Mangroven brechen Flutwellen, schützen Arten, speichern CO- und sind selbst Überlebenskünstler. Fotograf Lorenzo Mittiga zeigt uns in Ausgabe 2.21 „Lokal Genial“ des Greenpeace Magazins die bedrohte Unterwasserwelt der Karibikinsel Bonaire.

<p>GRÜNER GÜRTEL Die Mangroven säumen das Ufer der Lac Bay, einer 700 Hektar großen Lagune im Südosten der Insel. Bonaire ist flach und sandig, im Inland erstreckt sich ein Kakteenwald</p>

GRÜNER GÜRTEL Die Mangroven säumen das Ufer der Lac Bay, einer 700 Hektar großen Lagune im Südosten der Insel. Bonaire ist flach und sandig, im Inland erstreckt sich ein Kakteenwald

Vielleicht sind sie wirklich ein bisschen verrückt. Meeresbiologin Sabine Engel und ihr Team leben mitten in einem karibischen Traum, auf der Antilleninsel Bonaire vor der Küste Venezuelas. Das Meer, ein Paradies zum Segeln, Surfen, Schnorcheln, schubst türkisfarbene Wellen an den weißen Strand. Und was machen die „Mangrove Maniacs“ – die „Mangroven-Verrückten“? Sie robben und waten freiwillig durch tiefen Schlamm, bewaffnet mit Schaufeln, Heckenscheren und Sägen. „Unser Teamname klingt nicht gerade wissenschaftlich, aber er spricht sich herum“, sagt Projektleiterin Engel. Es ist noch einmal fünf Grad heißer als am Strand in diesem nassen, müffelnden Mangrovenwald, in dem die 68-Jährige und ihre „Maniacs“ regelmäßig unterwegs sind, von Moskitos umschwirrt. Wer abtaucht, versteht, warum sie sich das antun. Mal abgesehen vom nahen Korallenriff tummelt sich unter den Mangroven das bunteste Leben. Kaskaden aus Licht fallen durch das Wurzelgeflecht, an das sich Austern klammern. Wartet man ein bisschen, bis sich der aufgewühlte Sand legt, beginnt die Show: Schillernde Falterfische huschen vorbei, Quallen breiten ihre blau-gelben Tentakel aus wie barocken Tüll, ein Ammenhai gleitet über den Boden, daneben stolziert, divengleich, eine Riesenkrabbe. „Die Mangroven sind die Kinderstube für das Riff und das Meer. Viele Tiere wachsen im Schutz des Wurzellabyrinths auf, bevor sie den Unterwasserwald verlassen“, erklärt Engel. Gemeinsam mit Fischern, freiwilligen Helferinnen und Helfern und Studierenden, zuletzt von der Universität Bremen, möchte sie diese Kinderstube, die hundert Hektar Mangrovenwald der Lagune Lac Bay im Südosten der Insel, erforschen und erhalten.

<p>AMPHIBISCHER WALD Die Bäume trotzen Salz und Gezeiten, ihre Stelzwurzeln schlagen sie über und unter Wasser. So festigen sie die Ufer und schützen vor Wirbelsturmfluten und Tsunamis</p>

AMPHIBISCHER WALD Die Bäume trotzen Salz und Gezeiten, ihre Stelzwurzeln schlagen sie über und unter Wasser. So festigen sie die Ufer und schützen vor Wirbelsturmfluten und Tsunamis

