Wandern, Paddeln, Klettern, Mountainbiken: Der Outdoortrend lockt mehr Menschen denn je zu Erholung und Abenteuer ins Grüne. Schön, wenn sie die Natur zu schätzen wissen – solange die nicht unter die Räder kommt. Lassen sich Spaß und Naturschutz in Einklang bringen, fragen wir in der Ausgabe 5.21 des Greenpeace Magazins

Ein einzelner Mensch, der in der Natur unterwegs ist, kann kaum Schaden anrichten. Zwei, drei, vier Menschen sicher auch nicht. Was ist aber mit hundert, tausend oder zehntausend Menschen? Und das jeden Tag? Melanie Chiste ist Biologin und Rangerin im Naturpark Fränkische Schweiz, einem der größten Deutschlands. Ihr Job ist es, auf die Natur aufzupassen. „Dafür muss ich vor allem auf die Menschen aufpassen“, sagt sie gelassen und berichtet von einem Dilemma. „Nur wer weiß, wie schön Wälder, Seen und Berge sind, wird sie auch schützen können und wollen.“

<p class="text-align-center">DER BERG RUFT<br />
Allein in der Natur – so zeigt man sich gern auf Instagram, wie auf unserem Titelbild am bayerischen Eibsee an der Zugspitze. Auch Mountainbiker schätzen die Waldeinsamkeit</p>

DER BERG RUFT
Allein in der Natur – so zeigt man sich gern auf Instagram, wie auf unserem Titelbild am bayerischen Eibsee an der Zugspitze. Auch Mountainbiker schätzen die Waldeinsamkeit

Die Fränkische Schweiz: Das sind verwunschene Täler, in denen schmale Bäche mäandern. Höhlen hinter Wacholderbüschen, Ausblicke über naturbelassene Weiden, tanzende Insektenschwärme und vielfältige Vogelgesänge. Mit Corona, den Lockdowns und Ausflügen ins Grüne als einzige Chance, um einmal rauszukommen, scheint jedoch etwas ins Kippen geraten zu sein.

Chiste erklärt: „Wenn einer den Weg verlässt, um auf diesem schönen Felsen ein Instagram-Foto zu machen, ist das nicht schlimm. Wenn das Hunderte machen, hat man erst einen Trampelpfad, dann einen breiten Weg, schon ist der Boden verdichtet und was dort wuchs, ist tot.“ Wenn das, was dort wuchs, zum Beispiel das Fränkische Habichtskraut war, das nur hier wächst, dann ist das ein ernstes Problem. Chiste erzählt auch von menschlichen Hinterlassenschaften, die den Magerrasen samt seinen Orchideen überdüngen. Oder vom Streit um die Kletterfelsen, an denen Uhu und Wanderfalke brüten, aber auch Tausende Kletterfans kraxeln. Der Run auf die schönsten Ziele war während der Lockdowns so groß, dass der Tourismusverband die Werbung eingestellt hat.

Was Chiste beschreibt, wird „Freizeitdruck“ oder „Nutzungsdruck“ genannt. Menschen biken auf schmalen Pfaden durch den Wald, klettern auf Felsen, wandern querfeldein, paddeln den Wildfluss hinunter, joggen nachts mit Stirnlampen, lassen den Hund von der Leine und erkunden per Stand-up-Paddling-Board die hintersten Ecken des Sees.

„Viele der Ziele sind oft der einzige Lebensraum für Tiere“, sagt Vogelkundler und Naturschützer Manfred Siering. An der Isar sei der Druck besonders zu spüren, sagt er. Junge Leute etwa fahren gern mit der S-Bahn raus aus München und lassen sich in Gummibooten zurück in die Stadt treiben. Zwischendurch landen sie auf den Kiesbänken. Das Problem: Hier brütet der Flussuferläufer, gerade mal 150 Brutpaare gibt es in Bayern noch. Werden sie zu oft gestört, verlassen sie ihre Brut. Manfred Siering ist an der Isar groß geworden, er liebt den Fluss und klingt besorgt.

