„Es ist kein Geheimnis, dass wir Deutschen uns einiges in den Gelben Sack lügen,“ schreibt unser Autor Benedict Wemter. Er hat sich auf eine Reise begeben – von einem Berliner Supermarkt, wo er sich fragt, was der Aufdruck „100 % recycelbar“ auf einer Plastikverpackung bedeutet, über das Hauptquartier des „Grünen Punkts“ in Köln bis in eine Mainzer Fabrik, die recyclingmäßig schon vieles richtig macht. Am Schluss steht er aber wieder in Berlin – in einem Unverpacktladen. Eine Geschichte aus unserer Ausgabe 4.21 „Alles kreist“

In meinem Lieblingssupermarkt, direkt bei mir um die Ecke in Berlin, ist das Licht warm und es läuft Hintergrundmusik wie in einer Hotellobby. Nach dem Obstempfang funkeln mich unzählige Verpackungen an, Regal für Regal in allen Formen und Farben. Im Gefrierschrank steht ein Becher mit „löffelzartem“ Eis, darauf grüne Blätter und Hände, die schützend die Erde halten.

Der Eishersteller möchte mit mir „die Welt ein bisschen besser machen“. Die Verpackung sei zu „100 % recycelbar“. Auch die Zahnpastatube und ihr Umkarton aus Altpapier, den ich eigentlich nicht brauche, sind angeblich voll recyclingfähig. Das wirkt beruhigend. Eiscreme und Zahnpasta wandern in meinen Einkaufskorb. Ich brauche noch Reiniger für mein Badezimmer. Bei den Putzmitteln finde ich Bad- und Glasreiniger, auf denen etwas anderes steht: Die Verpackungen bestünden „zu 100 Prozent aus recyceltem Material“. Ich wähle eine Flasche mit Froschlogo und lese: „100 Prozent Altplastik“.

„Recyclingfähig“ und „recycelt“ – diese rechtlich ungeschützten Begriffe springen mich immer öfter in Drogerien und Supermärkten an. Jeder Hersteller kann sie nutzen. Doch sind die Konzerne wirklich gerade dabei, das Abfallproblem zu lösen? Oder setzt die Industrie nur auf den Trend, dass viele Menschen verantwortungsvoll konsumieren wollen, und nutzt Claims, die den Absatz steigern? Das Plastikproblem der Welt, die Meldungen über Kunststoffpartikel in Flüssen, Tiefsee und Lebensmitteln, ist jedenfalls zu einer großen Umweltsorge avanciert. Und das ist offensichtlich auch den Konzernen nicht entgangen.

<p>BITTE WENDEN! Zwischen „recycelbar“ und „recycelt“ liegen Welten</p>

BITTE WENDEN! Zwischen „recycelbar“ und „recycelt“ liegen Welten

Ein paar Tage später gehe ich mal wieder mit meinem guten Gewissen Gassi zur Gelben Tonne im Hof. Pro Woche schmeiße ich hier ein gutes halbes Kilo Verpackungsmüll rein – dreißig Kilo pro Kopf, also fast sechs Millionen Tonnen, produzieren wir alle gemeinsam im Jahr, Tendenz steigend. Dabei ist es kein Geheimnis, dass wir Menschen in Deutschland uns einiges in den Gelben Sack lügen.

Wir sind nämlich beim Recycling gar nicht so weltmeisterlich. Von den gesammelten Verpackungen wird nur etwa jede Fünfte zu einer neuen. Der ganze Rest wird bestenfalls downgecycelt: Aus Flaschenkappen werden häufig Abwasserrohre. Oder Parkbänke. Ein guter Teil wird „energetisch verwertet“, als Ersatzbrennstoff in Zement- oder Kraftwerken, wo daraus Wärme und Strom gewonnen werden. Und der Rest lässt sich einfach nur noch in einer Müllverbrennungsanlage beseitigen.

Was steckt also hinter Versprechen wie „recyclingfähig“ oder „recycelt“? Wie kommen wir auf den richtigen Weg? Wie schaffen wir es, Verpackungen wirklich im Kreislauf zu halten? Und was müssen wir dafür besser machen? 