Das ist mühsame Arbeit: Die Gruppe schippt und schneidet die zugewucherten und verstopften Kanäle frei, entfernt kiloweise Seegras, damit wieder frisches Wasser in den Wald fließt. Unterstützt und finanziert wird Engels Arbeit von der Stiftung des Nationalparks Bonaire, den Niederlanden und der EU, lokale Läden stellen das Werkzeug. „Das Wuchern geschieht zwar natürlich“, sagt Engel, „doch der Mensch ist daran nicht ganz unschuldig.“ Auf Bonaire fressen Ziegen und Esel Pflanzen ab, die den Boden festigen, der in der Folge leichter abgetragen wird und, verstärkt durch die häufiger aufziehenden Stürme, den Mangrovenwald verschlammt. „Ein einzelner geänderter Wasserlauf, etwa durch ein Bauprojekt, kann das ganze Ökosystem stören“, erklärt die gebürtige Holländerin, die auf der Nachbarinsel Curaçao aufwuchs und in Indien und Surinam lebte, bevor sie vor zwanzig Jahren nach Bonaire zog, eine „Besondere Gemeinde“ der Niederlande. Funktioniert in den Kanälen der Wasseraustausch nicht mehr, steigt durch Verdunstung der Salzgehalt gefährlich an und faulendes Seegras erstickt das Leben. Dann bleiben von den Mangrovenbäumen nur weiße Skelette. Dabei sind sie echte Überlebenskünstler. Wie auf Stelzen wachsen sie, wo sonst nichts wächst – zwischen Land und Wasser in der Gezeitenzone an Küsten und Flussmündungen des tropischen Asiens, Afrikas, Amerikas und Ozeaniens. Das Salz macht ihnen in normaler Konzentration nichts aus, es glitzert auf ihren Blättern in der Sonne. 

<p>MATSCH UND MOSKITOS Meeresbiologin Sabine Engel (vorn) und ihr Team räumen mit Sägen, Netzen und Schaufeln die natürlichen Abflüsse, sodass frisches Meerwasser in den Wald fließen kann</p>

MATSCH UND MOSKITOS Meeresbiologin Sabine Engel (vorn) und ihr Team räumen mit Sägen, Netzen und Schaufeln die natürlichen Abflüsse, sodass frisches Meerwasser in den Wald fließen kann

Zwischen den Wurzeln der Mangroven gedeihen nicht nur Garnelen, Krebse und rund 3000 Fischarten, darunter so farbenfrohe wie Kugel-, Koffer- und Skorpionfische. Die Pflanzen verhindern, dass sich Sand auf die Korallen legt, speichern pro Hektar mehr CO2 als Regenwälder und mildern als natürlicher Küstenschutz Überflutungen durch Tsunamis und Wirbelstürme. Laut WWF gibt es weltweit noch 14 Millionen Hektar Mangrovenwald – der Bestand hat sich seit den Achtzigerjahren um mehr als ein Drittel verringert. Ihre Fläche schrumpft damit global drei- bis fünfmal schneller als die des Waldes insgesamt. Meist werden die Bäume gerodet, um Platz für Landwirtschaft und Aquakulturen wie Shrimpfarmen zu schaffen. Der Fotograf und Meeresbiologe Lorenzo Mittiga hat dem Lebensraum unter den Mangroven seine Serie „Hidden Forest“, Versteckter Wald, gewidmet. „Ich lebe seit acht Jahren auf Bonaire und tauche fast täglich in der Lac Bay, aber ich habe noch längst nicht alles gesehen“, sagt der gebürtige Römer, der als junger Mann bei Roberto Rinaldi lernte, dem Fotografen des Meeres-Dokumentarfilmers Jacques Cousteau. Mittiga verkaufte damals sein Motorrad, um sich selbst eine Unterwasserkamera zu leisten. Immer wieder erlebt er Überraschungen, zuletzt entdeckte er einen Sargassofisch, der sonst nur im Algenteppich auf dem Nordatlantik vorkommt. Es verlangt Geduld, das Unterwasserleben mit der Kamera einzufangen – was Mittiga nicht stört: „Setz mich in ein Stadion voller Menschen und ich werde nervös, unter Wasser fürchte ich nichts.“ Schon die kleinste Bewegung wirbelt Sand auf, dann muss er von vorn anfangen. Ständig geraten Moskitos in den Schnorchel, überall lauern Rotfeuerfische. „Einmal stach mich einer ins Gesicht, und ich hatte eine Weile Halluzinationen“, erzählt der 51-Jährige. Auch Lorenzo Mittiga gibt zu, ein „Mangrove Maniac“ zu sein. 

