biodiversität08.Mai 2019

„Weg von dauerhaftem Wachstum, Ressourcenverbrauch und Wohlstand“

„Weg von dauerhaftem Wachstum, Ressourcenverbrauch und Wohlstand“

Der Mensch droht rund eine Million Tier- und Pflanzenarten auszurotten – mit dieser Zahl schockte der neue Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES am Montag die globale Öffentlichkeit. Ralf Seppelt, Landschaftsökologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, ist einer der Autoren. Er findet, dass in der Dystopie auch eine Utopie verborgen liegt – wir müssen uns nur für sie entscheiden.

Der Report des Biodiversitätsrates soll ein Weckruf für den Artenschutz sein. Was erhoffen Sie sich davon?
Er macht mindestens zwei Dinge deutlich, nämlich zum einen, dass der Mensch von der Natur abhängig ist. Wir dürfen nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Zum anderen, dass Artenvielfalt nicht nur in den Naturschutzgebieten wichtig ist, sondern auch in den genutzten Landschaften. Da muss Biodiversitätsschutz jetzt anfangen.

Sie haben festgestellt, dass rund eine Million Arten in den kommenden Jahren vom Aussterben bedroht ist, wenn wir so weitermachen wie bisher. Was bedeutet das für uns Menschen? 
Wir riskieren, wichtige Funktionen zu verlieren. Viele Bestäuberarten sind vom Aussterben bedroht, das bringt nicht nur beträchtliche ökonomische Schäden, sondern auch gesundheitliche: Beispielsweise gibt es Folsäure und Vitamin C nur in Obst und Gemüse, und das ist bestäubungsabhängig. Die Weltgesundheitsorganisation berichtet zum Beispiel darüber, dass es Regionen in der Welt gibt, in denen Schwangere und kleine Kinder Gesundheitsprobleme haben, weil diese Nährstoffe fehlen. Das liegt in diesen Regionen nicht an fehlenden Bestäubern, sondern an der grundsätzlichen Mangelernährung – ist aber ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn man sich ohne ausreichende bestäubungsabhängige Kulturen ernährt.

Ralf Seppelt leitet das Department für Landschaftsökologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und ist Mitautor des Weltbiodiversitätsberichts. Foto: UFZ/Sebastian Wiedling

Experten warnen: Der Mensch könnte die erste Spezies sein, die sich selbst ausrottet. Wie schnell könnte das gehen?
Von dieser Bedrohung spreche ich nicht gerne, weil das schnell apokalyptisch wird. Tatsächlich ist die Spezies Mensch die erste auf diesem Planeten, die rund dreißig Prozent der nachwachsenden Biomasse aberntet. Das hat noch keine Art früher gemacht, auch die pflanzenfressenden Dinosaurier waren nicht so hungrig. Das ist ein Eingriff in das Gesamtökosystem der Erde, der eigentlich unvorstellbar ist. Aber wir werden uns nicht ausrotten, den Menschen als Spezies wird es höchstwahrscheinlich auch in vielen Tausend Jahren noch geben. Es geht mehr darum, ob unsere Gesellschaft in der heutigen Form erhalten werden kann. Das wird tatsächlich kritisch.

Was ist zu tun?
Das erstaunlichste Ergebnis für uns war, dass die einzelnen Maßnahmen sehr viel bringen, etwa die Ausweitung und Vernetzung von Naturschutzgebieten. Aber das löst das Problem im Ganzen nicht. Notwendig ist ein transformativer Wandel, der auch Gewissheiten hinterfragt, die vielleicht gar nicht so gewiss sind: die Notwendigkeit des dauerhaften Wachstums etwa, den dauerhaften Ressourcenverbrauch und auch unser Verständnis von Wohlstand. Die wohlhabenden Staaten beanspruchen – und das ist auch nichts Neues – die Kapazität der Erde weit über das Verträgliche hinaus. Positiv ist, dass viele Länder im globalen Süden Entwicklungsschritte von uns überspringen. Da wird eben nicht in fossile Energien investiert, sondern gleich in nachhaltige Energieträger.

