In Bremerhaven passiert das, was die Klimaschutzbewegung weltweit fordert: Die Alten hören den Jungen zu. Und sie taten das schon lange, bevor ein Mädchen namens Greta Thunberg vor zweieinhalb Jahren in Schweden ihren „Schulstreik fürs Klima“ begann. Bereits seit 2014 verschaffen sich Schülerinnen, Schüler und Azubis im deutschlandweit einzigartigen Jugendklimarat Gehör. Der mischt sich in politische Entscheidungen ein und entwirft eigene Klimaschutzprojekte. Er macht also auf kommunaler Ebene das, was die Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future auf Bundesebene fordern: Er gestaltet die Klimapolitik mit.

„Was die Jugendlichen sagen, wird hier schon ernst genommen“, sagt Marc Liedtke. Er ist der Klimastadtmanager Bremerhavens und betreut den Rat seit dessen Gründung – wobei er die Eigenständigkeit der zwanzig Mitglieder betont: „Die haben schon ihre eigenen Ideen und Projekte, ich stehe nur unterstützend zur Seite.“ Als eines der ersten Projekte gründeten die Jugendlichen im Stadtzentrum ein Repair Café. 8000 Euro stehen ihnen für solche Zwecke jährlich zur Verfügung. Mittlerweile setzen Ehrenamtliche hier zu festen Zeiten defekte Haushalts- und Elektrogeräte instand und das Café finanziert sich allein durch Spenden.

Die Ratsmitglieder sind zwischen zwölf und zwanzig Jahre alt, eine Amtsperiode dauert zwei Jahre – wer länger dabei bleiben will, darf das aber auch. Das letzte Gründungsmitglied verabschiedete sich erst jetzt, zum Studieren. Alle zwei Monate trifft sich der Rat – coronabedingt derzeit digital – und setzt Aktionen um, pflanzt Bäume und Sträucher in der Stadt, schickt Videobotschaften an die UN-Klimakonferenz, organisiert Flashmobs und andere Proteste gegen Plastiktüten.

Vor allem aber kommt der Jugendrat bei politischen Entscheidungen zu Wort. Seit 2015 hat er ein Beratungs- und Rederecht beim Bau- und Umweltausschuss der Stadtverordnetenversammlung. „Da stellt sich dann schon mal ein 14-Jähriger vor die Politiker, und erzählt denen seine Forderungen“, sagt Marc Liedtke, und ihm ist seine Begeisterung anzuhören. „Ich habe mit Politikern in Ausschüssen gesprochen, und sie haben mir zugehört“, sagt Peer Schierer, Mitglied des Jugendklimarats. Und sein Kollege Jonas Ehlers ergänzt: „Wir haben gelernt, wie politische Prozesse ablaufen, um uns in Zukunft besser einzubringen.“ So fordern sie etwa eine Mobilitätswende – weniger Autos, mehr Fahrräder, umweltfreundliche Antriebe für die Busse. Marc Liedtke fasst es so zusammen: „Die gehen den Politikern schon auf die Nerven.“

Die Idee zum Jugendklimarat hatte Till Scherzinger, Leiter des Klimastadtbüros von Bremerhaven. Das ist eine Abteilung des Umweltschutzamtes, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, eine lokale Klimaschutzbewegung anzustoßen. Scherzingers Vision war es, mit dem Jugendklimarat dabei auch die Jüngeren mit einzubinden. Dieses völlig neue Konzept durchzubringen, schaffte er mit der beherzten Unterstützung der damaligen Umweltdezernentin Anke Krein.

Nun erhielt das Projekt auch über Bremerhavens Grenzen hinaus Anerkennung und gewann den Sonderpreis beim Wettbewerb „Klimaaktive Kommune 2020“. Der Preis wird jährlich vom Bundesumweltministerium und dem Deutschen Institut für Urbanistik ausgeschrieben. Das Preisgeld in Höhe von 25.000 Euro wollen die Jugendlichen in ein Bike-Sharing-Projekt investieren, das fehlt Bremerhaven nämlich noch.

Erstaunlich, denn „Klimaschutz“ ist für die Stadt ansonsten wahrlich kein neues Wort. Mit dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, dem Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik und der Hochschule Bremerhaven ist die Stadt ein wichtiger Standort der Klima- und Energieforschung. Und das Klimahaus Bremerhaven 8° Ost macht das Thema erlebbar, indem es die Klimazonen nachbildet, die man durchqueren würde, bewegte man sich von dort entlang des achten Längengrades um die Welt. Wer in Bremerhaven lebt, dürfte also längst dafür sensibilisiert sein, wie wichtig es ist, die globale Erwärmung zu begrenzen.

Als dann vor zweieinhalb Jahren ein Mädchen namens Greta Thunberg in Schweden ihren „Schulstreik fürs Klima“ begann, gründete der Jugendklimarat bald darauf einen Ableger von Fridays for Future. Das Erstarken der Klimabewegung weltweit habe auch dem Rat mehr Aufmerksamkeit gebracht, erzählt Marc Liedtke. Es gebe nun eine Vereinbarung zwischen den politischen Fraktionen und dem Rat, sich jährlich auszutauschen. Und das Stadtplanungsamt lud die Jugendlichen beim Wettbewerb um die Entwicklung des Bremerhavener Werftquartiers zu den Jurysitzungen ein.

Endlich findet das Beteiligungskonzept auch Nachahmer. Nach dem Bremenhavener Vorbild gründete sich ein Jugendklimarat in der dänischen Partnerstadt Frederikshavn, ein Jahr zuvor nahm das Jugend-Klimaparlament im nordrhein-westfälischen Lippe seine Arbeit auf. Selbst eine Delegation aus dem südafrikanischen Durban war schon zu Besuch, um sich über die Arbeit des Rats zu informieren und in näherer Zukunft selber einen zu gründen. Die Bremerhavener freuen sich über das internationale Interesse und hoffen auf viele Nachahmer – denn einzigartig wollten sie nie bleiben.

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