Er ist Mediziner. Und Kabarettist. Und Fernsehmoderator. Und Zauberkünstler. Und Wissenschaftsjournalist. Und Buchautor. Und Stiftungsgründer. Eckart von Hirschhausen scheren die engen Grenzen von Berufsbezeichnungen nicht, nun kommt ein weiteres Betätigungsfeld hinzu: Klimaaktivist. Was ein humoriger Mediziner zum Klimawandel zu sagen hat? Das hier: Unsere eigene Gesundheit und die des Weltklimas sind untrennbar miteinander verbunden. Um diese Botschaft zu verkünden, hat der 53-Jährige eine neue Stiftung gegründet und ein Buch geschrieben. Und Hirschhausen findet Gehör: Diese Woche luden ihn die ARD-Tagesthemen zu einem Kommentar ein, in dem er sagte: „Wir brauchen jetzt Politik, die auf Wissenschaft hört, handelt und konsequent Emissionen senkt – eine Jahrhundertaufgabe, für die wir kein Jahrhundert mehr Zeit haben. Es kommt jetzt auf jeden an, noch haben wir die Wahl. Denn das Ziel, auf das wir uns doch alle einigen können – gesunde Menschen und Tiere – gibt es nur auf einer gesunden Erde.“

Herr Hirschhausen, Überflutungen in Deutschland und China, Waldbrände in Südeuropa, Sibirien und Nordamerika und Schneefall in Südbrasilien – weltweit nehmen Wetterextreme in Folge des Klimawandels zu. Der Weltklimarat beobachtet in seinem gerade veröffentlichten Bericht viel schnellere Veränderungen, als zuvor angenommen. Was löst das bei Ihnen als Mediziner aus?
Stellen Sie sich vor, Sie erfahren, dass Ihre eigene Mutter auf der Intensivstation liegt. Was würden Sie tun, in dem Moment, in dem Sie von ihrem kritischen Zustand erfahren? Sie würden alles stehen und liegen lassen und sich genau um diese Situation kümmern. Das hat Priorität, persönlich und politisch. Und das brauchen wir jetzt: keine Panik, aber oberste Priorität zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen.

Was hat Ihnen die Augen geöffnet, dass der Klimawandel eine große gesundheitliche Dimension hat?
Die Klimakrise bedroht die Gesundheit massiv, und es ist Aufgabe von Ärzten, Leben zu erhalten und manchmal auch schlechte Nachrichten zu überbringen. Entscheidend für mich war meine Begegnung mit Jane Goodall. Ich traf sie vor einem guten Jahr für ein Interview beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis, und diese Dame von über achtzig Jahren ist eine der charismatischsten Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Sie ging als junge Frau in den Dschungel und revolutionierte unser Bewusstsein für die Menschenaffen. Heute ist sie eine der weltweit bekanntesten Umweltaktivistinnen. Sie stellte mir eine ganz einfache Frage: Wenn der Mensch die intelligenteste Art auf dem Planeten ist – warum zerstört er dann sein eigenes Zuhause? Diese Frage hat mich schlucken lassen und mir aufs Eindringlichste gezeigt, dass wir handeln müssen.

Vor kurzem haben Sie das Buch „Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben“ veröffentlicht, in dem Sie die Zusammenhänge aufzeigen zwischen Klimawandel, Artensterben und Gesundheitseffekten – wozu Sie auch die derzeitige Pandemie zählen.
Über drei Jahre habe ich jetzt für dieses Buch recherchiert, mit vielen Menschen gesprochen, Kongresse besucht, Fachliteratur gewälzt, und dabei bin ich auf viele Probleme gestoßen, von denen ich vorher nie etwas gehört hatte. Zum Beispiel auf die katastrophale CO2-Bilanz von Zement, auf den Verlust von fruchtbaren Böden oder die enorme Bedeutung von Mooren, die aber weiter trockengelegt werden. Vom menschlichen Leid im globalen Süden ganz zu schweigen, das durch Folgen des Klimawandels wie Hitze, Dürren, Wirbelstürme und Überflutungen schon heute dramatisch zunimmt. Es ist eine offene Frage, wie viel Apokalypse der Mensch braucht, um wach zu werden, und andererseits wie wir durch zu viel Weltuntergang abstumpfen. Genau deshalb setze ich mich auch mit dem blinden Fleck der seelischen Gesundheit auseinander.

© Dominik Butzmann

In Ihrem Buch schreiben Sie: Sie wollen nicht, dass Ihre Generation der Babyboomer als diejenige in Erinnerung bleibt, die „in Rekordzeit alle Ressourcen verballert hat“. Haben Sie ein schlechtes Gewissen?
Ich gönne das, was meine Generation an Unbeschwertheit genießen durfte, auch allen die nach uns kommen mögen. Und ich möchte ja gerne auch noch dreißig gute Jahre dabei sein – so mir das vergönnt ist. Und wenn ich dann 2050 gefragt werden sollte: Was hast du 2021 eigentlich gemacht, damit wir in den entscheidenden Jahren noch die Kurve bekommen? Dann möchte ich sagen können: Ich habe versucht, eine Sprache und Bilder zu finden, die den Menschen etwas bedeuten, die etwas in ihnen bewegen und die Mut machen auf Veränderung. Denn: Wir könnten es hier auf Erden echt schön haben. Schöner als jetzt.