<p>AUF DEN PUNKT GEBRACHT Bislang wird nur ein Fünftel der Abfälle aus dem Gelben Sack tatsächlich wieder zu neuen Verpackungen. Norbert Völl vom Grünen Punkt (links) erklärt dem Autor die Probleme der dualen Systeme</p>

AUF DEN PUNKT GEBRACHT Bislang wird nur ein Fünftel der Abfälle aus dem Gelben Sack tatsächlich wieder zu neuen Verpackungen. Norbert Völl vom Grünen Punkt (links) erklärt dem Autor die Probleme der dualen Systeme

„Fehlwürfe“ und andere Probleme

Vom neuen Hauptquartier des Grünen Punktes strahlt das Logo mit den verschlungenen Pfeilen über ein Kölner Industriegebiet. Verlassen, als gehöre dieser schwarze Büroklotz selbst in den Gelben Sack.

Vielleicht ist es so ruhig hier, weil fast alle der 200 Mitarbeitenden des Standorts im Homeoffice sind. Vielleicht wirkt das einstige Müllmonopol aber auch so tot, weil es nach eigenen Angaben zurzeit nur noch 15 Prozent des Abfalls im hart umkämpften Verpackungsmarkt kontrolliert. Das Geschäft des Grünen Punkts und seiner Konkurrenten: Hersteller von Konsumgütern zahlen für jede Verpackung eine Abgabe an die Unternehmen der dualen Systeme, die damit Müllautos, Sortieranlagen, Recyclingfabriken und Müllverbrennungsanlagen finanzieren.

Norbert Völl empfängt mich im Foyer, ein eleganter Mann in den Fünfzigern, der die Kommunikation hier schon zu Zeiten leitete, als der Grüne Punkt noch Alleinherrscher über den deutschen Verpackungsmüll war. Heute versuchen die dualen Systeme, sich mit den Preisen zu unterbieten, die die Hersteller für ihre Verpackungen bezahlen müssen. Mit „dualem System“ ist die getrennte Müllsammlung von Hausmüll einerseits und Verpackungen andererseits gemeint – der Grüne Punkt ist ihr Original. Alle, die nach ihm kamen, werden ebenfalls als duale Systeme bezeichnet.

In Völls Büro setze ich mir eine Virtual-Reality-Brille auf und kann zusehen, wie Verpackungsabfälle durch eine Sortieranlage laufen. Müll, wie auch ich ihn ständig entsorge. Ganz klein fühle ich mich in der riesigen Halle, in die ich wegen der Pandemie nicht darf. Mit 3D-Blick beobachte ich, wie ein Gabelstapler haufenweise Müllsäcke auf Förderbänder hebt. Die Abfälle flitzen nun zu Lasern, die sie abtasten, bevor sie mit präzisen Luftstößen je nach Materialart und Farbe auf die nächsten Bänder geschossen werden.

Während ich wie hypnotisiert in die VR-Brille gucke, erklärt mir Herr Völl die Probleme der Müllsortierer, die das Nadelöhr im Verpackungskreislauf sind: Die Menschen schmeißen nicht nur Verpackungen in die Gelbe Tonne, sondern auch mal ein Bobbycar oder einen Putzeimer. „Intelligente Fehlwürfe“ nennt man die, weil sie eigentlich nicht hineingehören, aber als Kunststoffobjekte irgendwie doch. Heißt: Sie können trotzdem verwertet werden. Problematischer sind die weniger intelligenten Fehlwürfe. Tote Katzen, Windeln, solche Dinge. Ein gutes Drittel macht diese Fehlbefüllung in unseren Gelben Tonnen aus. Dieses Drittel wandert in Müllöfen.

DIGITAL IST BESSER Mit einer Virtual-Reality- Brille verfolgt der Autor den Weg des Mülls durch eine Sortieranlage. Die Technik ist hochmodern

DAS PROBLEM Viele Verpackungen sind gar nicht recyclingfähig designt

DIGITAL IST BESSER Mit einer Virtual-Reality- Brille verfolgt der Autor den Weg des Mülls durch eine Sortieranlage. Die Technik ist hochmodern

DAS PROBLEM Viele Verpackungen sind gar nicht recyclingfähig designt

In meiner Brille sehe ich jetzt, wie auf Förderbändern mit Magneten Metalle aus der Müllmasse herausgefischt werden. Zack, da erwischt es eine Kaffeekapsel. Zack, eine Bonbondose. Die Verpackungen sind nun in sogenannte Fraktionen sortiert, erklärt Völl, also ihrer Kunststofffamilie zugeteilt: Plastikflaschen zu Polyethylen, Verschlusskappen zu Polypropylen.