<p class="text-align-center">ÜBER STOCK UND STEIN<br />
Reifenspuren zeugen vom Radverkehr im Wald</p>

ÜBER STOCK UND STEIN
Reifenspuren zeugen vom Radverkehr im Wald

Zoff im Wald

Die Isarauen sind kein Einzelfall, ähnliche Berichte gibt es zu Hunderten aus ganz Deutschland. „Städte sind leer. Wald ist voll“, schreibt die Geislinger Zeitung. „Spaziergänger versetzen Wildtiere in Panik“, heißt es in der Stuttgarter Zeitung. „Wälder ächzen unter Spaziergängermassen“, titelt die Rheinische Post, „Geschundene Flusslandschaft“ die Süddeutsche Zeitung, „Müll verschandelt die Naturflächen“ die Thüringer Allgemeine. Und die Kieler Nachrichten warnen: „Gefährdeter Lebensraum am Wasser“. Oft wird um Lösungen gerungen. Da geht es um gesperrte Seezugänge, um Sanitäranlagen, um ausgewiesene Klettersteige, Besucherlenkung, Ruhezeiten, zusätzliche Rangerinnen und Ranger und Infotafeln.

In Stuttgart geht es um ein neues Verständnis des 5000 Hektar großen Stadtwaldes, der laut Reutlinger Generalanzeiger zum „Kampfgebiet“ wurde. „So viele Beschwerden wie noch nie“ hatte Forstamtsleiter Volker Schirner. Er erklärt, wie schwierig die Suche nach einer Lösung ist. Vorschriften müssen eingehalten, alle Interessen berücksichtigt werden.

Im September 2020 demonstrierten Hunderte Mountainbiker. Sie wollten nicht mehr von der Polizei gejagt werden und forderten legale Trails durch den Wald. „Trails“ sind Wege, die über Hügel, Baumstämme, Wurzeln und durch Schlammlöcher führen, oft mit selbst gebauten Sprungschanzen. Bis zu 150 Kilometer illegale Strecken schlängeln sich durch den Stuttgarter Wald. Illegal, weil man in Baden-Württemberg mit dem Rad nur auf mindestens zwei Meter breiten Waldwegen fahren darf. Der Gemeinderat gründete einen Waldbeirat, in dem alle Interessen vertreten sind – außerdem ein extra Forum für Mountainbikerinnen, Naturschützer, Jägerinnen, Jogger. Und weitere Komitees kümmern sich um die Umsetzung der Ideen, darunter Umweltbildung, Waldpädagogik, Besucherlenkung.

„Sie sprechen miteinander, entwickeln Verständnis, erarbeiten Lösungen“, sagt Amtsleiter Schirner und klingt stolz auf das, was lange unmöglich erschien. 2022 soll ein Konzept fertig sein, samt Vorschlägen für Trails. Die ersten Ergebnisse sind schon jetzt zu sehen: Achtzig Banner hängen an allen Waldeingängen: „Nimm Rücksicht und gönn’ den Tieren ihre Nachtruhe“.

COOLE LOCATION 
Junge Leute feiern auf Kiesbänken im Isartal, wo auch Vögel brüten.

COOLE LOCATION 
Junge Leute feiern auf Kiesbänken im Isartal, wo auch Vögel brüten.

Wie ein Bär im Wohnzimmer

Wie wichtig Rücksicht im Wald ist, erklärt Matthias Neumann, Wildexperte des Thünen-Instituts für Ländliche Räume, Wald und Fischerei. „Wald ist Lebensraum. Dort wohnt jemand, isst und schläft.“ Rennen oder fahren Menschen auf schmalen Pfaden oder querfeldein, sei das so, als stehe ein Bär im Wohnzimmer. Das Wild wittert Gefahr und prescht los. Kilometerweit, tief in den Wald, bis es sich sicher fühlt.