Sie engagieren sich nun für eine medizinisch fundierte Klimapolitik und haben dafür die Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ gegründet. Wie sieht ihre Arbeit aus?
Wissenschaft allein verändert kein Verhalten und führt nicht zu den politischen Entscheidungen, die jetzt notwendig sind. Mit der Stiftung möchte ich dazu beitragen, dass diese notwendige Transformation von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft neuen Schwung bekommt. Dazu brauchen wir einen frischen „Spirit“: überparteilich, kooperativ, generationsübergreifend und mit ansteckend guter Laune. Mein Team und ich arbeiten unter Hochdruck: Wir mobilisieren die Ärzteschaft und die Pflege, zu dem Thema Stellung zu beziehen, und wir arbeiten mit großen Stiftungen und Netzwerken zusammen. Ziel all unserer Aktivitäten ist es, dass der deutlichen Mehrheit unserer Gesellschaft bewusst wird: Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten. Und dafür brauchen wir radikale Änderungen in der Art und Weise, wie wir leben – sodass wir zukunftsfähig und enkeltauglich leben.

Bereits 2015* haben sich die Vereinten Nationen mit den 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung dazu verpflichtet, „ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters zu gewährleisten und ihr Wohlergehen zu fördern.“ Umschrieben wir diese Aufgabe mit der Bezeichnung Globale Gesundheit. Sehen Sie das umgesetzt?
Nein, es gibt wenig konkrete Maßnahmen. Wir haben zu lange geglaubt, dass die Klimaveränderungen Eisbären, Meeresspiegel und ferne Länder betreffen, aber nicht uns in Europa. Dabei erleben wir ja gerade in den letzten drei Jahren enorme Hitzewellen mit vielen Toten, eine Dürre, wie es sie nachweislich seit über 2000 Jahren nicht gab, die auch die Bäume sterben lässt – und das alles mitten in Deutschland.

Sie sind auch Mitbegründer der „Scientists for Future“. Noch vor wenigen Jahren hieß es, die Wissenschaft solle nur die Fakten liefern, Politik sollten andere machen. Was hat sich da verändert?
Mir liefern ja inzwischen Politiker die Pointen, die „Fridays for Future“ nicht ernst nehmen und „Profis“ einfordern. Deshalb habe ich zusammen mit über 28.000 weiteren Wissenschaftlern als „Scientists for Future“ eine Stellungnahme unterzeichnet: Die Jugendlichen haben recht, wir sind in einer Klimakrise und müssen dringend handeln. Wir sind die erste Generation, die mitbekommt, wie viele Dinge sich gerade unschön ändern – und die vielleicht letzte, die etwas daran ändern kann, bevor globale Kipppunkte erreicht werden. Dazu zählen zum Beispiel das Auftauen von Permafrostböden, das Schmelzen der polaren Eismassen oder das Versiegen von Meeresströmungen.

© Dominik Butzmann

Egal wie engagiert die künftige Klimapolitik aussehen wird, in Deutschland ist die Durchschnittstemperatur seit den Achtzigerjahren bereits um 1,6 Grad gestiegen. Das bedeutet: Mehr Hitzewellen und sogenannte Tropennächte. Wie gefährlich ist das für eine Bevölkerung, die an gemäßigte Temperaturen gewöhnt ist?
Dass die Hitze schlimmer wird, hat schon jetzt konkrete Folgen. Ältere Leute sterben, weil sie den Kreislaufbelastungen nicht standhalten können. Auch werden sich sämtliche Infektionskrankheiten verschlimmern und auch nach Deutschland kommen, Malaria, Dengue-Fieber oder Gelbfieber zum Beispiel. Es leben jetzt schon Mücken in Baden-Württemberg, die solche Infektionen übertragen können. Da die Winter milder und kürzer werden, werden auch Allergien wie Heuschnupfen viel extremer.

Zu welcher Behandlung des Patienten Erde rät also der Mediziner Eckart von Hirschhausen?
Müll sortieren wird nicht reichen. Die Behandlung muss in mehreren Bereichen ansetzen, wie Energieerzeugung, Mobilität und Ernährung. Hundert Prozent erneuerbare Energie ist in Deutschland technisch möglich, ökonomisch sinnvoll und erst recht ökologisch geboten. Es gibt die Lösungen längst, es fehlt nur der politische Wille, sie auch umzusetzen. Und aus Angst um die 20.000 Arbeitsplätze in der veralteten und desaströsen Kohleindustrie wird ein Eiertanz aufgeführt, statt dass wir über die Zukunftschancen sprechen, die wir gerade verspielen. In der deutschen Solarbranche sind 80.000 Arbeitsplätze vernichtet worden, über die sich jetzt die Chinesen freuen.

Sie sagen, die große Herausforderung der Klimakrise berge auch Chancen. Welche?
Wir brauchen neue Formen des Zusammenlebens, weniger Konkurrenz, mehr Kooperation und Gemeinwohlorientierung. Statt wie in den Achtzigerjahren die „Selbstfindung“ als das wichtigste Projekt seines Lebens anzusehen, könnte die Chance der heutigen Zeit sein, nach dem Gegenteil zu streben: weniger Ego und Optimierung, mehr Hingabe und Bereitschaft zu teilen. Damit ließen sich zwei Dinge verbinden: die Rettung der eigenen seelischen Gesundheit und die dringend notwendige Reduktion unseres Ressourcenverbrauchs.

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*Korrekturhinweis: 2015 hat die UN sich im Rahmen der Agenda 2030 zu 17 globalen Zielen für eine bessere Zukunft (den UN-Nachhaltigkeitszielen) verpflichtet. Die Jahreszahl haben wir am 19.8.21 korrigiert.

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