online-Handel ist nicht grundsätzlich ökologisch schädlicher als stationärer Handel“, erklärt Nele Kampffmeyer vom Öko-Institut. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Cara-Sophie Scherf untersuchte sie im Forschungsprojekt „Regionale Wertschöpfungs- und Nachhaltigkeitseffekte digitaler Plattformsysteme für zukünftige Grundversorgung von Ernährung und Mobilität“ die Auswirkungen des Onlinehandels auf Mensch und Umwelt.

Supermärkte sind mit ihren großen Ladenflächen und offenen Kühltheken sehr energieintensiv, außerdem werfen sie allein in Deutschland laut einer Studie des WWF jährlich rund 2,6 Millionen Tonnen Lebensmittel weg. Wie viele Lebensmittel bei Diensten wie „Gorillas“ oder „Flink“ im Müll landen, ist nicht bekannt. Am wenigsten Verschwendung gebe es laut Nele Kampffmeyer bei Obst- und Gemüsekisten, die direkt von regionalen Erzeugern geliefert werden. Sie würden nämlich auch mit krummem Gemüse befüllt, das es normalerweise gar nicht erst in den Supermarkt schaffe.

Die beiden Forscherinnen des Öko-Instituts legten ein besonderes Augenmerk auf regional agierende Lieferdienste. „Sie ermöglichen ökologischen und kleinen Erzeugern einen zusätzlichen Marktzugang“, erklärt Nele Kampffmeyer. „Denn der Lebensmittelhandel ist in Deutschland extrem konzentriert.“ Bei den großen Supermarktketten hätten kleine Erzeuger meist keine Chance. Aus ihrer Sicht ist es nicht verwerflich, wenn dann etwa ein regionaler Gemüselieferant zusätzlich auch Produkte aus dem Ausland anbiete. „Wenn ein Bio-Bauer aus Kenia seine Bohnen verkaufen möchte, dann kann das sowohl dem Bauern was bringen, als auch der Umwelt“, erklärt sie. „Klar bleibt der Transportweg, aber der spielt nicht immer die wesentliche Rolle, da beispielsweise der Anbau in beheizten Gewächshäusern oder aber die gekühlte Lagerung ebenfalls signifikante CO2-Emissionen verursachen.“

Und das treffe in ähnlicher Weise auch auf Lieferdienste wie etwa „Gorillas“ oder „Flink“ zu. Natürlich entstehe durch die neuen Dienste erstmal zusätzliche Logistik. Um deren Ökobilanz bewerten zu können, müsse man aber wissen, mit welchen Transportmitteln die Lebensmittel zu den Lagern gebracht und mit welchem Strom diese versorgt würden. Die meisten Anbieter machen dazu keine Angaben, laut dem Online-Nachrichtendienst „UmweltDialog“ betreibt „Gorillas“ seine Lager mit Ökostrom. „Aber die Logistik ist nicht so relevant. Wichtiger ist: Was kaufe ich? Wie viel kaufe ich? Wie wurde das hergestellt?“, erklärt Nele Kampffmeyer. Online Bioprodukte zu kaufen sei tendenziell ökologischer, als konventionelle Produkte im Laden zu kaufen.

Nele Kampffmeyer lenkt die Aufmerksamkeit noch auf eine ganz andere Frage: Wie geht es den Fahrerinnen und Fahrern? Lieferzeitversprechen von zehn Minuten üben massiven Druck auf sie aus. Immer wieder gibt es Negativschlagzeilen wegen schlechter Arbeitsbedingungen in der Branche. So wurde etwa von Lieferando und dem zu Dr. Oetker gehörenden Getränkelieferanten Durstexpress bekannt, dass die Unternehmen die Gründung von Betriebsräten behinderten. Angestellte klagten oft über defekte Fahrräder und enormen Zeitdruck.

Überdies stellt sich die Frage, in was für einer Stadt wir leben möchten. Wie sähe eine Stadt aus, die von Minilagern und Lieferdiensten dominiert wird und in der es kaum noch Läden gibt, in denen man vor Ort einkaufen kann? Im Segment der Lebensmittel ist das noch ferne Zukunft – aber der Kampf hat begonnen.

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