Stadtgrün07.Jan 2019

Warum Anwohner gegen Bäume protestieren

Warum Anwohner gegen Bäume protestieren

Viele Einwohner von Detroit haben sich gegen Maßnahmen der Stadt ausgesprochen, einige Viertel mit Stadtgrün aufzuwerten. Wir haben die Forscherin Christine Carmichael gefragt, welche Bedenken es gegen Bäume in Städten gibt und wie die Lokalpolitik damit am besten umgeht.

„Unsere Stadt soll grüner werden“ – gegen dieses Anliegen protestierten in der US-amerikanischen Großstadt Detroit etwa ein Viertel der betroffenen Anwohner. Die Stadtplanungs-Forscherin Christine Carmichael von der Universität in Vermont zeigte sich überrascht, denn eigentlich sind begrünte Innenstädte ein Konsensthema: Sie versprechen bessere Luft, mehr öffentlichen Erholungsraum, eine Reduzierung von Verkehrslärm und Kriminalität und damit auch eine höhere Lebensqualität. Davon könnten gerade Städte wie Detroit profitieren, das in den letzten Jahrzehnten über die Hälfte seiner Bevölkerung verloren hat und mit zunehmender Umweltverschmutzung kämpfen muss. Dennoch schrieben 1.800 von betroffenen 7.425 Bürgern zwischen 2011 und 2014 sogenannte „no-tree requests“ und forderten die Stadt auf, die Begrünung zu unterlassen. 

Frau Carmichael, diesen Montag erscheinen die Ergebnisse Ihrer Studie in der Fachzeitschrift „Society and Natural Resources“. Was haben Sie herausgefunden?

Meine Studie zeigt, wie die Handhabung von Umweltmaßnahmen durch die Stadtregierung dazu führen kann, dass Anwohner Projekte ablehnen, die eigentlich in ihrem Interesse wären. Um dieses Phänomen zu untersuchen, habe ich Interviews mit Mitgliedern der involvierten NGO „The Greening of Detroit“ und 43 Anwohners aus Detroit geführt. Außerdem habe ich Nachbarschaftstreffen besucht und war bei denjenigen Baumpflanzungen dabei, die trotz der vielen Ablehnungsschreiben stattfanden.

Was war der Hauptgrund für die Ablehnungsschreiben?

Die meisten Anwohner, die keine Bäume wollten, haben sich um den langfristigen Erhalt und die kontinuierliche Pflege der Bäume gesorgt. Negative vorherige Erfahrungen hatten gezeigt, dass sich weder die Verantwortlichen der Stadt noch die beteiligten NGOs ausreichend um die neu gepflanzten Bäume kümmern, meist aufgrund fehlender Ressourcen – und die Arbeit dann an den häufig ungeschulten Anwohnern hängengeblieben ist.

Sind die Sorgen denn berechtigt?

Gerade in den ersten Jahren nach der Neupflanzung muss schon eine Menge Arbeit investiert werden: Die Bäume müssen regelmäßig gegossen und beschnitten werden, damit sie zwar gut wachsen können, aber nicht zu groß oder in die falsche Richtung. Sonst besteht Gefahr für Menschen und nahstehende Häuser. Wenn Bäume in urbanen Gegenden nicht fachgerecht gepflegt werden, sind sie in der Regel nicht so gesund und haben eine geringere Lebensdauer. Falsch gewachsene und abgestorbene Bäume müssen aufwendig entfernt und ersetzt werden, das kostet und bleibt manchmal eben auch einfach aus. Zum Zeitpunkt der Ablehnungswelle in 2014 gab es laut der NGO „The Greening of Detroit“ etwa 20.000 abgestorbene oder die Sicherheit gefährdende, verwahrloste Bäume auf stadteigenem Gelände. Anwohner haben berichtet, dass beispielsweise bei stürmischem Wetter, Bäume umgestürzt sind und sie sich um die Schäden selbst kümmern mussten.

Wenn die Baumpflege gut läuft, gibt es allerdings auch Vorteile. Sie beschreiben sogar, dass Stadtgrün gegen Kriminalität hilft.

Bäume verbessern die Luftqualität, helfen somit gegen Krankheiten wie Asthma, sie speichern Regenwässer und helfen gegen Überschwemmungen, zusätzlich senken sie die Temperaturen im Sommer und bieten Abschirmung von Verkehrslärm. Außerdem führt Grün in Städten dazu, dass der öffentliche Raum stärker genutzt wird und es mehr „eyes on the street“ gibt – die Anwohner nehmen sich ihre Straße zurück, die dadurch weniger Gelegenheit für unerkannte Kriminalität bietet. Außerdem wirken Bäume und Grünflachen erwiesenermaßen gegen mentale Erschöpfungszustände, die sogenannte „mental fatigue“, die häufig mit Reizbarkeit und Aggressionen verknüpft ist.

Nachbarschaft in Detroit, USA

Während US-Städte wie New York oder L.A. große Baumpflanzungs-Initiativen verfolgen, hat eine neue Studie untersucht, warum ein ähnliches Projekt in Detroit auf massenhafte Ablehnung seitens der Anwohner stieß. Foto: Christine Carmichael/UVMGund

Inwiefern hängen Begrünung und Durchschnittseinkommen in Stadtvierteln zusammen?

Wir haben nicht evaluiert, wie der Einkommensfaktor in die Ergebnisse einfließt. Unsere Befragungen fanden hauptsächlich in einkommensschwachen Gegenden statt, die durch die Begrünungsmaßnahmen aufgewertet werden sollten. Allerdings gibt es US-Studien die besagen, dass der Baum- und Grünanteil in wohlhabenderen Vierteln mit mehrheitlich weißen Anwohnern oft höher ist, als in Gegenden mit niedrigerem Einkommen.

Was würden Sie Stadtregierungen und NGOs für künftige Begrünungsprojekte raten?

Um die Akzeptanz und die Mitarbeit der Anwohner zu steigern, sollten diese frühzeitig in den Prozess eingebunden werden – und zwar auch bei den Entscheidungen, welche Bäume gepflanzt werden sollen. Außerdem muss es im Anschluss eine bessere Kommunikation geben. Die Verantwortlichen müssen ansprechbar sein, wenn es Probleme gibt, und erklären, welche Pflege bei welchen Bäumen notwendig ist. Und im Idealfall sollte natürlich die Stadt die notwendigen Maßnahmen regelmäßig durchführen, aber gerade in solchen Bereichen hat Detroit viele Gelder gestrichen.

Gab es auch Befragte, die die Maßnahmen abgelehnt haben, weil sie einfach keine Bäume mochten?

Nein, aber manche mochten die Art der Bäume nicht, die bei ihnen gepflanzt wurden. Eine Anwohnerin erzählte mir, dass sie keine Ahornbäume wollte, da diese zu groß für die dicht bebaute Nachbarschaft werden. Sie machte sich Sorgen, dass die Wurzeln den Gehweg aufbrechen und die Äste die Häuser schädigen könnten. Deshalb sollten Anwohner und ihre Kenntnisse der eigenen Wohngegend bei Umweltschutzmaßnahmen immer miteinbezogen werden. Denn der Erfolg gesunder Stadtwälder misst sich nicht nur in der Anzahl der gepflanzten Bäume, sondern auch wie die Bepflanzung das Wohlbefinden von Anwohnern und Bäumen auf Dauer beeinflusst.

Interview: Nora Kusche

Aufmacherbild: Taymaz Valley/CC BY 2.0/Flickr

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