Wir nehmen Sie mit auf eine Reise in diese bedrohte Unterwasserwelt.

TENTAKELKLEID Eine Cassiopea gleitet langsam zu Boden. Die Mangrovenqualle steht kopf, da sie die meiste Zeit am Meeresgrund sitzt und nicht wie ihre Verwandten umhertreibt

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TOURIST Sargassofische leben in Algenteppichen auf dem Nordatlantik. Die Flut spülte dieses Tier wohl samt Algen in die Mangroven

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KINDERSTUBE Schwärme junger Fische funkeln zwischen den Wurzeln

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SCHATTENWELT Der Nachwuchs vieler Arten, auch dieses Ammenhais, wächst in den Mangroven auf, um dann ins Korallenriff überzusiedeln. Andere verbringen ihr ganzes Leben im Schutz des Wurzelgeflechts

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WURZELGEFLECHT Nur gelegentlich fällt Licht durchs dichte Blätterdach

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TIEFGANG Über Wasser beheimaten die Mangroven von Bonaire Kraniche, Fregattvögel und Flamingos, auch Pelikane tauchen nach Fischen

Unter Wasser sitzen lichtscheue Krustenanemonen auf den Wurzeln der Mangroven-Bäume

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ABENTEURER Wenn junge Langusten etwa ein Jahr alt sind, tun sie sich zu Gruppen zusammen, um gemeinsam ins Korallenriff überzusiedeln. Dort verbringen sie dann als ausgewachsene Tiere ihr Leben

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HEIMCHEN Ähnlich wird es wohl der junge Barrakuda machen (im Hintergrund). Die Putzergarnele hingegen bleibt lieber in den Mangroven

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GROSSER FISCH Weiß gescheckt, braun gestreift, volle Lippen: Der Kammzackenbarsch gehört zu den schwereren Brocken. Bis zu zehn Kilo kann ein Exemplar wiegen

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SPROSS INS BLAUE So beginnt es: Ein Mangrovensamen fällt ins Wasser, sinkt auf den Grund und treibt schließlich aus dem Sand wie dieser Keimling

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LEBENSRAUM Seeanemonen halten sich an den Wurzeln der Mangroven fest und fangen mit ihren Tentakeln Planktonwesen

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SCHÖNER INVASOR Rotfeuerfische stammen aus dem Indopazifik. Einige Exemplare entkamen wohl aus Aquarien, verbreiteten sich bis in die Karibik und bedrohen dort viele kleinere Arten. Bislang hilft gegen sie nur die Harpune

SCHÖNER INVASOR Rotfeuerfische stammen aus dem Indopazifik. Einige Exemplare entkamen wohl aus Aquarien, verbreiteten sich bis in die Karibik und bedrohen dort viele kleinere Arten. Bislang hilft gegen sie nur die Harpune

Lorenzo Mittiga

Der 51-jährige Fotograf und Meeresbiologe lebt auf Bonaire. Als Kind schnorchelte er stundenlang vor Sizilien, später filmte er Unterwasserdokus fürs italienische Fernsehen. Seine Fotos erscheinen in „National Geographic“ und in der britischen „Times“.

Diesen Artikel finden Sie in der Ausgabe des Greenpeace Magazins 2.21 „Lokal Genial“. Ob Klimaneutralität, Kohelabbau oder Aufbau Ost. Im Schwerpunkt besuchen wir Kommunen, die vor ihrer eigenen Tür kehren und anpacken, während die Politik in Berlin noch streitet. Das Greenpeace Magazin erhalten Sie als Einzelheft in unserem Warenhaus oder im Bahnhofsbuchhandel, alles über unsere vielfältigen Abonnements inklusive Prämienangeboten erfahren Sie in unserem Abo-Shop. Sie können alle Inhalte auch in digitaler Form lesen, optimiert für Tablet und Smartphone. Viel Inspiration beim Schmökern, Schauen und Teilen!

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