Dann kommt Völl zum eigentlichen Problem, neben den Fehlwürfen: „Immer mehr Verpackungen, die auf den Markt kommen, schränken das Recycling stark ein. Das wird in den nächsten Jahren eine üble Entwicklung nehmen.“ Schon jetzt ist etwa ein Drittel der Verpackungen kaum oder gar nicht recycelbar, sie bestehen aus verschiedenen Kunststoffschichten, aus Multilayern, die sich nicht trennen lassen. Bestes Beispiel sind Käse- oder Salatschalen aus ausgestanztem PET, die mit anderen Kunststoffen überzogen und verklebt sind, erklärt mir Norbert Völl. „Damit kann keiner was machen. Das geht auch in die Brenne.“

Umstritten sind auch Getränkekartons, die aus Papier, Plastik und Aluminium bestehen. Diese Verbundstoffe lassen sich nur aufwendig trennen, wobei lediglich das Papier – als Altpapier, nicht für neue Getränkekartons – wiederverwendet und der Rest verbrannt wird.

<p>REINE RESTE Bunt und auffällig sind Verpackungen, damit sie gekauft werden. Gut ist das nicht. Nur ungefärbtes Kunststoffgranulat kann hochwertig wiederverwendet werden. Aus Schrill dagegen wird Grau</p>

REINE RESTE Bunt und auffällig sind Verpackungen, damit sie gekauft werden. Gut ist das nicht. Nur ungefärbtes Kunststoffgranulat kann hochwertig wiederverwendet werden. Aus Schrill dagegen wird Grau

Es gilt: Je einfacher, desto besser

Andere Verpackungen wären durchaus fürs Recycling geeignet, sagt Völl. Aber es fehlten Kapazitäten, um die riesigen Mengen aus den Gelben Tonnen zu bewältigen. Weil jeder Schritt der Entsorgung kostet, vom Müllauto über die Sortierung bis zum Recycler, ist frischer Kunststoff überdies deutlich billiger als Rezyklat, also recyceltes Plastik. Und die Preise schwanken. Je nach Sorte und aktuellem Ölpreis ist Altplastik zwischen 100 und 600 Euro pro Tonne teurer als neuer Kunststoff.

In der Mülltrennung sind wir also vielleicht Weltmeister. Aber was hinten rauskommt, ist dürftig: Solange neues Plastik billiger ist, helfen auch „recycelbare“ Zahnpastatuben und Eisbehälter wenig.

„Die Industrie nimmt kein Geld in die Hand, um Verwertungswege für Altplastik auszubauen“, sagt Völl. Deshalb sucht die Abfallwirtschaft händeringend nach Möglichkeiten, um den Verpackungsmüll loszuwerden. Ob als Brennstoff in MVAs, zur Verwertung nach Polen, in die Türkei oder die Niederlande exportiert oder zu „minderwertigen Anwendungen“ downgecycelt – zu Parkbänken eben.

In meiner VR-Brille sehe ich schließlich, wie das fertig sortierte Material zu Ballen gepresst wird. Auch ein paar echte Fliegen hat die Kamera rund um die mannshohen Plastikwürfel eingefangen, die jetzt, als 3D-Fliegen dargestellt, etwas eckig wirken. Als ich die Brille absetze, sagt Völl: „Man müsste jetzt in große Recyclinganlagen investieren oder Anlagen bündeln.“ Der Wettbewerb unter den dualen Systemen sei aber zu groß, um solche neuen Anlagen mitzufinanzieren. Und: Es brauche Vorreiter, die mehr Rezyklat aus den dualen Systemen beziehen. Auch wenn es erst mal teurer ist.