Laut dem IPBES-Bericht hat kein anderer Sektor so verheerende Auswirkungen auf die Artenvielfalt wie die Landwirtschaft. Wie muss sie sich verändern?
Um die Intensität der Landnutzung in unseren hoch industrialisierten Staaten herunterzufahren, muss man den Landwirten entsprechende Anreize geben. Landwirte werden sehr gern zum Buhmann gemacht. Dabei bin ich mir sicher, dass die meisten von ihnen die Natur schätzen, weil sie von ihr abhängig sind. Auch viele Verbraucher würden gern mehr für den Artenschutz tun, haben aber vergleichsweise wenig Einfluss. Entscheidend ist das Glied dazwischen: Die Lebensmittelindustrie, der Transportsektor, die Supermärkte können am meisten ändern. Sie können die Verbraucher informieren – und naturverträglich wirtschaftende Produzenten entsprechend honorieren.

Wären nicht auch gezieltere Agrarsubventionen ein riesiger Hebel? 
Natürlich. Unser Bericht sagt, dass nicht nachhaltige Subventionen so schnell wie möglich abgeschafft werden müssen.

Er enthält aber auch viele vage Maßnahmen wie „Visionen einer guten Lebensqualität ermöglichen, die nicht mit einem ständig steigenden Materialverbrauch verbunden sind“. Warum haben Sie sich gegen konkrete Forderungen entschieden?
Das ist ein globaler Bericht. Wir brauchten einen Konsens, der auch von den Delegationen aus Kolumbien, Argentinien, China, Australien oder Neuseeland getragen wird. Deswegen war es nicht einfach, spezifische Maßnahmen in den Text hineinzuschreiben. Sobald wir das gemacht haben, sind Delegierte der einzelnen Länder aufgesprungen und haben eigene Formulierungen gefordert. Was an Konsens übrig blieb, war meistens eine Zusammenfassung, welche all diese Ideen einschloss, mit der Aufgabe für die einzelnen Staaten, sie für sich auszuformulieren. Das heißt auch für Deutschland, die Ergebnisse des Berichtes nun in konkrete Maßnahmen und Gesetze zu übersetzen.

Auf der Grundlage des Reports werden die Regierungen nun ein neues UN-Abkommen zum Schutz der Biodiversität verhandeln. Auf welche Länder kommt es an?
Wenn wir über die Landnutzung reden, dann müssen natürlich die Länder mitmachen, die ihre Flächen besonders intensiv nutzen und diejenigen, die sich gerade in einem Übergang befinden. Was agrarökonomische Modelle aussagen ist: Wenn Subsahara-Afrika und der globale Süden besser in der Lage wären, sich selbst zu versorgen, dann würde das auch sofort den Produktionsdruck auf die hoch intensiven Regionen verringern. Das würde sehr viel helfen.

Die USA und der Vatikan haben schon die alte Biodiversitätskonvention nicht ratifiziert. 
Ja, beim Vatikan ist das interessant, der ist nämlich gar nicht Mitglied der UN-Konvention. Dabei hat der Papst mit seiner „Enzyklika Laudato si“ ein bemerkenswertes Dokument geliefert, das sehr viel von dem enthält, was wir hier gesagt haben: Schützt die Erde, macht sie euch nicht untertan sondern versteht sie als ein zu schützendes Gut.

Sir Robert Watson, der Vorsitzende des IPBES, fordert eine fundamentale Neuorganisierung. Also ein Ende der Welt, wie wir sie kennen?
Wäre schön. Man kann diesen Bericht sehr pessimistisch interpretieren. Aber was Robert Watson damit sagt ist, dass wir unsere Gesellschaft so umbauen sollen, dass wir uns, wenn wir morgens aufstehen, keine Gedanken darüber machen müssen, was wir jetzt alles falsch machen können. Stellen Sie sich vor, es ist ausreichend öffentlicher Verkehr vorhanden, sodass es keine Notwendigkeit für ein eigenes Auto gibt. Wenn Sie in den Laden gehen und etwas kaufen können mit der Gewissheit, dass sie den ehrlichen Preis dafür bezahlen. Kein schlechtes Gewissen mehr. Das wäre doch eine Gesellschaft, über die wir uns freuen würden.

Utopisch oder realistisch?
Wenn wir wollen, ist das sehr realistisch. Aber noch ist es eine Utopie.

Interview: Svenja Beller

Aufmacherbild: Mooshummeln leben ein wenig wie Honigbienen – nur eben wild. Sie bauen ihre Nester vor allem in Feuchtgebieten und offenen Graslandschaften und sammeln Nektar unter anderem aus Klee- und Distelblüten. Die Frage ist, wie lange noch. Die Mooshummel steht als „stark gefährdet“ auf der Roten Liste Deutschlands. Foto: picture alliance/WILDLIFE

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