Im dichten Wald jedoch finden sie keine Gräser und Sträucher, nagen an Rinde und Knospen junger Bäume. Das gefährdet den Baumbestand und damit den Waldumbau in klimaangepasste Mischwälder. „Man sollte Ruhezonen einrichten, in denen nicht gejagt wird und die man nur eingeschränkt betreten darf“, schlägt Matthias Neumann vor. Er hat herausgefunden, dass so der Verbiss durch Rotwild zurückgeht.

<p class="text-align-center">RUHE BITTE!<br />
Sperren schützen ein Vogelnest</p>

RUHE BITTE!
Sperren schützen ein Vogelnest

Arvid Richter wohnt in Balingen in Baden-Württemberg. Der 38-Jährige fährt und filmt Mountainbike-Touren, seine Youtube-Videos sammeln viele Klicks. Wie viele Mountainbiker empfindet er einen Zwiespalt. Sie wollen Spaß und Action – aber lieben die Natur. Und sie sind es leid, angefeindet zu werden. Richter fährt nur noch auf offiziellen Trails.

Er hat dabei geholfen, die einzige legale Strecke auf der Zolleralb anzulegen: den Lochentrail, 1,9 Kilometer lang, 240 Höhenmeter. Der Weg dahin war ein Kraftakt: Bike-Begeisterte hatten den Gemeinderat kontaktiert und alle Waldnutzer an einen Tisch geholt. Zusammen rangen sie um die Route. Zwei Jahre später war der Trail fertig, mit spannenden Kurven und Sprunghügel. „Heute ist das eine richtige Community, die die Strecke instand hält und aufpasst, dass die Regeln eingehalten werden“, sagt Richter. Inzwischen gibt es kaum noch Wild-Biker, berichtet das Lokalblatt. „Viele nutzen nun unseren Trail“, bestätigt Richter.

Wenn einer merkt, dass es mehr Menschen in die Natur zieht, ist es Markus Hallermann. Er erfand die Outdoor-App Komoot. Es gibt kaum eine Wander- oder Radroute, die darin nicht verzeichnet ist. Man kann selbst Routen erstellen, andere können sie nachwandern oder -fahren. 2019 nutzten neun Millionen Menschen die App, heute zwanzig Millionen, so Hallermann. Auch die Beschwerden über Routen durch geschützte Gebiete nahmen zu. „Wir verstärken unsere Warnhinweise“, sagt er. Gleichzeitig plädiert er dafür, genauer hinzuschauen. Geht es den Leuten wirklich um die Gefährdung der Natur – oder fühlen sich Anwohner gestört?

In der Fränkischen Schweiz hilft Melanie Chiste und ihrer Rangertruppe eins: „Reden, geduldig erklären und an die Vernunft appellieren.“ Und sie wollen mehr Infotafeln über die geschützten Gebiete aufstellen. Denn: „Die meisten wollen der Natur nicht schaden.“

Erfolgreich sei schon das Kletterkonzept. Die berühmten Felsen sind nun in Zonen aufgeteilt. Einige sind ganz tabu oder werden zur Brutzeit gesperrt. Andere darf man nur auf markierten Routen erklimmen, manche Felsen sind komplett freigegeben. Insgesamt 11.000 Parcours kamen so zusammen. Die Ranger passten weiter auf, so Chiste, meist würden sich die Kletterer aber gegenseitig kontrollieren.

All dies zeigt, dass sich die Lage vor Ort oft entspannt, wenn an Schutz- und Nutzungskonzepten alle beteiligt und die Ergebnisse behutsam vermittelt werden. Das ist zäh, aufwendig und kostet Geld, doch nur so geht beides zugleich: Natur schützen und Natur genießen. 

SICH HÄNGEN LASSEN
Auch Menschen wollen am Wasser gern ungestört sein

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Auch Menschen wollen am Wasser gern ungestört sein

Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe 5.21 des Greenpeace Magazins „Natürlich Wählen“, in der wir über die Grenzen der parlamentarischen Demokratie streiten oder Parteipioniere im Klimawahlkampf begleiten. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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