Auf dem Weg hinaus aus dem Büroklotz fantasiere ich mit Norbert Völl von der perfekten Kreislaufwirtschaft. Selbst wenn wir mehr Plastik recycelten, sei es begrenzt, was wir im Kreis fahren könnten, sagt er. Schließlich lässt die Qualität des Plastiks bei jeder Runde nach. Und auch die Parkbank wird nicht recycelt, sondern irgendwann verbrannt. Perfekter Kreislauf würde bedeuten, „wir ändern unsere Lebensweise radikal“, sagt Völl. Dieser Gedanke wird mich für einige Zeit nicht loslassen.

Was aber braucht es, um den wahren Kreislauf von Verpackungen zu etablieren, damit aus „recyclingfähig“ auch wirklich „recycelt“ wird, frage ich mich und rufe einen Experten an. Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe beschäftigt sich seit Jahren mit Verpackungen. Für ihn sind die Zahnpasta und die Eiscreme in meinem Einkaufskorb „Greenwashing“, Konsumententäuschung. Mit Bezug auf die Hülle der Zahnpastatube sagt er: „Unnötige Verpackungen werden nicht sinnvoller, nur weil sie aus Recyclingmaterial bestehen.“ Und die Recyclingfähigkeit einer Verpackung wie des Eisbehälters sage eben nicht viel aus, wenn daraus minderwertigere Produkte werden. Schaumschlägerei also. Das sieht auch die Verbraucherzentrale so, die sechzig „grüne“ Verpackungen getestet hat und zum Ergebnis kommt: Viele sind längst nicht so nachhaltig, wie wir glauben.

Branchenübergreifende Lösungen fordert der Umweltschützer Fischer. „Recyclingfähige Verpackungen und der Einsatz von Rezyklat müssen finanziell belohnt werden.“ Zum Beispiel in Form von günstigeren Lizenzen, die Hersteller an die dualen Systeme entrichten, wenn sie viel davon nutzen. Das sei momentan nicht der Fall. Wäre es so, gäbe es weniger Verbundmaterialien und Schnickschnack. Für Fischer gilt: „Je einfacher, desto besser.“

<p>ANFANG UND ENDE Längst nicht alles, was in der Gelben Tonne entsorgt wird, wird auch recycelt</p>

ANFANG UND ENDE Längst nicht alles, was in der Gelben Tonne entsorgt wird, wird auch recycelt

Eine aufgeheizte Industrie

Die Müllverbrennung ist eine aufgeheizte Industrie, die – anders als Recyclinganlagen – aufgrund von Fehlplanungen und eines Booms um die Jahrtausendwende große Überkapazitäten hat. Auch Zementwerke haben viel Appetit auf den überschüssigen Plastikmüll und die daraus gewonnene Wärme: Zuletzt verbrannten sie in Deutschland laut Branchenverband mehr als 800.000 Tonnen Kunststoffabfall pro Jahr.

Strom und Wärme statt Deponie – das ist besser als nichts. Trotzdem bleibt die „energetische Verwertung“ umstritten: Wertvolle Ressourcen, aus Erdöl gewonnen und wiederverwendbar, lösen sich mit der Verbrennung in Luft auf. Das Altplastik ist förmlich im Himmel, das Klima belastet. Müllverbrennung ist kein Stoffkreislauf, sondern die Deponierung von Abgasen in der Atmosphäre.

„Bei uns war die Verbrennung auch nicht als Verwertung gedacht“, sagt Klaus Töpfer. Der Erfinder der Gelben Tonnen und des Grünen Punkts sitzt in seinem Arbeitszimmer in Höxter, einem Städtchen im Weserbergland, als ich ihn per Telefon erreiche. Klaus Töpfer, fast 83 Jahre alt, war Umweltminister unter Helmut Kohl. Es war vor gut dreißig Jahren seine Idee: Jeder Hersteller muss für das Recycling dessen aufkommen, was er an Verpackungen auf den Markt wirft. Gleichzeitig läutete die Kohl-Regierung das Ende der Mülldeponie ein – zumindest das der legalen Deponie.

„Für uns war dabei die stoffliche Verwertung die Normlösung“, sagt Töpfer. „Unsere Idee ist aber durch die dualen Systeme sukzessive an die Seite geschoben worden.“ Denn schon bald nachdem der Grüne Punkt eingeführt war, wurde die Müllverbrennung wegen der großen Masse an Verpackungen als energetische Verwertung zugelassen. Und prompt ließen der Grüne Punkt und später auch die anderen dualen Systeme den Müll in frisch gebaute MVAs fahren.

Töpfers Lösung für mehr Recycling lautet: Man dürfe die Verbrennung nicht mehr als „Verwertung“ erlauben und müsse auf diese Weise Druck auf die Industrie erzeugen. Die wäre dann nämlich gezwungen, alle Verpackungen so zu designen, dass sie tatsächlich stofflich recycelt werden können. Dass aus Altplastik wieder eine Verpackung werden kann. „So, wie es jetzt ist, bleibt ein Anreiz zur Müllverbrennung“, sagt Klaus Töpfer.

Dabei wäre alles einfacher, würden die Konzerne und wir alle eine simple Grundidee befolgen: die Pyramide der Abfallhierarchie. An oberster Stelle steht die Vermeidung von Abfall. Dann folgt die Wiederverwendung: In meinen leeren Eisbecher aus dem Supermarkt könnte Gelato vom Italiener um die Ecke kommen. Auch eine Einwegplastikflasche fülle ich noch ein paar Mal mit Leitungswasser auf und nehme sie mit auf Reisen. Erst an dritter Stelle steht die stoffliche Verwertung, also das eigentliche Recycling. Und erst danach, wenn gar nichts anderes mehr geht, steht die energetische Verwertung, also die Müllverbrennung, bei der Energie und Wärme gewonnen werden.

Immerhin hat die Europäische Union vor zwei Jahren eine umfassende Richtlinie erlassen. Bis Ende 2025 sollen mindestens fünfzig Prozent des Plastikmülls stofflich verwertet, also zumindest zu Parkbänken oder Ähnlichem werden. Quoten, die Deutschland schon erfüllt. Alle EU-Mitglieder, die diese Ziele dann noch verfehlen, müssen eine Plastiksteuer zahlen.

Fünfzig Prozent „Recycling“ sind doch auch nur die halbe Miete, denke ich mir. Für einzelne Produkte gibt die EU einen Mindesteinsatz von Rezyklat vor, was schon eher ein Schritt in Richtung Kreislauf ist: PET-Flaschen etwa müssen bis zum Jahr 2025 zu 25 Prozent aus Altplastik bestehen.

Beim Branchenchampion

Um fair zu sein: Plastikverpackungen sind nicht per se schlecht. Sie machen Produkte haltbar und stellen sicher, dass Menschen sich nicht an verkeimten Lebensmitteln vergiften. Kunststoffe sind leichter als andere Materialien und deshalb ökonomisch und klimafreundlich im Transport. Es kommt also drauf an, dass aus „recyclingfähig“ am Ende auch Recycling wird.

In einer Mainzer Fabrik sehe ich eine leere PET-Flasche auf einem Förderband, gleich spritzt eine lange Düse lilafarbene Flüssigkeit hinein, Kappe drauf, Etikett, fertig. Da läuft er also vom Band, der Badreiniger, den ich vor Kurzem in meinem Supermarkt gekauft habe. 

ALTPLASTIK-AVANTGARDE Der Mittelständler Werner und Mertz produziert die Putzmittel mit dem Frosch 

WIE NEU In seiner Mainzer Fabrik werden PET-Rohlinge aus hundert Prozent „Rezyklat“ aufgeblasen und mit Badreiniger befüllt

ALTPLASTIK-AVANTGARDE Der Mittelständler Werner und Mertz produziert die Putzmittel mit dem Frosch 

WIE NEU In seiner Mainzer Fabrik werden PET-Rohlinge aus hundert Prozent „Rezyklat“ aufgeblasen und mit Badreiniger befüllt

In den Hallen des mittelständischen Unternehmens Werner und Mertz, besser bekannt für seine Produkte mit dem Frosch, ist es laut. An fünf Produktionslinien purzeln leere PET-Flaschen auf Förderbänder. Alle sind sie zu hundert Prozent recyclingfähig – und aus recyceltem Material. Was genau bedeutet das?

Im Lärm der Abfüllanlagen spreche ich mit Timothy Glaz, der früher beim Grünen Punkt war und sich heute bei Frosch um den Einsatz von Altplastik kümmert. Glaz erklärt mir am Beispiel von Verschlusskappen das Konzept: Die Kappen sind hier noch aus froschgrünem Polypropylen, jenem Kunststoff, der nach Verbrauch oft nur noch zu „minderwertigen Anwendungen“ wie Abwasserrohren recycelt wird. Doch bald stellt das Unternehmen auf transparente Deckel um, weil diese ob ihrer Farblosigkeit öfter wiederverwendet werden können. „Wir geben unser ikonisches Grün auf.“ Glaz hebt die Stimme.

Solche Entscheidungen zugunsten der Kreislaufwirtschaft gehen mit einer komplexen Logistik des Unternehmens einher: „Unsere Kollegen aus dem Marketing müssen dann auch noch optische Lösungen für den deutschen, den russischen oder den japanischen Markt finden, die überall funktionieren.“ Denn im Verschlusskappendesign gibt es internationale Unterschiede. Und jede Variante muss umgestellt werden.

Mein Badreiniger ist jetzt im letzten Produktionsschritt angekommen, die Greifarme eines sich fast menschlich bewegenden Roboters wirken bedrohlich echt. Sie packen je fünf Reiniger in einen Karton, der wandert über ein Band ins Lager in der Halle nebenan. Timothy Glaz erklärt mir, dass Altplastik nicht gleich Altplastik ist – und hier wird die Verwirrung komplett. Selbst wenn „100 % recycelt“ auf einer Verpackung steht, heißt das noch nicht, dass der Zirkel perfekt ist.

Werner und Mertz setzte bis vor Kurzem zwanzig Prozent recyceltes PET aus der Gelben Tonne ein. Jetzt sind es fünfzig. Das ist Rekord und wegweisend. Nur, wo aus alter Verpackung neue wird, schließt sich der Kreis. Die andere Hälfte der Kunststoffe kommt auch bei Frosch noch aus dem Einweg-Pfandsystem. Denn PET aus alten Pfandflaschen ist günstiger, weil sie schon sortenrein vorsortiert sind und nicht erst aufwendig aus dem Gelben Sack gefischt werden müssen. 

<p>GRÜNER WIRD’S NOCH Timothy Glaz kümmert sich bei Frosch um Plastikfragen</p>

GRÜNER WIRD’S NOCH Timothy Glaz kümmert sich bei Frosch um Plastikfragen

„Wir wollen sicherstellen, dass die Nachfrage von recyceltem PET aus dem Gelben Sack steigt“, sagt Glaz. Das Unternehmen hat deshalb eine Initiative gestartet, die andere Firmen dazu bewegen will, ebenfalls mehr Sekundärplastik aus den dualen Systemen zu beziehen und wieder in Umlauf zu bringen. „Das Ziel ist, dass mehr Kunststoffe aus dem Gelben Sack wieder in hochwertige Anwendungen kommen. So entwickeln wir eine Verantwortung für unsere Verpackungen.“

Der Gedanke dahinter: Je mehr Unternehmen Material aus den dualen Systemen einsetzen, desto billiger wird es. Noch ist es genau andersherum. Derzeit zahlt Werner und Mertz im Vergleich fast fünfzig Prozent drauf – und bis dato macht kein anderes Unternehmen mit bei Froschs „Recyclat-Initiative“.

Auch der Mittelständler aus Mainz fordert deshalb vonseiten der Politik Anreize für den Einsatz von bisher unwirtschaftlichem Altplastik. Eine Idee wäre: Alle Firmen, die Plastikverpackungen auf den Markt bringen, zahlen in einen Fonds ein – und nur diejenigen, die Rezyklat einsetzen, erhalten eine Rückzahlung.

Aber auch das Modell von Werner und Mertz hat Grenzen, denn etwa jeder dritte leere Frosch hüpft mit dem Hausmüll in die schwarze Tonne, auf die unausweichlich der große Müllofen wartet. Und auch die übrigen Reinigerflaschen können nicht ewig im Kreis laufen. Wie mir schon Herr Völl vom Grünen Punkt erklärt hat, gibt es beim Recycling immer einen Materialverlust, auch der sortenreinste Kunststoff wird irgendwann spröde.

Je tiefer ich mich in den Strom der Verpackungen eingrabe, desto mehr erkenne ich: Wir können besser werden, aber nicht perfekt. Oder doch? 

<p>LÄUFT WIE GEÖLT Im Unverpackt-Laden fließt alles ins eigene Behältnis</p>

LÄUFT WIE GEÖLT Im Unverpackt-Laden fließt alles ins eigene Behältnis

Radikale Lebensweisen

Ich betrete einen Verkaufsraum, der an ein Reformhaus erinnert. An der Wand stehen Reis, Getreide, Nudeln und Nüsse in großen Glassäulen – bereit zum Abfüllen. Unverpackt-Märkte sind die Renaissance der Tante-Emma-Läden. Wie Pilze schießen sie aus dem Boden und erleben einen Boom in jeder größeren Stadt. Sieht so die radikal geänderte Lebensweise aus, von der Norbert Völl vom Grünen Punkt sprach? Und hat sie eine Zukunft?

Wenn ich hier einkaufe, werde ich Teil der Logistik. Ich muss mit der Bahn quer durch Berlin fahren und voraussehen, welche Lebensmittel ich in welchem Glas transportieren werde. Ich komme ins Schwitzen, wenn ich Reis und Nudeln abfülle, es dauert länger als in meinem Lieblingssupermarkt um die Ecke, und die Produkte sind auch noch teurer. Trotzdem tue ich es gern – aber eben nur ab und zu. Als ich mich mal mit der Inhaberin eines Unverpackt-Ladens unterhielt, sagte sie: „Ich verdiene nichts. Es ist ein Nullsummenspiel.“

Trotzdem wächst Unverpackt. Jonas Schmidle aus Erlangen ist ein Pionier der Szene. Mit seiner Firma Bananeira ist der Grossist einer ihrer zentralen Lieferanten. Schmidle spart Großverpackungen ein, wo immer es geht, und hat mit seinen Abnehmern sogar ein eigenes Pfandsystem in Form von großen Eimern für lose Lebensmittel wie Reis aufgebaut.

Das funktioniere sehr gut, sagt er. Das Unverpackt-Modell stoße an andere Grenzen: „Viele Menschen kaufen spontan ein – das ist bei Unverpackt schwierig. Grundsätzlich muss man auf den Einkauf vorbereitet sein.“ Es könnte noch dauern, bis mehr Leute mitmachen und Unverpackt massentauglich wird.

Doch vereinzelt reagiert der konventionelle Einzelhandel schon auf die Idee. Zwei Drogerieketten testen Zapfstationen für Waschmittel oder Duschgel, allerdings nur in Österreich und Tschechien. So sind die verpackungslosen Läden vielleicht nicht die Zukunft unseres Lebensmitteleinkaufs, aber ein Innovationstreiber, dessen Lösungen womöglich andere Läden inspirieren.

Auf meiner Reise ins Herz des deutschen Plastikproblems habe ich gesehen: Es ist nach wie vor richtig, meinen Müll penibel zu trennen und Verpackungen in die Gelbe Tonne zu werfen. Aber ich kann noch so gut darin sein, es kommt auf die richtige Politik an und eine Industrie, die Verantwortung für ihre Verpackungen übernimmt – anstatt nur „recycelbar“ draufzuschreiben, weil es grün wirkt.

Vor allem müssen die Hersteller mehr Rezyklat einsetzen, noch mehr als von der EU vorgeschrieben – warum nicht hundert Prozent Altplastik aus dem Gelben Sack? Ich jedenfalls bin bereit, im Supermarkt ein paar Cent mehr für echte Recyclingverpackungen zu bezahlen.

Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe des Greenpeace Magazins 4.21 „Alles kreist“. Darin kreisen wir die Probleme unseres linearen Weltbildes ein, und zeigen, wie Recycling besser ginge und wie natürliche Kreisläufe ablaufen. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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